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Leselupe.de > Humor und Satire
Wo laufen sie denn?
Eingestellt am 23. 11. 2000 18:40


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Ja, wo laufen sie denn? - Wo laufen sie denn alle hin?
Sie k√∂nnen doch gar nicht richtig laufen. Ihre Pantoffel sind auf dem Teppich festgenagelt. T√§glich knacken sie tatkr√§ftig mit den Fingern, machen sie geschmeidig bis in die Spitzen. Aber wozu? Seit Jahren sitzen sie in Startl√∂chern wie in Sofagarnituren, nur, da√ü ihre Besser-als-Buckel-B√§uche in ihrer Mitte keine Handkantenfalte haben. Die Fernbedienung ist ihr beliebtestes Freizeitutensil geworden, ein wichtiges Pr√§zisionsinstrument. Sie erm√∂glicht, nur so lange nur das zu sehen, wie und was man wirklich sehen will und dazu immer noch wohltuende Distanz zu bewahren. Einen netten √Ėlfilm mit Chipskr√ľmeln im Scho√ü, Briefbombensendungen ohne Werbeunterbrechung. Das beruhigt den Feierabend. Nur wenn in der Tageszeitung mal das w√∂chentliche Fernsehprogramm fehlt, √ľberkommt sie ganz schnell der bedr√ľckende Verdacht, die GEZ sei ihnen auf der Spur und durchw√ľhlt ihre M√ľlltonnen.
Aber sonst ... Die Ruhe haben sie weg, das mu√ü man ihnen lassen. Wir sollten uns alle ein Beispiel an ihnen nehmen. Beispielgeben kommt in Mode. Guten Freunden gibt man ein Beispiel. Oder zwei? Oder drei? ... Besitzanzeigende F√ľrw√∂rter mu√ü man nicht gro√ü schreiben.
Sie predigen, den G√ľrtel enger zu schnallen. Da√ü sie den Bauch dar√ľber tragen, st√∂rt sie nicht weiter. Sie bekommen kein schlechtes Gewissen, wenn sie beim Augenarzt die Zahlen nicht lesen k√∂nnen. Schwindeln kann man auch fettgedruckt. Sie bauen sich Garagen, um die Einfahrt davor freihalten zu d√ľrfen. Ausl√§nder werden freundlich, allerdings auch grunds√§tzlich geduzt. Sie setzen sich niemals direkt neben jemanden. Solange noch gen√ľgend Sitze frei sind, lassen sie der Menschlichkeit zwischen ihnen Platz. H√∂flichkeit bedeutet f√ľr sie, einem Rentner den Sitzplatz zu √ľberlassen, ohne sich mit ihm dar√ľber zu streiten. Sie k√∂nnen sich ohne weiteres √úberlegungen leisten, ob sie jemanden kennen wollen oder nicht. Der Blick auf die F√ľ√üe ist schnell getan. Er entkrampft das st√§ndige Aufschauen. Wir sollten uns wirklich alle ein Beispiel an ihnen nehmen. Die Ruhe haben sie weg, das mu√ü man ihnen lassen.
- Lassen wir sie in Ruhe.
Ja, wo laufen sie denn? - Wo laufen sie denn alle hin?
Jeden Morgen fragen sie sich, ob sie endlich ihren langj√§hrigen Plan in die Tat umsetzen, und sich einfach mal f√ľr ein paar Stunden tot stellen. Das einzige, was sie davon abh√§lt, ist, da√ü es niemand bemerken w√ľrde. Wenn sie nicht w√§ren, wer w√ľrde sich sonst √ľber sie Gedanken machen? Die ganze Welt denkt nur an die eigene Wertsch√§tzung. Nur sie denken an sich. Dabei sind ihre qualmenden K√∂pfe l√§ngst erloschen. In ihrer Freizeit ketten sie sich ans Computer-Solit√§r und verzocken in der LasVegas-Option nach Pokermanier imagin√§re Kontost√§nde. Bei Debil-Com bedeutet Absturz keine Gefahr; der Spa√ü h√§lt sich in Grenzen, aber was macht das schon? Wer sie beobachtet, wundert sich, da√ü aus ihren Mundwinkeln kein Speichel suppt. Durch ihre Gedankeng√§nge klickt leise die Logitech-Maus und nagt hier und da fallen- und liegengelassene Verst√§nde an.
Die Midlife-Krise lassen sie an sich vor√ľber ziehen wie die Tief-Bilder des abendlichen Wetterberichts. In ihrer √Ąra ihres Mittelalters gleicht ihre Erotik mehr und mehr einem Schneckentanz. Notd√ľrftig wird er mit Schnaufen synchronisiert. Alles kann ant√∂rnen, wenn man sich nur darauf einl√§√üt und die Jalusien heruntergezogen sind. Sie krallen sich an die Stangen ihres Laufstalls und br√ľllen nach drallen Schwimmmeisterinnen. "Pamela! Rette mich!! Ich ertrinke im eigenen Saft!!" Vor dem Badezimmerspiegel h√§ngen sie sich das nasse Badetuch um den Hals, verkneifen sie die verquollenen Augen, verbiegen gequ√§lt die M√ľnder, rei√üen die labberigen Arme hoch und schreien: "Adrian! Wo bist du!!" - Helden der Einsamkeit, die, finden sie eine w√ľste Sex-Stelle in einem Roman, sofort ein Eselsohr in die Stelle knicken; die abends vor ihrer Bettstatt niederknien und gn√§dige G√∂tter um feuchte Tr√§ume bitten; die sich auf ihrer einsamen Insel verbarrikadieren und so lange vor sich hin einsamen, bis ihre gut durchgesch√ľttelten Ent-Einsamversuche im Sande verlaufen. Ihre Freunde sind bestenfalls Gummib√§rchen. Aufrei√üen und vernaschen. Jaaa! Oral sind die besonders zungenfreundlich. Die machen keine Fisimatenten, wollen nicht diskutieren und so'n Quatsch. Bei denen ist auch die Hautfarbe egal.
Gen√ľ√ülich leben sie in ihrer Vergangenheit. Bl√§ttern schwelgerisch in den Seiten ihrer gesammelten Bundeswehr - sorry - Kommi√ü-Poesie-Alben und erg√∂tzen sich an den Erinnerungen einstiger Qu√§lereien, von denen nur die wirklich guten √ľbriggeblieben sind. Seelige Gewehr-√ľber-Zeiten aus strategisch strukturierten Tagesabl√§ufen, als Kameradschaft noch erzwungen wurde, als man den Helm einbuddeln mu√üte, ohne ihn absetzen zu d√ľrfen. Jawoll, meine Herrn, da starb die Garde noch, aber sie ergab sich nicht. - Das waren gute Zeiten.
Und heute? Au√üer freie Sicht bietet ihre Stirn nichts mehr. Sie ist mit den Kindern gro√ü geworden und die letzten Haare sind √ľber die bare Sch√§delform geklatscht, wie tote M√ľcken √ľber eine Windschutzscheibe. Sehnsuchtsvoll beobachten sie ihre Kindern. Deren blasphemischen Spielchen verstehen sie schon lange nicht mehr und die Gedankeng√§nge sind f√ľr sie zu eng geworden. Da kommen sie nicht mehr mit. Es f√§llt ihnen schwer, zu realisieren, da√ü man von der Perspektive der Kleinen erst 10 cm Schuhsohle abziehen mu√ü; da√ü sie das "Im-Kindergarten-darf-ich-Ficken-sagen"-Stadium l√§ngst √ľberschritten haben. Wenn "schmutzige" Fritzchen&Gretchen-Witze erz√§hlt werden, schicken sie die Kinder immer noch raus und ernten damt schon die beste Pointe. Die J√ľngeren erz√§hlen ihnen nie Witze. Und wenn, dann l√§cheln sie nur verkniffen. Ironie ist solch eine neumodische Kunstform wie Schattenspringen oder Courage. Oh nein, daf√ľr haben sie kein Verst√§ndnis. Das ist Humor, der sich l√§cherlich macht.
Ja, wo laufen sie denn?
Ach, laßt sie doch laufen.
Manchmal beneide ich sie ja. Endlich k√∂nnen sie sich √ľber Krankheiten unterhalten. Ihre Rasse wird nach und nach einen Rarit√§t. Doch bewahre uns der Himmel vor diesem Regen aus fallenden Meistern. Wie soll man diese weisen Affen nach√§ffen? So langsam kann man sich nicht bewegen.
Ihre W√§lder haben sich festgetreten. Und umgraben, das trauen sie sich nicht. Es k√∂nnten Maden statt W√ľrmer zum Vorschein kommen. Da hilft eine helfende Hand so wenig, wie ein Tritt in den Hintern. Lethargie ist eine Prophylaxe gegen jene Gedanken, deren schmutzige Finger einem die Hirnschale nach Resten ausschaben. Wer sch√∂pft da noch aus dem Vollen. Meistens haben doch "die Anderen" alles weggenascht und graue Haare wachsen auf ihren zerknirschten Z√§hnen. Auf den Stirnen wird Zukunftsangstschwei√ü kalt und verrostet die grauen Arrestnervenzellen. Sie z√ľnden sich ihre letzten Zigaretten an brennenden Traumschl√∂ssern an und schauen sich in aller Seelenruhe das lodernde Inferno √ľber all dem an, was sie h√§tten verwirklichen k√∂nnen, aber was sie ja - So etwas Unrealistisches! - sowieso nicht geschafft h√§tten. Das ist nun also auch entledigt. Was du heute nicht mehr besorgen kannst, brauchst du morgen auch nicht mehr anzufangen. Ihre letzten Spuren sind Klot√ľrspr√ľche: "Wer eher stirbt, lebt l√§nger ewig." Mit verheulter Tinte geschrieben. Niemand kann ihnen im Ausschank der √úberfl√ľssigkeit das Wasser reichen. Ihre H√∂lle wurde das Paradies. - Sie betrachten jetzt alles nur von der anderen Seite. Der Rest ist Finderlohn.
Wohin laufen sie? - Vor wem laufen sie wohl fort?
"Oh, es gibt sie noch, ‚Äödie Anderen'!" rufen sie. "Immer wieder kreuzen sie unseren Weg. Seltsame Tiere, die man in unserer Sprache Narren nennt, die in sohlenlosen 7-Meilen-Stiefeln laufen und sich ihr Vorankommen abschaben. Fabelwesen der Unvernunft! Draufgeher! Senkrechtentarter! Wolkenzerkratzer! Eier, die kl√ľger sein wollen, als die Hennen. Die Weisheit offenbar mit Schaufeln gefressen haben. Die k√∂nnen was, die werden was. Die sind in aller Munde. Ha! Die werden bis auf den letzten Tropfen Mut ausgelutscht. Das kann ja keiner durchhalten. Jede Faust √∂ffnet sich, wenn man zwischendurch mal kurz einnickt. Fallr√ľckzieher in bodenlose Tiefen sind nur verst√§ndliche Folge. Aber verst√§ndlich kommt selbstverst√§ndlich von Verstand. Doch damit k√∂nnt ihr Traumt√§nzer nichts anfangen. - Nein, nein, das wahre Gl√ľck ist die Gen√ľgsamkeit. - ‚ÄöVersucht's mal mit Gem√ľtlichkeit.'"
"Wohin lauft ihr? Wir geh√∂ren doch zu euch!", rufen die kleinen Kinder mit den Spielzeugk√∂pfen. "Auch f√ľr uns wird es einmal ein Jahr 0 geben, nach dem es zu sp√§t sein darf, ‚ÄöZu sp√§t' zu sagen. Wenn es soweit ist, werden wir mit euch laufen. Aber jetzt noch nicht. Man mu√ü zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit man gehen kann. ‚ÄöGreif zu, sonst nimmt es dir ein an'drer fort.'
Wohin lauft ihr denn? Wo lauft ihr nur alle hin? Wartet auf mich."

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ES gibt Etwas in Deinen Texten, das gewisse Etwas, das nicht jeder in sich hat. Ich weiss echt nicht, was das sein k√∂nnte, ich kann das nicht mit einem-zwei-drei Worten definieren, aber ich kann das sp√ľren. Wie eine Ausstrahlung ...

Marina

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