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Leselupe.de > Kurzprosa
Wirst du dich kastrieren lassen?
Eingestellt am 17. 08. 2005 19:57


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sohalt
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Karlas Lieblingsgedicht handelt von einem Balkon, der kastriert wird. Mit GĂ€nsehaut liest sie, wie ihm die Pflanzen genommen werden, dann der Tisch, die StĂŒhle, das Kinderspielzeug, selbst das Thermometer, denn es ist ein kalter Sommer. Die GĂ€nsehaut ist doppelt, metaphorisch und konkret, denn es ist ein kalter Sommer, nicht nur im Gedicht. Der modische Sommer von heute trĂ€gt dieses Jahr Regenschleier, durch so einen schaut Karla hinaus auf den eigenen Balkon, also jenen Teil davon, der den Namen wirklich verdient, weil er tatsĂ€chlich vollstĂ€ndig aus der Wand herausragt und nicht eigentlich das Dach der Garage ist und fragt sich, kann ihm das auch passieren? Wirst du dich kastrieren lassen, Lieber?

Wir haben ja gar keine Balkonpflanzen, denkt Karla, nie gehabt. Nichts GrĂŒnes stört die Erhabenheit dieser WĂŒste aus Waschbeton. WĂŒst und leer, das sind die besseren Attribute fĂŒr den Balkon, findet Karla. Schmuck? Pah. Da ist nicht viel, das man wegrĂ€umen könnte: ein verrotteter Biertisch plus Bierbank, leere Bierflaschen, ein umgestoßener Aschenbecher, eine hinfĂ€llige WĂ€schespinne, eine eingetretene TĂŒr und ein vergessener Vorschlaghammer. Das klingt nicht nach leer, aber der Balkon ist groß, das GerĂŒmpel verliert sich in der Weite der WaschbetonwĂŒste. So bleibt genug Platz zum Auf- und Abwandern. Das ist kein Sitz-Lieg-und-Sonn-, sondern ein Wanderbalkon. Karla hat das frĂŒher oft getan, tief in Gedanken oder mit einem Heft in der Hand und sich den Lernstoff vorgesagt, vorgesungen, vorgetragen, als wĂ€re es ein Liebesgedicht, eine KriegserklĂ€rung, eine Grabrede, eine Radiowerbung. Die Nachbarn haben sich gewundert und Karla bekam gute Noten. Sie lernte leicht, weil sie ihre eigene Stimme so gern hörte.

FrĂŒher stand da auch ein Tischtennistisch, den hatte Winz sich gewĂŒnscht und bekommen, obwohl Karla rechtzeitig angekĂŒndigt hatte, dass sie jedenfalls nicht mit ihm spielen wĂŒrde, weil sie das Spiel nicht mochte und nicht beherrschte. Er wurde selten benutzt -Winzens Freunde spielten auch lieber Play-Station - und in die Kleinanzeigen gesetzt. Und wenn der Ball ĂŒbers GelĂ€nde ging, musste man durchs Haus die Treppe runter, das war sowieso mĂŒhsam, denkt Karla, damals hatten wir ja die Wendeltreppe noch nicht. Die Wendeltreppe fĂŒhrt hinunter in den Garten und wurde am hĂ€ufigsten von Winzens Freunden benutzt, sie klopften an sein Fenster und wollten nur schnell eine rauchen, wenn Winz ĂŒber den BĂŒchern saß. Denn sie waren lernfĂ€hig, sie wussten, die TĂŒrklingel brachte es nicht.

Ist Winz da?
Klar, aber er muss lernen, er hat nicht viel Zeit. Winz! Wiiiiiinz! Und wirklich nur kurz, du musst heut noch was tun!


Winz fĂŒhlte sich bei ihren nĂ€chtlichen Besuchen wie Rapunzel im Turm, also beschissen, weil erstens unmĂ€nnlich und zweitens gefangen in einer seinem Alter unangemessenen Situation. Aber es hatte sich bewĂ€hrt und wurde Tradition. FĂŒr Karla kam nie wer die Wendeltruppe hoch, das war ihr nicht sonderlich geheimer Kummer und der Grund, warum sie Winz gar so oft damit aufzog.

Wir hatten unsere guten Zeiten, denkt Karla, weißt du noch? Wie wir da lagen und in den Himmel schauten, Mam und Winz und ich und Mam ihre PlĂ€ne schmiedete und begehrliche Blicke auf die Pferdekoppel nebenan warf, man könnte das GrundstĂŒck kaufen und noch ein Reihenhaus anhĂ€ngen, fĂŒr ein Kind samt Familie, und die Balkone ĂŒberdachen, da ginge sich eine hĂŒbsche Wohnung aus, vielleicht fĂŒr das zweite Kind, falls es allein bleibt. (Ob sie damals schon geglaubt hat, dass ich allein bleibe, denkt Karla, jetzt ist sie ja ĂŒberzeugt.)

Warte nur, wir werden weg sein, so schnell kannst du gar nicht schauen.

Eine richtige Burg wĂ€re das geworden; Mama geht unter die Burgherren, feixt Winz, und wer grĂ€bt dir den Burggraben? Wer bewacht dir den Burggraben? Krokodile, Piranhas? Und praktisch wĂ€re das!, denn bis dahin ist Karli ein Quader und wir können dann den Karli-Quader einfach ĂŒber den Balkon in die neue Wohnung schieben und das war eigentlich gemein, denn Karla kam da gerade in das Alter, in dem MĂ€dchen anfangen, sich schnell fett und formlos zu fĂŒhlen. (Das war damals allerdings spĂ€ter als heute, denkt Karla.) Ihr Lachen war trotzdem echt, denn diese Bilder von der Mama-Burg und dem Karli-Quader, die hatten einfach etwas unwiderstehlich Komisches.

Wart nur, wir werden weg sein, so schnell kannst du gar nicht schauen.
Geht nur, geht nur, ich kann’s gar nicht erwarten
.

Und wir haben so gelacht, denkt Karla, alle drei, das mit dem Sich-Zerkugeln ist nÀmlich gar keine Phrase, wir haben uns wirklich gewunden, gewÀlzt auf dem Waschbeton und gelacht und uns die BÀuche gehalten.

SpĂ€ter hat Karla die BuchungssĂ€tze und Vokabeln nicht mehr aufgesagt, sondern abgeprĂŒft. Sie brauchte den Balkon nicht mehr, sie hatte den Park, das CafĂ©, die Bibliothek in einer anderen Stadt und kam nur heim, um Winz abzuprĂŒfen und sich anzuhören, wie wenig er das alles aushielt und ihm zuzuschauen, wie er auf dem Balkon auf- und abging, mit hĂ€ngenden Schultern und den Blick auf den Waschbeton gerichtet.

Ich möchte einfach nur versagen dĂŒrfen. Im Herbst noch mal antreten, im FrĂŒhling noch mal. Einfach in Frieden versagen.

Den Blick auf den Waschbeton gerichtet, dumpf brĂŒtend und dĂŒstere Szenarien entwerfend. Und aus irgendeinem Grund dauernd den Vorschlaghammer in der Hand, von dem keiner einer Ahnung hatte, warum der jetzt auf dem Balkon lag und den keiner endlich zurĂŒck in den GerĂ€teschuppen trug. Er schwang ihn hin und her, nicht wie Thor ĂŒber den Kopf, sondern wie ein Gorilla seine Arme und Karla sah ihm an, dass er gerne die kaputte TĂŒr damit noch kaputter gemacht hĂ€tte. Die kaputte TĂŒr lehnte an der Wand, es war seine, sie war in einem Streit eingetreten worden. WĂŒster Streit. Eine laute Familie. Beim Lachen und beim Streiten. Karla fĂŒhlte die Wut, die aufgestaute, seine Verzweiflung und die eigene und vor allem den Drang, ihm den Hammer weg zu nehmen. Das war seit jeher so, denkt Karla. Der Karla-Grapsch-Effekt, wie Winz es nennt. Schon nach allem, das ihm in die fetten kleinen Baby-Fingerchen geraten war, hatte auch sie ihre fetten kleinen Baby-Ärmchen gestreckt. Da hĂ€tte sie noch eine Ausrede gehabt, weil Winz in gewissen Phasen seines Lebens 90% aller Dinge, die er in die Hand nahm, dazu verwendete, sie nach Karla zu schmeißen, wĂ€hrend Karla nur die BĂŒcher nach ihm schmiss, an deren LektĂŒre er sie hinderte. Aber das war es nicht. Winz spielte mit dem neuen Ball und irgendein Schalter in Klaras Hirn legte sich um und da war nur noch Muss-Haben. Und jetzt sprachen sie ĂŒber die Matura und Von-Zu-Hause-Ausziehen und Karla griff nach dem Hammer. Er war schwer, er lag gut in der Hand. Karla spĂŒrte die kinetische Energie, die in dem Körper gespeichert ist und wog bedĂ€chtig die gespeicherte Kraft. Gibt wieder her, maulte Winz, als ob er es nicht gewohnt wĂ€re. Wann immer sie sich gegenseitig die Sachen vorrechneten (Die Barbi! Das Matchbox-Auto! Meine FĂŒllfeder! Das Lego-Fort!), die sie einander kaputt gemacht hatten, kam Winz frĂŒher oder spĂ€ter mit seinem „kaputten Ego“.

Du bist fĂŒr ihn verantwortlich.

Karla schwang den Hammer, schwang ihre durch den Hammer verlÀngerten Gorilla-Pratzen hin und her und tatsÀchlich hÀtte sie es fast geschafft, sich dabei selbst zu erschlagen.
Einmal mehr bebte der Waschbeton unter schallendem GelÀchter.

Liegt der Hammer eigentlich immer noch draußen?, ĂŒberlegt Karla. Sie wird es in diesem Text nicht mehr erfahren, sie hat bestimmt keine Lust bei diesem Regen draußen nachzuschauen. Die kaputte TĂŒr ist schon entsorgt worden. Der verrottete Biertisch kommt wohl auch bald weg. Außer Winz will den keiner und der zieht im Herbst zu einem Freund.

Und trotzdem, denkt Karla, wirst du nicht kastriert, lieber Balkon. So lange die Waschbetonplatten die Sonne speichern, dass man barfuß darauf laufen kann selbst in Monaten mit R, so lange wird das nicht geschehen.
__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
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Ich hab den Text gerade gelesen, bin aber der Meinung, dass es sich nicht gelohnt hat. Entweder habe ich eine besonders tiefsinnige Stelle des Textes verpasst oder er ist wirklich so, wie ich ihn empfunden habe. Teilweise war es ja schon amĂŒsant, aber es hat mich nicht vom Hocker gerissen.

Ehrlich gesagt, kann ich mit der ErzÀhlung als Ganzes nicht viel anfangen.

Nicolas

PS: Das ist unglaubwĂŒrdig: "Wiiiiiinz!" - Diesen Namen kann man nicht so dehnen, zumindest ich nicht.

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bonanza
Guest
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ich will nicht sagen, dass es schrott ist.
aber eine kastration tÀte deiner kleinen erzÀhlung gut.
die idee der balkonkastration war spitze. doch dann fÀngt
das geplapper ĂŒber karla an.
ich kam mir vor wie in der bÀckerei, wo mich ein alter
bekannter vollquatscht, und ich stehe unter den wartenden
und hoffe, dass ich bald drankomme.

aber immerhin, du brachtest mich auf die idee auch ĂŒber
meinen balkon ein gedicht zu schreiben.
vielleicht nenne ich es: "der unbefleckte balkon".

kurz: quatsch die leute nicht mit prosa minderer
qualitĂ€t zu. das geht kĂŒrzer, pointierter.

bon.

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sohalt
Routinierter Autor
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KĂŒrzen geht immer.

Karlas Lieblingsgedicht handelt von einem Balkon, der kastriert wird. Mit GĂ€nsehaut liest sie, wie ihm die Pflanzen genommen werden, dann der Tisch, die StĂŒhle, das Kinderspielzeug, selbst das Thermometer, denn es ist ein kalter Sommer. Die GĂ€nsehaut ist echt, denn es ist ein kalter Sommer, nicht nur im Gedicht. Der kalte Sommer trĂ€gt Regenschleier, durch so einen schaut Karla hinaus auf den eigenen Balkon und fragt sich, kann ihm das auch passieren? Wirst du dich kastrieren lassen, Lieber?

Wir haben ja gar keine Balkonpflanzen, denkt Karla. Da ist nicht viel, das man wegrĂ€umen könnte: ein verrotteter Biertisch plus Bierbank, leere Bierflaschen, ein umgestoßener Aschenbecher, eine hinfĂ€llige WĂ€schespinne, eine eingetretene TĂŒr und ein vergessener Vorschlaghammer.

FrĂŒher stand da auch ein Tischtennistisch, den hatte Winz sich gewĂŒnscht, obwohl Karla rechtzeitig angekĂŒndigt hatte, dass sie jedenfalls nicht mit ihm spielen wĂŒrde, weil sie das Spiel weder mochte noch beherrschte. Und wenn der Ball ĂŒbers GelĂ€nde ging, musste man durchs Haus die Treppe hinunter, das war sowieso mĂŒhsam, denkt Karla, damals hatten wir ja die Wendeltreppe noch nicht. Die Wendeltreppe fĂŒhrt in den Garten und wurde am hĂ€ufigsten von Winzens Freunden benutzt; sie klopften an sein Fenster und wollten nur schnell eine rauchen. Sie wussten, die TĂŒrklingel brachte es nicht.

Ist Winz da?
Klar, aber er hat nicht viel Zeit. Winz! Wiiinz! Und wirklich nur kurz, du musst heut noch was tun!

Winz fĂŒhlte sich dann wie Rapunzel im Turm, also beschissen, weil erstens unmĂ€nnlich und zweitens gefangen in einer seinem Alter unangemessenen Situation.

Wir hatten unsere guten Zeiten, denkt Karla, weißt du noch? Wie wir da lagen und in den Himmel schauten, Mam und Winz und ich und Mam ihre PlĂ€ne schmiedete und begehrliche Blicke auf die Pferdekoppel nebenan warf; man könnte das GrundstĂŒck kaufen und noch ein Reihenhaus anhĂ€ngen, fĂŒr ein Kind samt Familie, und die Balkone ĂŒberdachen, da ginge sich eine hĂŒbsche Wohnung aus, vielleicht fĂŒr das zweite Kind, falls es allein bleibt.

Warte nur, wir werden weg sein, so schnell kannst du gar nicht schauen.

Eine richtige Burg wÀre das geworden; Mama geht unter die Burgherren, feixte Winz, und wer bewacht dir den Burggraben? Krokodile, Piranhas?

Wart nur, wir werden weg sein, so schnell kannst du gar nicht schauen.
Geht nur, geht nur, ich kann’s gar nicht erwarten.

Und wir haben so gelacht, denkt Karla, alle drei, das mit dem Sich-Zerkugeln ist nÀmlich gar keine Phrase, wir haben uns gewÀlzt auf dem Waschbeton und gelacht und uns die BÀuche gehalten.

SpĂ€ter brauchte Karla den Balkon nicht mehr, sie hatte den Park, das CafĂ©, die Bibliothek in einer anderen Stadt und kam nur heim, um Winz abzuprĂŒfen und sich anzuhören, wie wenig er das alles aushielt und ihm zuzuschauen, wie er auf dem Balkon auf- und abging, mit hĂ€ngenden Schultern und den Blick auf den Waschbeton gerichtet.

Ich möchte einfach nur versagen dĂŒrfen. Einfach in Frieden versagen.

Und aus irgendeinem Grund hatte er dauernd den Vorschlaghammer in der Hand, von dem keiner einer Ahnung hatte, warum der jetzt auf dem Balkon lag und den keiner endlich zurĂŒck in den GerĂ€teschuppen trug. Er schwang ihn hin und her, wie ein Gorilla seine Arme und Karla sah ihm an, dass er gerne die kaputte TĂŒr damit noch kaputter gemacht hĂ€tte. Die kaputte TĂŒr lehnte an der Wand, es war seine, sie war in einem Streit eingetreten worden. Karla fĂŒhlte die Wut, seine Verzweiflung und die eigene und vor allem den Drang, ihm den Hammer weg zu nehmen. Das war seit jeher so, denkt Karla. Schon nach allem, das ihm in die fetten kleinen Baby-Fingerchen geraten war, hatte auch sie ihre fetten kleinen Baby-Ärmchen gestreckt. Da hĂ€tte sie noch eine Ausrede gehabt, weil Winz in gewissen Phasen seines Lebens 90% aller Dinge, die er in die Hand nahm, dazu verwendete, sie nach Karla zu schmeißen, wĂ€hrend Karla nur die BĂŒcher nach ihm schmiss, an deren LektĂŒre er sie hinderte. Aber das war nicht der Grund. Und jetzt sprachen sie ĂŒber die Matura und Von-Zu-Hause-Ausziehen und Karla griff nach dem Hammer. Er war schwer, er lag gut in der Hand. Karla spĂŒrte die kinetische Energie, die in dem Körper gespeichert war. Gibt wieder her, maulte Winz, als ob er es nicht gewohnt wĂ€re.

Du bist fĂŒr ihn verantwortlich.

Karla schwang den Hammer, schwang ihre durch den Hammer verlÀngerten Gorilla-Pratzen hin und her und tatsÀchlich hÀtte sie es fast geschafft, sich dabei selbst zu erschlagen.
Einmal mehr bebte der Waschbeton unter schallendem GelÀchter.

Liegt der Hammer eigentlich immer noch draußen?, ĂŒberlegt Karla. Die kaputte TĂŒr ist schon entsorgt worden. Der verrottete Biertisch kommt wohl auch bald weg. Außer Winz will den keiner und der zieht im Herbst zu einem Freund.

Und trotzdem, denkt Karla, wirst du nicht kastriert, lieber Balkon. So lange die Waschbetonplatten die Sonne speichern, dass man barfuß darauf laufen kann selbst in Monaten mit R, so lange wird das nicht geschehen.

- . -

Schade, genau die eine gelobte Idee ist gar nicht von mir.
Winz kann man ĂŒbrigens natĂŒrlich dehnen, fast jedes i kann man dehnen.

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Felixano
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Hallo sohalt,

mir hat Dein Text gut gefallen und viel gesagt. Die Idee mit dem kastrierten Balkon empfand ich nur als (allerdings originellen) AufhĂ€nger, eigentlich vermittelt der Text Einblick in die Strukturen der dargestellten Familie. Und gerade im auf den ersten Blick „nebensĂ€chlichen Geplapper“ (Du hast diesen Ton offensichtlich gut getroffen, wenn man Dich so mißverstehen konnte) zeigt sich GrundsĂ€tzliches: Auf einmal erkennt man in der eigenen Familie Ă€hnliche Mechanismen, wenn auch wieder anders gelagert und mit völlig anderen Ergebnissen.
So ist Deine 2. (gekĂŒrzte) Fassung nur in manchen Punkten ein Gewinn, in manch anderen dagegen ein Verlust. (MĂŒĂŸte man im Detail betrachten.)
Sprachlich muß man differenzieren: Manches in der ursprĂŒnglichen Fassung ist vielleicht ungeschickt und gehört verfeinert. Anderes dagegen spiegelt die Perspektive der Protagonisten (vor allem Karla) und wĂŒrde durch eine „Verbesserung“ nur verlieren.
Warum hast Du in der gekĂŒrzten Fassung auf Kursiv-Schreibung verzichtet? Ich finde, daß dieses Gliederungsmittel sehr hilfreich war zum VerstĂ€ndnis der Textstruktur.

Zur Aussage des Textes:
Als wesentlich empfinde ich die Darstellung ambivalenter Strukturen in einer Familie: Einerseits ein SpannungsverhĂ€ltnis zwischen Karla, Winz und ihrer (offensichtlich alleinerziehenden und besitzergreifenden) Mutter, andererseits auch eine enge Vertrautheit: Winz bekommt GĂ€ste, Karla nicht; Karla lernt leicht, Winz dagegen nicht. Karla als die Ältere versucht, ĂŒber Winz zu bestimmen, Winz dagegen stört sie bei ihren eigenen BeschĂ€ftigungen. Die Mutter tritt emotional kaum in Erscheinung, ĂŒbt aber durch ihre Restriktionen und ihre ZukunftstrĂ€ume (in denen sie ĂŒber die BedĂŒrfnisse ihrer Kinder hinweggeht) starken Einfluß aus, wenn sie auch versucht, liberal zu erscheinen: Die (nunmehr erwachsenen) Kinder haben ein ausgeprĂ€gtes BedĂŒrfnis, sich diesem Einfluß zu entziehen. Trotzdem bleibt die Familie weiterhin sicherlich ein prĂ€gendes Element („Eine laute Familie“, „Und wir haben so gelacht ... wir haben uns wirklich gewunden, gewĂ€lzt auf dem Waschbeton und gelacht und uns die BĂ€uche gehalten“).
Aufschlußreich ist auch, wie sich Grundstrukturen im VerhĂ€ltnis zwischen Karla und Winz vom Baby-Alter bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter durchziehen. Bezeichnend auch, daß wichtige Punkte zwar zwischen den Protagonisten verbalisiert werden („... das war ihr nicht sonderlich geheimer Kummer und der Grund, warum sie Winz gar so oft damit aufzog ...“, „Eine richtige Burg wĂ€re das geworden; Mama geht unter die Burgherren, feixt Winz“, „Der Karla-Grapsch-Effekt, wie Winz es nennt“) und so vordergrĂŒndig der Eindruck von Offenheit im GesprĂ€ch entsteht, daß sich das Wesentliche aber unterschwellig vollzieht.
Interessant auch beilĂ€ufig angesprochene Themen wie individuelles Verhalten (spezieller Lernstil auf dem „Wanderbalkon“ zum Erstaunen der Nachbarn), Anpassung (ErwĂ€hnung von Modespielzeug), pubertĂ€re Zweifel am eigenen Körper, die durch Sticheleien genĂ€hrt werden („Karli-Quader“).

Vergleich der beiden Fassungen:
Karlas persönlichen Lernstil sowie ihre seltsame Motivation dazu, die sich in guten Noten auszahlt, wĂŒrde ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Auch die Aussage zum Tischtennistisch „Er wurde selten benutzt -Winzens Freunde spielten auch lieber Play-Station - und in die Kleinanzeigen gesetzt.“ zeigt viel zum Thema „eigene Interessen kontra Anpassung“. Auch „FĂŒr Karla kam nie wer die Wendeltreppe hoch“ (Achtung: Schreibfehlerchen) wĂŒrde mir fehlen. Und „Ob sie damals schon geglaubt hat, dass ich allein bleibe, denkt Karla, jetzt ist sie ja ĂŒberzeugt.“ finde ich wesentlich: Nur „geglaubt“ wĂŒrde ich durch „erwartet“ ersetzen, und vor â€žĂŒberzeugt“ wĂŒrde ich „fest davon“ einfĂŒgen. Selbst „Im Herbst noch mal antreten, im FrĂŒhling noch mal.“ macht die Sache plastischer.
Manche Deiner KĂŒrzungen machen Sinn, manches sollte aber nur umformuliert werden, statt weggekĂŒrzt.

Eine Formulierung (in beiden Fassungen enthalten) erschließt sich mir nicht: „... da ginge sich eine hĂŒbsche Wohnung aus ...“. Ich verstehe zwar, was Du meinst, doch dieser sprachliche Ausdruck ist mir neu.

Fazit:
Um den Text sinnvoll zu kĂŒrzen oder umzuarbeiten, ist es wichtig, sich vorher zu ĂŒberlegen, was er bezwecken soll. Falls ein architektonisches Detail witzig dargestellt werden soll: Möglichst viel weggkĂŒrzen! Falls es um Familienstrukturen geht: Nichts wegfallen lassen, was die Vielfalt der Aspekte und Perspektiven reduziert.

Gruß,
Felixano

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sohalt
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Ertappt.

Nicht wirklich gekĂŒrzt, sondern bloß zusammengestrichen. Nicht so beabsichtigt, wird mir jetzt klar.

Danke fĂŒr die ausfĂŒhrliche Auseinandersetzung.

Ja, es hÀtte mehr um die Familie gehen sollen als um den Balkon, also wohl doch eher die lÀngere Version.
Das mit dem Kursiv hab ich einfach vergessen.

Da geht sich jetzt noch eine Zigarette aus. Nie gehört?
Hier zwar zeitlich gemeint, wird, zumindest bei uns, aber auch fĂŒr alles andere verwendet, von dem eben noch genug da ist, dass man noch was Neues damit anfangen kann.

Ich sollte mich mal hinsetzen und das Ganze wirklich ordentlich ĂŒberarbeiten.

Nach deinem Feedback habe ich aber auch gleich mehr Lust darauf. (Soll jetzt keine Spitze gegen Nicolas und Bonanza sein - negatives Feedback ist auch wichtig.)

Hoffentlich finde ich demnÀchst auch die Zeit.

lg
sohalt



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Clara
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hallo sohalt
mich hat die Geschichte gefangen genommen, auch wenn ich nicht so recht weiss, ist Winz der Bruder, der daran verzweifelt ist, immer noch auf dem Beton, statt in einem freien Haus, umgeben von Pferdewiesen zu wohnen, oder ist es ein Partner.
sie hat gelernt und ist rausgekommen. Nun steht sie aber auch noch auf dem Beton - hat keine BlumenkĂ€sten, alles ist irgendwie grau und tot und die TrĂ€ume der Mutter? Ist sie "rĂŒbergemacht" -
Ein StĂŒck Heimat, denke ich wird hier beschrieben. Das Gute und das Arge.
Wesentliche Stolperer erinnere ich nicht, ich habe mich treiben lassen.

Gruß
__________________
Clara

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