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Leselupe.de > Kindergeschichten
Wir Eisprinzessinnen vom Planeten Frost
Eingestellt am 02. 11. 2014 15:22


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Ruedipferd
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Auf Frost

Anna und Nadja sind beide zehn Jahre alt. Die beiden MĂ€dchen leben mit ihren Eltern und Geschwistern auf einem Planeten, der den Namen Frost trĂ€gt. Er liegt auf der anderen Seite der Milchstraße, aber er gehört noch zu unserer Galaxis. Frost macht seinem Namen alle Ehre. Das Besondere an diesem Planeten ist sein Klima. Es handelt sich um einen Eisplaneten und es ist dementsprechend das ganze Jahr ĂŒber dort sehr kalt. Einen Sommer, so wie wir ihn von der Erde her kennen, gibt es auf Frost nicht. Der Planet besitzt zwar eine AtmosphĂ€re wie die Erde und man kann dort atmen und leben wie es die Menschen auf der Erde tun. Nur die Sonne ist sehr weit entfernt und ihre Strahlen sind deswegen zu schwach, um Eis und Schnee schmelzen zu lassen. Die Temperatur auf Frost betrĂ€gt fast stĂ€ndig zwanzig Grad minus. Die Kolonisten bezeichnen ihr neues zu Hause denn auch als die Erde im Dauerwinter. Anna und Nadja wurden hier geboren. Ihre Eltern arbeiten fĂŒr die Raumfahrtbehörde der Erde und haben auf Frost einen Außenposten errichtet, um Daten aus dem Weltall und von den vielen Planeten der Nachbargalaxien zu sammeln.

Inzwischen wohnen nun schon ĂŒber 300000 Menschen auf dem kalten Frost. Die meisten Erwachsenen davon sind Wissenschaftler, wie Nadjas und Annas Eltern, die das ganzjĂ€hrig eisige Klima nutzen, um Forschungen zu betreiben. Die Bewohner leben in StĂ€dten, die extra fĂŒr die extreme KĂ€lte gebaut wurden. Ihre HĂ€user sind besonders isoliert und jede Familie hat sich ihr eigenes gemĂŒtliches Heim geschaffen. Einkaufszentren und VerwaltungsgebĂ€ude liegen unter großen Glaskuppeln. Es gibt unzĂ€hlige SportstĂ€tten, wie Turnhallen, Eishallen und Eisstadien. NatĂŒrlich besuchen die Kinder auf Frost auch die Schule. Einmal im Monat kommt ein Raumschiff von der Erde und bringt Briefe von den Verwandten, Lebensmittel und Baumaterial. Anna und Nadjas Verwandte leben alle noch auf der Erde und die beiden durften ihre Großeltern und Onkels und Tanten im letzten Jahr sogar wĂ€hrend der Ferien besuchen. Das war eine sehr aufregende Zeit gewesen. Allein die Reise mit dem Weltraumshuttle dauerte schon drei Tage, obwohl das kleine Raumschiff mit fĂŒnffacher Lichtgeschwindigkeit flog. Es gab unterwegs unzĂ€hlige Planeten und Sonnen zu beobachten.

Auf der Erde angekommen, staunten die MĂ€dchen ĂŒber den warmen Sommer und die vielen WĂ€lder und Wiesen. Sie sahen zum ersten Mal in freier Natur Blumen blĂŒhen und liefen ĂŒber Gras, welches nicht von einer großen Glaskuppel geschĂŒtzt wurde, sondern ganz einfach mithilfe von SonnenwĂ€rme, Licht und Regen wuchs. Es war so heiß gewesen, dass sie an den Strand fahren und im Meer schwimmen konnten. So etwas ist auf ihrem Heimatplaneten nicht möglich. Mit wenigen Ausnahmen sind die Meere auf Frost und alle Seen und FlĂŒsse dauerhaft zugefroren. Nadja und Anna genossen ihre Ferien. Aber sie bedauerten auch die Kinder auf der Erde, die ihnen erzĂ€hlten, dass sie nur ein paar Monate im Jahr, wenn ĂŒberhaupt, im Winter draußen im Schnee spielen konnten. Eislaufen ist fĂŒr die meisten Erdenkinder nur in ĂŒberdachten Eisstadien möglich und selbst zum Skilaufen und Rodeln hat man riesige Hallen gebaut.
Auf Frost ist alles anders. Die Berge sind stĂ€ndig mit Schnee bedeckt. Eis gibt es ĂŒberall auf dem Planeten und das ganze Jahr hindurch. WĂ€hrend die Erdenmenschen auf asphaltierten Straßen gehen und Radfahren oder sich auch mit einem Auto fortbewegen, so laufen die Kinder und Erwachsenen auf dem Planeten Frost Schlittschuh, wenn sie von einem Ort zum anderen wollen. Die Erwachsenen haben natĂŒrlich zusĂ€tzlich Schneemobile und Kettenfahrzeuge im Gebrauch. Es gibt sogar eine Eisenbahn, die unter einem glĂ€sernen Dach fĂ€hrt und den ganzen Planeten, der etwa halb so groß ist wie die Erde, umspannt. Auf diese Weise können sich die Menschen auf Frost zu jeder Zeit besuchen. Und nun ratet mal, wie die Frostkinder zur Schule kommen? Richtig! Entweder sie werden von den Eltern mit dem Schneemobil gebracht oder sie fahren mit der Hochbahn, die ihrem Namen alle Ehre macht, denn sie fĂ€hrt auf Stelzen ungefĂ€hr 30 Meter ĂŒber dem Eis. Doch die Kinder, die es nicht so weit zur Schule haben, die laufen auf ihren Schlittschuhen dorthin. Schlittschuhe sind das schnellste Fortbewegungsmittel auf Frost.

Die MĂŒtter fahren damit zur Post, zum Einkaufen und in ihre Labore. Auch die VĂ€ter nutzen Schlittschuhe, um jeden Tag an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Manchmal stacheln sie sich gegenseitig an und laufen Rennen gegeneinander. Über einige Seen und zugefrorene BĂ€che hat man DĂ€cher gebaut. So kommt man auch bei Schneetreiben und Sturm sicher trocken ans Ziel. In jedem Stadtteil befinden sich zusĂ€tzlich ĂŒberdachte Eishallen, in denen die Kinder Eiskunstlaufen oder Eishockey trainieren. Auch die Erwachsenen treffen sich dort, um gemeinsam Sport zu treiben. Wen wundert es, dass es auf Frost viele kleine Jungen und MĂ€dchen gibt, die sehr gut eislaufen können. NatĂŒrlich misst man sich wie auf der Erde bei Meisterschaften. Nur, weil alle das ganze Jahr ĂŒber trainieren können, sind die Leistungen der Kinder und jungen Erwachsenen natĂŒrlich viel besser als bei den Gleichaltrigen auf der Erde.

Nadja und Anna

Am Wochenende findet wieder die diesjĂ€hrige Stadtmeisterschaft statt. Nadja und Anna sind eigentlich die besten Freundinnen. Sie treffen sich beide regelmĂ€ĂŸig nachmittags zum Hausaufgabenmachen und verbringen viel Zeit miteinander. Aber auf dem Eis, da hört bei ihnen die Freundschaft auf, denn die zwei sind im selben Schlittschuhclub und gehören zu den Topeisprinzessinnen ihres Vereins. Sie laufen gleich gut und in den Wettbewerben werden sie zu Konkurrentinnen. Ihre Muttis sind den Zickenalarm ihrer Töchter oftmals leid und weigern sich dann, mit zu kommen, wenn sich die beiden mal wieder angiften, weil die eine glaubt besser zu sein, als die andere. Gottseidank passiert so etwas nicht allzu oft und gleich nach dem Wettkampf sind sie auch wieder Freundinnen und aller Konkurrenzkampf ist vergessen.

Es ist November. Das Jahr auf Frost zÀhlt ebenso zwölf Monate wie auf der Erde und die Menschen haben die Bezeichnungen von Monats- und Wochentagen beibehalten. Auch alle Feiertage werden auf dem Eisplaneten genauso begangen, wie auf der heimischen Erde.

Die Schule ist aus. Anna und Nadja haben sich ihre Schlittschuhe angezogen und sind auf dem Heimweg. Sie brauchen in der Regel eine gute Viertelstunde dazu. Aber meistens trödeln sie noch herum, spielen unterwegs mit den anderen Kindern oder beobachten die Tiere. Auf Frost leben viele Tiere, genau wie auf der Erde. EisbĂ€ren, Pinguine und Seehunde bevölkern in großer Anzahl den Planeten. Schneehasen und Schneeeulen gehören ebenfalls zu den tierlichen Bewohnern. Es gibt aber eine Besonderheit auf Frost, denn die Tiere können dort, im Gegensatz zu den Tieren auf der Erde, sprechen. Anna und Nadja kennen alle Mitgeschöpfe, die auf ihrem Heimweg wohnen, genau. Die Familie Hase treffen sie tĂ€glich auf ihrem Schulweg und dann spielen sie fröhlich mit den kleinen schneeweißen Hasenkindern und erzĂ€hlen ihnen, was sie alles in der Schule gelernt haben.
Aber an diesem Tag, Ende November, scheint alles irgendwie anders zu sein. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wie auf der Erde feiern die Menschen auf Frost am 24. Dezember Weihnachten. Es gibt TannenbĂ€ume, die im Eis ganzjĂ€hrig wachsen, und die Kinder bekommen am Heiligen Abend Geschenke, welche vom Weihnachtsmann höchst persönlich gebracht werden. Sein Schlitten wird dann traditionell von sechs Rentieren gezogen. Nur sehen können ihn die Kinder leider nicht, denn der Weihnachtsmann auf Frost bleibt im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann stets unsichtbar. Das hat gerade bei den Ă€lteren Kindern und Jugendlichen zu erheblichen Spekulationen gefĂŒhrt.

Schweigend gleiten Nadja und Anna mit ihren bunten Schulranzen auf dem RĂŒcken durch eine zauberhafte Winterlandschaft. Überall glitzert das Eis im Sonnenlicht. Die NadelbĂ€ume sind von Schneehauben bedeckt und manchmal fĂ€llt auch die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel. Als die MĂ€dchen an der Hasenhöhle vorbeikommen, sind sie kurz angebunden und begrĂŒĂŸen die acht Hasenkinder nur mit einem einfachen „Hallo“.
Anna hĂ€lt die Stille nicht mehr aus und bricht als erste das Schweigen. „Du, Nadja, können wir mal den Wettkampf ĂŒbermorgen vergessen? Ich wollte dich nĂ€mlich etwas fragen!“ Nadja ĂŒberlegt einen Moment. Dann nickt sie fröhlich mit dem Kopf. „NatĂŒrlich, eigentlich sind wir doof mit unserem Gezicke vor den Wettbewerben. Hauptsache ist doch, dass eine von uns beiden die MĂ€dchenkonkurrenz gewinnt und wir die anderen Stadteile in Grund und Boden laufen. Ich kann den Doppelaxel so sicher, da hat diese Ludmilla aus der SĂŒdstadt gar keine Chance. Und die West-und OststĂ€dter brauchen wir ĂŒberhaupt nicht zu fĂŒrchten. Die können den Axel nicht einmal einfach stehen und einen Lutz habe ich von denen auch noch keinen springen sehen.“ Anna lĂ€uft stĂŒrmisch auf die Freundin zu. Sie nimmt sie in die Arme. Dabei rutscht sie aus und die beiden fallen auf das Eis. Sie lachen. Anna ist ĂŒberglĂŒcklich. „Du, das finde ich supertoll. Ich hab mir auch schon so oft Gedanken gemacht. Wir sind immer beste Freundinnen gewesen und ausgerechnet auf dem Eis sollen wir uns nicht mehr mögen? Nein, Nadja, du hast völlig Recht. Wir wollen unseren Kleinkrieg ein fĂŒr alle Mal begraben. Wer ĂŒbermorgen die KĂŒr gewinnt, ist völlig wurscht, solange es eine aus der Nordstadt ist und sie entweder Nadja oder Anna heißt. Abgemacht?“ Nadja lacht ĂŒber ihre beiden roten Wangen. „Ja, Anna, das finde ich auch. Was willst du mich denn fragen?“

„Ach so, hast du schon deinen Wunschzettel fĂŒr den Weihnachtsmann geschrieben?“ Nadja schĂŒttelt energisch den Kopf. „Nöh, das mache ich nicht mehr. Es gibt nĂ€mlich keinen Weihnachtsmann!“ Anna schaut erschrocken auf. „Wer sagt das?“ Nadja antwortet selbstsicher: „Mein großer Bruder Malte!“ Anna blickt die Freundin sehr skeptisch von der Seite an. „Also, ich glaube an den Weihnachtsmann und hab ihm auch schon meinen Wunschzettel geschickt“, erklĂ€rt sie. „Und wohin?“, fragt Nadja frustriert. Anna lacht. „Na, an den Nordpol natĂŒrlich! Aber ich muss jetzt nach Hause. Es ist schon spĂ€t. TschĂŒss Nadja.“ Die MĂ€dchen verabschieden sich.

Nadja lĂ€uft allein weiter. Sie hat es nicht mehr weit. Das Haus ihrer Eltern liegt am Rande der Stadt, die auch so heißt. Ganz einfach nur: Stadt. Es gibt vier Stadtviertel, die nach ihrer Himmelsrichtung benannt sind: Die Nordstadt, in der Anna und Nadja leben, Weststadt, Oststadt und SĂŒdstadt. Jedes Viertel besitzt seine eigenen Eishallen, Eislaufvereine und Trainer. Die Stadtmeisterschaften, die ĂŒbermorgen wieder ausgetragen werden, machen seit drei Jahren Nadja und Anna aus der Nordstadt unter sich aus. Nadja ist froh, dass der Streit darĂŒber, wer von ihnen beiden nun die Bessere ist, endlich beigelegt werden konnte. Etwas anderes beschĂ€ftigt das kleine MĂ€dchen plötzlich viel mehr. Ihr Bruder Malte geht bereits in die zehnte Klasse. Er spielt super Eishockey und benimmt sich mit seinen sechzehn Jahren schon sehr erwachsen. Nadja hat ihren Bruder gern und sie glaubt ihm eigentlich alles. Aber die Sache mit dem Weihnachtsmann geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie möchte gerne weiter an ihn glauben. Aber, was ist, wenn Malte Recht hat? Und es gibt ihn gar nicht? Haben ihre Eltern sie all die Jahre belogen? Nadja ist völlig verzweifelt.

Plötzlich schrickt sie aus ihren Gedanken auf. Hat hier jemand gesprochen? Sie meint eine Stimme gehört zu haben. Doch da ist niemand, außer einem großen Tannenbaum. Er wurde, wie alle BĂ€ume in der Stadt, von der BĂŒrgermeisterei bunt geschmĂŒckt. An seinen Ästen hĂ€ngen Kugeln und Kerzen. Sie leuchten den ganzen Tag lang. Es ist inzwischen etwas dunkler geworden, denn die Sonne kommt nun in der Winterzeit auf dem Eisplaneten Frost nur noch fĂŒr kurze Zeit aus den Schneewolken hervor. Die brennenden Kerzen auf den TannenbĂ€umen tauchen den Ort deshalb in anheimelndes Licht und verbreiten eine feierliche Weihnachtsstimmung. Nur Nadja will sich nicht so recht auf den Heiligen Abend freuen. Sie dreht sich nach allen Seiten um. Eine tiefe MĂ€nnerstimme hatte sie gefragt: „Du MĂ€dchen, kannst du mir mal bitte helfen?“ „Warst du das, Tannenbaum? Seit wann können BĂ€ume auf Frost sprechen, das können doch nur die Tiere?“ Nadja sieht den Baum erstaunt an. Der Tannenbaum wiegt sanft seine Äste, an denen tausende und abertausende kleine grĂŒne Tannennadeln sitzen. Auch Tannenzapfen, tiefbraun, sprießen aus ihm hervor. „Ja, das war ich. Und wir sprechen alle. Genau wie die Tiere. Nur die Erwachsenen hören uns nicht mehr. Doch die Kinder, die noch an den Weihnachtsmann glauben, können jedes Wort verstehen. Schau, mir ist da eine Kerze abgefallen. Magst du sie mir wieder aufstecken?“ Nadja lacht den Baum fröhlich an. „Aber natĂŒrlich.“ Sie setzt die Kerze auf den Zweig. „Du Tannenbaum, ihr BĂ€ume seid doch so alt und klug. Ich möchte gerne noch an den Weihnachtsmann glauben, aber Malte sagt, es gibt ihn gar nicht. Wenn er wirklich existiert, dann muss ich ihn einfach kennenlernen! Sag, hat mein Bruder etwa Recht?“
Der Baum schĂŒttelt sich nun ganz energisch, so dass die Kugeln anfangen gegeneinander zu schlagen und klingeln und der Schnee wie Puderzucker von den Ästen herabrieselt. „Nein, Nadja, er hat nicht Recht. Es gibt den Weihnachtsmann. Aber er lebt am Nordpol und die Reise dorthin ist sehr gefĂ€hrlich. Viele Kinder haben es schon versucht und sind niemals wieder zurĂŒckgekehrt.“

Die neugierige Schneeeule Lawinia hat das GesprĂ€ch belauscht. Sie fliegt heran und setzt sich auf einem Tannenast nieder. „Uhuuhuuhu, ja, es ist sehr gefĂ€hrlich, Uhhuhu!“, ertönen ihre unheimlich klingenden Laute.
Das ruft den kleinen Schneehasen Petermann auf den Plan. Er hoppelt herbei und springt ĂŒbers Eis so hoch er kann. „Lass dir bloß keine Angst machen, Nadja. Ich bin doch auch noch da. Ich helfe dir. Wir finden den Weihnachtsmann. Er lebt im Land der tausend KindertrĂ€ume. Es liegt wirklich am Nordpol. Ich hab schon viel darĂŒber gehört.“ Nadja sieht von einem zum anderen. „Gut“, sagt sie. „Dann lasst uns schnell aufbrechen. Meine Mutter kommt erst heute Abend nach Hause. Ich habe also noch ein paar Stunden Zeit.“

Die Reise zu Santa Frost

Nadja und Petermann laufen auf dem zugefrorenen Fluss in Richtung Norden. Der Hase springt dabei so geschickt ĂŒber das Eis wie die kleine Nadja. Zwischendurch drehen sie wunderschöne Pirouetten und ĂŒben sich in schwierigen Schrittfolgen. Auch Petermann beherrscht den zweifachen Axel mĂŒhelos. Den Salchow versucht er sogar dreifach, schafft aber die Landung auf rechts rĂŒckwĂ€rts nicht, verkantet sich und plumpst dabei heftig auf den Po. Traurig bleibt er liegen und hĂ€lt sich sein kleines weißes StummelschwĂ€nzchen. Nadja reicht ihm die Hand und hilft ihrem treuen WeggefĂ€hrten wieder auf die Beine. Sie laufen fröhlich weiter und lachen dabei pausenlos. Ein lautes GebrĂŒll lĂ€sst die beiden Freunde plötzlich erschrocken zusammenzucken. Sie sind anscheinend einer BĂ€renhöhle zu nah gekommen und der aus dem Schlaf gerissene Bewohner stĂŒrmt entsetzlich wĂŒtend heraus. Er hört sich sehr gefĂ€hrlich und böse an. Der Boden bebt und erzittert unter seinen FĂŒĂŸen. „Was ist hier los? Woher kommt dieser Krach? Wer stört mich in meinem Winterschlaf?“, tobt der EisbĂ€r voller Zorn. Petermann zittert sofort am ganzen Leib. Er weiß, dass er bei dem BĂ€ren auf der Speisekarte steht und versteckt sich schnell hinter Nadjas RĂŒcken.

Die Schneeeule Lawinia hat es sich nicht nehmen lassen, die beiden in respektvoller Entfernung zu begleiten. Sie ist von Natur ĂŒberaus neugierig und muss immer wissen, was in der Stadt vor sich geht. Nun sitzt sie auf einer Tannenspitze und beobachtet das Geschehen unten auf dem Boden mit einem mulmigen GefĂŒhl im Magen. Hoffentlich ist der BĂ€r nur wĂŒtend, denkt sie. Hoffentlich hat er nicht auch noch Hunger! Nadja fasst sich sogleich ein Herz und geht mutig auf den BĂ€ren zu.

„Lieber BĂ€r“, sagt sie sanft. „Bitte entschuldige, wir wollten dich bestimmt nicht wecken. Aber wir sind auf dem Weg ins Land der tausend KindertrĂ€ume und haben uns verirrt. Kannst du uns vielleicht helfen?“ Der BĂ€r brummelt UnverstĂ€ndliches in sich hinein und beruhigt sich nur langsam. „Hmmm. Der Weg zum Nordpol ist Ă€ußerst gefĂ€hrlich. Überall gibt es tĂŒckische Spalten im Eis, die man nicht sieht. Dann kommen plötzlich SchneestĂŒrme auf. Es wird bis minus vierzig Grad kalt. Viele Kinder haben es schon versucht und sind nie wieder zurĂŒckgekehrt. Übrigens, ich heiße Robert! Und ich habe heute schon gefrĂŒhstĂŒckt. Außerdem wĂ€re mir der Hase hinter deinem RĂŒcken die MĂŒhe nicht wert. Das ist nicht einmal eine vernĂŒnftige Nachspeise fĂŒr mich.“ Petermann stĂ¶ĂŸt einen erleichterten Seufzer aus und hoppelt fröhlich aus seinem Versteck hervor. Nadja streichelt dem BĂ€ren das Fell. „Lieber BĂ€r, lieber Robert, ohne dich sind wir verloren. Bitte, bitte, hilf uns.“

Robert ist im Grunde seines Herzens ein sehr weicher und warmherziger BĂ€r. Die kleine Nadja und der Hase tun ihm leid. Aber er trĂ€gt ein Geheimnis mit sich herum: Robert ist ein Hasenfuß! Auf Deutsch: Robert ist trotz seiner stattlichen GrĂ¶ĂŸe von fast drei Metern, seiner riesigen ZĂ€hne und Pranken, ein kleiner Feigling. Nur in seiner Schneehöhle fĂŒhlt er sich einigermaßen sicher. Er hat Angst. Nein, ganz bis zum Land der tausend KindertrĂ€ume kann er die beiden nicht begleiten. Er ringt mit seiner Fassung. Aber vielleicht geht es ja bis zum Rand des großen Gletschers. Er sieht Nadja an und blickt dann zu dem lustigen Petermann mit seinen enormen Schlappohren. „Also gut“, brummt er. „Ich bin eh wach. Aber ich fĂŒhre euch nur bis an den Rand des Gebirges zum Gletscher. Von da an mĂŒsst ihr allein weiter gehen!“
„Oh danke, liebster Robert“, ruft Anna aus und drĂŒckt den errötenden EisbĂ€ren ganz fest an sich.
Auch Robert erweist sich als exzellenter EislĂ€ufer. Er gleitet auf seinen Schlittschuhen mĂŒhelos ĂŒber das Eis und versetzt Nadja und Petermann mit seinen außergewöhnlichen Pirouetten in Erstaunen. Die SprĂŒnge Salchow, Lutz und Rittberger beherrscht er zweifach und den Toeloop kann er sogar mit drei Umdrehungen zeigen. Nur mit dem Axel hat er so seine Probleme und Nadja, die ihn doppelt springt, erntet große Bewunderung von ihm. Sie laufen durch einen tief verschneiten Winterwald, der von BĂ€chen und zugefrorenen FlĂŒssen durchzogen ist. Als ein schwerer Schneesturm aufkommt, machen sie unter einer hohen Tanne mit ausladenden Zweigen Rast. Petermann und Nadja kriechen unter Roberts Fell und wĂ€rmen sich an ihm. Der BĂ€r hat sich eingerollt und schĂŒtzt die beiden vor der KĂ€lte. Nadja weiß viele Geschichten und MĂ€rchen zu erzĂ€hlen und es wird den dreien nicht langweilig, wĂ€hrend sie auf das Ende des Sturmes warten. Lawinia hat sich in eine Baumhöhle ganz oben auf die Tannenspitze zurĂŒckgezogen und hĂ€lt ein Nickerchen. Trotzdem blinzelt sie immer wieder durch den Spalt am Eingang nach draußen, damit ihr ja nichts entgeht. Nach zwei Stunden hat sich der Schneesturm verzogen. Die Vier können weiter wandern. Eine Stunde spĂ€ter bleibt Robert vor einer Schneewehe stehen.
„Hier ist Schluss fĂŒr mich. Ich muss jetzt umkehren. Aber es ist nicht mehr weit. Hinter dem Schneeberg beginnt das große Gebirge, das direkt am Nordpol liegt. Ihr braucht nur geradeaus weiter gehen. Aber passt auf, wohin ihr tretet! Es gibt ĂŒberall gefĂ€hrliche Spalten im Eis. Irgendwo da oben liegt das Land der tausend KindertrĂ€ume und dort wohnt auch der Weihnachtsmann mit seinen Helfern und den Rentieren in seiner Spielzeugfabrik.“
„Wir danken dir, Robert. Du hast uns sehr geholfen“, ruft ihm Nadja nach, als sich der BĂ€r umdreht. Er schĂ€mt sich, weil er ein so großer Angsthase ist, aber das mag er vor den anderen nicht zugeben. Petermann, der Robert schon lĂ€ngst durchschaut hat, grinst und ergĂ€nzt: „Ja, und ĂŒbe deinen Axel. Irgendwann kannst du ihn auch so gut wie ich. Das RĂŒckwĂ€rtslanden lernst du sicher ebenfalls noch! Hihi.“ Das war nun doch zu viel fĂŒr den braven BĂ€ren. Er wendet den Kopf und sieht Petermann betont grimmig an. „Du, Hase, ich spĂŒre so etwas wie Hunger. Wenn du nicht als Appetitanreger herhalten willst, dann Ă€rgere mich besser heute nicht! Auf Wiedersehen, kleine Nadja und viel Erfolg auf deiner Reise.“ Nadja winkt Robert hinterher.

Dann sieht sie sich die riesige Schneewehe an und schĂŒttelt traurig den Kopf. „Petermann, wie kommen wir da rĂŒber?“ Auch der kleine sonst so pfiffige Schneehase erscheint ratlos. Hier nutzen ihm selbst seine sprunggewaltigen Hinterbeine nichts. Der Schneeberg ist einfach zu hoch. „Was ist denn das?“, ruft Nadja aus und zeigt auf eine Robbe, die sich abmĂŒht, hinter einem Fisch herzujagen. Der Fisch springt ihr immer wieder davon, schlĂ€gt Haken wie ein Hase und taucht plötzlich unter. Die Robbe bleibt verdutzt stehen. Der bunte fliegende Fisch ist spurlos verschwunden. Erst nach einer Weile sieht sie sich um und entdeckt Nadja und ihre beiden Begleiter. „Huch, wer seid denn ihr? Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin?“ Nadja freut sich, wieder ein Tier getroffen zu haben, welches sich anscheinend hier oben in der NĂ€he des Nordpols auskennt. „Hallo, liebe Robbe. Ich bin Nadja und das sind Petermann und Lawinia. Wir kommen aus der Stadt und suchen den Weihnachtsmann im Land der tausend KindertrĂ€ume am Nordpol! Kannst du uns helfen und uns den Weg zeigen?“

„Malix nochmal!“ „Du meinst „verflixt“ nochmal?“, fragt Nadja. „Nein, Malix nochmal!“, antwortet die kleine Robbe. „Ich heiße Malixa und das Wort, das du meinst, kann ich nicht aussprechen. Aber hört mal: Der Weg ins Land der tausend KindertrĂ€ume ist sehr gefĂ€hrlich. Viele Kinder haben es schon versucht und
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sind nie wieder zurĂŒckgekehrt!“, fĂ€llt ihr Nadja wĂŒtend ins Wort. „Jetzt reicht es aber. Wir haben nicht den weiten Weg gemacht, um uns dumme SprĂŒche anzuhören. Wir wollen zum Weihnachtsmann. Kannst du uns nun helfen, ja oder nein?“ Die Robbe rollt erstaunt mit ihren großen Kulleraugen. „Das nenne ich aber Malix nochmal! Es scheint euch wirklich ernst zu sein. Gut, ich muss meinen Fisch ohnehin weiter jagen. Sonst bekomme ich heute kein Abendbrot. Folgt mir!“ Geschickt stellt sich Malixa auf ihre Schwanzflosse, die grell aufblinkt. Eine scharfe Schlittschuhkufe kommt zum Vorschein und als sich die Robbe erneut aufrichtet, erscheint eine Zweite. Sie lĂ€uft um die Gruppe herum und springt in eine Pirouette ein. Dabei erhöht sich ihre Rotationsgeschwindigkeit derartig, dass Nadja vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekommt. „Whow, damit kriegst du bei uns im Wettbewerb garantiert die höchste Bewertung!“, meint sie anerkennend.

Dann muss sich auch Nadja beeilen, denn Malixa taucht plötzlich unter die Schneewehe durch. Gleich dahinter beginnt das gefrorene Eismeer, das an einigen Stellen Luftlöcher hat, damit die Robben zum Luftschnappen an die WasseroberflĂ€che kommen können. Nadja muss aufpassen und schaut genau hin, in welche Richtung sie lĂ€uft. Sie trĂ€gt ihren warmen Winteranorak und der ist nicht wasserdicht. Es wĂ€re sehr schlimm, wenn sie in eines der offenen Löcher fallen wĂŒrde. Auch Petermann hĂŒpft sehr vorsichtig von einem Bein aufs andere. Sein Fell vertrĂ€gt gar kein Wasser. Lawinia behĂ€lt den Überblick und fliegt vor ihnen her. Sie bemĂŒht sich, rechtzeitig einen Warnruf auszusenden. Und wieder kommt nach einer Weile ein starker Schneesturm auf. Der Wind wird so heftig, dass die Gruppe anhalten muss. Dicke Schneeflocken fallen auf sie hernieder. Es ist inzwischen fast ganz dunkel geworden. Erschöpft sinkt Nadja auf den Boden. Auch die anderen sind mĂŒde und einen Augenblick spĂ€ter liegen alle ganz dicht beieinander gekuschelt im tiefsten Schlaf.

Der Mond ist auf Frost aufgegangen und schaut ĂŒberrascht zu den schlafenden Reisenden herab. Er ĂŒberlegt nicht lange. Es ist sehr kalt und Nadja, die ja als Menschenkind nicht dauernd draußen lebt, so wie Petermann, Lawinia und Malixa, muss dringend in ein warmes Haus gebracht werden. Gevatter Mond nimmt sein Mikrophon in die Hand und pustet hinein.

„Flix 1, bitte einmal in die Zentrale kommen!“, ruft er aus. Im nĂ€chsten Moment geht die TĂŒr auf und ein kleines Wesen mit ĂŒbergroßem Kopf, in einen silbermetallisch glĂ€nzenden Raumanzug gehĂŒllt, erscheint eifrig und pflichtbewusst. „Sie haben gerufen, Chef?“ „Ja, Flix, was siehst du da?“ Der Mond zeigt auf die Reisegruppe und auf die kleine Nadja.

Flix ist entsetzt. Ein kleines MĂ€dchen in der bittersten KĂ€lte. Das geht gar nicht. Da muss sofort etwas geschehen. Die Flixe sind Helfer in der Not und auf Rettungsmaßnahmen jeglicher Art trainiert. Flix 1 ist augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Schon wieder ein Kind, das zum Weihnachtsmann möchte! , denkt er. Er weiß gar nicht mehr, wie viele er schon unten auf dem kalten Frost vor dem sicheren KĂ€ltetod gerettet hat. Flix 1 gibt per GedankenĂŒbertragung routinemĂ€ĂŸig sofort eine Notmeldung an die Flixzentrale, damit sich die Mitarbeiter dort augenblicklich auf den Weg machen können. Dann benachrichtigt er auf dieselbe Art und Weise den Kontrollrat der Elfenpolizei am frostlichen Nordpol. Der Weihnachtsmann wird umgehend ĂŒber die Eindringlinge informiert.
„Die Rettungsaktion lĂ€uft an, Chef. Ich empfehle mich und werde vor Ort koordinieren.“ „Tu das, Flix. Und dann erwarte ich deinen Bericht auf meinem Schreibtisch“, brummt der Mond.

Er muss jetzt endlich ein ernstes GesprĂ€ch mit dem Weihnachtsmann fĂŒhren. NatĂŒrlich existiert der Weihnachtsmann wirklich und auch die riesige Spielzeugfabrik am Nordpol, tief unter dem Planeten, ist real. Warum der Weihnachtsmann sich auf Frost im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann den Kindern nicht zeigen will, ist ihm unverstĂ€ndlich. Gewiss, Santa Frost, wie er von den Menschen auf dem Eisplaneten genannt wird, will keinen Rummel um seine Person und er will vor allem, dass die Kinder voll Vertrauen an ihn glauben. Es ist einfach, an etwas zu glauben, dass man sieht und anfassen kann. Aber es ist eine Herausforderung an den Weihnachtsmann zu glauben, wenn man ihn eben nicht sehen kann, sondern nur die Ergebnisse seines Besuchs bestaunen darf, nĂ€mlich in Form der Geschenke, die er jedes Jahr am Heiligen Abend unter den Tannenbaum in die Wohnzimmer der Menschen legt. Doch der Mond weiß aus Erfahrung, dass Theorie und Praxis oft sehr weit auseinanderklaffen. WĂ€hrend die jĂŒngsten Kinder noch problemlos an den Weihnachtsmann glauben können, fangen die Älteren leider schon ab dem zehnten oder elften Lebensjahr an, an seiner Existenz zu zweifeln und die Erwachsenen glauben gar nicht mehr an ihn. Santa ist ein DickschĂ€del und fĂŒr Reformen absolut nicht zu haben. Alles soll traditionell so bleiben wie es war. Auch wenn darunter seine PopularitĂ€t extrem leidet und er nur noch ganz kleine AnhĂ€nger hat. Der Mond seufzt. Jedes Jahr sterben Kinder im Eis, nur weil sie den Weihnachtsmann besuchen wollen und nicht rechtzeitig von den Flixen gerettet werden können. So darf es nicht weiter gehen. Er greift zum Telefon und meldet sich auf Frost im Vorzimmer des Santa an. GlĂŒcklicherweise hat ein anderer Besucher abgesagt und morgen frĂŒh wĂ€re bereits ein Termin frei, wie ihm die ElfensekretĂ€rin mitteilt.

Die Rettung durch die Elfen und Flixe

Auf Frost wird die Stelle, an der Nadja mit ihren GefĂ€hrten schlĂ€ft, in fahles Licht getaucht. Ein erstes Bataillon von zwanzig funkelnden Flixen ist bereits eingetroffen. Die kleinen Helfer tragen Lampen auf ihren Uniformen und sind außerdem in der Lage durch eigenes phosphoreszieren ihres Metallkörpers zusĂ€tzliches Licht zu erzeugen. Was nun geschieht ist fĂŒr die Flixrettungsleute reine Routine. Im Rentierstall am Nordpol werden Tom und Brownie vor den Schlitten gespannt. Warme Decken liegen bereits darin. In kurzer Zeit sind die beiden Rentiere einsatzbereit. Auch fĂŒr sie gilt: Cool bleiben und die eingeĂŒbten mechanischen AblĂ€ufe routinemĂ€ĂŸig abspulen. Trotzdem können Tom und Brownie ihre GefĂŒhle nicht ganz ausschalten und freuen sich stets, wenn ihnen eine glĂŒckliche Rettung gelungen ist. Das passiert nicht immer und sie leiden sehr darunter, wenn sie wieder einmal zu spĂ€t am Einsatzort angekommen sind.

„Ich habe heute ein gutes GefĂŒhl. Aber wir sollten keine Sekunde zögern“, meint Brownie, der im Rang eines Hauptmannes den Schlitten befehligt. „Ja, Sir. Es ist alles zur Abfahrt bereit. Wenn die Peitsche des Kutschers ertönt: Voller Galopp voraus!“ Oberleutnant Tom scharrt unruhig mit den Hufen. Der Elfenkutscher sitzt auf dem Kutschbock. Das Signal kommt. Der Schlitten beschleunigt von Null auf Hundert Kilometer in der Stunde in zehn Sekunden. RekordverdĂ€chtig! Der Weg wird durch das Licht der begleitenden Flixe erhellt. Nach zwanzig Minuten Frostzeit ist der Einsatzort erreicht.

Die Flixe haben alles vorbereitet und die Schlafenden in sanfte TrĂ€ume gehĂŒllt. Miniflix Naseweis, der das erste Mal in der Einsatztruppe dabei sein darf, weist die Rentiere ein. Der Elfenkutscher und sein Begleiter steigen aus. Sie tragen zuerst die unterkĂŒhlte Nadja zum Schlitten und hĂŒllen sie in warme Decken ein. Auch Petermann und Lawinia liegen alsbald neben ihr und werden leicht zugedeckt. Petermanns lange Ohren rutschen immer wieder nach unten und ziehen ihn zweimal auf den Boden, bevor ihn der Kutscher in den sicheren Schlitten befördern kann. Malixa bekommt einen Platz im GepĂ€ckfach. Die beiden Rentiere rĂŒmpfen etwas die Nasen. Die Robbe strahlt einen sehr tranigen Fischgeruch aus. Die Rettung scheint erfolgreich zu werden. Ein paar Minuten spĂ€ter setzt sich der Schlitten wieder in Bewegung. Nadja wird am Nordpol sofort ins Elfenhospital gebracht und in ein warmes Bett gelegt. Auch die Tiere erhalten einen Platz im Stall.

Der Weihnachtsmann auf Frost lebt und arbeitet in einer riesigen unterirdischen Stadt, die aus unzĂ€hligen Spielzeugfabriken besteht. Dazu gibt es WohnhĂ€user, Kantinen und GeschĂ€fte fĂŒr die tausende Mitarbeiterelfen. Ein Krankenhaus und eine Schule fĂŒr die Elfenkinder sowie natĂŒrlich der Stall und die Zuchtstation fĂŒr die Rentiere des Santa runden das Bild ab. Elfenreporter Neugierig vom Weihnachtskurier ist bereits unterwegs und versucht erste Fotos von den Geretteten zu machen. „Weiß man schon, wer sie sind?“, fragt er Brownie. Doch der Rentierhauptmann hĂ€lt sich, wie immer, bedeckt. „Kein Kommentar, warten Sie auf den Bericht der offiziellen Stelle!“, wehrt er den emsigen und neugierigen Journalisten ab. Doch der wĂ€re ein schlechtes Beispiel fĂŒr seinen Berufsstand, wenn er so schnell klein bei geben wĂŒrde. Naseweis wird sein nĂ€chstes Opfer und fĂ€llt tatsĂ€chlich auf die geschickte Befragungstechnik des Zeitungsbesitzers herein. Naseweis hat inzwischen erfahren, dass das MĂ€dchen Nadja heißt und plaudert locker aus dem NĂ€hkasten. Neugierig schießt ein Foto von dem kleinen Flixjungen, der noch nicht ahnt, welche Strafe ihn zu Hause fĂŒr seine Indiskretion erwarten wird. Es ist den Flixen nĂ€mlich strengstens untersagt, etwas ĂŒber die Geretteten zu erzĂ€hlen. Nur Flix 1 gibt Interviews. Das gehört zur SeriositĂ€t der Einsatztruppe.

Mama Naseweis, die ausnahmsweise keinen Kitaplatz fĂŒr ihren Sohn bekommen hatte und ihm deswegen wohl oder ĂŒbel erlauben musste, mitzukommen, sieht entsetzt, wie sich der Reporter zufrieden entfernt. „Naseweis!“, ruft sie wĂŒtend. „Du kommst sofort hierher. Weißt du nicht, dass du keine Interviews geben darfst, du Lausebengel? Wir Flixe sind GeheimnistrĂ€ger. Niemals dĂŒrfen wir Außenstehenden etwas ĂŒber unsere Arbeit erzĂ€hlen. Nur Flix 1 ist dazu befugt. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Ach, und das alles, weil die Kita heute ĂŒberfĂŒllt war.“ Mama Flix macht sich ernsthafte Sorgen ĂŒber die Folgen der Unachtsamkeit ihres Sohnes. Auch Naseweis erinnert sich dunkel daran, mal etwas von den besonderen Regeln seiner Zunft gehört zu haben. Oh je, denkt er. Ich gehorche jetzt wohl besser, bevor ich noch mehr anstelle. Schuldbewusst stellt er sich an die Seite seiner Mutter, die ihm, nach einem Stoßgebet in den Himmel, wieder einmal nicht böse sein kann.

Im Krankenhaus haben sich die ElfenĂ€rzte und Krankenschwestern um Nadja gekĂŒmmert. Sie ist außer Lebensgefahr und schlĂ€ft. Als Santa Frost von dem ungebetenen Besuch erfĂ€hrt, reagiert er, wie immer, erst einmal unwirsch. Santa ist in seinem VerhĂ€ltnis zu Kindern gespalten. Als Weihnachtsmann liebt er sie natĂŒrlich und freut sich an ihren leuchtenden Augen, wenn er durch sein Fernrohr in die Wohnungen schaut und sieht, wie glĂŒcklich er die Kleinen am Heiligen Abend mit seinen Geschenken gemacht hat. Die ganz Kleinen sind ja wirklich noch niedlich, denkt er. Sie glauben an mich. Das Problem sind die Älteren. Irgendwann fangen sie zu zweifeln an und dann ist schnell alles vorbei. Sie kaufen ihre Geschenke in den großen WarenhĂ€usern und Wunschzettel von Erwachsenen erhalte ich so gut wie gar keine mehr. Die Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie sich selbst dadurch berauben. Aber, vielleicht hat der Mond auch Recht und ich sollte mich den Kindern mal zeigen. Es reicht ja, wenn ich es bei den ganz Kleinen mache. Wenn sie ihre Erinnerung behalten, vergessen sie mich auch nicht. Ich sollte mal mit dem Mond darĂŒber reden, brummelt er in sich hinein. Dann nimmt er den nĂ€chsten Stapel Wunschzettel in die Hand. Sein ElfenmitarbeitersekretĂ€r Jagomir klopft an die TĂŒr und bringt ihm eine neue Mappe.

„Santa, hier ist die Post von heute. Ich habe sie bereits vorsortiert. Man muss sich wundern, wie sich die WĂŒnsche der Kinder in den letzten Jahren verĂ€ndert haben. Sehen Sie: FrĂŒher wĂŒnschten sich die Kinder einen Ball oder eine Puppe. Manchmal auch eine Holzeisenbahn. Und jetzt lesen Sie mal: Hier wĂŒnscht sich der sechsjĂ€hrige Martin aus der Oststadt ein Handy, aber nur ein neues i-Phone 6, einen PC und jede Menge Weltraumspiele fĂŒr den Computer. Oder hier: Saskia, acht Jahre aus der SĂŒdstadt. Sie wĂŒnscht sich wenigstens noch ein paar neue Schlittschuhe, weil ihre alten zu klein geworden sind. Aber sie macht gleich einen Zusatz: Nicht unter 400 Euro. Sie will richtige Turnierschlittschuhe, mit denen sie SprĂŒnge ĂŒben kann. Ach, ein neues i-Phone 6 steht auch auf ihrer Wunschliste ganz oben. Wohin soll das bloß noch fĂŒhren?“ „Ich weiß es nicht, Jagomir. Haben wir denn genĂŒgend von den neuen Handys vorrĂ€tig? Die Schlittschuhe haben wir nicht, das weiß ich. Aber Saskia bekommt einen Gutschein fĂŒr eine Maßanfertigung. Das haben die Eltern schon mit einander abgesprochen. Wir legen ihr eine Barbiepuppe als Eislaufprinzessin und ein paar schöne BĂŒcher dazu.“

„Sehr wohl, Sir. Ich werde auch gleich die Handyfirma anrufen und noch eine Raumschiffladung der neuesten i-Phone Generation bestellen. Wenn wir welche ĂŒbrig behalten, dann haben wir auch fĂŒr die Erwachsenen noch Geschenke. Wie wollen Sie mit dem BesuchermĂ€dchen verfahren? Sie heißt Nadja und kommt aus der Nordstadt, nicht wahr?“ „Ich ĂŒberlege, ob ich mich nicht doch den Kindern zeige, Jagomir. Vielleicht kann ich sie dadurch wieder mehr motivieren an mich zu glauben. Ich werde Nadja im Krankenhaus besuchen, wenn sie wach ist. Normalerweise lösche ich ja die Erinnerung der Kinder, die es bis hierher geschafft haben, bevor ich sie wieder nach Hause schicke. Ob ich es diesmal anders machen soll? Was meinen Sie?“ Jagomir arbeitet seit 150 Jahren fĂŒr Santa Frost. Sie sind beide annĂ€hernd gleich alt. Er hat seinen Chef noch nie so nachdenklich gesehen. Aber auch ihm ist die rasante Entwicklung der Technik nicht verborgen geblieben und die verĂ€nderte Gesellschaft bei den Menschen hat auch viele VerĂ€nderungen bei den Kindern hervorgerufen. „Wir sollten mit dem Mond sprechen. Er ist weltoffen und sehr erfahren. Möglicherweise weiß er einen Rat. Ich wĂ€re fĂŒr meinen Teil auch dafĂŒr, etwas mehr fortschrittlich zu denken.“ Jagomir verbeugt sich leicht und verlĂ€sst das BĂŒro des arg gebeutelten Weihnachtsmannes.

Santa Frost

Nadja gĂ€hnt und schlĂ€gt die Augen auf. Sie denkt an ihren Traum. Sie war mit Petermann, Lawinia und einer Robbe mit Namen Malixa unterwegs zum Nordpol gewesen. Der EisbĂ€r Robert hatte sie bis zum Rand des Gletschergebirges gebracht. Dann kamen viele kleine helle GlĂŒhwĂŒrmchen und sie wurde in eine Decke gehĂŒllt. Nadja liegt in einem Krankenzimmer. An ihrem Arm ist eine KanĂŒle befestigt. Ein Kasten steht neben ihrem Bett und gibt laufend Töne von sich. Wo bin ich? , ĂŒberlegt sie. Was ist das fĂŒr eine merkwĂŒrdige Musik? Noch ehe sie weiterdenken kann, öffnet sich die TĂŒr und Elfenoberschwester Cornelia tritt ein. Ein freudiges LĂ€cheln zaubert sich augenblicklich auf deren Gesicht. „Hallo, Nadja. Schön, dass du endlich wach bist. Santa Frost hat schon nach dir gefragt. Er will dich alsbald besuchen!“ Cornelia trĂ€gt nicht wie auf Frost ĂŒblich eine weiße Schwesterntracht, sondern ein knallrotes Kleid. Ihre Haut ist etwas grĂŒnlich gefĂ€rbt und sehr runzlig. Sie gleicht einem Schimpansen. Nadja hat Filme ĂŒber die Affen auf der Erde gesehen und diese Frau Ă€hnelt den Tieren ungemein. Sie hat merkwĂŒrdige spitzzulaufende Ohren, die auch sehr weit vorne am Kopf sitzen. Trotzdem fĂŒhlt sich Nadja in Cornelias NĂ€he geborgen.

„Bin ich im Land der tausend KindertrĂ€ume?“, fragt sie die Schwester. „Ja, Nadja. Du bist gerade noch rechtzeitig von den Flixen gerettet worden.“ „Flixe? Sie meinen die GlĂŒhwĂŒrmchen?“, staunt Nadja. Cornelia lacht. „Ich heiße Cornelia. Alle nennen mich nur Conny. Ich sage der Ärztin Bescheid, dass du aufgewacht bist. Dann darfst du bestimmt auch bald aufstehen. Möchtest du etwas trinken? Eine heiße Schokolade, vielleicht?“ Nadja nickt freudig. Sie hat es also geschafft. Nun dauert es nicht mehr lange und sie wird ihm endlich gegenĂŒberstehen, dem Weihnachtsmann. Dann kann sie auch wieder an ihn glauben und ihre kleine Welt kommt in Ordnung.

Am Abend sitzt sie zusammen mit Petermann, Lawinia und Malixa in der großen Halle bei Santa Frost. Nadja ist selig. Es gibt den Weihnachtsmann wirklich. „Lieber Santa, ich will jetzt auch immer an dich glauben. Und ich wĂŒnschte, auch Malte wĂŒrde das tun. Ich werde ihm von dir erzĂ€hlen.“ Der Weihnachtsmann sieht Nadja liebevoll an. „Ich fĂŒrchte, dass wird nichts mehr nĂŒtzen. Er ist schon zu alt geworden. Weißt du, die Erwachsenen verlieren den Glauben an mich schnell.“ Nadja schĂŒttelt bestimmt den Kopf. „Also, ich garantiert nicht, denn ich habe dich gesehen und mit dir gesprochen. Ich habe auch eine Idee, wie wir das mit Malte machen können. Er wĂŒnscht sich ein neues Handy, ein
“ Santa fĂ€llt ihr seufzend ins Wort: „
ein i-Phone 6?“ Nadja staunt. „Woher
 ach nee, du bist ja der Weihnachtsmann. Du kannst in die Herzen der Menschen sehen. NatĂŒrlich weißt du es. Warum bringst du ihm keines? Er schreibt keinen Wunschzettel mehr und wenn ich ihm von meinem Erlebnis bei dir erzĂ€hle und er dann am Heiligen Abend ein Neues bekommt, dann weiß er vielleicht, dass ich recht hatte und glaubt wieder?“

Der Weihnachtsmann ist ĂŒberzeugt. Das war eine sehr gute Idee. Er wird bei Nadja nicht, wie bei den anderen Kindern, die Erinnerung an diesen Ausflug löschen, sondern sie soll damit in ihrem Zimmer wieder aufwachen und erzĂ€hlen, was sie erlebt hat. „Was haltet ihr davon, wenn ihr heute und morgen meine GĂ€ste seid? Dann fĂŒhren euch die Elfen in der Stadt und in der Fabrik herum und ihr könnt euch alles in Ruhe anschauen. Morgen Abend fahrt ihr mit Tom und Brownie wieder nach Hause“, schlĂ€gt er vor. Die Gruppe ist sofort einverstanden.

Am anderen Tag sind sie schon frĂŒh auf den Beinen. Jagomir hat ein straffes Programm zusammengestellt. Alle hören sich begeistert an, wie in den Fabriken die vielen Spielzeuge hergestellt werden. Alles, was nicht selbst am Nordpol produziert werden kann, wird bestellt und mit Raumschiffen eingefĂŒhrt. Es gibt eigentlich im Land der tausend KindertrĂ€ume nichts, was es nicht gibt. In der Kantine essen sie Nudeln mit Hacksoße zu Mittag und bekommen zum Nachtisch ein großes Eis. Um vier Uhr treffen sich alle Elfen und die Besucher in der großen Eisbahn. Die Elfen sind gute KĂŒrlĂ€ufer und zeigen gern ihr Können. Viele ĂŒben auch in der Eistanzgruppe. Nadja und ihre Freunde dĂŒrfen bei der großen Gala mitlaufen und ihre SprĂŒnge und Pirouetten zeigen. Als sie am Abend mĂŒde in den Rentierschlitten steigen, hat Nadja ganz viel Schokolade und GummibĂ€rchen dabei. Sie will Anna eine Freude machen und auch den anderen Kindern in ihrer Klasse etwas abgeben. Annas Wunschzettel ist beim Weihnachtsmann angekommen und genehmigt worden. Und fĂŒr den unglĂ€ubigen Malte hat Santa bereits ein i-Phone 6 zurĂŒckgelegt. Zum Abschied erhalten die Freunde noch ein Glas Schokolade.

Der Weihnachtsmann legt einen Zauber ĂŒber sie und lĂ€sst sie alle einschlafen. Tom und Brownie hören die Peitsche des Kutschers knallen und setzen sich sanft in Bewegung. Jetzt haben sie es nicht mehr eilig. Sie wollen ihre Fracht nur sicher wieder nach Hause in die Stadt bringen. Unterwegs setzen sie Malixa ab. Die kleine Robbe hat einen großen Fisch bekommen und freut sich schon auf das Abendessen. Lawinia fliegt mit einer Maus in ihre Nisthöhle und Petermann schleppt einen Rucksack voller MohrrĂŒben zu seinen Geschwistern. Der Kutscher hĂ€lt vor Nadjas Elternhaus an.

Fast zĂ€rtlich und sanft trĂ€gt er sie in ihr Kinderzimmer und legt sie auf ihr Bett. Dann spricht er den Aufwachzauber und Nadja reibt sich die Augen. Ihr Schulranzen steht neben ihrem Schreibtisch. Alles ist, wie es war. Nur, wo kommen die drei TĂŒten mit den SĂŒĂŸigkeiten her? Nadja schmunzelt. Dann klopft es an ihrer TĂŒr. Malte tritt ein. Er wundert sich, dass Nadja auf dem Bett liegt und hört dann eine wundersame Geschichte von seiner kleinen Schwester. Die Schokolade schmeckt ihm. Ihm ist egal, woher Nadja sie hat. Angeblich ist sie vom Weihnachtsmann, aus seiner Fabrik am Nordpol. Malte besinnt sich. Nadja ist noch klein. Soll sie ruhig weiter an Santa Frost glauben, denkt er. Sie wird die Wahrheit ĂŒber ihn noch frĂŒh genug erfahren.

PS: Malte glaubt inzwischen auch wieder an den Weihnachtsmann.
Ratet mal, was fĂŒr ihn am Heiligen Abend unter dem Tannenbaum lag!





Version vom 02. 11. 2014 15:22
Version vom 07. 11. 2014 11:18

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