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Leselupe.de > Kindergeschichten
Wir Eisprinzessinnen vom Planeten Frost
Eingestellt am 02. 11. 2014 15:22


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Ruedipferd
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Wir Eisprinzessinnen vom Planeten Frost

Der Eisplanet- EinfĂŒhrung

Anna und Nadja sind zehn Jahre alt. Sie leben mit ihren Eltern und Geschwistern auf einem Planeten, der den Namen Frost trĂ€gt. Er ist etwas kleiner als die Erde und liegt auf der anderen Seite der Milchstraße. Frost macht seinem Namen alle Ehre. Das besondere an ihm ist sein Klima. Er ist ein Eisplanet. Einen Sommer, so wie wir ihn von der Erde her kennen, gibt es auf Frost nicht. Er besitzt zwar eine AtmosphĂ€re wie die Erde und man kann dort atmen und leben, wie die Menschen hier. Doch die Sonne ist viel zu weit entfernt und ihre Strahlen zu schwach, um das viele Eis und den Schnee zum Schmelzen zu bringen. Die Temperatur auf Frost betrĂ€gt fast stĂ€ndig zwanzig Grad minus. Die Kolonisten bezeichnen ihr neues zu Hause gerne als Erde im Dauerwinter. Anna und Nadja wurden auf Frost geboren. Ihre Eltern arbeiten fĂŒr die Raumfahrtbehörde und errichteten auf dem kalten Planeten einen Außenposten, um Daten aus dem Weltall zu sammeln. Die Bewohner leben in StĂ€dten, die fĂŒr die extreme KĂ€lte gebaut wurden. Einkaufszentren und VerwaltungsgebĂ€ude werden von riesigen Glaskuppeln ĂŒberdacht. Turnhallen, Eishallen und Eisstadien helfen den Menschen bei der Freizeitgestaltung. Weil die Seen und FlĂŒsse dauerhaft zugefroren sind, laufen die Einwohner meistens Schlittschuh, wenn sie von einem Ort zum anderen wollen. NatĂŒrlich mĂŒssen die Kinder auf Frost auch in die Schule. Und nun ratet mal, wie sie dorthin kommen? NatĂŒrlich: Wer es nicht zu weit hat, lĂ€uft jeden Tag auf Schlittschuhen zum Unterricht. Die BĂ€che sind ĂŒberdacht und werden wie Straßen genutzt. So kommt auch bei Schneetreiben und Sturm jeder sicher und trocken ans Ziel. In ihrem Stadtteil trainieren die Kinder am Nachmittag Eiskunstlaufen oder Eishockey. Auch die Erwachsenen treffen sich, um gemeinsam Sport zu treiben. Es verwundert natĂŒrlich nicht, dass die meisten Jungen und MĂ€dchen sehr gut eislaufen können. Und selbstverstĂ€ndlich gibt es auch Meisterschaften.
Am Wochenende soll wieder die jÀhrliche Stadtmeisterschaft stattfinden. Nadja und Anna sind Freundinnen. Sie treffen sich nachmittags zum Hausaufgabenmachen und verbringen viel Zeit miteinander. Aber auf dem Eis hört bei ihnen die Freundschaft auf. Die zwei jungen Damen gehören nÀmlich zu den besten EiskunstlÀuferinnen ihres Vereins und machen sich gegenseitig Konkurrenz.

Nadja und Anna

Wie immer nach Schulschluss zogen sich die zwei ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den gemeinsamen Heimweg. Es war Dezember. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und wie auf der Erde feierten die Menschen auf Frost am 24. Dezember Weihnachten. Die Kinder bekamen am Heiligen Abend Geschenke, welche vom Weihnachtsmann höchst persönlich gebracht wurden. Den Schlitten zogen sechs Rentiere. Es gab aber eine Besonderheit auf Frost, denn im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann blieb Santa Frost unsichtbar. Bei den etwas Ă€lteren Kindern und Jugendlichen hatte das zu abenteuerlichen Spekulationen gefĂŒhrt. Einige fragten sich sogar, ob es den Weihnachtsmann ĂŒberhaupt gab. Anna und Nadja machte allerdings im Augenblick ihr ĂŒbliches Meisterschaftsgezicke am meisten zu schaffen. Wie sehr gingen sie doch auch schon ihren MĂŒttern damit auf die Nerven! Beide MĂŒtter unterstĂŒtzten die MĂ€dchen, nĂ€hten KĂŒrkleider und begleiteten ihre Töchter hĂ€ufig zum Training. Aber nein, jedes Mal wenn ein Wettbewerb anstand, benahmen sich die Kinder völlig unmöglich, fanden die Frauen.
Schweigend glitten Nadja und Anna mit ihren bunten Schulranzen auf dem RĂŒcken durch eine zauberhafte Winterlandschaft. Es war ein wundervoller Tag. Überall glitzerte das Eis im Sonnenlicht. Die NadelbĂ€ume wurden von Schneehauben bedeckt und manchmal fiel auch die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel. Die sturen MĂ€dchen hatten fĂŒr die schöne Natur und ihre Umgebung heute keine Augen. Es gab da noch etwas, was den Planeten Frost völlig von der Erde unterschied. Die Tiere auf dem Eisplaneten konnten sprechen. Das betraf alle dort lebenden Tiere: Robben, Pinguine und Schneehasen, EisbĂ€ren und Schneeeulen, kurz alle, die extreme KĂ€lte gewohnt waren. Auf ihrem Heimweg liefen Anna und Nadja immer an der Hasenhöhle vorbei und sonst blieben sie dort einen Augenblick, um den kleinen HĂ€schen zu erzĂ€hlen, was sie in der Schule gelernt hatten. Doch heute waren die beiden ĂŒberhaupt nicht bei der Sache. So kurz angebunden kannte sie die Hasenfamilie gar nicht und die acht niedlichen Hasenkinder wunderten sich sehr. Sie sahen sich erstaunt an, wagten aber nicht, die zwei anzusprechen. So setzten die MĂ€dchen ihren schweigsamen Weg noch eine Weile fort.
Nach einigen Minuten schien es, gottlob, als könne Anna die Stille nicht mehr aushalten. Sie druckste etwas und nahm dann all ihren Mut zusammen. Das ging so nicht weiter, dachte sie. Die beiden mussten endlich wieder vernĂŒnftig miteinander reden. „Du, Nadja, können wir mal den Wettkampf ĂŒbermorgen kurz vergessen? Ich wollte dich nĂ€mlich etwas fragen!“ Nadja blickte ĂŒberrascht auf, als sie Annas Stimme hörte und ĂŒberlegte einen Moment. Dann nickte sie fröhlich mit dem Kopf. „NatĂŒrlich, ach Anna, eigentlich sind wir doch auch doof mit unserem Gezicke vor den Wettbewerben. Hauptsache ist doch, dass eine von uns beiden die MĂ€dchenkonkurrenz gewinnt und wir die anderen Stadteile in Grund und Boden laufen. Ich kann den Doppelaxel so sicher, da hat Ludmilla Orloff aus der SĂŒdstadt gar keine Chance. Und die West- und OststĂ€dter brauchen wir ĂŒberhaupt nicht zu fĂŒrchten. Die können den Axel nicht einmal einfach richtig stehen und einen sauberen doppelten Lutz habe ich von denen auch noch keinen springen sehen.“ Anna freute sie sich wie eine Schneekönigin, als sie das hörte und ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Sie klatschte ĂŒberschwĂ€nglich in die HĂ€nde und lief stĂŒrmisch auf Nadja zu. Endlich! Sie wollten sich umarmen, aber es kam leider anders. Anna rutschte aus und zog die Freundin mit sich auf den Boden. Pardauz. Die zwei fielen der LĂ€nge nach auf das Eis. Es war ihnen natĂŒrlich nichts passiert, StĂŒrze gehörten zum schönsten Sport der Welt dazu. Anna strahlte wie ein Honigkuchenpferd ĂŒber ihre knallroten BĂ€ckchen. „Du, das finde ich supertoll. Ich hab mir auch schon so oft Gedanken gemacht. Wir sind immer beste Freundinnen gewesen und ausgerechnet auf dem Eis sollen wir uns nicht mehr mögen? Nein, Nadja, du hast völlig Recht. Wir wollen unseren Kleinkrieg ein fĂŒr alle Mal begraben. Wer ĂŒbermorgen die KĂŒr gewinnt, ist doch völlig wurscht, solange es eine aus der Nordstadt ist und sie entweder Nadja oder Anna heißt. Abgemacht?“ Nadja lachte erleichtert laut auf. „Ja, Anna, das finde ich auch. Was willst du mich denn fragen?“
„Ach so, hast du schon deinen Wunschzettel fĂŒr den Weihnachtsmann geschrieben?“ Was soll denn so eine Frage jetzt? , dachte Nadja bei sich, sah die Freundin erstaunt an und schĂŒttelte energisch mit dem Kopf. „Nöh, das mache ich auch nicht mehr. Es gibt nĂ€mlich gar keinen Weihnachtsmann!“ Annas Augen weiteten sich nach dieser unerwarteten Antwort und sie schaute sehr erschrocken drein. „Wer sagt denn das?“ Nadja konnte darauf nur gelangweilt mit den Achseln zucken. „Mein großer Bruder Malte!“ Ne, das ist doch nicht möglich, fiel Anna ein und schaute die blonde Nadja verstĂ€ndnislos an. „Also, ich glaube fest an den Weihnachtsmann und hab ihm auch schon meinen Wunschzettel geschickt“, erzĂ€hlte sie mutig. „Und welche Adresse hast du dazu genommen?“, fragte Nadja, der man ihren Frust ansah. Anna schmunzelte. „Na, die vom Nordpol, wie immer! Aber ich muss jetzt schnell nach Hause. Es ist schon spĂ€t. TschĂŒss Nadja. Laufen wir nachher zusammen zum Training?“ NatĂŒrlich verabredeten sich die zwei. Anna bog nach links auf einen schmalen begradigten Bachlauf ein. Das Haus ihrer Familie kam nach der nĂ€chsten Biegung in Sichtweite. Nadja musste allein weiter. Aber sie hatte es auch nicht mehr weit und beeilte sich. Das Haus ihrer Eltern lag am Rande der Stadt, die auch so hieß. Ganz einfach: Stadt. Es gab vier Stadtviertel, die kurz und bĂŒndig nur nach ihrer Himmelsrichtung benannt waren: Die Nordstadt, in der Anna und Nadja lebten, die Weststadt, die Oststadt und logischerweise last but not least, die SĂŒdstadt. Jedes Viertel besaß eigene Eishallen und Vereine. Die Stadtmeisterschaften, die ĂŒbermorgen ausgetragen werden sollten, machten seit drei Jahren Nadja und Anna aus der Nordstadt unter sich aus. Nadja war heilfroh, dass der Streit darĂŒber, wer von ihnen beiden nun die Bessere war, endlich beigelegt wurde. Etwas anderes beschĂ€ftigte sie nĂ€mlich viel mehr. Ihr Bruder Malte besuchte bereits die zehnte Klasse und hatte ihr erst neulich erzĂ€hlt, dass der Weihnachtsmann ein Fake wĂ€re. Es gab ihn schlicht nicht. Malte spielte sehr gut Eishockey und benahm sich mit seinen sechzehn Jahren schon richtig erwachsen. Nadja liebte ihren Bruder. Aber die Sache mit dem Weihnachtsmann wollte ihr nun einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie wĂŒrde genauso gerne weiter an ihn glauben wollen, wie Anna. Doch, was war, wenn Malte wirklich Recht hatte? Und der Weihnachtsmann existierte nur in ihrer Phantasie? Hatten ihre Eltern sie womöglich all die Jahre belogen?

Nadja schrak plötzlich aus ihren Gedanken auf. Sie meinte felsenfest eine Stimme gehört zu haben und blickte sich um. Doch da war niemand, außer einem großen Tannenbaum an der Ecke. Er war, wie alle BĂ€ume in der Stadt, von der BĂŒrgermeisterei bunt geschmĂŒckt worden. An seinen Ästen hingen knallrote Kugeln und Kerzen steckten auf den Zweigen. Die leuchteten den ganzen Tag hell, denn die Sonne kam nun in der Winterzeit auf dem Eisplaneten Frost nur noch fĂŒr kurze Zeit hin und wieder aus den Schneewolken hervor. Die brennenden Kerzen auf den TannenbĂ€umen tauchten den Ort deshalb in anheimelndes Licht und verbreiteten eine feierliche Weihnachtsstimmung. Nur Nadja konnte sich nicht so recht auf den Heiligen Abend freuen. Sie drehte sich aufmerksam nach allen Seiten um. Eine tiefe MĂ€nnerstimme hatte sie gefragt: „Du MĂ€dchen, kannst du mir mal helfen?“ „Warst du das, Tannenbaum? Seit wann können BĂ€ume auf Frost sprechen, das können doch nur die Tiere?“ Nadja sah den Baum erstaunt und verwundert an. Der Tannenbaum wiegte sanft seine Äste, an denen tausende und abertausende kleine grĂŒne Tannennadeln saßen. Auch tiefbraune Tannenzapfen sprießten aus ihm hervor. „Ja, das war ich. Und wir sprechen alle. Genau wie die Tiere. Nur die Erwachsenen hören uns nicht mehr. Doch Kinder, die noch an den Weihnachtsmann glauben, können jedes unserer Worte verstehen. Schau, mir ist da eine Kerze abgefallen. Magst du sie mir wieder aufstecken?“ Nadja lachte den Baum fröhlich an. Sie half immer sehr gern. „Aber natĂŒrlich.“ Sie setzte die Kerze geschickt wieder auf den Tannenzeig. „Du Tannenbaum, ihr BĂ€ume seid doch so alt und klug. Ich möchte gerne noch an den Weihnachtsmann glauben, aber Malte sagt, es gibt ihn gar nicht. Sag, hat mein Bruder etwa Recht?“ Au weh. Nadjas Problem kam auf Frost tatsĂ€chlich in letzter Zeit immer hĂ€ufiger vor. Der Baum schĂŒttelte sich nun so sehr, dass die Kugeln anfingen gegeneinander zu schlagen und zu klingeln. Der feine Schnee rieselte wie Puderzucker auf die Erde. „Nein, Nadja, er hat nicht Recht. Es gibt den Weihnachtsmann wirklich. Aber er lebt am Nordpol und die Reise dorthin ist sehr gefĂ€hrlich. Viele Kinder haben schon versucht zu ihm zu gelangen und sind niemals wieder zurĂŒckgekehrt.“
Die stets neugierige Schneeeule Lawinia hatte das GesprĂ€ch belauscht. Sie flog sofort heran und setzte sich auf einen Tannenast. „Uhuuhuuhu, ja es ist sehr gefĂ€hrlich, Uhhuhu!“, wiederholte sie. Nadja schauderte.
Die unheimlichen Laute der Eule brachten sofort den kleinen Schneehasen Petermann auf den Plan. Er hoppelte herbei und sprang dabei ĂŒbers Eis, so hoch er nur konnte. „Lass dir bloß keine Angst einjagen, Nadja. Ich bin nĂ€mlich auch noch da. Ich helfe dir. Wir finden den Weihnachtsmann. Er lebt im Land der tausend KindertrĂ€ume. Es liegt wirklich am Nordpol. Ich hab schon viel davon gehört.“ Nadja blickte irritiert von einem zum anderen. „Gut“, entschied sie. „Dann lasst uns schnell aufbrechen. Meine Mutter kommt erst heute Abend nach Hause. Ich habe also noch ein paar Stunden Zeit.“

Die Reise zu Santa Frost

Nadja und Petermann glitten auf einem zugefrorenen Fluss Richtung Norden. Der helle Polarstern zeigte ihnen den richtigen Weg. NatĂŒrlich konnte der lustige weiße Hase mit den ĂŒbergroßen Schlappohren auch eislaufen. Er sprang auf seinen Schlittschuhen genauso geschickt und sicher ĂŒber das Eis wie Nadja. Zwischendurch drehten die zwei Pirouetten und ĂŒbten sich in schwierigen Schrittfolgen. Auch Petermann beherrschte den zweifachen Axel mĂŒhelos. Den Salchow versuchte er sogar dreifach, schaffte aber die Landung auf rechts rĂŒckwĂ€rts nicht, verkantete sich und plumpste dabei heftig auf den Po. Traurig blieb er liegen und hielt sich sein kleines StummelschwĂ€nzchen. Nadja reichte ihm die Hand und half ihrem WeggefĂ€hrten sogleich wieder auf die Beine. Sie liefen fröhlich weiter. Dabei lachten sie pausenlos. Huch, was war das? Ein lautes GebrĂŒll ließ die beiden Freunde plötzlich zusammenzucken. Sie waren anscheinend einer BĂ€renhöhle zu nah gekommen und der aus dem Schlaf gerissene Bewohner stĂŒrmte entsetzlich polternd heraus. Es hörte sich sehr gefĂ€hrlich und böse an. Da war wohl jemand ziemlich wĂŒtend. Der Boden zitterte. „Was ist hier los? Woher kommt dieser Krach? Wer wagt es, mich in meinem Winterschlaf zu stören?“, tobte der riesige EisbĂ€r voller Zorn. Petermann bebte sofort am ganzen Leib. Er ahnte, dass er bei dem BĂ€ren auf der Speisekarte stand und versteckte sich schnell hinter Nadjas RĂŒcken.
Die Schneeeule Lawinia hatte es sich nicht nehmen lassen, die beiden in respektvoller Entfernung zu begleiten. Sie war ja von Natur ĂŒberaus neugierig und musste immer wissen, was in der Stadt vor sich ging. Nun saß sie auf einer Tannenspitze und beobachtete das Geschehen unten auf dem Boden mit einem mulmigen GefĂŒhl im Magen. Hoffentlich war der BĂ€r nur wĂŒtend, dachte sie. Hoffentlich hatte er nicht auch noch Hunger! Nadja, die fast dasselbe dachte, fasste sich ein Herz und trat mutig auf den BĂ€ren zu.
„Lieber BĂ€r“, sagte sie sanft. „Bitte entschuldige, wir wollten dich bestimmt nicht wecken. Aber wir sind auf dem Weg ins Land der tausend KindertrĂ€ume und haben uns verirrt. Kannst du uns vielleicht helfen?“ Der BĂ€r brummelte UnverstĂ€ndliches in sich hinein und beruhigte sich nur langsam. „Hmm. Der Weg zum Nordpol ist Ă€ußerst gefĂ€hrlich. Überall gibt es tĂŒckische Spalten im Eis, die man nicht sieht. Dann kommen plötzlich SchneestĂŒrme auf. Es wird bis minus vierzig Grad kalt. Viele Kinder haben es schon versucht und sind nie wieder zurĂŒckgekehrt. Übrigens, ich heiße Robert! Und ich habe heute schon gefrĂŒhstĂŒckt. Außerdem wĂ€re mir der Hase hinter deinem RĂŒcken die MĂŒhe nicht wert. Das ist nicht einmal eine vernĂŒnftige Nachspeise fĂŒr mich.“ Petermann stieß nach diesen Worten einen erleichterten Seufzer aus und hoppelte fröhlich aus seinem Versteck hervor. Nadja streichelte dem BĂ€ren das Fell. „Lieber BĂ€r, lieber Robert, ohne dich sind wir verloren. Bitte, bitte, hilf uns.“
Robert war im Grunde seines Herzens ein sehr weicher und warmherziger BĂ€r. Die kleine Nadja und der Hase taten ihm ehrlich leid. Aber er trug ein Geheimnis mit sich herum: Robert war nĂ€mlich ein Hasenfuß! Auf Deutsch: Robert war trotz seiner stattlichen GrĂ¶ĂŸe von fast drei Metern, seiner riesigen ZĂ€hne und Pranken, ein kleiner Feigling. Nur in seiner Schneehöhle fĂŒhlte er sich einigermaßen sicher. Er hatte Angst. Nein, ganz bis zum Land der tausend KindertrĂ€ume konnte er die beiden sicher nicht begleiten. Er rang mit seiner Fassung. Aber vielleicht reichte es ja, wenn er bis zum Rand des großen Gletschers mitging. Er sah Nadja an und blickt dann zu dem lustigen Petermann auf dessen enorme Schlappohren. „Also gut“, brummte er. „Ich bin eh wach. Aber ich fĂŒhre euch nur bis an den Rand des Gebirges zum Gletscher. Von da an mĂŒsst ihr allein weiter gehen! “
„Oh danke, liebster Robert“, rief Anna aus und drĂŒckte den errötenden EisbĂ€ren ganz fest an sich. Auch Robert erwies sich als exzellenter EislĂ€ufer. Er glitt auf seinen Schlittschuhen mĂŒhelos ĂŒber das Eis und versetzte Nadja und Petermann mit seinen außergewöhnlichen Pirouetten in Erstaunen. Die SprĂŒnge Salchow, Lutz und Rittberger beherrschte er zweifach und den Toeloop konnte er sogar mit drei Umdrehungen zeigen. Nur mit dem Axel hatte er so seine Probleme und Nadja, die ihn doppelt sprang, erntete große Bewunderung von ihm. Die Gruppe bewegte sich durch einen tief verschneiten Winterwald, der von BĂ€chen und zugefrorenen FlĂŒssen durchzogen war. Als ein schwerer Schneesturm aufkam, machten sie unter einer hohen Tanne mit ausladenden Zweigen Rast. Petermann und Nadja krochen unter Roberts Fell und wĂ€rmten sich an ihm. Der BĂ€r hatte sich eingerollt und schĂŒtzte die beiden vor der KĂ€lte. Nadja wusste viele Geschichten und MĂ€rchen zu erzĂ€hlen und so wurde den dreien nicht langweilig, wĂ€hrend sie auf das Ende des Sturmes warteten. Lawinia hatte sich in eine Baumhöhle ganz oben auf die Tannenspitze zurĂŒckgezogen und hielt ein Nickerchen. Trotzdem blinzelte sie immer wieder durch den Spalt am Eingang nach draußen, damit ihr ja nichts entging. Nach zwei Stunden verzog sich der Schneesturm. Die Vier wanderten weiter. Eine Stunde spĂ€ter blieb Robert plötzlich vor einer Schneewehe stehen. „Hier ist Schluss fĂŒr mich. Ich muss jetzt umkehren. Aber es ist nicht mehr weit. Hinter dem Schneeberg beginnt das große Gebirge, das direkt am Nordpol liegt. Ihr braucht nur geradeaus weiter gehen. Aber passt auf, wohin ihr tretet! Es gibt ĂŒberall gefĂ€hrliche Spalten im Eis. Irgendwo da oben liegt das Land der tausend KindertrĂ€ume und dort wohnt auch der Weihnachtsmann in seiner Spielzeugfabrik mit seinen Helfern und den Rentieren.“
„Wir danken dir, Robert. Du hast uns sehr geholfen“, rief ihm Nadja nach, als sich der BĂ€r umdrehte. Er schĂ€mte sich sehr, weil er ein so großer Angsthase war, aber das mochte er vor den anderen nicht zugeben. Petermann, der Robert schon lĂ€ngst durchschaut hatte, grinste und ergĂ€nzte: „Ja, und ĂŒbe deinen Axel. Irgendwann kannst du ihn auch so gut wie ich. Das RĂŒckwĂ€rtslanden lernst du sicher ebenfalls noch! Hihi.“ Das war nun doch zu viel fĂŒr den braven BĂ€ren. Er wendete den Kopf und sah Petermann betont grimmig an. „Du, Hase, ich spĂŒre so etwas wie Hunger. Wenn du nicht als Appetitanreger herhalten willst, dann Ă€rgere mich besser heute nicht! Auf Wiedersehen, kleine Nadja und viel Erfolg auf deiner Reise.“ Nadja winkte Robert hinterher. Dann schaute sie sich die riesige Schneewehe an und schĂŒttelte traurig den Kopf. „Petermann, wie kommen wir da rĂŒber?“ Auch der kleine sonst so pfiffige Schneehase war ratlos. Hier nutzten ihm selbst seine sprunggewaltigen Hinterbeine nichts. Der Schneeberg war einfach zu hoch. „Was ist denn das?“, rief Nadja aus und zeigte mit dem Finger auf eine Robbe, die sich abmĂŒhte, einen Fisch zu fangen. Der Fisch sprang von einem Wasserloch ins nĂ€chste und tauchte plötzlich ganz weg. Die Robbe blieb verdutzt stehen. Der bunte fliegende Fisch war spurlos verschwunden. In das schmale Wasserloch vor ihr, konnte sie ihm nicht folgen. Erst nach einer Weile sah sie sich enttĂ€uscht um und entdeckte Nadja und ihre beiden Begleiter. „Huch, wer seid denn ihr? Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin?“ Nadja freute sich, wieder ein Tier getroffen zu haben, welches sich vielleicht hier oben in der NĂ€he des Nordpols auskannte. „Hallo, liebe Robbe. Ich bin Nadja und das sind Petermann und Lawinia. Wir kommen aus der Stadt und suchen den Weihnachtsmann im Land der tausend KindertrĂ€ume am Nordpol! Kannst du uns helfen und uns den Weg zeigen?“
„Malix nochmal!“ „Du meinst „verflixt“ nochmal?“, fragte Nadja. „Nein, Malix nochmal!“, antwortete die kleine Robbe. „Ich heiße Malixa und das Wort, das du meinst, kann ich nicht aussprechen. Aber hört mal: Der Weg ins Land der tausend KindertrĂ€ume ist sehr gefĂ€hrlich. Viele Kinder haben es schon versucht und
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sind nie wieder zurĂŒckgekehrt!“, fiel ihr Nadja wĂŒtend ins Wort. „Jetzt reicht es aber. Wir haben nicht den weiten Weg gemacht, um uns stĂ€ndig dumme SprĂŒche anzuhören. Wir wollen zum Weihnachtsmann. Kannst du uns nun helfen, ja oder nein?“ Die Robbe rollte erstaunt mit ihren großen Kulleraugen. „Das nenne ich aber Malix nochmal! Es scheint euch wirklich ernst zu sein. Gut, ich muss meinen Fisch ohnehin weiter jagen. Sonst bekomme ich heute kein Abendbrot. Folgt mir!“ Geschickt stellte sich Malixa auf ihre Schwanzflosse, die hell aufblitzte. Eine scharfe Schlittschuhkufe kam zum Vorschein und als sich die Robbe erneut aufrichtete, erschien eine Zweite auf der anderen Seite. Sie lief um die Gruppe herum und sprang in eine Pirouette ein. Dabei erhöhte sich ihre Rotationsgeschwindigkeit derartig, dass Nadja vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekam. „Whow, damit kriegst du bei uns im Wettbewerb garantiert die höchste Note!“, meinte sie anerkennend. Dann musste sich auch Nadja beeilen, denn Malixa tauchte plötzlich unter die Schneewehe durch. Gleich dahinter begann das Gebirge, welches von gefrorenem Eismeer umgeben war. An einigen Stellen waren Luftlöcher zu sehen, damit die Robben zum Luftschnappen an die WasseroberflĂ€che kommen konnten. Nadja musste sehr aufpassen und schaute genau hin, in welche Richtung sie sich bewegte. Sie trug ihren warmen Winteranorak und der war nicht wasserdicht. Es wĂ€re sehr schlimm, wenn sie in eines der offenen Löcher fallen wĂŒrde. Auch Petermann hĂŒpfte sehr vorsichtig von einem Bein aufs andere. Sein Fell vertrug gar kein Wasser. Lawinia behielt den großen Überblick und flog vor ihnen her. Sie bemĂŒhte sich, rechtzeitig einen Warnruf auszusenden. Und wieder kam nach einer Weile ein starker Schneesturm auf. Der Wind wurde so heftig, dass sie anhalten mussten. Dicke Schneeflocken bedeckten die vier Freunde. Es war inzwischen fast ganz dunkel geworden. Erschöpft sank Nadja auf den Boden. Auch die anderen waren mĂŒde und einen Augenblick spĂ€ter lagen alle ganz dicht beieinander gekuschelt in tiefstem Schlaf.

Der Mond war auf Frost aufgegangen und schaute ĂŒberrascht zu den schlafenden Reisenden herab. Er ĂŒberlegte nicht lange. Es war sehr kalt und Nadja, die ja als Menschenkind nicht dauernd draußen lebte, so wie Petermann, Lawinia und Malixa, musste dringend in ein warmes Haus gebracht werden. Gevatter Mond nahm sein Mikrophon in die Hand und pustete hinein.
„Flix 1, bitte sofort in die Zentrale kommen!“, rief er aus. Im nĂ€chsten Moment öffnete sich die TĂŒr und ein kleines Wesen mit ĂŒbergroßem Kopf, in einen silbermetallisch glĂ€nzenden Raumanzug gehĂŒllt, erschien eifrig und pflichtbewusst. „Sie haben gerufen, Chef?“ „Ja, Flix, was siehst du da?“ Der Mond zeigte auf die Reisegruppe und auf die kleine Nadja in seinem PC Monitor.
Flix schrie entsetzt auf. Ein kleines MĂ€dchen in der bittersten KĂ€lte. Das ging gar nicht. Da musste natĂŒrlich sofort etwas geschehen. Die Flixe waren Helfer in der Not und auf Rettungsmaßnahmen jeglicher Art trainiert. Flix 1 versetzte sich selbst augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft. Schon wieder ein Kind, das zum Weihnachtsmann wollte! , dachte er und seufzte tief. Der gute Flix wusste gar nicht mehr, wie viele Kinder er schon unten auf dem kalten Frost vor dem sicheren KĂ€ltetod gerettet hatte. Flix 1 gab per GedankenĂŒbertragung routinemĂ€ĂŸig sofort eine Notmeldung an die Flixzentrale, damit sich die Mitarbeiter dort augenblicklich auf den Weg machen konnten. Dann benachrichtigte er auf dieselbe Art und Weise den Kontrollrat der Elfenpolizei am frostlichen Nordpol. Der Weihnachtsmann wurde umgehend ĂŒber die Eindringlinge informiert. „Die Rettungsaktion lĂ€uft an, Chef. Ich empfehle mich und werde vor Ort koordinieren.“ „Tu das, Flix. Und dann erwarte ich deinen Bericht auf meinem Schreibtisch“, brummte der Mond.

Er musste jetzt endlich ein ernstes GesprĂ€ch mit dem Weihnachtsmann fĂŒhren. NatĂŒrlich existierte der Weihnachtsmann wirklich und auch die riesige Spielzeugfabrik am Nordpol, tief unter dem Planeten, war real. Warum der Weihnachtsmann sich auf Frost im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann den Kindern nicht zeigen wollte, konnte der alte Mond beim besten Willen nicht verstehen. Gewiss, Santa Frost, wie er von den Menschen auf dem Eisplaneten genannt wurde, wollte keinen Rummel um seine Person und vor allem, dass die Kinder voll Vertrauen an ihn glaubten. Es war einfach, an etwas zu glauben, dass man sieht und anfassen kann. Aber es war eine Herausforderung an den Weihnachtsmann zu glauben, wenn man ihn nicht sehen konnte, sondern nur die Ergebnisse seines Besuchs bestaunen durfte, nĂ€mlich die Geschenke, die er jedes Jahr am Heiligen Abend unter den Tannenbaum in die Wohnzimmer der Menschen legte, sagte er immer. Das war seine Philosophie und davon ließ sich der Sturkopf nicht abbringen.
Doch der Mond wusste leider aus Erfahrung, dass Theorie und Praxis oft sehr weit auseinanderklafften. WĂ€hrend die jĂŒngeren Kinder auf dem Planeten noch problemlos an den Weihnachtsmann glauben konnten, fingen die Älteren leider schon ab dem zehnten oder elften Lebensjahr an, an seiner Existenz zu zweifeln und die Erwachsenen glaubten gar nicht mehr an ihn. Santa war ein DickschĂ€del und fĂŒr Reformen absolut nicht zu haben. Auch wenn darunter seine PopularitĂ€t extrem litt und er nur noch ganz kleine AnhĂ€nger hatte. Der Mond seufzte. Jedes Jahr starben Kinder im Eis, nur weil sie den Weihnachtsmann besuchen wollten und nicht rechtzeitig von den Flixen gerettet werden konnten. So durfte es nicht weiter gehen. Er griff entschlossen zum Telefon und meldete sich auf Frost im Vorzimmer des Santa an. GlĂŒcklicherweise hatte ein anderer Besucher gerade abgesagt und morgen frĂŒh wĂ€re bereits ein Termin frei, teilte ihm die ElfensekretĂ€rin mit.

Rettung durch Elfen und Flixe

Auf Frost wurde die Stelle, an der Nadja mit ihren GefĂ€hrten schlief, in fahles Licht getaucht. Ein erstes Bataillon von zwanzig funkelnden Flixen war bereits eingetroffen. Die kleinen Helfer trugen Lampen an ihren Uniformen und waren außerdem in der Lage durch eigenes phosphoreszieren ihres Metallkörpers zusĂ€tzliches Licht zu erzeugen. Was nun geschah war fĂŒr die Flixrettungsleute reine Routine. Im Rentierstall am Nordpol wurden Tom und Brownie vor den Schlitten gespannt. Warme Decken lagen bereits darin. In kurzer Zeit waren die beiden Rentiere einsatzbereit. Auch fĂŒr sie galt: Cool bleiben und die eingeĂŒbten mechanischen AblĂ€ufe gewohnt und sicher abspulen. Trotzdem konnten Tom und Brownie ihre GefĂŒhle nicht ganz ausschalten und freuten sich sehr, wenn ihnen eine glĂŒckliche Rettung gelang. Das passierte nicht immer und sie litten sehr darunter, wenn sie wieder einmal zu spĂ€t am Einsatzort ankamen.

„Ich habe heute ein gutes GefĂŒhl. Aber wir sollten keine Sekunde zögern“, meinte Brownie, der im Rang eines Hauptmannes den Schlitten befehligte. „Ja, Sir. Es ist alles zur Abfahrt bereit. Wenn die Peitsche des Kutschers ertönt: Voller Galopp voraus!“ Oberleutnant Tom scharrte unruhig mit den Hufen. Der Elfenkutscher saß einen Moment spĂ€ter auf dem Kutschbock. Der Schlitten beschleunigte von Null auf 100 Kilometer in der Stunde in zehn Sekunden. Rekord. Das Licht der begleitenden Flixe erhellte den Weg. Nach zwanzig Minuten Frostzeit konnten die Rentiere auf den Einsatzort zutraben. Die Flixe dort hatten die Schlafenden liebevoll in sanfte TrĂ€ume gehĂŒllt. Miniflix Naseweis, der das erste Mal in der Einsatztruppe dabei sein durfte, zeigte den Rentieren den Landeplatz. Der Elfenkutscher und sein Begleiter stiegen aus. Sie trugen zuerst die schon sehr unterkĂŒhlte Nadja zum Schlitten und kuschelten sie in warme Decken. Auch Petermann und Lawinia lagen einen Augenblick spĂ€ter neben ihr und wurden leicht zugedeckt. Petermanns lange Ohren rutschten immer wieder nach unten und zogen ihn zweimal auf den Boden zurĂŒck, bevor ihn der Kutscher in den sicheren Schlitten befördern konnte. Malixa bekam einen Platz im GepĂ€ckfach hinten. Die beiden Rentiere rĂŒmpften nĂ€mlich die Nasen. Die Robbe strahlte einen sehr tranigen Fischgeruch aus. Aber Tom und Brownie ließen sich davon nicht weiter irritieren. Sie dachten zuversichtlich. Diese Rettung schien gottseidank erfolgreich zu werden. Ein paar Minuten spĂ€ter setzte sich der Schlitten wieder in Bewegung. Nadja wurde am Nordpol sofort ins Elfenhospital gebracht und in ein warmes Bett gelegt. Die Tiere erhielten einen Platz im Stall.

Der Weihnachtsmann auf Frost lebte und arbeitete in einer riesigen unterirdischen Stadt, die aus unzĂ€hligen Spielzeugfabriken bestand. Dazu gab es WohnhĂ€user, Kantinen und GeschĂ€fte fĂŒr die tausende Mitarbeiterelfen. Ein Krankenhaus und eine Schule fĂŒr die Elfenkinder sowie natĂŒrlich der Stall und die Zuchtstation fĂŒr die Rentiere des Santa rundeten das Bild ab. Elfenreporter Neugierig vom Weihnachtskurier war schnell unterwegs und versuchte erste Fotos von den Geretteten zu machen. „Weiß man schon, wer sie sind?“, fragte er Brownie. Doch der Rentierhauptmann hielt sich wie immer bedeckt. „Kein Kommentar, warten Sie auf den Bericht der offiziellen Stelle!“, wehrte er den emsigen und neugierigen Journalisten ab. Doch der wĂ€re ein schlechtes Beispiel fĂŒr seinen Berufsstand gewesen, wenn er so schnell klein bei gegeben hĂ€tte. Naseweis wurde sein nĂ€chstes Opfer und fiel tatsĂ€chlich auf die geschickte Befragungstechnik des Zeitungsbesitzers herein. Naseweis hatte inzwischen erfahren, dass das MĂ€dchen Nadja hieß und plauderte locker aus dem NĂ€hkasten. Neugierig schoss ein Foto von dem kleinen Flixjungen, der noch nicht ahnte, welche Strafe ihn zu Hause fĂŒr seine Indiskretion erwarten wĂŒrde. Es war den Flixen nĂ€mlich strengstens untersagt, etwas ĂŒber die Geretteten zu erzĂ€hlen. Nur Flix 1 gab Interviews. Das gehörte zur SeriositĂ€t der Einsatztruppe.

Mama Naseweis, die ausnahmsweise keinen Kitaplatz fĂŒr ihren Sohn bekommen hatte und ihm deswegen wohl oder ĂŒbel erlauben musste, mitzukommen, sah entsetzt, wie sich der Reporter zufrieden entfernte. „Naseweis!“, rief sie wĂŒtend. „Du kommst sofort hierher. Weißt du nicht, dass du keine Interviews geben darfst, du Lausebengel? Wir Flixe sind GeheimnistrĂ€ger. Niemals dĂŒrfen wir Außenstehenden etwas ĂŒber unsere Arbeit erzĂ€hlen. Nur Flix 1 ist dazu befugt. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Ach, und das alles, weil die Kita heute Morgen ĂŒberfĂŒllt war.“ Mama Flix-Naseweis machte sich ernsthafte Sorgen. Auch ihr Junior erinnerte sich dunkel daran, mal etwas von den besonderen Regeln seines Volkes gehört zu haben. Oh je, dachte er. Ich gehorche wohl jetzt besser, bevor ich noch mehr anstelle. Schuldbewusst trat er an die Seite seiner Mutter, die ihm, trotz allem, wieder einmal nicht böse sein konnte.

Im Krankenhaus kĂŒmmerten sich die ElfenĂ€rzte und Krankenschwestern um Nadja. Sie war nun außer Lebensgefahr und schlief. Als Santa Frost von dem ungebetenen Besuch erfuhr, reagierte er, wie immer, erst einmal unwirsch. Santa war in seinem VerhĂ€ltnis zu Kindern gespalten. Als Weihnachtsmann liebte er sie und erfreute sich an ihren leuchtenden Augen, wenn er durch sein Fernrohr in die Wohnungen schaute und sah, wie glĂŒcklich er die Kleinen am Heiligen Abend mit seinen Geschenken gemacht hatte. Die ganz Kleinen waren ja wirklich noch niedlich, dachte er. Sie glauben an mich. „Das Problem sind die Älteren. Irgendwann fangen sie zu zweifeln an und dann ist schnell alles vorbei. Sie kaufen ihre Geschenke in den großen WarenhĂ€usern und Wunschzettel von Erwachsenen erhalte ich so gut wie gar keine mehr. Die Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie sich selbst dadurch berauben. Aber, vielleicht hat der Mond auch Recht und ich sollte mich den Kindern endlich zeigen. Es reicht ja, wenn ich es bei den ganz Kleinen mache. Wenn sie ihre Erinnerung behalten, vergessen sie mich nicht. Ich sollte mit dem Mond darĂŒber reden“, brummelte er laut in sich hinein. Dann nahm er den nĂ€chsten Stapel Wunschzettel in die Hand, um sich die WĂŒnsche der Kinder durchzulesen. Sein ElfenmitarbeitersekretĂ€r Jagomir klopfte an die TĂŒr und brachte ihm eine neue Mappe.

„Santa, hier ist die Post von heute. Ich habe sie bereits vorsortiert. Man muss sich wundern, wie sich die WĂŒnsche der Kinder in den letzten Jahren verĂ€ndert haben. FrĂŒher wĂŒnschten sich die Kinder einen Ball oder eine Puppe. Manchmal auch eine Holzeisenbahn. Und jetzt lesen Sie mal: Hier wĂŒnscht sich der sechsjĂ€hrige Martin aus der Oststadt ein Handy, aber nur ein neues i-Phone 6, einen PC und jede Menge Weltraumspiele fĂŒr den Computer. Oder hier: Saskia, acht Jahre aus der SĂŒdstadt. Sie wĂŒnscht sich wenigstens noch ein paar neue Schlittschuhe, weil ihre alten zu klein geworden sind. Aber sie macht gleich einen Zusatz: Nicht unter 400 Euro. Sie will richtige Turnierschlittschuhe, mit denen sie SprĂŒnge ĂŒben kann. Ach, ein neues i-Phone 6 steht auch auf ihrer Wunschliste ganz oben. Wohin soll das bloß noch fĂŒhren?“ „Ich weiß es nicht, Jagomir. Haben wir denn genĂŒgend von den neuen Handys vorrĂ€tig? Die Schlittschuhe haben wir nicht, das weiß ich. Aber Saskia bekommt einen Gutschein fĂŒr eine Maßanfertigung. Das haben die Eltern schon mit einander abgesprochen. Wir legen ihr eine Barbiepuppe als Eislaufprinzessin und ein paar schöne BĂŒcher dazu.“ „Sehr wohl, Sir. Ich werde auch gleich die Handyfirma anrufen und noch eine Raumschiffladung der neuesten i-Phone Generation bestellen. Wenn wir welche ĂŒbrig behalten, dann haben wir auch fĂŒr die Erwachsenen noch Geschenke. Wie wollen Sie mit dem BesuchermĂ€dchen verfahren? Sie heißt Nadja und kommt aus der Nordstadt, nicht wahr?“ „Ich ĂŒberlege, ob ich mich nicht doch den Kindern zeige, Jagomir. Vielleicht kann ich sie dadurch wieder mehr motivieren an mich zu glauben. Ich werde Nadja im Krankenhaus besuchen, wenn sie wach ist. Normalerweise lösche ich ja die Erinnerung der Kinder, die es bis hierher geschafft haben, bevor ich sie wieder nach Hause schicke. Ob ich es diesmal anders machen soll? Was meinen Sie?“ Jagomir arbeitete seit hundertfĂŒnfzig Jahren fĂŒr Santa Frost. Sie waren beide annĂ€hernd gleich alt. Er hatte seinen Chef noch nie so nachdenklich gesehen. Aber auch ihm war die rasante Entwicklung der Technik nicht verborgen geblieben und die verĂ€nderte Gesellschaft bei den Menschen hatte auch viele VerĂ€nderungen bei den Kindern hervorgerufen. „Wir sollten mit dem Mond sprechen. Er ist weltoffen und sehr erfahren. Möglicherweise weiß er einen Rat. Ich wĂ€re fĂŒr meinen Teil auch dafĂŒr, etwas Fortschrittlicher zu denken.“ Jagomir verbeugte sich nach seiner Antwort leicht und verließ das BĂŒro des Weihnachtsmannes.

Santa Frost

Nadja gĂ€hnte und schlug die Augen auf. Sie dachte an ihren Traum. Sie war mit Petermann, Lawinia und einer Robbe mit Namen Malixa unterwegs zum Nordpol gewesen. Der EisbĂ€r Robert hatte sie bis zum Rand des Gletschergebirges gebracht. Dann kamen viele kleine helle GlĂŒhwĂŒrmchen und sie wurde in eine Decke gehĂŒllt. Das MĂ€dchen blickte sich um. Sie befand sich in einem Krankenzimmer. An ihrem Arm war eine KanĂŒle befestigt. Ein Kasten stand neben ihrem Bett und gab laufend Töne von sich. Wo bin ich? , ĂŒberlegte sie. Was ist das fĂŒr eine merkwĂŒrdige Musik? Noch ehe sie weiterdenken konnte, öffnete sich die TĂŒr und Elfenoberschwester Cornelia trat ein. Ein freudiges LĂ€cheln zauberte sich augenblicklich auf ihr Gesicht. „Hallo, Nadja. Schön, dass du endlich wach bist. Santa Frost hat schon nach dir gefragt. Er will dich alsbald besuchen!“ Cornelia trug nicht, wie auf Frost ĂŒblich, eine weiße Schwesterntracht, sondern ein knallrotes Kleid. Ihre Haut schien etwas grĂŒnlich gefĂ€rbt und war sehr runzlig. Sie glich fast einem Schimpansen. Nadja hatte Filme ĂŒber die Affen auf der Erde gesehen und die Frau Ă€hnelte diesen Tieren stark. Sie besaß auch merkwĂŒrdig spitzzulaufende Ohren, welche sehr weit vorne am Kopf saßen. Trotzdem fĂŒhlte sich Nadja in Cornelias Gegenwart geborgen. „Bin ich im Land der tausend KindertrĂ€ume?“, fragte sie die Schwester. „Ja, Nadja. Du bist gerade noch rechtzeitig von den Flixen gerettet worden.“ „Flixe? Sie meinen die GlĂŒhwĂŒrmchen?“, staunte Nadja. Cornelia lachte. „Ich heiße Cornelia. Alle nennen mich hier nur Conny. Ich sage der Ärztin Bescheid, dass du aufgewacht bist. Dann darfst du bestimmt auch bald aufstehen. Möchtest du etwas trinken? Eine heiße Schokolade, vielleicht?“ Nadja nickte freudig. Sie hatte es also geschafft. Nun dauerte es nicht mehr lange und sie wĂŒrde ihm endlich gegenĂŒberstehen, dem Weihnachtsmann. Dann konnte sie auch wieder an ihn glauben und ihre kleine Welt kam in Ordnung.

Am Abend saß sie zusammen mit Petermann, Lawinia und Malixa in der großen Halle bei Santa Frost. Nadja war selig. Es gab den Weihnachtsmann wirklich. „Lieber Santa, ich will jetzt immer an dich glauben. Und ich wĂŒnschte, auch Malte wĂŒrde das tun. Ich werde ihm von dir erzĂ€hlen.“ Der Weihnachtsmann blickte Nadja liebevoll an. „Ich fĂŒrchte, dass wird nichts mehr nĂŒtzen. Er ist schon zu alt geworden. Weißt du, die Erwachsenen verlieren den Glauben an mich schnell.“ Aber Nadja schĂŒttelte energisch den Kopf. „Also, ich bestimmt nicht, denn ich habe dich gesehen und mit dir gesprochen. Ich habe auch eine Idee, wie wir das mit Malte machen können. Er wĂŒnscht sich ein neues Handy, ein
“ Santa fiel ihr seufzend ins Wort: 
ein i-Phone 6?“ Nadja staunte. „Woher
 ach nee, du bist ja der Weihnachtsmann. Du kannst in die Herzen der Menschen sehen. NatĂŒrlich weißt du es. Warum bringst du ihm keines? Er schreibt keinen Wunschzettel mehr und wenn ich ihm von meinem Erlebnis bei dir erzĂ€hle und er dann am Heiligen Abend ein neues bekommt, dann weiß er vielleicht, dass ich recht hatte und glaubt wieder?“ Das ĂŒberzeugte auch den Weihnachtsmann. Es war eine sehr gute Idee. Er wĂŒrde bei Nadja nicht, wie bei den anderen Kindern, die Erinnerung an diesen Ausflug löschen, sondern sie sollte damit in ihrem Zimmer wieder aufwachen und erzĂ€hlen, was sie erlebt hatte. „Was haltet ihr davon, wenn ihr heute und morgen meine GĂ€ste seid. Dann fĂŒhren euch die Elfen in der Stadt und in der Fabrik herum und ihr könnt euch alles in Ruhe anschauen. Morgen Abend fahrt ihr mit Tom und Brownie wieder nach Hause“, schlug er zufrieden vor. Die Gruppe war sofort einverstanden. Am anderen Tag kamen sie schon frĂŒh in die Beine. Jagomir hatte ihnen ein straffes Programm zusammengestellt. Die Vier hörten sich begeistert an, wie in den Fabriken die vielen Spielzeuge hergestellt wurden. Alles, was nicht selbst am Nordpol produziert werden konnte, wurde bestellt und mit Raumschiffen eingefĂŒhrt. Es gab eigentlich im Land der tausend KindertrĂ€ume nichts, was es nicht gab. In der Kantine bekamen sie Nudeln mit Hacksoße zu Mittag und zum Nachtisch ein großes Eis. Um vier Uhr trafen sich alle Elfen und die Besucher in der großen Eisbahn. Elfen waren gute KĂŒrlĂ€ufer und die meisten zeigten ihr Können gern. Viele ĂŒbten in der Eistanzgruppe. Nadja und ihre Freunde durften bei der großen Gala mitlaufen und ihre SprĂŒnge und Pirouetten zeigen. Als sie am Abend mĂŒde in den Rentierschlitten stiegen, hatte Nadja ganz viel Schokolade und GummibĂ€rchen dabei. Sie wollte auch Anna eine Freude machen und den anderen Kindern in ihrer Klasse etwas abgeben. Annas Wunschzettel war beim Weihnachtsmann angekommen und genehmigt worden. Und fĂŒr den unglĂ€ubigen Malte hatte Santa bereits ein i-Phone 6 zurĂŒckgelegt. Zum Abschied erhielten die Freunde noch ein Glas warme Schokolade, dann hieß es Abschied nehmen, aus dem Land der tausend KindertrĂ€ume. Santa legte einen lieben Zauber ĂŒber sie und ließ sie sanft einschlafen. Tom und Brownie hörten die Peitsche des Kutschers knallen und setzten sich langsam in Bewegung. Jetzt hatten sie es nicht mehr eilig. Sie wollten ihre Fracht nur sicher wieder nach Hause in die Stadt bringen. Unterwegs setzten sie Malixa ab. Die kleine Robbe hatte einen großen Fisch bekommen und freute sich schon auf das Abendessen. Lawinia flog eilig mit einer Maus in ihre Nisthöhle und Petermann schleppte einen Rucksack voller MohrrĂŒben zu seinen Geschwistern.

Der Kutscher hielt ein paar Minuten spĂ€ter vor Nadjas Elternhaus. Es war noch niemand zu Hause. Die TĂŒr ging von selbst auf, nachdem der Kutscher eine Zauberformel gemurmelt hatte.
LĂ€chelnd trug er das kleine MĂ€dchen auf dem Arm in ihr Kinderzimmer hinauf und legte sie in ihr Bett. Dann sprach er leise einen Aufwachzauber und verschwand. Nadja rieb sich die Augen und sah sich verwundert um. Ihr Schulranzen stand unter ihrem Schreibtisch. Alles war, wie immer. Nur, wo kamen bloß die drei TĂŒten mit den SĂŒĂŸigkeiten her, die neben ihrem Bett lagen? Ihre Erinnerung setzte sofort ein und sie schmunzelte. Malte klopfte an ihre TĂŒr. „Hea, Nadja, schlĂ€fst du?“ „Nein, Malte, komm rein. Ich habe dir etwas Tolles zu erzĂ€hlen!“ Malte setzte sich zu seiner kleinen Schwester ans Bett und hörte alsbald eine wundersame Geschichte. Die Schokolade schmeckte ihm und es war egal, woher Nadja sie hatte. Angeblich kam sie vom Weihnachtsmann, aus seiner Fabrik am Nordpol. Malte ĂŒberlegte. Nein, er wollte ihr diese Illusion nicht nehmen. Nadja war noch klein. Sollte sie ruhig weiter an Santa Frost glauben, wenn ihr das so wichtig war, dachte er. Sie wĂŒrde die Wahrheit ĂŒber ihn noch frĂŒh genug erfahren.

PS: Malte glaubt seit Heiligabend auch wieder an den Weihnachtsmann.






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