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Leselupe.de > Anonymus
Wohin verschwindet die Zeit
Eingestellt am 24. 09. 2007 16:43


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

I.

Ja, diese Welt besteht aus Zwängen und Demütigungen. Es kann natürlich sein, ich urteile aus meiner Perspektive. Aber ich habe nur diese. Sie ist geprägt durch mein Leben im Käfig, durch dessen begrenzte Größe, durch den immergleichen Blick auf den Sandweg, der an ihm vorbeiführt.

Zu den Demütigungen gehört die Unveränderlichkeit meiner Existenzweise. Das tägliche Kommen, Stehen, Staunen und Gehen der Besucher; die unendliche Einfallslosigkeit einiger weniger, die selten über Ah!’s und Oh!’s hinausreicht; die wortreiche Geschwätzigkeit der meisten, die fast nie zum Kern eines Themas vordringt, sondern sich in der Regel mit vorschnellen, halbgaren Urteilen feige daran vorbeischlängelt; die immergleichen halbangefaulten Bananen, die man mir zweimal am Tag hinwirft; der stete Wechsel von Schlafen, Wachen, Dösen, Starren, Kaspern, Fressen...

Andere Tiere vertreiben sich die Zeit mit ihresgleichen. Sie lenken sich mit der Fellpflege vom täglichen stupiden Einerlei ab oder verausgaben sich in Kämpfen um eine höhere Stelle in der Gruppenhierarchie. Ich habe mich stark abgesondert von meiner Gruppe. Derlei Belanglosigkeiten sind mir zuwieder. Ich höre lieber den Gesprächen der Menschen vor meinem Käfig zu, lasse mir die vielen Gesprächsfetzen und Teilinformationen durch den Kopf gehen, versuche, sie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen, zu einem in sich schlüssigen Bild. Darüber kann ich die Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit meines Zoolebens vergessen.

Ich weiß, viele der Besucher finden mich putzig; manche Kinder gar süß und nicht wenige Frauen sexy. Die Frauen sagen zwar nicht, was sie denken, doch ich verstehe ihr Mienenspiel, ihre Körperhaltung: sie zeigen mir deutlich die Gedanken hinter den Stirnen, die Gier in ihren Becken. Sie ahnen nichts von unseren Fähigkeiten, aus einer bestimmten Körperhaltung, aus der Anspannung eines einzelnen Gesichtsmuskels, selbst aus einem scheinbar zufälligen, schnellen Augenaufschlag, die verborgensten Gedanken herauszulesen. Diese Fähigkeiten sind ihnen verloren gegangen. Genauer: diese Fähigkeiten haben sie in unterschiedlichem Maße verlernt.
Denn mir fällt immer wieder auf: Je tiefer einer der Besucher auf der sozialen Stufenleiter der Menschen zu stehen scheint, umso genauer, gründlicher, wissender ist sein Blick auf andere. Doch können sie das aus ihren Fähigkeiten resultierende Wissen offenbar nicht umsetzen. Warum sonst stehen sie mit hängenden Schultern und klugem Blick...

Die Männer starren oft auf eine bestimmte Stelle, ich muss sie nicht erwähnen. Sie unterscheiden sich prinzipiell kaum von den Frauen, auch wenn sie ihre Gedanken nicht so direkt auf der eigenen Stirn leuchten lassen oder in ihren Schritt legen. Allerdings sehe ich bei den Männern keine Gier, sondern eine Mischung aus Bewunderung und Neid. Je dürftiger die Lenden, umso größer der Neidanteil.

Den Kindern zuliebe benehme ich mich hin und wieder, als sei ich wirklich ein Clown, ein verspieltes, dummes Affentier. Ich kratze mich unter den Achseln, stoße lächerliche Laute aus, springe ans Gitter, hänge mich ans Seil, schwinge weit, schlage gar einen Salto beim Abgang. Aber das wirkliche Motiv ist Mitleid mit den Kindern. Sie bekommen eingeredet, wir seien ihnen in gewisser Weise ähnlich. Sie wissen noch nicht, dass sie uns ähnlich sind und mit den Jahren immer ähnlicher werden.

Auch wenn ich nie laut lache, sondern nur gähne oder grinse: Ich habe schon eine Menge gehört in den letzten Jahren. Oberflächlich das allermeiste zwar, aber ich habe ein Bild von der Welt bekommen. Eines, das mir sehr widersprüchlich scheint, das in sich keinen Sinn macht, kein Ziel erkennen lässt. Manchmal bin ich geschockt, mir fallen Begriffe ein wie „Wahnsinn“, „Idiotie“, „Verbrechen“...

Darüber werde ich gelegentlich etwas depressiv. Ich weiß, das ist einerseits normal für ein sensibles, intelligentes, genau beobachtendes höherentwickeltes Tier, das sich um eine komplexe Weltsicht bemüht. Andererseits bin ich mir der Gefahren für meine Physis wohl bewusst. Depressionen schlagen auf den Magen, auf die Verdauung, auf den Glanz des Felles, auf das Feuer der Augen...
Zuviel Nachdenken und Grübeln versuche ich also zu vermeiden, die Kinder sind mir da, wie schon erwähnt, in Abständen sehr willkommen. Erheiternde Ablenkung verschaffen mir auch einige wenige Erwachsene, wenn sie sich im Gespräch kindischen Themen ergeben, diese dann aber mit hochgestochenen Thesen und Formulierungen behandeln. Ich nenne dieses Verhalten, das für mich den Charakter amüsanten Belehrungstheaters hat, die „Akrobatik der Einfalt“.

II.

Kürzlich standen wieder einmal zwei alte Bekannte, zwei Wissenschaftler von der Akademie, vor meinem Käfig. Ich kenne sie seit Jahren, sie sind mir ein bisschen ans Herz gewachsen in ihrer Redseligkeit, in ihrem aufrichtigen Bemühen um Unvoreingenommenheit bei der Abhandlung vermeintlich wichtiger Fragestellungen. Warum sie diese Fragen immer hier, vor meinem Käfig, erörtern, kann ich nur ahnen. Vielleicht dürfen sie zu Hause nicht über solche Dinge reden; vielleicht dürfen sie in Kneipen nicht darüber sprechen, weil ihre Ehefrauen ihnen Kneipenbesuche nicht zubilligen; vielleicht meinen sie aber auch, ein Gespür für die richtige Frage am richtigen Ort zu haben.

Die beiden gehören zu den gesetzteren Jahrgängen. Sie tragen eine Brille, haben sicher viel gelesen, sind augenscheinlich äußerst gebildet und verfügen garantiert über einen Titel. Ich bin allerdings aus der Anrede „Doktorchen“, die sie wechselseitig verwenden, noch nicht ganz schlau geworden. Ist ein „Doktorchen“ nun ein kleiner Doktor, ist es eine Veralberung, ist es Ausdruck eines Teilzeitarbeitsverhältnisses, oder soll es eine altersbedingte Tütligkeit verdeutlichen?
Sie tragen beide dunkle Anzüge, Lackschuhe und einen Binder. Ihre Socken trösten mich ein wenig, sie hellen das sonst sehr konservative, langweilige Äußere geringfügig auf, da sie oft von unterschiedlicher Farbe sind.
Mich selbst begrüßen die zwei wie einen guten Bekannten. Sie nicken mir freundlich zu, vertiefen sich aber umgehend in ihre Gespräche. Ich höre zu.

III.

Diesmal unterhielten sie sich über eine äußerst merkwürdige, weltfremd anmutende Frage: Wohin verschwindet die Zeit?
Ich zog die Brauen zunächst spaltbreit hoch, blinzelte geringschätzig; ließ den Unterkiefer zum Zeichen meiner Verachtung gelangweilt hängen, sabberte dann senil vor mich hin. Wer, ging es mir durch den Schädel, bringt die Menschen auf solche Fragen. Wer macht sich hier einen Spaß und – hat damit Erfolg? Denn als Erfolg kann man es doch wohl bezeichnen, wenn sich halbwegs gebildete Menschen im Zoo mit Fragen beschäftigen, auf die es viele, wenn nicht unzählige Antworten gibt, jedoch keine, die allen Möglichkeiten Genüge tut.
Ich stellte meine Lauscher auf und begann, dem Gespräch genauer zuzuhören. Die Frage, erfuhr ich, war von einem Gremium ihrer Akademie formuliert worden. Und zwar als Thema eines Preisausschreibens. Geschickt, geschickt. Genauer: eine intelligente Ablenkung von Alltagssorgen, eine amüsante Zerstreuung und preiswerte Unterhaltung. Was einst viel Geld für Brot und Spiele kostete, bekommt das Volk heute preiswerter – als Fragen von der Akademie. Daran kann man sehen: es ist doch nicht alles teurer geworden...

Man hätte genauso gut die Frage nach dem Wohnsitz Gottes, der Telefonnummer des Teufels, dem Gewicht von Freiheit oder der Definition des Begriffes Demokratie stellen können. Aber diese hier, die Frage nach dem Wohin der Zeit, ist – ich komme nicht umhin, dies ehrlichen Herzens anzuerkennen – in ihrem komödiantischen Talent durchaus von einigem Witz und Raffinesse. Auf die Frage nach Gottes Wohnsitz hätte sich wohl kaum jemand zu einer Antwort oder gar einem Essay, einem Gedicht oder Prosatext bemüßigt gefühlt, die katholische Kirche mit einer neuen Enzyklika einmal ausgenommen.
Auf die Frage nach der Telefonnummer des Teufels wären der Akademie vermutlich kein oder vielleicht ein Vorschlag ins Haus geflattert, oder hat schon mal jemand die Telefonnummer von Al Quaida im Telefonbuch gefunden? Da steht höchstens die vom Finanzamt!

Die Fragen nach dem Gewicht von Freiheit oder der Definition von Demokratie hätten möglicherweise wütende Steinwürfe gegen die Fenster und Tritte gegen die altehrwürdigen Tore der Akademie provoziert: Wenn ich mir vorstelle, die Frage wäre in jene Entwicklungsländer exportiert worden, die bereits Erfahrungen mit unseren durchschlagend-gründlichen Definitionen dieser Begriffe sammeln mussten, kräuselt sich mir das Fell. Schaurig-schöne Bilder schwirren mir durch den Kopf. Ich sehe die entrüsteten Völker anrennen gegen die Akademie. Sie brennen sie nieder, setzen die Mitglieder fest, tauschen sie aus gegen mich... Darüber weht ein gewaltiges Freiheitsbanner mit einer Banane in der Mitte, oder einem Zuckerrohrkolben, ich kann das nicht genau erkennen, vielleicht ist es auch ein Bohrturm oder eine Baumwollkapsel...

Wie gesagt, für mich war ziemlich schnell klar: die Akademie erlaubt sich wieder einmal einen herben Spaß mit der Bevölkerung, mit all den gutgläubigen, ehrlichen, rechtschaffen-wahrheitsbemühten Philosophen, Dichtern, Wissenschaftlern, Möchtegerns... Sie steht damit in einer festen Kontinuität, in einer soliden Traditionslinie. Oder sind frühere Fragen nicht von gleichem Charakter gewesen?
Ich erinnere mich an einige „Arbeitsgespräche“ meiner Bekannten vor dem Käfig, sie wurden in den letzten Jahren zu jeweils aktuellen Themen ihrer Akademie geführt. Da tauchte z.B. die völlig überflüssige Frage auf: „Was ist es, das in uns schmerzt?“ Ich wollte erst gar nicht glauben, dass es eine wissenschaftliche Akademie fertigbringt, Fragen, deren Antworten offen auf der Hand liegen bzw. einem vor Augen stehen, eingehüllt in die Aura seriöser Wissenschaftlichkeit, in die Öffentlichkeit zu lancieren.
Doch weitere Fragen ähnlicher Art belehrten mich eines Besseren: „Was wollen wir wissen?“, oder „Was im Tier blickt uns an?“, dichtete die Akademie munter vor sich hin. Wobei mich die letzte Frage in einige Verwirrung stürzte. Ich grübelte lange, wer gemeint sein könnte, die Menschen – oder doch unsereiner?

Nun also die Frage nach dem Wohin der Zeit. Ich sehe sie vor mir, alle die eifrigen Menschen, die Jungwissenschaftler, Studenten, Abiturienten, wie sie die Blicke in die unergründbaren Fernen vermuteter neuer Wissenshorizonte richten, ihre hohen Stirnen in tiefdenkerischer Anstrengung kräuseln und sich in der Nase bohren, um eine passende, überzeugende Antwort zu finden. Und ich höre Edles, Gebildetes, Hochgestochenes:

- Die Zeit entsteht und verschwindet in räumlichen Dimensionen.
- Sie kommt aus der Zukunft, wird Vergangenheit; sie ist ein gefĂĽhltes Element, das sich nur in der Gegenwart zeigt.
- Sie entsteht aus der wahrnehmbaren Veränderung der Dinge und Lebewesen: aus der ständigen Veränderung der Lage von Raumquanten zueinander...
- Sie ist das Produkt von RelativbezĂĽgen...

Die Frage, wohin die Taschentücher verschwinden, wenn man sie benötigt, tritt in den Hintergrund.
Zum Glück sehe ich vor meinem inneren Auge auch ein paar humorvolle Exemplare der menschlichen Spezies, es gibt nicht viele davon, leider. (Mich dünkt, dies ist fast schon der Beweis für das Misslingen der Evolution, mindestens jedoch für deren höchst dürftigen Teilerfolg bei jener Spezies. Bei meiner entdecke ich mehr Humor und Freude am Leben, selbst in der Gefangenschaft!)
Ich sehe sie schmunzeln oder lachen bei der Frage nach dem Wohin der Zeit, ich höre Worte wie:

- Die „Zeit“ verschwindet im Ofen, wenn man sie gelesen hat.
- Die Zeit verschwindet nirgendwohin, jedenfalls vergeht sie während meiner Arbeit nicht.
- Die Zeit ist ein Verbrauchsgut der Pause.
- Die Zeit verschwindet in den Bierbäuchen der Männer und den Falten der Frauen.
- Auf vergangene Zeit sollte Herr Trittin ein Pfand erheben, so könnte die nutzlos vergangene Zeit für eine sinnvollere Gegenwart genutzt werden, z.B. für Nachhilfeunterricht – für Eltern, die angeblich nie Zeit haben, mit ihren Kindern zu spielen....
- Die Zeit wurde erfunden aus GrĂĽnden der Entwicklungshilfe fĂĽr die Schweizer Uhrenindustrie. Sie darf nicht verschwinden. Sonst gehts den Schweizern schlecht...
- Die Zeit hat zwei Bestandteile: die gute und die schlechte Zeit. Nur die schlechte verschwindet, sie wird entsorgt, vergessen oder bewältigt, was andere Worte für Verstecken oder Verdrängen sind. Aus der guten Zeit werden Märchen und Mythen gefertigt.
- Die Zeit verschwindet nicht, sie wird verschwendet.
- Die Zeit verschwindet vornehmlich in Kneipen, durch das Telefon und bei Nachbarschaftsschwatzereien.
- Die Zeit wird in den Museen konserviert, so schafft sie ein paar Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst.
- Die Zeit verschwindet nicht, sie krĂĽmmt sich nur zu einem Kreis. Beweise dafĂĽr sind wiederkehrende Moden, Spleenigkeiten, Macken, Krankheiten und Kriege...
- Die Zeit hat die Form alter, durchgesessener Polstermöbel, verblichener Teppiche, verrosteteter Waschmaschinen, kaputter Fernseher, leerer Joghurtbecher, aufgerissener leerer Plastikverpackungen; sie wird sorgsam gesammelt, getrennt, wieder vereinigt, fliegt gemeinschaftlich auf die Mülldeponie, wandert von dort durch die Müllverbrennung, oben kommt se aus dem Schornstein wieder raus, mit den Wolken und dem Wind kehrt sie als unhimmlisches Kind zurück und beglückt uns von neuem. Wir atmen ihren Geist...
- Die Zeit verschwindet in der Dunkelheit, sie hat die Farbe faulender Bananenschalen...

Eine dritte, mir sehr gewärtige Gruppe von Antwortgebern, ist die der Esoteriker, Gläubigen, Wunderbedürftigen. Ich kenne diese Gruppe recht gut, viele derer trieben sich vor meinem Käfig herum und gaben mir freizügig-breitschwätzig Einblick in ihre verschroben-märchenhafte Welt. Sie werden sich wohl mit Behauptungen melden wie:

- Die Zeit verschwindet in Schwarzen Löchern.
- Die Zeit verschwindet in WeiĂźen Riesen.
- Die Zeit ist die Erfindung Gottes. Ohne sie wäre uns ziemlich langweilig. Also darf sie nicht verschwinden...
- Sie ist die Erfindung des Teufels. Ohne sie wären wir nicht so gehetzt. Also wird sie nicht verschwinden...

Diesen „Spezialisten“ empfehle ich: Spaltet vier bis fünf überreife Kokosnüsse, trinkt den vergorenen Saft in größter Schnelle auf nüchternen Magen, legt euch dann in die Sonne, und ihr werdet sehen, wie sich alles um euch her in angenehm weichen Formen löst, verschwindet, unsichtbar wird. Einschließlich eures eigenen Bewusstseins, eures Zeitempfindens. Ihr werdet nicht mehr nach der Armbanduhr sehen - für eine bestimmte Zeit.

Auf die Frage nach dem Wohin der Zeit wĂĽrde ich selbst spontan antworten: Die Zeit verschwindet nirgendwohin. Es gibt keine vergehende und keine abgelaufene Zeit. Es gibt keine Vergangenheit. Das ist alles ein Trugschluss, eine Illusion, eine dumme Hoffnung.
Die Spontaneität meiner Antwort speist sich hauptsächlich aus dem Bild, das ich durch langjährige Beobachtung meiner Besucher – ja, ich bin ein alter Affe! – gewann: In Wirklichkeit haben sie sich nicht verändert. Sie tragen die gleichen Triebe, Gemeinheiten, Aggressionen, Anmaßungen, Egoismen wie wir in sich. Die kleinen Unterschiede bei Nase, Lippe, Haut sind bedeutungslos...Wo also ist all die Zeit von Jahrtausenden und Jahrhunderttausenden, wenn nicht Jahrmillionen, geblieben? Wo ist der erkennbare evolutionäre Sprung, der aus einem gewalttätigen Alpha-Affen meiner Verwandtschaft einen friedlich-vernünftigen, gesprächs- und verhandlungsfähigen Menschensohn machte? Worin unterscheidet sich der Alpha-Mensch, der Kriege anzettelt, vom Alpha-Tier, das ohne Skrupel konkurrierende Jungaffen kastriert oder fremde Brut frisst?

Doch wohl höchstens – ich erwähnte es bereits – in der verminderten „Humorkompetenz“!
Aber, wie gesagt, das wäre nur eine spontane, unüberlegte, damit nicht ganz korrekte Antwort. Bei genauerem Nachdenken und dem Einsatz der mir eigenen wissenschaftlichen Gründlichkeit, in unserer Sprache „Affibie“ genannt, muss ich meine Aussage präzisieren. Zeit vergeht so wenig, wie sie ist. Wenn ich in meinem Käfig sitze und mich des einstigen freien Lebens erinnere, wenn ich von meinem wildwuchernden, von tausenden Geräuschen erfüllten afrikanischen Urwaldparadies träume, von meinem Hochsitz, von den lang hängenden, elastischen Lianen, den saftigen, frischen Mangofrüchten, den goldenen Sonnenaufgängen, den lockenden Weibchen –, wenn ich also in meine Traumwelt eintauche, um aus der Gegenwart zu fliehen, passieren die unterschiedlichsten Dinge: Der Wärter wirft mir ein paar faule Zucchinis oder Orangen hin; vor meinem Käfig zieht einer eine Paprika oder Zwiebel aus der Tasche, um sie mir, wenn der Wärter außer Sichtweite ist, in der irrigen Hoffnung zuzuschieben, ich würde das öffentlich tun, was er heimlich nicht unterlassen kann; oder zwei alte Bekannte tauchen auf mit einer neuen Fragestellung der Akademie...

So werde ich unversehends zurückgeholt in die Gegenwart, der ich doch entkommen wollte. Aber – es ist nicht mehr „die Gegenwart“: es ist schon wieder eine andere. Die Zucchinis hat sich ein aufmerksamer Affe geschnappt, sie waren wohl doch nicht so schlecht, wie ich dachte; der Wärter hat mitbekommen, welche Sauerei einer der scheinheilig vor meinem Käfig herumstehenden Besucher plant, er hat ihn schon am Schlafittchen; die beiden alten Bekannten offenbaren mit ihren Gesprächen meinen Gedanken völlig neue Perspektiven, sofort vergesse ich den schmatzenden, zucchiniverschlingenden Affen hinter mir und das einsetzende heftige Gezänk zwischen Wärter und bösem Buben vor meinem Käfig, und denke über das Verschwinden der Zeit nach. Ich will der Gegenwart entkommen, aber ich kann ihr nicht entkommen. Sie holt mich zurück und ist doch schon wieder eine andere. Ergo: es gibt keine Gegenwart, sie ist nicht, sondern sie entsteht, indem sie vergeht; Zeit ist nicht, sondern wird, indem sie verstreicht...

Einmal stand ein alter Mann vor meinem Käfig, er sah mich aus großen, traurigen Augen an und flüsterte mir freundlich, aber matt seltsam dunkle Worte zu: „Vergangenheit ist ein großer, tiefer Brunnen.“ Ich sah ihn aufmerksam an, und ich las in seinen Gesichtszügen die Dinge, die er nicht aussprach.
Ich las von Tränen der Trauer und der ewigen Erinnerung an schreckliche Erlebnisse, die den Brunnen randvoll füllten. Von Alpträumen, Lebensängsten; Verzweiflung, die das Wasser bitter und ungenießbar machten. Ich sah ihn stehen auf der Mauer des Brunnens, bereit zum Absprung ins endgültige Vergessen. Ich sah, wie er sich überwand, von der Mauer stieg, sich mit dem Rücken zu dem Brunnen drehte, mit offenen Augen in die Sonne starrte und dabei halb blind wurde. Ich spürte, wie er das bittere Wasser seines Lebensbrunnens im Rücken wusste, wie es ihn kalt und grausig andünstete. Ich begriff: für diesen armen Mann würde eine bestimmte Zeit nie vergehen. Sie würde nicht verschwinden, nirgendwohin. Keine Sekunde und kein Lichtjahr könnte den Abstand zu ihr vergrößern...

IV.

Einige der Besucher vor meinem Käfig sprachen und sprechen viel über Lichtgeschwindigkeit, Zufall, Raumquanten, Relativitäten und so weiter. In letzter Zeit höre ich auch häufiger den Begriff „Strings“. Als „Strings“ bezeichnet man neuerdings die kleinsten Bauelemente von Banane, Kokosnuss, Zoowärter, Akademiemitglied, Gauner, Obergauner und dem ganzen vergeblichen Rest. Angeblich verteilen sie sich über mehr als zehn Dimensionen. Winzigen Fäden – oder Minimagerbananen? – gleich, wabern sie durch den Raum...

Noch phantastischer klingt die Loop-Theorie: Nicht räumlich miteinander verbundene Raumquanten sollen miteinander in Verbindung stehen? Stünde dann nicht alles mit allem in Verbindung? Der Wurfarm des Wärters mit der Banane, die Banane mit der Zwiebel, die Zwiebel mit dem Gauner, der Gauner mit meinen alten Bekannten von der Akademie – ein verrückter, ein grässlicher Gedanke. Dann gäbe es keine Zufälligkeit mehr, dann wäre alles vorbestimmt, und schon damals, als unsere gemeinsamen Vorfahren noch im afrikanischen Urwald auf einem Baum saßen und sich an vergorenen Kokosnüssen berauschten, hätte jeder zukünftige Wurf hintervotziger Zwiebelfrüchte in meinen Käfig festgestanden, jede Schandtat perverser Besucher wäre beschlossen, jedes Wort meiner alten Bekannten von der Akademie bereits vorformuliert gewesen. Hätten wir uns vielleicht schon damals mit ein paar Kokosnüssen zuviel aus dem vorbestimmten Leben verabschiedet? Nein, wir hätten es nicht gekonnt. Wir hätten gar nichts können entscheiden, der festgelegte, völlig unzufällige, vorbestimmte Lauf der Geschichte hätte mit uns getan, was er beschloss, er hätte uns auch diese Flucht verhindert, um uns eines Tages auf zwei Seiten gegenüberzustellen: vor und hinter den Stäben.

Wir wären seit je entmündigt gewesen und würden es sein für alle kommenden Zeiten. Beide, die Leute vor den Stäben und wir, die wir dahintersitzen. Das will ich nicht. Auch nicht, wenn ich es jetzt, in meiner Lage, offenbar bin...

V.

Ich sitze zumeist – von kleinen Einlagen für die Kinder abgesehen – sehr ruhig in meinem Käfig und wirke ein wenig traurig. Aber ab und an täuscht der Eindruck doch. Meine Phantasie macht wilde Sprünge.
Kann sich ein Mensch vorstellen, wie es in meinem Gehirn zugeht? Ich darf einmal ein kleines Beispiel meiner Gehirnakrobatik geben, die Gefahr, dass ich mich zum Affen mache, besteht bei mir nicht, denn ich bin ja wohl einer, oder?

Also: Greifen wir uns nochmal die phantastische Loop-Theorie, derzufolge alles mit allem in Beziehung steht, und machen sie zur Basis eines noch viel phantastischeren Denkmodells. Dieses beinhaltet, kurz gesagt, die „ewige Wiederkehr“ alles Gewesenen, aber in einer viel radikaleren Form. Auf Grund der angenommenen Determiniertheit aller Teilchen, welche Namen sie auch tragen mögen, besteht ein geschlossenener, komplexer Wirkzusammenhang. Bewegt sich eines und erzeugt eine Wirkung auf ein anderes, bewegt sich dieses wiederum – auf vorhersehbare, exakt determinierte Weise – zum dritten und so weiter. Jede Wirkung hat eine Folgewirkung, es gibt für alle Veränderungen eine nachvollziehbare Kausalität. Zufall wäre, wie schon erwähnt, nicht existent.
Unter der Annahme, dass die Zahl der Teilchen begrenzt ist, kommt man zwangsläufig zu einer endlichen Zahl von Kombinationen der Positionen, Kräftegleichgewichte, Wirkzustände usw. Sind die „abkombiniert“, beginnt das „Spiel“ von neuem. Bis in alle Ewigkeit.

In unsere Vorstellungswelt übertragen: Nach dem Urknall bilden sich Universen mit Urwäldern, Affen, Evolutionen, Affenartigen, Wärtern, Kokosnüssen, Gaunern, Zwiebeln, Akademiemitgliedern, abstrusen Fragen... Das Weltall dehnt und atmet, entwickelt und verändert sich. Bis es irgendwann müde wird, Sehnsucht nach dem Schwarzen Loch verspürt, beginnt, sich zusammenzuziehen, und das endlich auch tut. Um nach erneutem Urknall eine völlig andere Entwicklung zu nehmen, völlig neue Universen zu bilden, ganz anders geartete Urwälder, unbekannte Affenarten, hochprozentigere Kokosnüsse, geläuterte Affenartige hervorzubringen, vielleicht sogar Welten ohne Gitter, Wärter und Gauner...

Aber: wenn die Zahl der Kombinationen endlich ist, hat sich nach einer endlichen Unzahl von Urknällen die letzte Variante realisiert. Dann käme – die erste Wiederholung einer vor Urzeiten existierenden Variante. Und so weiter. Ab einem bestimmten Zeitpunkt also wäre der Weltenlauf nichts als eine Folge von Wiederholungen. (In meiner kleinen Affenwelt sind wir schon soweit: jeden Tag zur gleichen Zeit kommt derselbe Wärter mit den gleichen halbangegammelten Bananen... Na ja, er ist sonst ein ganz passabler Junge, hat so einiges hinter sich, geschieden ist er auch, er hat es mir selbst geklagt; über eine ABM ist er hier in den Laden reingerutscht, aber die wird, sagt er, nicht verlängert werden. Die Zucchinis von ihm will ich nicht schlecht machen. Ich werde beim nächsten Mal schneller aus meinen Erinnerungen an die verlorenen Paradiese tropischer Urwälder zurückkehren müssen.)
In der Menschenwelt soll es, hörte ich, nicht anders sein: täglich die gleichen Soaps im Fernsehen.

Zurück zum Thema. Geht man vom Fehlen des Zufalls aus, verschwinden nicht nur unsere Freiheit und persönliche Entscheidungsmöglichkeiten auf Nimmerwiedersehen, es verschwindet vor allem die scheinbare Unendlichkeit von Zeit. Der Zeitvorrat begrenzt sich, auf jeden Fall mit meinem affenakrobatischen Gedankenexperiment. Außerdem geht die gesamte Einzigartigkeit meiner Persönlichkeit als Affe in der ewigen Wiederkehr flöten. Dagegen wehre ich mich. Ich will nicht die x-te Wiederholung von mir selber sein. Das wäre formalistisch-manieristisches Affentheater!

Ein Besucher bestärkte mich rein zufällig vor Jahren in meiner ablehnenden Haltung gegen solcherart Kulturpraxis auf dem Boden deterministischer Theorien. Als er mich beim spielerischen Probieren eines Stückchen Würfelzuckers sah, entfuhr es ihm voller Erstaunen: „Gott würfelt nicht. Wieso aber nu een Affe?“ Da hatte er dem Affen wirklich Zucker gegeben.

Nun habe ich ein Beispiel meiner recht beweglichen Phantasie geliefert. Man sieht: Mein Gedankenexperiment ist nicht beweisbar, aber auch nicht zu widerlegen. Es führt trotz aller Akrobatik letztlich doch nur zu Selbstzweifeln an unserer aktiven Rolle im Weltgeschehen. Daher werde ich zukünftig versuchen, weniger meinen Träumen und Theorien hinterherzuhängen, ich will auch nicht mehr so genau auf die merkwürdigen Fragen meiner beiden alten Bekannten hören, auf all die neuartigen Theorien von Strings, Loops, Raumquanten usw. Ich will lieber ein bisschen genauer aufpassen, wenn es Zucchinis gibt, oder wenn sich wieder so ein Gauner mit einer Zwiebel und allerlei perversen Gedanken vor meine Gitterstäbe verirrt. Dem will ich’s zeigen! Ich sehe ihn schon auf allerschnellstmögliche Weise aus dem kleinen Bilde verschwinden, dass mir die Welt unseres Zoos belassen hat.

Ach ja: Wohin nun die Zeit verschwindet? Wer dies gelesen hat, kann sich die Frage stellen, wieviel von seiner Zeit weg ist. Er kann sich aber auch fragen, ob es lohnt, die Frage ernsthaft beantworten zu wollen.

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Wat is Zeit, verdammt noch eins

Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Antworten auf die Frage, wohin die Zeit verschwinde; aber - sind es nicht durchweg vorschnelle, unüberlegte und also an der Frage vorbeigehende? Müsste man nicht zunächst mal klären, was denn Zeit überhaupt ist? Je länger ich mich an einer Definition versuche, umso hilfloser werde ich... Oder weiß einer was?

Grübelnd und von der dumpfen Ahnung bedrängt, Zeit zu verschwenden, grüßt

A.

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