Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
331 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Wolkenkratzer
Eingestellt am 03. 11. 2007 10:41


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

Werke: 209
Kommentare: 4053
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ENachtigall eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wolkenkratzer

Er hatte sich oft sagen lassen mĂŒssen, zu gut fĂŒr diese Welt zu sein. Vor allem dann, wenn die Folgen einer gut gemeinten Tat sich als schmerzhaft fĂŒr ihn erwiesen, bekam er von seinen Anteilnehmern diesen Spruch zu hören, der eigentlich meint: wie kann man nur so dumm sein. So gewöhnte er sich mit der Zeit eine leicht abgewandelte Form der Maxime zu seinen fragwĂŒrdigen WohltĂ€tigkeiten an – denn nichts ist bekanntlich schwerer loszuwerden, als die AnhĂ€nglichkeit einer Gewohnheit. Wie ein Mantra rezitierte er nun den Gedanken, der tatsĂ€chlich kraft autoritĂ€rer Dominanz positiv in sein Leben zu wirken vermochte: Ich mache die Welt so gut wie möglich.
Da ihm diese Lebensweisheit bescherte, auf politisch korrekte Weise mit einer höchst möglichen AusschĂŒttung körpereigener Endorphine zu leben, ging es ihm eigentlich sogar ganz gut. Jedenfalls bis zu dem Tag, da ihn die SchimĂ€re heimsuchte.
Mit der Frische eines sprudelnden Quells entsprang sie den dunkleren Tiefen seiner Fantasie; unwillkĂŒrlich war ihm in den Sinn gekommen, dass die Wirklichkeit eines durchschnittlichen mitteleuropĂ€ischen Arbeitnehmers im 21. Jahrhunderts den Arbeitsmarkt politischen und Firmen internen AnsprĂŒchen derart hinterherhinke, wie ein gigantisches Mischwesen. Mit dem Kopf und Rumpf einer zahnradbetriebenen Maschine bewegte es sich schwerfĂ€llig auf zu KrĂŒcken missbrauchten Menschenleibern durch seine Visionen. Seine Freunde und Verwandten waren zunĂ€chst ob der expressiven SchĂ€rfe seiner Gedankenbilderwelt fasziniert, wurden aber bald der Besessenheit, mit der er davon sprach, ĂŒberdrĂŒssig.
In der Tat wurde er die bedrohliche GegenwĂ€rtigkeit dieses Ungeheuers nicht wieder los. Nachts wachte er schweißgebadet auf. Er trĂ€umte regelmĂ€ĂŸig davon, wĂ€hrend eines SchwĂ€cheanfalls von seinen Leidensgenossen zertreten zu werden. Prompt verschlief er anderntags. Bald wurde er abgemahnt. Seine Arme und Schultern litten zunehmend an einem chronischen Reißen. Die Geste unvermittelt empor geworfener Arme wurde typisch fĂŒr ihn. Seine FĂŒĂŸe vollfĂŒhrten stĂ€ndig Trippelschritte, was ihm bei den Kollegen schnell den Spitznamen "Sextanerblase" einhandelte. Als Sonderling hatte er ohnehin schon gegolten, aber nun wandte man sich vollends von ihm ab.
Er kĂŒndigte seine Wohnung und zog zur Untermiete in ein Haus gegenĂŒber der Firma, um unnötiges Vergeuden von Zeit fĂŒr An- und Abfahrten zu sparen. Seine Kleidung und Hygiene vernachlĂ€ssigte er, wie jegliche seiner frĂŒheren Kontakte. Der Flur war gesĂ€umt von zig Paaren diverser Schuhe. ZunĂ€chst hatte er die sportlichen Laufschuhe vorgezogen. Dann die Klassiker Lloyds, Doc Martins und Timberlands. Birkenstocks waren ihm zu klischeebehaftet; da war ein Rest von Auflehnung im Format eines Anti-Öko-Rebellen in einer geheimen Ecke seiner Urinstinkte erhalten geblieben.

Eines Tages beobachtete er im Spiegel der reflektierenden Fensterscheibe wĂ€hrend des Begießens der Kakteen – diesen Luxus von Zeitverschwenden erlaubte er sich noch - seinen Arbeitskollegen, wie dieser heimlich einen Stapel unbearbeiteter Akten auf die gegnerische Seite des Schreibtisches verschob. Tags darauf, als er in Fußballschuhen zum Dienst erschien und dem Kollegen die Stollen unter dem gemeinsamen Schreibtisch in die untrainierten Waden rammte, erhob sich das Monster fĂŒr einen Moment und kreiste ĂŒber dem Institut fĂŒr Arbeit, wo es ihn wie einen Parasiten abschĂŒttelte.
Seither sieht man ihn bei schönem Wetter oft am kĂŒnstlich angelegten Naherholungssee sitzen und mit den ferngesteuerten Booten und Hubschraubern sprechen; nachts aber lĂ€uft er mit erhobenen HĂ€nden durch die ruhigeren Straßen und rezitiert sein Motto. Ich mache die Welt so gut wie möglich.
Sie nennen ihn jetzt den Wolkenkratzer.


© elkENachtigall
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Prosaiker
Guest
Registriert: Not Yet

Ein großartiger Tonfall, der durch seine bescheidene, aber nicht farblose Bestimmtheit einen irren Genossen - will ich die mechanische Sprache unserer Zeit nutzen - dem Leser nahebringt. Nicht unbedingt kafkaese Elemente sind hier diejenigen, die verstörend wirken - dafĂŒr findet sich irgendwo im HinterstĂŒbchen noch zuviel Selbstbestimmtheit. Die Verstörung (die du durch besagten Tonfall zugleich abfederst und wuchern lĂ€sst) bildet sich aus dem schlichten thematischen Umstand systematischer Ausbeutung, die (scheinbar zwangslĂ€ufig?) in jeder Gesellschaft stattfindet. Wir sind Utopisten, wenn wir an Besserung glauben. Oder eben Wolkenkratzer.

GrĂŒĂŸe,
Prosa.

Bearbeiten/Löschen    


ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

Werke: 209
Kommentare: 4053
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ENachtigall eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Prosa,

tut gut, Deine aufbauende Kritk zu lesen.

Ich hatte tatsÀchlich Bedenken, der Text könne zu sehr nach "Verwandlung" riechen und musste mir Mut anschreiben, ihn zu Ende zu bringen. Ein interessantes PhÀnomen, das sich wahrscheinlich automatisch beim Schreibenden einstellt, sobald ein Sonderling und ein fantastisches Insekt gemeinsam eine Geschichte bevölkern wollen ...
Mich interessiert schon seit dem "SchnelllĂ€ufer von Schwieringhausen", einem Redezwang Unterworfenen ĂŒberall Auftaucher aus meinen Kinderjahren, was Menschen derart aus der Bahn werfen kann. Nun bot sich an, eine einfache plastische Vorstellung eines Aspektes gesellschaftlicher RealitĂ€t konsequent in eine Richtung fort zu spinnen. So schnell kannÂŽs gehen.

lieben Gruß

Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!