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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Wirrer Traum
Eingestellt am 27. 08. 2006 15:58


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Wirrer Traum


1
Sie steht am Fenster und schaut hinaus.
Seit Stunden steht sie da und schaut
aus dem Fenster
einfach so
aus dem zweiten Stock heraus.

Und sie schaut durchs dunkle Laub
einer Linde, die vom Hofe
reicht bis hoch, bis vor das Fenster,
wo sie steht und schaut.
Die Bl├Ątter rascheln ganz gelinde,
doch die Frau h├Ârt keinen Laut.

Und sie sieht auch nicht die andern
B├Ąume.
Nein, es wandern
ihre Blicke durch den Raum
und mitten durch das n├Ąchste Haus.

Sie durchqueren viele R├Ąume.
Zeitlos sieht sie, was da w├Ąre
wenn f├╝r immer -
wenn statt Raum, statt Haus, statt Zimmer -
einfach ├╝berhaupt nichts w├Ąre.

Denn sie schaut nur so ins Leere.

Weil sie nachdenkt: ├╝bers Leben
und ├╝ber sich und grade eben
denkt sie nach ├╝ber den Traum,
wo sie ┬┤ne Kneipe aufgemacht.
Und dieser Traum war letzte Nacht

2
Es war warm, als sie da stand -
unterm Licht, Tablett im Arm
Und es kamen nur sie selbst
mit ihrem Manne Arm in Arm
aus dem Dunkeln in die Bar.

Sie setzten sich, sie fragte sich,
was sie w├╝nschte, w├Ąre sie,
die, die aussah, so wie sie,
an dem Arm von diesem Mann,
der so aussah wie der Mann
auf dem Foto Arm in Arm
mit ihr selbst vor dem Altar.

Wein w├ĄrÔÇÖ fein, so sagte sie.
Und rot und trocken sollt er sein.
Und zu ┬┤nem s├╝dlichen Franzosen
sage sie bestimmt nicht Nein.
Ach ja, bei der Gelegenheit -
wir sind nat├╝rlich hier zu zweit.
Ein Glas f├╝r mich und eins f├╝r ihn,
den Mann, der aussieht wie der Mann
der da hinter ihr grad steht.

Und hinter ihr, da stand ihr Mann
und schaute sie nur fragend an,
als aus dem Dunkel abermals
sie heraustrat zu den Tischen.
Wie, um kurz mal abzuwischen.

Das Tablett fiel und es krachte.
Und ihr Mann, ach wie der lachte.
H├Ârte nicht mal auf zu lachen,
als sie, schon nach dem Erwachen,
an ihm zupfte und ihn fragte,
was es Lust┬┤ges g├Ąb zu Lachen.

3
Da warf f├╝r einen Augenblick
sein Blick den ihren ihr zur├╝ck.
Ganz wach und ohne Spur von Schlaf
sprach er zu ihr, es t├Ąt ihm leid,
der Scherz ging eben wohl zu weit.
Dann schlief er ruhig atmend ein.
Lie├č sie mit alledem allein.

Er wu├čt auch nichts mehr, fr├╝h beim Essen,
hatte alles gleich vergessen.
Er k├╝sste sie und fuhr dann los,
sein Weg war weit, ihr Blick war gro├č.
So blieb sie stehen mit Kuss und Zeit
und starrt nun in die Ewigkeit.

SIE kann den Traum nicht mehr vergessen
und fragt sich: Wessen Traum warÔÇÖs?
Wessen?


__________________
kny

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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

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Kommentare: 11049
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Besonders interessant in diesem Gedicht sind die Wiederholungen, die ihm einen eigent├╝mlichen und leicht melancholischen Ton geben.


__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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nachtlichter
Guest
Registriert: Not Yet

Verwirrend, aber gut - der Nachhall dieses Traumes sowie die einsame Ratlosigkeit der Tr├Ąumenden kommen gut r├╝ber - aus dem Reich der

nacht(lichter)

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
Kommentare: 426
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danke, ihr beiden.
genau so war es gedacht: ein melancholischer nachhall.
und dass die frage ohne antwort bleibt.
gru├č aus berlin. knychen
__________________
kny

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