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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wir sind nicht nur von dieser Welt - Oder doch?
Eingestellt am 25. 04. 2007 09:39


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Wir sind nicht nur von dieser Welt - Oder doch?
Über SpiritualitĂ€t

In besonderen Zeiten wie etwa beim öffentlichen Sterben Johannes Pauls des Zweiten taucht er unweigerlich auf, dieser merkwĂŒrdige Satz:‚Denn wir sind nicht nur von dieser Welt.’
Wie bitte? Haben wir da etwas verpasst? Waren wir zu beschĂ€ftigt mit dieser einen Welt, mit Geld verdienen, Einkaufen, Urlaub machen? Haben wir dabei ĂŒbersehen, dass es noch eine andere Welt gibt, zu der wir angeblich auch gehören? Die sogar wichtiger sein soll als die Welt, die wir tĂ€glich anfassen?
Immerhin: Zu Hunderttausenden sind junge Menschen zum Wojtyla-Papst geströmt, nicht um katholische Lehren zu hören, sondern um einem Mann zu begegnen, der an eine menschliche Bestimmung jenseits unserer sichtbaren Welt glaubte. Diese jungen Menschen sind auf der Suche nach jener anderen Welt. Sie suchen auch bei indischen Gurus und mongolischen Schamanen, sie suchen in Tibet und bei modernen Sekten.
Hin und wieder hören wir dann auch von Menschen, die gefunden haben, was sie suchten. Nun sagen sie, vorher sei ihr Leben leer gewesen.
Leer? Wir anderen sind also die, die sich mit einem leeren Leben zufrieden geben! Wir verspielen die Chance auf ein erfĂŒlltes Leben.
Steht uns Menschen denn wirklich eine andere Welt offen? Ist da etwas außerhalb unserer Welt, wo wir dazugehören?

Andere Welten
Na klar, die Religionen haben das schon immer gesagt, dass wir nicht nur von dieser Welt sind. Sie haben schon immer gesagt, dass das irdische Leben nur eine Durchgangsstation sei. Dass wir aber außerdem und eigentlich zu einer ganz anderen Welt gehören, zu einer göttlichen Ordnung.
FĂŒr die Religionen ist die andere Welt nicht die andere, sie ist die eigentliche Welt. Sie hat Macht ĂŒber unser Leben hier auf Erden und darĂŒber hinaus. Sie hat Macht ĂŒber den Lauf der Erde. Sie ist der sichtbaren Welt ĂŒbergeordnet. Dorther kommen wir, und dorthin gehen wir.
So Ă€hnlich haben es auch die frĂŒhen Menschen gesehen. Sie waren ĂŒberzeugt, dass ihr Leben von jenseitigen MĂ€chten abhing. Gute und böse Geister waren stĂ€ndig um sie herum. Auch die Seelen von Verstorbenen konnten in ihr Leben eingreifen. Geister konnten in den Körper von Lebenden schlĂŒpfen. Die Grenzen zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt waren fĂŒr sie durchlĂ€ssig.
Die gesamte Natur war beseelt mit ĂŒbernatĂŒrlichen KrĂ€ften. Kaum ein Teil der Natur, der nicht irgendwann in der Geschichte der Menschheit ĂŒbersinnliche Bedeutung hatte. FĂŒr die alten Ägypter war die Sonne die grĂ¶ĂŸte jenseitige Macht, fĂŒr die Hawaianer Vulkane, fĂŒr viele andere der Mond, die Sterne, aber auch das Meer, FlĂŒsse und Berge.
Auch heute glauben viele Menschen – innerhalb und außerhalb der Religionen - an ĂŒbernatĂŒrliche MĂ€chte, die aus einer anderen Welt in unsere Wirklichkeit hineinwirken. Wer sich am Freitag, dem 13. kaum aus dem Haus traut, glaubt, dass es unbekannte KrĂ€fte gibt, die sein Leben beeinflussen. Wer nach Horoskopen lebt oder wer ein Amulett trĂ€gt, das ihn vor Schaden schĂŒtzen soll, glaubt an ĂŒbersinnliche MĂ€chte.
Wenn ein Mönch durch Meditation einen höheren Seinszustand erreichen will, sucht er die andere Welt. Wenn die Hindus keiner Kuh etwas zuleide tun, dann tun sie dies aus Respekt vor dem Gebot einer jenseitigen Macht. Wenn ein Mensch Angst davor hat, als Schlange wiedergeboren zu werden, dann glaubt er an eine jenseitige Macht, die ĂŒber seine Wiedergeburt entscheidet.
Es scheint viele Wege zur anderen Welt zu geben – oder zu anderen Welten. Wir können sie nicht sehen, wir können sie nicht anfassen, wir können sie nicht beweisen. Aber es gibt viele Menschen, die an sie glauben.

Gegenwelten
Wer an eine andere Welt glaubt, tut gut daran. Denn es hilft sehr, an eine andere Welt zu glauben. Es half den frĂŒhen Menschen, und es hilft auch heute.
Es muss hart gewesen sein fĂŒr die frĂŒhen Menschen, als sie noch in ihren unwirtlichen Höhlen hausten. KĂ€lte und NĂ€sse machten das Leben schon von vornherein ungemĂŒtlich. Zu essen gab es nur, wenn es ihnen gelungen war, Wild zu jagen oder Wurzeln und FrĂŒchte zu finden. Wenn nicht, mussten sie hungern.
Raubtiere stellten ihnen nach, und alle möglichen Krankheiten quĂ€lten sie. Sie wurden durch Blitz und Donner erschreckt, mussten vor WaldbrĂ€nden und Überschwemmungen fliehen. Und all das, ohne dass sie die Ursachen und AblĂ€ufe durchschauten und ohne dass sie viel dagegen tun konnten.
Hilflos und verloren mĂŒssen sie sich gefĂŒhlt haben.
Da war es wie eine Erlösung, wenn sie sich vorstellten, dass dies alles das Wirken einer höheren Macht war und dass man sich mit dieser Macht arrangieren konnte. Sie suchten, diese Macht gnĂ€dig zu stimmen, beispielsweise durch das Opfern von Speisen, Tieren und Menschen. Sie opferten, was ihnen selbst am wertvollsten war. Sie unterwarfen sich unterschiedlichsten Regeln, fasteten zu bestimmten Zeiten, fĂŒhrten kultische Waschungen durch. Sie hielten sich an alle möglichen Verbote und Gebote.
Bei allem, was ihnen wichtig war, riefen sie die MĂ€chte der anderen Welt an: fĂŒr den Erfolg bei der Jagd, fĂŒr die Gesundung von Kranken, fĂŒr die Fruchtbarkeit von Frauen und Feldern.
Jetzt standen sie der gefĂ€hrlichen und undurchschaubaren Wirklichkeit nicht mehr hilflos gegenĂŒber. Sie konnten etwas tun, um all das, was sie nicht verstehen konnten, doch irgendwie in den Griff zu bekommen.
Es war wie ein BĂŒndnis mit der anderen, der ĂŒbergeordneten Welt, ein BĂŒndnis gegen die FĂ€hrnisse und UnzulĂ€nglichkeiten der realen Welt. Dieses BĂŒndnis gab ihnen Kraft und Selbstsicherheit. Sie fĂŒhlten sich stĂ€rker und weniger angreifbar.
So groß war ihr Vertrauen in die höhere Macht, dass sie selbst dann, wenn ihre Bitten nicht erhört wurden, die Schuld bei sich selbst suchten, aber nicht an der höheren Macht zweifelten. Die andere Welt war unzerstörbar, auf sie war Verlass.
Das alles ist lange her. Heute wohnen viele Menschen in bequemen HĂ€usern, haben es warm und trocken, immer genug zu essen, brauchen vor vielen Krankheiten, vor Blitz und Donner keine Angst mehr zu haben. Und vor allem durchschauen wir heute die meisten AblĂ€ufe unserer Umwelt. Viele Widrigkeiten beherrschen wir und können etwas dagegen tun. Wir fĂŒhlen uns nicht mehr hilflos ausgeliefert.
Trotzdem glauben immer noch viele Menschen an eine andere Welt. GlÀubige Menschen richten ihr Leben an den Forderungen einer göttlichen Ordnung aus. Und dieser Glaube macht sie stark. Millionen von Menschen finden Trost und Kraft im Gebet.
Immer wieder können wir Menschen bewundern, denen das Schicksal anscheinend nichts anhaben kann, da sie innerlich in einer anderen Welt verankert sind, die ihnen wichtiger ist. Aus ihrer Verbundenheit mit einer Macht, die ihnen niemand wegnehmen kann, auch nicht mit Gewalt, gewinnen sie eine beneidenswerte UnabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber den irdischen MĂ€chten.
Unweigerlich fallen einem hier die MĂ€rtyrer ein. Selbst der Tod, der grĂ¶ĂŸte Feind ihrer irdischen Existenz, konnte sie nicht schrecken, weil sie in der anderen Welt ihre eigentliche Heimat sahen.
Auch in unserer Zeit kann sich ein Mensch durch ein BĂŒndnis mit der anderen Welt ĂŒber die Niederungen der RealitĂ€t erheben. Ich mag in dieser Welt benachteiligt, unverstanden oder erfolglos sein. Aber ich kann mich von all dem befreien, indem ich dies unwichtig finde im Vergleich zu meiner wahren Bestimmung in der anderen Welt. Dass ich etwa ein christliches Leben fĂŒhre, ist fĂŒr mich das einzige, das zĂ€hlt.
Ich bin im Bund mit einer höheren Macht und gewinne damit Abstand zur realen Welt und ihrer Unberechenbarkeit. Ich glaube an meine Bestimmung in der anderen Welt und werde dadurch unempfindlich fĂŒr die Niederlagen und Zumutungen meiner Wirklichkeit.
Im realen Leben bin ich den WechselfÀllen des Lebens ausgesetzt. Ich kann krank werden, meinen Besitz, meine Familie oder meine Heimat verlieren. Die andere Welt aber ist unverlierbar, solange ich an sie glaube. Sie bleibt unverÀndert bestehen und macht mich frei von den unzuverlÀssigen Tatsachen des Lebens. Der Glaube an die andere Welt verleiht Freiheit und UnabhÀngigkeit.
Selbst Armut, Krankheit und SchicksalsschlĂ€ge können als PrĂŒfungen gedeutet werden, die einem von der außerirdischen Welt auferlegt werden. Damit verliert das reale Schicksal zumindest einen Teil seiner Bedrohlichkeit und wird gleichsam gebĂ€ndigt.
GlĂ€ubige Menschen werden durch die WechselfĂ€lle des Lebens weniger hin- und hergeworfen, denn ihr Bezugspunkt bleibt bestehen, solange der Glaube hĂ€lt. Ihr SelbstgefĂŒhl wird auf eine höhere Ebene gehoben, von der aus sie gleichsam von oben auf die reale Welt herabschauen können. Sie sind deshalb unabhĂ€ngiger, ruhiger und selbstsicherer. Vielleicht kann man sogar sagen, sie seien glĂŒcklicher.

GefĂŒhl und Glauben
Ja wenn das so ist, dass eine Verbindung mit der anderen Welt freier, unabhĂ€ngiger und glĂŒcklicher macht – wieso steigen nicht alle Menschen in eine solche Verbindung ein?
Weil es nicht so einfach ist! Wir können nicht einfach eine kĂŒhle Entscheidung zu unserem Vorteil treffen. Mit dem Verstand ist hier nichts zu erreichen. Hier geht es um Glauben, und glauben kann man nur mit den eigenen GefĂŒhlskrĂ€ften.
Mein Verstand kann mir keinen Glauben befehlen; so wie er mich auch nicht dazu bewegen kann, einen bestimmten Menschen zu lieben. Liebe, Vertrauen, Glauben, das sind KrĂ€fte auf einer Ebene, die wir nicht verstandesmĂ€ĂŸig steuern können. Hier gilt Goethes Satz “Wenn ihr’s nicht erfĂŒhlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“
Wenn ich an etwas glaube, dann brauche ich keine Beweise. Auch Gegenbeweise können meinen Glauben nicht erschĂŒttern. Ich glaube, weil meine GefĂŒhle mich dazu fĂŒhren, zu glauben. Die Kraft des Glaubens behĂ€lt auch in unserer Zeit immer noch etwas Geheimnisvolles, Magisches, ja Mystisches.
Den frĂŒhen Menschen war eine enge gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Verbindung mit Geistern und Göttern etwas SelbstverstĂ€ndliches. Wir Heutigen denken vielfach mit dem Verstand auszukommen. Aber die Sehnsucht vieler junger Menschen nach eben solchen gefĂŒhlsmĂ€ĂŸigen Bindungen deutet darauf hin, dass wir Menschen nicht nur Verstandeswesen sind.

Das Unbehagen in der materiellen Welt
‚Weil das Leben, das ihr uns anbietet, so nichtssagend ist’ - so oder Ă€hnlich begrĂŒnden manche junge Menschen ihre Suche nach anderen Lebenszielen. Ein tiefes Unbehagen an unserer materiell bestimmten Lebensform, an einem ziellosen Vor-sich-hin-Leben liegt der Suche nach der anderen Welt zugrunde.
Alle diese alltĂ€glichen Verrichtungen – arbeiten, einkaufen, essen, verreisen, fernsehen -, das kann doch einfach nicht der Sinn meines Lebens sein! Es kann nicht sein, dass ich dafĂŒr auf der Welt bin. Mein Leben muss einen anderen, einen höheren Sinn haben.
Was ist jenseits von diesem Leben, jenseits der Erde, jenseits des Todes? Welche Rolle spiele ich dort? Und welche Rolle ist mir eigentlich hier und jetzt zugeteilt – nicht von den Menschen, sondern von der Macht, die fĂŒr mein Leben verantwortlich ist?
Es ist auch eine Suche nach GefĂŒhlen und nach Geheimnissen. Denn mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis wird unsere Welt weniger geheimnisvoll und damit Ă€rmer und leerer. Wir können immer weniger mit unseren GefĂŒhlen anfangen, mit denen unsere Vorfahren die Welt erfasst und ihr Leben gestaltet haben.

Was darunter liegt
Das Unbehagen der jungen Leute entstammt nicht bloß jugendlicher Unruhe. Die Älteren haben es oft nur erfolgreich verdrĂ€ngt.
Was die Jungen umtreibt, daran leiden Menschen, solange es Menschen gibt. Sie leiden am Ur-Drama des menschlichen Daseins, das in der Bibel so bildkrÀftig als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben wird.
Als die Menschen vom Baum der Erkenntnis aßen, mussten sie dies mit dem Verlust ihrer Unschuld bezahlen. Ihre Vorfahren waren einfach nur ihren Instinkten gefolgt. Dabei gab es keine Schuld. Wir sprechen ja auch einen Löwen nicht schuldig, wenn er eine Gazelle oder gar einen anderen Löwen tötet. Er hat keine Verantwortung dafĂŒr, er folgt nur seinen Instinkten. Die Entscheidungen trifft die Natur, die den Löwen so handeln lĂ€sst.
Das aber ist eben das Neue am Menschen, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen (eigentlich eine Entwicklung von Hunderttausenden von Jahren durchlaufen) hatte: Er trifft seine Entscheidungen selbst. Nicht die Natur entscheidet fĂŒr ihn, beispielsweise ob er einen Mitmenschen tötet oder nicht, er trifft diese Entscheidung selbst. Er kann nun gut oder böse handeln; er kann Schuld auf sich laden. Er ist verantwortlich fĂŒr sein Leben und fĂŒr seine Taten.
Ein denkwĂŒrdiges Geschehen: Bis dahin hatten einzig die Naturgesetze alles auf diesem Planeten entschieden. Ob ein Vulkan ausbricht, ein Meer ĂŒber seine Ufer tritt, die Dinosaurier aussterben, ein Löwe einen anderen tötet: alles Entscheidungen der Natur. Und nun gab es eine andere Kraft, die Entscheidungen treffen konnte: eben den Menschen.
Dies war nur möglich, weil sich die geistigen KrĂ€fte des Menschen immer weiter entwickelt hatten. Deshalb erlebte der Mensch mehr und mehr sein Denken und FĂŒhlen, weniger seinen Körper als sein eigentliches Ich. Denn seine Gedanken und GefĂŒhle sind die Grundlage fĂŒr seine Selbstverantwortlichkeit.
Mit der Kraft seines Geistes konnte der Mensch seinen Siegeszug auf der Erde antreten. Aber mit der Selbstverantwortlichkeit sind auch BrĂŒche und Spannungen in das Leben des Menschen gekommen, die bis heute nicht geglĂ€ttet sind.
Vor allem anderen ist da die eigene Sterblichkeit, die er nun so klar erkannte wie nie zuvor. Er kann zwar ĂŒber sein Leben entscheiden, aber der Tod ist außerhalb seiner Entscheidungsgewalt. Der sichere Tod war die grĂ¶ĂŸte Beleidigung fĂŒr sein neues Selbstbewusstsein. Denn dieses Selbstbewusstsein greift weiter als die körperlichen Begrenzungen. Mit einem Ablaufdatum fĂŒr die geistige Existenz kann es sich nicht zufriedengeben. Mit dem Tod kommt der Mensch bis zum heutigen Tage nicht klar.
Überhaupt verlangt der Geist nach einem Sinn des Ganzen. Wie soll man Entscheidungen fĂŒr sein Leben treffen, wenn man nicht weiß, wohin das fĂŒhren soll? Vorher hatte die Natur fĂŒr alles gesorgt. Jetzt sollten die Menschen selber klarkommen, obgleich sie in den großen Fragen ihres Daseins keine Antworten hatten.
Die Menschen fĂŒhlten sich hilflos und ausgesetzt – fern von der paradiesischen SelbstverstĂ€ndlichkeit ihres vorherigen Lebens.
In dieser Lage haben die Menschen die andere Welt erfunden. Die UnzulĂ€nglichkeiten ihres realen Lebens konnten sie jetzt durch ein BĂŒndnis mit dieser anderen Welt ausgleichen. Ihr neues Ich-Bewusstsein, das den Gedanken an den Tod nicht ertragen konnte, konnte sich nun damit trösten, dass es eine Rolle ĂŒber den Tod hinaus haben sollte. Und das GefĂŒhl der Verlorenheit wurde durch die Heilsversprechungen der Religionen besĂ€nftigt.
Heil sollte etwas werden, das mit der Vertreibung aus dem Paradies kaputtgegangen war: eine ganzheitliche, in sich stimmige Lebensform, in der eine höhere Macht alle Entscheidungen traf. Das Leben lief fraglos und selbstverstĂ€ndlich ab, keine Zweifel, keine Schuld, keine Angst vor dem Tod. Nach diesem Bild haben die Religionen ihre Paradiese geformt. Hier schufen sich die Menschen ein neues Zuhause fĂŒr ihre GefĂŒhle.
Freilich, ob wir Heutigen uns nach Hunderttausenden von Jahren an paradiesische ZustĂ€nde erinnern, das ist wohl eher zu bezweifeln. Woran sich jeder Mensch allerdings erinnert, vor allem im Unbewußten, das ist die eigene frĂŒhe Kindheit, die wie eine Wiederholung der Menschheitsgeschichte war. Jeder von uns hat damals in einer Welt der Unschuld gelebt, in der fĂŒr uns gesorgt wurde, in der wir keine Entscheidungen treffen mussten.
Irgendwann wurden wir aus diesem paradiesischen Zustand ‚ausgesetzt’. Wir mussten nun selbst entscheiden und Verantwortung ĂŒbernehmen, konnten auch schuldig werden. Und wir leben in denselben WidersprĂŒchen, aus dem die frĂŒhen Menschen nur den Ausweg ĂŒber die andere Welt gefunden hatten.
Es ist ja kein Zufall, dass glĂ€ubige Menschen Schutz und Hilfe bei einem vĂ€terlichen Gott oder bei der Mutter Maria finden – wie einst bei den Eltern. Sie tragen ihnen WĂŒnsche vor, bitten um Vergebung, bedanken sich, werden getröstet oder gestraft – wie frĂŒher bei den Eltern. Die Religion hilft gegen das Alleinsein in der Selbstverantwortlichkeit.
Was Wunder, dass es auch heute noch immer die Sehnsucht nach einer anderen Welt gibt. Wie schon unsere Vorfahren fĂŒhlen wir uns nicht im Einklang mit unserem Schicksal, wir fĂŒhlen uns eigentlich nicht richtig zuhause.
Aller Fortschritt der materiellen Welt kann da nicht helfen. Denn es geht um GefĂŒhle. Und unsere GefĂŒhle streben nach Geborgenheit und Einheit, nach einem GefĂŒhlszustand, in dem Angst, Zweifel und Zerrissenheit bewĂ€ltigt sind.
Es fehlt uns ein Ur-Vertrauen wie das kindliche Grund-Vertrauen in die Welt. Wie dieses nur wÀchst, wenn es Eltern gibt, die Schutz, Liebe und Geborgenheit geben, so brauchen wir wohl die andere Welt, die Schutz und Geborgenheit gibt, damit wir Vertrauen zu unserem Schicksal entwickeln.

Evolution und Geist
Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte des Wachstums seiner geistigen KrĂ€fte. Wie fast alle biologischen Entwicklungen folgte auch das Wachstum des menschlichen Geistes der evolutionĂ€ren Logik: Die geistigen KrĂ€fte wuchsen, weil sie die Chancen der Menschen auf ihr Überleben erhöhten. Je mehr Hirn, desto mehr Durchschlagskraft im Kampf der Arten.
Dass die frĂŒhen Menschen das Feuer bĂ€ndigen konnten, verlangte geistige KrĂ€fte, ĂŒber die ihre tierischen Feinde und Konkurrenten nicht verfĂŒgten. Das Feuer brachte den Menschen große Vorteile, da sie nun KĂ€lte und Dunkelheit beherrschen, Tiere verjagen und Nahrungsmittel garen konnten.
Auch die Erfindung von Werkzeugen und die Entwicklung des Ackerbaus verlangten geistige KrĂ€fte. Die Überlebenschancen der Menschen wurden dadurch dramatisch gesteigert.
Aber das Wachstum der geistigen KrĂ€fte arbeitete nicht nur fĂŒr die Evolution. Der Geist machte sich gewissermaßen selbstĂ€ndig. Er entsprang der Werkstatt der Evolution wie ein Virus dem Labor.
Oft lief das, wozu die Menschen ihre geistigen KrĂ€fte benutzten, nicht auf die Ziele der Evolution hinaus, sondern wirkte diesen sogar entgegen. Sie erfanden Eremiten, die Einehe und den Zölibat. Sie zĂŒchteten Tiere und Pflanzen, die auf natĂŒrliche Weise nie entstanden wĂ€ren; ein Pekinese wĂŒrde in der Wildnis nicht lange ĂŒberleben. Und sie entwickeln in der letzten Zeit sogar Techniken wie die Atomkraft, die zum Ende der Evolution und des ganzen Planeten fĂŒhren können.
Mit der Entwicklung der menschlichen GeisteskrĂ€fte trickste die Evolution sich sozusagen selber aus. Sie setzte ihre eigenen Gesetze außer Kraft. Dass der menschliche Geist sich verselbstĂ€ndigte, ist eine epochale Wende in der Geschichte des Planeten.

Zum Schluss
Also dann: Sind wir nicht nur von dieser Welt oder doch?
Eines ist sicher: Die anderen Welten bestehen nur in unseren Köpfen. Damit sind sie auch von dieser Welt – jedenfalls, wenn unsere Köpfe dazugehören. Auch die Voraussetzungen und GrĂŒnde fĂŒr die Erfindung anderer Welten sind von dieser Welt. Denn sie liegen in der Geschichte der Evolution und des Menschen. Ohne Evolution, ohne diesen Planeten wĂŒrde es keine ausgedachten anderen Welten geben. Die gibt es nur, weil es den Menschen gibt. Mit dem letzten Menschen werden sie verschwinden.
So gesehen sind wir eindeutig nur von dieser Welt.
Andrerseits: Warum soll man nicht von zwei Welten sprechen, wenn man den Unterschied zwischen der materiellen Welt und der gedanklichen Welt des Menschen betonen will? Kann man ĂŒberhaupt ein bewusstes und ausgeglichenes Leben fĂŒhren, ohne fĂŒr sich eine Antwort auf die Ur-Frage des Lebens zu finden: Warum bin ich hier?
Seitdem die Menschen selbstverantwortlich fĂŒr ihr Leben geworden sind, mĂŒssen wir uns alle mit dieser Frage auseinandersetzen.
FĂŒr glĂ€ubige Menschen ist die Sache klar: Sie finden alle Antworten in ihrer Religion. Aber das ist sicher nicht die einzige Antwort auf die Ur-Frage. Man muss nicht an religiöse Lehren glauben, nicht beten, danken oder opfern. Es gibt viele Wege zu einer Antwort auf diese Frage.
Die einen glauben an eine nicht nĂ€her bestimmte Macht, die das Universum geschaffen hat. Sie halten es aber nicht fĂŒr möglich, eine Verbindung mit dieser Macht herzustellen. Andere glauben, dass unser Leben eingebettet ist in kosmische AblĂ€ufe, die uns immer unbegreiflich bleiben werden. Und schließlich gibt es auch diejenigen, welche die Entstehung des Universums und des Lebens – auch des eigenen Lebens - fĂŒr einen reinen Zufall halten, in dem kein Sinn zu finden ist.
Wie auch immer: Wir machen uns ein Bild von einem Rahmen, der ĂŒber die materielle Welt hinausweist und dem wir unterstellt sind.
Wir denken und glauben ĂŒber die sichtbare Welt hinaus. Insofern sind wir nicht nur von dieser Welt.

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Haremsdame
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Dein Thema spricht mich an. Allerdings muss ich gestehen, dass mir Deine Arbeit zu umfangreich ist. Anfangs las ich mit großem Interesse jeden Satz genau. Dann verließ mich die Aufmerksamkeit. Ich las quer. Meine Gedanken schweiften ab. Ich konnte Deinen Gedanken nicht mehr folgen - obwohl ich es wollte. Dann scrollte ich weiter, versuchte mich hier und da nochmal reinzu"arbeiten". Es gelang mir leider nicht.

Fazit: Solche Gedanken gestraffter wiederzugeben, könnte mehr Leser gewinnen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann nochmal, mich in den Text hineinzuknien. Aber ich befĂŒrchte, er gehört zu der Art Text, die auf dem großen Berg dessen landen, was ich mir "fĂŒr spĂ€ter" auf die Seite lege. Nach Jahren muss ich dann akzeptieren, dass es keinen Sinn hat, das Papier weiter aufzuheben, denn die "richtige" Zeit finde ich nie. Also wird es entsorgt. Was ich eigentlich schade finde, weil es mich ja interessiert. Siehst Du, in welches Dilemma Du den Leser mit so langen, ausfĂŒhrlichen Texten stĂŒrzen kannst?

Leider ist es vielen von uns nicht vergönnt, sich zu sehr in die geistige Welt zu begeben. Es gibt zu viel Alltag um uns herum...

Viele GrĂŒĂŸe von einer "GlĂ€ubigen"




__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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petrasmiles
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Hallo Heiden Steffen,

ich halte es fĂŒr einen BĂ€rendienst, wenn man mit einer bemĂŒht lockeren Schreibe einem Thema die eigene Schwere nehmen will. Das geht meist nach hinten los.
Auch im vorliegenden Fall ist die 'zurĂŒckgenommene' im Sinne von nicht intellektualisierende Sprache verwĂ€ssernd.

Dabei sprichst Du in der Tat ein großes Thema an, aber es verpufft zuviel Energie in eine gewollt wirkende NaivitĂ€t.
Und die verfĂŒhrt dann dazu, auch den Gegenstand selbst zu trivialiseren.

Was Du ĂŒber den anderen Zugang der 'ersten Menschen' zur SpiritualitĂ€t gesagt hast, ist meines Erachtens falsch und von hinten aufgezĂ€umt. Über die Sinneswahrnehmung und UnerklĂ€rbarkeiten von Ursache und Wirkung von PhĂ€nomenen entstand ein 'intellektuelles' BedĂŒrfnis nach ErklĂ€rung. Etwas weit außerhalb von mir Liegendes muss fĂŒr diese unerklĂ€rbaren Dinge verantwortlich sein. Und ĂŒber diese 'Akzeptanz' einer höheren Macht, ohne dass sie schon als solche in dieser Welt als Glaubensinstitution instrumentalisert wurde, entstand die Bereitschaft, zu glauben, weil wissen nicht möglich war.
Wie Du es darstellst, klingt es wie ein Deal der Steinzeitmenschen, ok, ich friere, mir ist Angst und Bange wegen des Donners, also wenn ich hier jetzt mal an Dich glaube, beschĂŒtzt Du mich dann, und kann ich alles, was ich mir nicht erklĂ€ren kann, auf Dich mĂŒnzen.
Und im Umkehrschluss wĂ€re es das satte LebensgefĂŒhl, dass die Menschen der SpiritualitĂ€t entfremdet. Auch das stimmt nicht.
Wenn der Mensch als Spezies etwas Neues aufnimmt, oder etwas Gewohntes weglĂ€sst, dann sind im Zweifelsfalle immer GrundbedĂŒrfnisse im Spiel.
Das macht die eigentliche Suche nach ErklÀrungen so spannend.

DarĂŒber hinaus vermischt Du hier zwei PhĂ€nomene. Das eine ist der nachlassende Einfluss institutionalisierter Kirchen in unserer Gesellschaft, den junge Menschen wieder mehr zulassen (?), das andere die Frage nach der SpiritualitĂ€t der Menschen, die sicher nicht nachgelassen hat.

Wenn man die Geschichte nicht als linear begreift, dass also alles hintereinander passiert und Ursache und Wirkung ordentlich ineinander greifen, sondern eher von einem Geschichtsverlauf in Wellenbewegungen ausgeht, dass also schon wĂ€hrend des Höhepunktes des einen PhĂ€nomens das neue entsteht und erstarkt, und gegenlĂ€ufig wĂ€chst wĂ€hrend ersteres im Niedergang ist, erklĂ€ren sich die jungen Menschen, die das PhĂ€nomen Papst anzieht, als Gegenbewegung zur SĂ€kularisierung der Elterngeneration, die sich wiederum gegen ein individualisierungsfeindliches Gesellschaftsmodell gewandt hatten, wofĂŒr die Kirche ein ReprĂ€sentant war.

Du sprichst von SpiritualitÀt, meinst aber Religion.

Der Mensch hat mehr BedĂŒrfnisse, als Du in Deinem Text zugestehst, denn im Grunde landest Du immer wieder bei dem Modell, dass er nur Schutz sucht, ErklĂ€rung fĂŒr seine beschrĂ€nkten Sinne, Ordnung, Trost und Vertröstung.

'Die Vertreibung aus dem Paradies' ist eine Metapher. Sie beschreibt meinetwegen ein Urdrama, aber weniger dramatisch einen 'natĂŒrlichen' Prozess. Alles, was wir erfahren, verĂ€ndert uns, und jeden Tag, mit jeder gewohnten Annahme, die wir verlieren, werden wir ein bisschen mehr oder noch einmal aus dem Paradies der Unwissenheit vertrieben. Wenn man jung ist, mag man das als traumatisch empfinden, wenn die Welt nicht das ist, was man zuerst wahrgenommen hat. Das aber ist ein Reifungsprozess, an dessen Ende die Freiheit steht, seinen Gott und seine spirituelle Weltordnung sich auszusuchen.
Es ist ein Trugschluß, anzunehmen, dass der Glaube frei machte, so wie Du die Glaubensmotive darlegst. Er tröstet sicher, er 'erleichtert' die eigene BĂŒrde, und schafft Ordnung in einer an ReizĂŒberflutung mĂŒden Gesellschaft, aber so blendet man gewisse Aufgaben des Individuums aus. Da ist eine letzte große Verantwortung fĂŒr sich selbst, die man auf ein numinoses Nicht-Wesen projiziert, wenn es um Schutz, Trost und Ordnung geht.

Dein 'Schluss' ist gut, die Herleitung wird dem aber nicht gerecht. Der im Schluss wiedergegebene komplexe Ansatz findet sich in der Herleitung nicht wieder.
Ist nun die Herleitung Deine Meinung und im Schluss befindet sich eine eher intellektuelle 'Zusammenfassung' der Positionen, oder standen die Positionen am Anfang und sollten im Text untersucht werden? Im letzteren Fall wĂ€re der Herleitungstext ĂŒberflĂŒssig.

Wenn Du bei Deinen Überlegungen Dich wirklich auf die SpiritualitĂ€t jenseits von Kirchen einlĂ€sst, wirst Du vielleicht Antworten finden, die der Glaubensfrage nĂ€her kommen als Du bisher in Deinen AusfĂŒhrungen gekommen bist.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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