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Wir alle sind Ausländer. Und das fast überall!
Eingestellt am 08. 10. 2010 15:14


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Michael Schmidt
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Registriert: Jan 2002

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Wir alle sind Ausländer. Und das fast überall!

Integration ist in aller Munde. Kein Thema wird heißer diskutiert. Erst der verbannte Finanzsenator von Berlin, der als Bundesbanker für Furore sorgte und sein Buch entsprechend seines Naturell promotete.
Jetzt hat auch noch der auf dem neuen Schleudersitz sich erdreistet, seine Meinung zum Thema zu äußern.
Der Islam gehört zu Deutschland. Ei, igitt! Was soll denn das?

Dem Islam kann man eine Menge vorwerfen. Vieles davon hat christliche Tradition. Die Trennung von Staat und Religion war auch in Deutschland umkämpft und zog sich hin. Auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau gab es nicht von heute auf morgen.
Der Islam ist leider oft genug rückständig und nicht umsonst ist er gerade dort verwurzelt, wo die Menschen scheinbar noch in einem vergangenen Jahrhundert leben.

Doch Islam ist nicht Islam. Die Frauenrolle in Tunesien und Afghanistan ist unterschiedlich und reicht von vollständiger Unterdrückung bis zum relativ modernen Leben. Auch in Tunesien selbst gibt es da Unterschiede. Das ist ähnlich wie in Deutschland, dort gibt es Frauen, die Emanzipation extrem ausleben, andere verharren im klassischen Frauenbild und ordnen sich dem Manne unter. Und das sind deutschstämmige Frauen.

Überall wird geschrieben, man hätte die Integrationsdebatte verpasst. Ich denke, das stimmt so nicht. Über Integration und Überfremdung wird schon immer gestritten. Angefangen mit den Gastarbeitern, denen man nur die niederen Jobs zuteilte bzw. zuteilen wollte.
Dann kam die Welle aus dem Osten. Polen und Russen, die deutschstämmig waren und die nach dem 2. Weltkrieg auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs verharren mussten, denn eine Reisefreiheit gab es dort nicht.
Der Eiserne Vorhang fiel und mit ihm strömten weitere Migranten herüber. Der Krieg in Jugoslawien war ein Grund und viele fanden eine neue Heimat bei uns. Andere mussten wieder zurück.

Rund 15 Millionen der 82 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Diese Zahl sagt aber überhaupt nichts aus.
Von den 15 Millionen sind sehr viele sehr gut integriert. Egal ob auf dem Fußball- oder am Arbeitsplatz, die Fremden sind nicht mehr fremd und Teil unserer Gesellschaft.

Doch in Großstädten scheint sich ein Ausländermilieu zu etablieren, das eine Parallelgesellschaft führt. Es wird in der Sprache des Geburtslandes kommuniziert, man bleibt unter sich. Fußballvereine heißen dann Anadulo Koblenz und ganze Schichten großer Fabriken bestehen aus Migrationsblöcken.

Das Problem ist aber nicht neu und schon lange bekannt. Viele der neuen Gäste wurden im Laufe der Jahre heimisch und da half die junge Generation. Kinder haben weniger Berührungsängste und so lernten die Nachkommen der Griechen, Italiener und Türken Deutsch und fast kann man sie nicht mehr unterscheiden.

Trotzdem machen viele großes Aufheben daraus. Man schaut sich nur mal die Nationalmannschaft an. Wo genau erkennt man an Klose, Podolski und Trochowski den Migrationshintergrund? Weder an der Sprache, noch an äußeren Merkmalen ist dies auszumachen.
Auch Gomez wirkt nicht fremdartig. Özil und damit die Fraktion der Türken fallen auch nicht mehr sonderlich auf. Einzig die Kopftücher wirken immer noch befremdlich.
Cacau ist auch ein gutes Beispiel für Integration. Wegen des Berufs nach Deutschland gekommen, hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, weil es ihm hier gut gefällt und er sich heimisch fühlt. Und das ohne seine Heimat zu verleugnen.

Es gibt natürlich auch genügend Beispiele für misslungene Integration. Türken, die nach zwanzig Jahren immer noch kaum deutsch sprechen, obwohl sie sich dauerhaft hier niederlassen. Ehrenmorde, wenn sie auch nur einen kleinen Teil der Gesellschaft betreffen. Auch Deutsch-Bashing ist IN und Mitglieder jeder Nationalität kann sich darüber auslassen, warum ihr Land das bessere sei und man fragt sich unwillkürlich, warum sie dann hier bleiben.

Integration ist nichts, was im Schnelldurchgang funktioniert. Für eine gelungene Integration müssen sich alle anstrengen. Der Staat muss die entsprechenden Weichenstellungen vollziehen, aber dann muss die gesamte Gesellschaft daran arbeiten. Ausländer müssen die Sprache lernen, das ist das A und O. Wenn man deutsche Auswanderer im Fernsehen sieht, die sich in Spanien eine neue Existenz aufbauen wollen, ohne auch nur mehr als zwei Sätze spanisch zu sprechen, dann ist das sehr befremdlich. Dies gilt natürlich auch für unsere Gäste. Denn mehr als ein Gast ist man nicht, wenn man weder versucht, sich hier zu verständigen, noch sich in positiver Weise mit unserer Kultur auseinander zu setzen.
Aber den Zugezogenen darf man nicht nur mit Argwohn begegnen. Man muss ihnen auch entgegen gehen und sie integrieren und akzeptieren wollen. Unterschiede werden immer da sein.
Und dass ein Zusammenwachsen nicht einfach ist, sieht man an der immer noch getroffenen Unterscheidung zwischen Ossi und Wessi.
In den USA sieht man ja, was alles falsch laufen kann bei der Integration. Schwarze haben es schwer und werden wohl immer noch diskriminiert, auch Lateinamerikaner genießen kein Ansehen. Und wenn man bedenkt, dass es den Amerikaner ja noch gar nicht lange gibt, schließlich ist er nichts anderes als das Ergebnis einer gelungenen Integration, wundert es doch, dass es China Town und Little Italy gibt, statt dass sich die Schmelztiegel der Nationen zu einem Volk vermischen.
So muss man neben der Akzeptanz von Andersartigkeit auch ein Mindestmaß an Integration fordern und die Mischung aus beidem sollte die Musik machen.
Denn wenn sich die Gesellschaft spaltet, und dieser Prozess findet meist über einen längeren Zeitraum statt, dann knallt es gewaltig.

Aktuell ist auf Grund der folgen der Finanzkrise die Angst vor Fremden am steigen. Dazu kommt die latente Bedrohung durch die radikalen Kräfte des Islams (Al Kaida).
Doch all dies ist kein Grund für eine neue Ausländerfeindlichkeit wie man sie an den vereinzelten Wahlerfolgen der rechten Parteien erkennen kann.
Daher sollte die Diskussion über die Integration auf einem besseren Niveau als dem des Sarrazins erfolgen.
Analysieren und verbessern ist das eine. Der Integration und der Veränderung Zeit geben, eine andere.
Schnellschüsse und geistlose Hektik dagegen sind kontraproduktiv.
Wie heißt es so schön:
Wir alle sind Ausländer. Und das fast überall!

__________________
Der ErnstFall Michael Schmidt

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