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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wlodi
Eingestellt am 20. 01. 2004 14:57


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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
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"Willst du nicht wissen, wie es Wlodi geht?"“ fragte die Mutter am Telefon.
Eigentlich war es keine Frage, sondern eine Feststellung aus der Serie ´Niemand fragt mich nach dem Wlodi´.
"Doch, doch… Wie geht es denn Wlodi?" Den gekratzten Ton ihrer Mutter ignorierte Lena einfach.
"Er hat Bronze im Freistil!" berichtete die Mutter stolz.
"Bronze? Super. Klasse. Gratuliere", sagte Lena abwesend.
"Im Mai fahren wir nach Monako. In der besten Jahreszeit, stell dir vor!" schwärmte die Mutter. "Fürst Reiner ist der Schirmpatron der Parolympics".
"Ich weiß", Lena wollte das Gespräch beenden, aber die Mutter redete weiter.

Ihr Bruder, Wlodi, schwamm seit kurzem fĂĽr Parolympics. Eigentlich hieĂź er Waldemar, aber alle nannten ihn Wlodi, seit fĂĽnfundzwanzig Jahren schon. Er hatte Trisomie 21.
"Down", sagten die Menschen. "Guckt mal, ein Mongoloid!"
Die Mutter gebrauchte ´Ewige Kinder´oder ´Verlorene Engel´, als sie von ihrem Sohn sprach.
Das Bild von ihrem letzten Ausflug zum See hatte Lena immer noch vor den Augen. Wlodi, die kleinen Augen weit aufgerissen, der grĂĽne Rotz auf dem ganzen Gesicht verschmiert, stand im Wasser und schrie:
"I-i-i tu d-d-das nicht! I-i-i will n-n-nicht!"
Die Mutter schrie zurĂĽck:
"Und ob wirst du das tun! Schwimmen, habe ich gesagt! Sofort!!!"
Und Wlodi schwamm, das Wasser kam in seinen Mund und er schrie wieder:
"I-i-i will nicht!"
"Warum?" fragte die Mutter.
"Will nicht", war die Antwort.

Wlodi wurde in einer Novembernacht geboren. Damals war Lena zehn. "Mutter hat Bauchschmerzen und muss ins Krankenhaus", wurde ihr gesagt. Sie saß allein in der kargen Küche eines Plattenbaus und wartete darauf, dass der Vater kommt. Dann hörte sie, wie sich der Schlüssel in der Eingangstür drehte. Der Vater kam herein. Er sah müde und irgendwie alt aus.
"Lena", sagte er: "du hast ein BrĂĽderchen. Wie werden wir ihn nennen, was denkst du?"
Lena sprang auf und rannte zum Vater: "Mathias? Daniel? Nein, Michael. Michael soll er heiĂźen!"
Ein BrĂĽderchen! Endlich ein Spielkamerad, ein Freund, ihr kleiner Bruder, auf wen sie aufpassen wird und stolz sein wird! Zehn Jahre musste Lena auf diesen Tag warten.
Erst viel später fand Lena die Antworten auf die Fragen, die sie in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren quälten.
"Warum erbricht er jedes Mal, wenn er bei Mama trinkt?" – "Er ist zu schwach", war die Antwort. Er hatte verengte Speiseröhre, war die Wahrheit.
"Warum will er nicht sprechen?" – "Weißt du, als er noch klein war, hast du zu laut geschrieen, du hast ihn damals erschreckt", war die Antwort. Down-Syndrom, war die Wahrheit. Eine Geburt auf achthunderttausend.
"Du darfst es niemandem erzählen", ihre Mutter hatte sich damals zu Lena gesetzt. Die Ringe unter Mutters Augen waren fast schwarz. "Er wird schon", fügte sie leise hinzu.
Im nächsten Moment strahlte sie wieder: "Er wird noch in die Schule gehen. Zusammen mit den normalen Kindern!"
Wlodi war drei Jahre auf der Sonderschule. Immerhin hatte er lesen gelernt. Als ihn die Eltern aus der Schule nahmen, saĂź er die ganze Zeit auf dem Sofa und las KinderbĂĽcher.
"Um was geht es denn in deinem Buch?" fragte ihn einmal Lena.
"D-d-das ist gutes Buch", Wlodi blickte hoch.
"Ja, ist schon klar. Was erzählt das Buch?"
"M-m-m,… störe mich nicht!" Wlodi winkte ab.

"Hallo?"
"Hallo? Lena, bist du noch da?" fragte die Mutter besorgt.
"Ja, ich bin noch da", Lena wickelte die Telefonschnur um den Finger.
"Hast du mir überhaupt zugehört?"
"Ja. Ja, ich habe zugehört. Warte bitte…", Lena verdeckte den Hörer mit der Hand und kläffte in Richtung Küche: "Was jetzt?!!"
"WĂĽrdest du bitte kommen!" schrie ihr Mann zurĂĽck.
Mit dem Fuß knallte Lena die Tür im Zimmer, wo sie saß, zu. Mit achtzehn Jahren hatte sie geheiratet. Sie verließ den hässlichen Plattenbau und die Stadt. Und Wlodi blieb zurück. Er saß auf dem Sofa, las Kinderbücher und machte sich in die Hose. Mit drei, mit fünf, mit acht Jahren. Keiner durfte kommen, keiner durfte Wlodi sehen. Er war eine Schande. Die Mutter landete beim Psychiater, und Lena floh.

"Entschuldige", sagte Lena in den Hörer.
"Wlodi ist ein guter Junge", erklärte die Mutter. "Er sagt mir die ganze Zeit, dass er mich lieb hat. Das hast du mir nie gesagt". Die Mutter machte eine Pause und wartete. Lena schwieg.
"Und er bedankt sich immer fĂĽr alles", sprach Mutter weiter.
"Das ist schön", meinte Lena. Ihr Mann wollte mit dem Schimpfen nicht aufhören, und sein Gejammer ging ihr allmählich auf die Nerven.
"Wlodi wĂĽnscht sich einen Taschenrechner", Mutters Stimme klang verloren.
"Gut. Ich werde ihm einen schenken. Ich muss jetzt Schluss machen. Bleibt alle gesund", Lena wollte schon auflegen, als ihre Mutter verzweifelt bat:
"Soll ich dir Wlodi kurz geben?"
Lena seufzte: "Ja, gib mir Wlodi".
Schweigen. Sie konnte seinen Atem hören.
"Hallo Wlodi", sprach Lena.
"J-j-ja?"
"Wie geht es dir?"
"G-g-gut".
"Ich gratuliere dir zu deiner Bronzemedaille. Das hast du toll gemacht".
"Ich bedanke mich dafür", bei diesem Satz stammelte Wlodi nicht, als hätte er ihn lange üben müssen.
"Wlodi, ich muss jetzt auflegen. Mach´s gut", sagte sie.
"Lena?" fragte der kleine Bruder. Er hatte sie erst jetzt erkannt.
"Ja?"
"L-l-lena…"
"Was?!" Sie musste gehen.
"Mmmm…"
"Also, tschĂĽss Wlodi"
"L-l-lena, ich habe dich lieb."






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Nordlicht
Hobbydichter
Registriert: Jan 2004

Werke: 5
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Eine eindringlich erzählte Geschichte, die traurig macht.
Bitte nimm die Rechtschreibfehler heraus. Es sind nicht allzuviele, aber sie stören ein wenig. Ansonsten sehr gute Schilderung eines Familienschicksals.
GruĂź
Gudrun

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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
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Gudrun

Hallo Gudrun,

Danke fĂĽr deine Antwort und den Hinweis auf die Fehler. Ich habe diese, soweit ich sie finden konnte, behoben.
Es freut mich, dass die Geschichte dir gut gefallen hat. Das ist ein heikles Thema, und ich habe lange gezögert, bis ich es veröffentlicht habe.

Gruss

olga

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Gandl

Autorenanwärter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
Kommentare: 166
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Hi jarolep,
diese Familientragödie - da aber ganz besonders Lenas Verletzungen,
ihr Alleingelassenwordensein, ihre Ratlosigkeit - hast du sehr gut erzählt.
Auch das Verweben mit den (Neben-)Kriegschauplätzen Jetzt mit Männe und Mama
hast du klasse hingekriegt.
Und dass das alles niemals endet... Uff!
Liebe GrĂĽĂźe
Gandl

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