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Leselupe.de > Anonymus
Wo Männer noch Männer sein können
Eingestellt am 01. 06. 2003 21:08


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Die Sonne knallte unbarmherzig ihre Hitze auf die Stadt, und der Mann suchte die Schattenseite. Er hatte viel Zeit, einen Termin gerade erledigt und der nächste war am späten Nachmittag festgelegt. An der Straßenecke befand sich ein Imbissstand, kurdische Spezialitäten. Er überlegte einen Moment, ob er etwas essen wollte, aber dann entschied er sich dagegen. Es war einfach zu warm und roch nach verbranntem Öl.
Liane saß in einem der beiden Frisörsessel und feilte sich gelangweilt die Fingernägel. Bianca, ihre Partnerin im Geschäft und auch im Leben wirtschaftete hinten im Raum, der vom eigentlichen Laden durch einen Vorhang verdeckt blieb. Was sie nur immer wirtschaftet, dachte Liane, die sich hervorragend gut langweilen konnte. Na ja, grübelte sie, wahrscheinlich wischt Bianca Staub in den Regalen. Liane schaute durch die Schaufensterscheibe, kein Mensch war auf der Straße zu sehen.
Der Mann schlenderte etwas ziellos. Diese Straße befand sich in einem verwahrlosten Zustand. Die Häuser wirkten wie Ruinen, er bummelte durch den armen Teil der Stadt. Arbeitslose, Punks in besetzten Häusern, Studenten, die keine reichen Eltern hatten, wohnten hier. Und trotzdem, überlegte sich der Mann, staunt man doch, wie schön sich manche ihre Wohnungen ausgebaut hatten, und er fand auch hin und wieder Kunden für einen neuen Vertragsabschluß.
Liane summte einen alten Schlager. Dann fiel ihr etwas ein, und sie grinste schon in Vorfreude auf die Antwort.
„Bianca?“
„Was ist denn?“, klang von hinten die Stimme Biancas.
„Die Schaufensterscheibe ist ganz staubig, sie müsste auch mal geputzt werden.“
Bianca steckte den Kopf durch den Vorhang.
„Das ist eine hervorragende Idee“, sagte sie, „wie wär’s, du fängst gleich mal an.“
Liane grinste unentwegt.
„Ich bin im Dienst“, sagte sie und besah sich hingebungsvoll ihre Fingernägel.
Bianca lachte hell auf. In der Tat war Liane dran mit der nächsten Kundin oder mit dem nächsten Kunden.
„Bei dem Wetter um diese Zeit kommt eh keiner“, sagte Bianca.
„Man kann nie wissen“, antwortete Liane.
Die beiden Freundinnen konnten nicht unähnlicher sein, als sie es waren. Bianca trug dickes schwarzes Haar offen, war pummlig, nur dezent geschminkt, und wirkte schon ein wenig wie ein normales bürgerliches Mütterchen, aber in ihren Augen tanzte der Lachteufel.
Liane dagegen trug sehr kurzes Haar, dass, im grellen Rot gefärbt, leuchtete wie eine Verkehrsampel, auf jeder Schulter prangte eine große Tätowierung, jedes mal der gleiche chinesische Drachen, an der Nase und am linken Ohr besaß sie ein Piercing in Form kleiner Ringe, und auf der Oberlippe eine silberne Perle. Liane bestand praktisch nur aus Haut und Knochen. Sie trug unter ihrem kurzärmligen Pulli keinen BH, und man muss sagen, wozu auch.
Die beiden verstanden sich hervorragend, und wenn sie sich neckten, dann immer nur im Spaß.
Der Mann las nachdenklich eine gesprayte Botschaft an der Wand eines Hauses, in dem sich kein Laden oder eine Szenelokal befand. In dem Haus davor hatte er einen Secondhand-Shop Original Pariser Mode entdeckt. Die Botschaft lautete: „Hoch leben Marx Engels Lenin und Erich Honecker“. Der Mann grinste noch dünn, als er auf der Höhe des Friseurladens anlangte. Er ging über die Straße und schaute auf die gelbe Schrift, handgemalt von Liane, die trotz staubiger Scheibe deutlich zu erkennen war.
„Jeder Haarschnitt nur 10 Euro“
Das ist preiswert, überlegte der Mann, und Friseur ist Friseur, nutze ich doch die Zeit.
Als er die Ladentür öffnete, nahm Liane blitzschnell die Füße von dem Bord, der aus einer Marmorplatte bestand, in der zwei Waschbecken eingelassen waren, darüber befanden sich zwei Spiegel, wie es sich nun mal für einen Friseurladen, wenn auch im Miniformat, gehörte. Bianca und Liane hatten für diese Grundausstattung einen Kredit genommen.
Liane stand auf und lächelte. Der Mann starrte fasziniert auf ihre Perle an der Oberlippe.
„Guten Tag“, sagte Liane.
„Guten Tag“, sagte der Mann, „bei Ihnen kostet ein Haarschnitt nur zehn Euro?“
„Ja, trocken, mit Waschen und Kopfmassage natürlich mehr.“
Liane lächelte unentwegt. Obwohl sie nichts von Männern hielt, beherrschte sie doch das gewisse Funkeln in den Augen, das in den Männern eine Illusion erzeugte.
„Nein“, bemerkte der Mann, „ich hab' mir die Haare ja schon selbst heute früh gewaschen.“
„Das sieht man.“
Liane zwinkerte kaum merklich, so dass der Mann sich vollends in ihrem Bann befand.
„Wo kann ich mich hinsetzen?“, fragte er und wurde verlegen, wie ein Schuljunge beim ersten Rendezvous.
„Wo Sie möchten, ist ja alles frei.“
Liane kicherte etwas und wies auf die beiden Friseurstühle.
Etwas benommen setzte sich der Mann auf dem ersten Stuhl, gleich neben der Schaufensterscheibe. Liane ließ das Rollo hinunter und bemerkte dabei:
„Die Sonne knallt ja so, da schwitzen Sie mir ja, und Licht ist immer noch genug.“
„Danke“, sprach der Mann und räusperte sich, während ihm Liane einen kleinen weißen Umhang um den Hals legte.
„Und wie hätten Sie es gern, Chef?“, fragte Liane und zwinkerte ihm wieder so andeutungsweise zu, dieses Mal durch den Spiegel.
Niedliche Kleine, dachte der Mann verzaubert, und antwortete:
„Die Seiten nur wenig kürzen, hinten lang lassen, aber oben schön kurz.“
„Alles klar, Chef“, wisperte Liane und fing an zu schnipseln. Weder Liane noch Bianca hatten den Friseurberuf erlernt, aber sie konnten es beide gut.
„Und zufrieden, Chef?“, fragte Liane, während sie einen kleinen Spiegel hielt, dass er auch seinen Hinterkopf beäugen konnte.
„Wunderbar, danke“, sagte der Mann.
Sie wollte ihm gerade den kleinen Umhang abbinden, da sprach er:
„Rasieren, das machen Sie wohl nicht?“
Liane hielt inne und schaute ihn aufmerksam an.
„Rasieren ist heutzutage nicht mehr üblich, Sie würden sich wohl gern rasieren lassen?“
Der Mann grinste, was er selbst für sehr charmant hielt.
„Wissen Sie“, antwortete er, „ich bin ein Fan von Westernfilmen, und ich finde das so toll, wie die Helden sich immer rasieren lassen.“
„Bianca!“, rief Liane laut.
Bianca erschien hinter dem Vorhang und stellte sich ebenfalls neben den Mann, nur von der anderen Seite.
Dem Mann wurde ganz anders, links die Zierliche und rechts die etwas Üppige und Vollbusige. Ist ja wie im Paradies, dachte er.
„Er möchte sich gern rasieren lassen“, sagte Liane und grinste.
Bianca mit ihrer dunklen sinnlichen Stimme fragte:
„Rasieren?“ Sie schaute den Mann ebenfalls aufmerksam an.
„Ja.“
Der Mann nickte und wähnte sich in einem Traum.
„Okay, ich mach' das“, gab Bianca ihm zur Kenntnis, „aber Liane, dreh' das Schild an der Tür um, der Laden muss geschlossen bleiben, denn eigentlich ist es verboten.“
Und für den Mann begann ein wunderbarer Traum. Liane legte eine CD in den Player, und die Filmmusik von „12 Uhr Mittags“ erklang, er durfte seine Beine hochlegen, Liane klappte den Stuhl etwas nach hinten, Bianca wetzte das Messer auf hartem Gummi, Liane brachte ihm einen kleinen Whisky und ein Zigarillo. Dann begann Bianca sorgfältige zu schaben.
Sie war fast fertig, da seufzte er und sagte:
„Das waren noch Zeiten als Männer ‚Männer’ sein durften.“
In diesem Moment schnitt Bianca ihm die Kehle durch. Aus seiner Luftröhre pfiff die Luft wie aus einem geplatzten Fahrradreifen. Während sein Kopf nach hinten wegsackte, lief Liane schon, um ein Handtuch zu holen, aber Bianca, die einst Krankenschwester lernte, hatte sauber geschnitten, dass kaum Blut austrat.
Sie trugen ihn beide nach hinten.
„Ich wird verrückt, der hat tausend Euro in der Brieftasche!“, rief Liane.
„Nicht so laut“, sprach Bianca besänftigend.
Sie zogen ihn aus, der Anzug war fast nagelneu, auch die Schuhe, danach steckten sie ihn in einen Plastiksack, und schleppten ihn zum Auto. Anschließend fuhren beide weit hinaus aus der Stadt und warfen den Sack auf eine Mülldeponie.
„Den Laden machen wir ’ne Woche zu, und von den tausend uns ein paar schöne Tage.“
„Ja,“ jubelte Liane, „wir fahren ans Meer.“

Beate trat in das Büro des „Alten“, wie sie ihn alle nannten. Natürlich hatte er die Füße auf dem Schreibtisch und las gerade wieder einen Wildwestschmöker.
„Mor’jn“, sagte Beate und grinste, „das waren noch Zeiten, wo Männer ‚Männer’ sein konnten.“
Der Alte knurrte nur und warf den Schmöker in die offene Schublade.
„Was Neues?“, fragte er.
Beate knallte ihm eine Akte auf den Tisch.
„Eine neue Leiche auf ’ner Mülldeponie, die vierte in sechs Wochen.“
Der Alte blätterte die Akte durch.
„Ein Versicherungsvertreter, wieso hatte er tausend Euro bei sich.“
„Da wollte einer die Schadenssumme in bar ausgezahlt haben, ist eigentlich nicht üblich“, antwortete Beate.
„Und sonst?“
„Na ja“, meinte Beate, „dieses Mal war er erst einen Tag tot, und die von der Obduktion sagten, er wäre auffallend frisch rasiert.“
„Alle Versicherungsvertreter sind frisch rasiert“, antwortete der Alte.
„Es ist ’nur so ’ne Idee von mir“, sprach Beate, „wenn all diese Toten nun in einem Friseurgeschäft waren...“ Sie unterbrach ihren Satz, denn der Alte guckte böse.
„Das ist heutzutage nicht mehr üblich, dass ein Friseur rasiert.“
„War ja nur weibliche Intuition“, gab Beate kleinlaut zu.
„Ja, ja“, der Alte grinste etwas abfällig, als er antwortete, „das hilft uns in diesem Fall nicht weiter, das ist ein raffinierter Massenmörder, hier brauchen wir männliche Logik und nicht weibliche Intuition.“
„Ich dachte ja nur.“ Beate schlich sich raus, sie wusste, der Alte musste jetzt allein sein und nachdenken.
Kaum war er allein, schob er die Akte beiseite und zog den Schmöker wieder aus der Schublade. Er legte die Füße hoch. Der Held war gerade in der Stadt angekommen und band seinen Mustang vor einem Friseurladen fest, um sich frisch rasieren zu lassen.

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hier und da könnte man noch einen Feilstrich anbringen, aber es ist nicht so dramatisch.
Ich stelle nur fest: Wieder einmal ein super Text hier, der nicht in dieses Forum gehört, wo er nicht die Beachtung findet die ihm gebührt.

Humorig, gruselig, schön!!!

Gruss
Socke

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HerZPiraT
Guest
Registriert: Not Yet

ja, socke, ich schliesse mich an.
herrlich, oder besser: fraulich!
schade, dass die autorin sich nicht outen mag!
ich liebe sie jetzt schon!
der
PiraT

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Autorin?

Wieso kann es nicht ein Autor geschrieben haben?
Grüßeli
Socke

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HerZPiraT
Guest
Registriert: Not Yet

socke,
du bist doch der profi, nicht ich.
die wortwahl ist es, gewisse satzstellungen,
die ein mann nie gebrauchen würde.
so etwas spürt mann.
vertrau mir, es ist eine autorin.
keine ahnung, was du bist, aber nach deiner reaktion zu urteilen, müsstest du auch eine frau sein . . .
viele grüsse, *smile
der
pirat
(definitiv ein mann)

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Also Herzpirat!

Das hat noch keiner geschafft in der Lupe (außer Dir)!

Bin echt platt. Ich die hunsrückische Machosocke eine Frau??? Wie bütte?

Und ich bleibe dabei: Ich sehe noch immer keine Frau oder Mann hinter dem Text.

Gruss
von der männlichsten Socke der Welt

(Hau druff, schluck wech, und ups und strutz)

Na, bin ich ein echter Mann?

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