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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Winterurlaub
Eingestellt am 03. 06. 2001 12:43


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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Schweiß flutete in unzĂ€hligen Rinnsalen ĂŒber die kanalisierte Erstarrung seiner Stirn. Hier am Fenster gelang es ihm gerade noch den entscheidenden Atemzug einzuholen. Einatmen, ausatmen, einatmen. Begreifen, fĂŒhlen., daß man noch lebt. Der Widerschein des Feuers erlosch nur langsam, wirr noch flackerten die Augen vom verblassenden Traum und rauchig lag geschmolzenes Metall auf der verpelzten Zunge. Ein einsamer Schrei raste durch die Straßen, verlief sich in den engen HĂ€userschluchten. Einatmen, ausatmen. Wieder holten ihn die Visionen ein. Dort - im Dunst der Nacht, rot verschattet im Schein knisternden Neons - war es nicht sein Therapeut der noch immer im Dunkeln tappte? MĂŒde wischte er sich die Augen. Immer stĂ€rker wurden die Visionen , immer schĂ€rfer traten sie aus dem leise wogenden Bildernebel, mit dem alles irgendwann einmal angefangen hatte. Ganz klar sah er es heute vor sich: angstverzerrte Gesichter, die ohnmĂ€chtig brĂŒllenden Schreie, verschluckt vom Donner der Feuerwalze und das gespenstische Ausatmen im alles erstickenden schwarzer Qualm. Und er wußte, es wĂŒrde geschehen. Bald. Sehr bald. Einatmen, ausatmen.
Woher diese plötzliche Ruhe? Er dachte an sie, und ein LĂ€cheln huschte ĂŒber das schattige Terrain zwischen Nase und Kinn. Manchmal, wenn er sich seine Tranquilizer verschreiben lassen mußte, hatte er sie gesehen. MajestĂ€tisch wie ein schwarzes Loch, das alles Atmende und Warme wie eine Dunstabzugshaube völlig regungslos ins Nirvana blies, saß sie selbstversunken auf ihrem Stuhl. Auch wenn die Praxis ĂŒberfĂŒllt war, umzog sie ein Niemandsland der Leere. Als wĂ€re sie tot. Aber sie lebte. Unmerklich beugte sie sich vor und dann wieder zurĂŒck. Immer wieder. Minutiös, fast beruhigend. Und er hatte gelernt, ihr zuzuschauen und diese Momente der Ruhe zu genießen.
Heute war sein Therapeut ausgerastet. Dabei hatte er ihm nur gestanden, daß die Erscheinungen wieder stĂ€rker geworden waren. „Das kann nicht sein, das kann nicht sein!“ KopfschĂŒtteln, schließlich ein zweifelnd prĂŒfender Blick aus teilnahmslosen Augen. Dann wieder ausatmen, einatmen. Zwei bunte Pillen und ein sĂŒffisantes LĂ€cheln: „Sie sind ein genauso hoffnungsloser Fall, wie dieses wandelnde depressive Nichts, dort draußen.“ Sein Daumen wies hĂ€misch ĂŒber die Schulter auf die TĂŒr zum Wartezimmer. „Wollen sie einen Rat? Walther P88, Kaliber 9 ... Medulla oblongata in den Nachthimmel pusten und Stern werden ... fĂŒr ewig trĂ€umen.“ Das meckernde GelĂ€chter des Therapeuten hallte widerlich in ihm nach, weckte Protest. Er verteidigte sie, nahm sie in Schutz, brĂŒllte diesen selbstgefĂ€lligen Weißkittel an. Wie kam er dazu? Wortlos knallte ihm der Therapeut zwei dicke Aktenordner vor die FĂŒĂŸe. „Ich gratuliere! Sie haben sie soeben adoptiert. Viel Spaß!“ Die falschen Filme hĂ€uften sich.
Er nahm sie still an die Hand und sie folgte ihm wortlos. „Wo wohnst du?“, fragte er sie. In ihren Augen ...waren es Augen? ... als hĂ€tte jemand versucht, aus Rost, Asche und Staub zwei Diamanten zu pressen ... fand er die verwaschene Inschrift: „Schon lange nicht mehr auf dieser Welt.“ „Und was tust du?“ NĂŒchtern wehten klanglose Worte vorbei: „Ich versuche zu sterben.“ Die beiden Ordner des Versuchens trug er mit sich, sĂ€uberlich abgeheftete Verzweiflung im Kilogramm. Vielleicht war er schon immer zu nett. Ihm fiel auch nichts anderes ein, als dagegenzuhalten: „Irgendwas machst du doch falsch, oder?“ Und wieder erhob sich ein Hauch, sanft fielen ihre Worte in seine erwartungsvollen HĂ€nde, bildeten in der Höhlung eine kĂŒhle dunkle PfĂŒtze, auf der ölig verschliert schimmerte: „Ich werde geliebt.“ Als hĂ€tte sie seine Überraschung bemerkt, rĂŒhrte sie mit ihrem Finger im Wasser. Im trĂ€gen Spiel der Wellen las er: „Es wĂŒrde ihnen das Herz brechen ... meinen Eltern, wenn ich mich selbst töten wĂŒrde. Es wĂ€re falsch ... ich muß leben ... ihnen zuliebe...weiter ... immer weiter.“ Sie hielt inne, wieder zu dem erstarrt, was sie war. Ein leerer Schatten Nichts am Rande ihres eigenen Herzschlags. Er blickte sie an, wurde sich bewußt, wie unendlich jung sie war, und er fĂŒhlte die Akten in seinem Arm schwerer und schwerer werden. Eine Biographie gelebter Verzweiflung ohne Ausweg.
„Du brauchst Urlaub!“, sagte er plötzlich entschieden. Sie schien nicht zu verstehen. „Du willst fort, weit fort?“ Sie nickte. „Vertrau mir.“

Morgen wird die Gletscherbahn auf dem Weg zum Kitzsteinhorn sein. Einer im Zug wĂŒrde lĂ€cheln. Einmal im Leben.


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flammarion
Foren-Redakteur
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da

haste dir ja n paar nette leute ausgedacht. ja, seit ich weiß, daß therapeuten ooch nur menschen sind, geh ich zu keinem mehr. du hast hier eine schwere geschichte leicht geschrieben. das offene ende inspiriert zu unterschiedlichen weiterfĂŒhrungen. besonders anrĂŒhrend das lĂ€cheln. man liest sich! lg
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Old Icke

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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Hi Flammarion

die Kurzgeschichte entstand damals kurz nach der Bergbahn-Katastrophe in Kaprun. Aus RĂŒcksicht auf die aktuelle Betroffenheit, wĂ€hlte ich seinerzeit einen imaginĂ€ren Flugzeugabsturz als Szenarium. Man hĂ€tte sie aber auch in den ICE nach Eschede setzen können, in die Concorde, die aus Paris startete oder auf die Titanic. Es Ă€ndert nichts am zugrundeliegenden (zugegebermaßen etwas absonderlichen) Gedanken: WĂ€ren Zeit und UmstĂ€nde der Katastrophen bekannt, könnte man dafĂŒr sorgen, daß es die Menschen trifft, die sich nichts sehnlicheres wĂŒnschen, als zu sterben und doch nicht können oder dĂŒrfen. Ein Dilemma, fĂŒr das es bis heute keine Lösung gibt.

GrĂŒĂŸe Martin

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Jasmin
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2000

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Absurde Sterbehilfe

Hallo Svalin!

Dieser Text ist wirklich absurd. Allein der Gedanke...Erst als ich deinen Kommentar las, verstand ich. Aber du schreibst so gut, so poetisch, da sind Formulierungen drin, da komme ich mir ja wie der letzte Dilettant vor...10 Punkte von mir!

Respektvolle Gruesse
von Jazzy
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Jasmin

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Hallo Martin

meisterhaft geschrieben. Die kurzen SĂ€tze treiben die Handlung voran, und die Wiederholungen ‘einatmen, ausatmen‘ wecken mit wenigen Worten klare Bilder, die lange ErklĂ€rungen nur verwĂ€ssert hĂ€tten.
Kompliment! GefÀllt mir sehr gut.
Gruß
Willi

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Svalin
???
Registriert: Sep 2000

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Hallo Ihr!

Eigentlich sollten mich eure Kommentare ermuntern, mich weiter auf dem fĂŒr mich ungewohnten literarischen Neuland (Prosa) zu versuchen, aber ich fĂŒrchte, es wird eine Ausnahme bleiben. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, daß ich mit meiner "intuitiv-lyrischen' Herangehensweise nicht ganz gescheitert bin ;-) Ich bewundere jeden, der Prosa schreibt fĂŒr seine Ausdauer ... es ist wirklich Arbeit, weiß ich jetzt ... besonders fĂŒr jemanden, der sich allzugerne sehr kurz faßt. Also ... herzlichen Dank fĂŒr das Lob!

sagt ein Prosa-DebĂŒttant

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