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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wolkenlos
Eingestellt am 13. 02. 2006 13:03


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Sumpfkuh
AutorenanwÀrter
Registriert: Jan 2006

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Sven trieb traumlos in einer Woge aus Dunkelheit, die ihn sanft umhĂŒllte wie ein seidenes Tuch. Sein Atem ging ruhig, wĂ€hrend er ausgestreckt auf seinem Bett schlief.
Völlig erschöpft war er hier nach einer durchwachten Nacht vollstÀndig angekleidet eingeschlafen.
Ein GerĂ€usch riss ihn aus seiner Dunkelheit. Er blickte zur Decke und versuchte mĂŒhsam seine Augenlider offen zu halten, die ihn, schwer wie Blei, zum weiterschlafen zwingen wollten.
Wieder erklang ein wĂŒrgendes GerĂ€usch außerhalb seines Zimmers, das ihn eilig hochfahren ließ. Er taumelte einige Schritte, bevor er die MĂŒdigkeit ganz abschĂŒtteln konnte und stĂŒrzte ins Bad, welches direkt am Ende des Flurs lag.
Seine Schwester kniete vor der Toilette und wĂŒrgte ihren Mageninhalt ins Klo, welcher lediglich aus ein wenig Suppe und Magensaft bestand. Feste Nahrung hatte sie schon seit einigen Wochen nicht mehr zu sich genommen.
Sven kniete sich neben Jule, strich ihr behutsam die blonden StrÀhnen aus dem Gesicht und hielt die Haare an ihrem Hinterkopf zu einem Zopf zusammen.
WĂ€hrend diese ihr blasses Gesicht ĂŒber die SchĂŒssel hĂ€ngte, redete er behutsam auf sie ein.
„Schon gut Kleine, gleich hast du es ĂŒberstanden“.
Wieder wĂŒrgte sie und nahm danach einen tiefen Atemzug, welcher wie der eines Ertrinkenden klang, der in seiner Not versucht, so viel Sauerstoff wie möglich in seinen Lungen zu speichern.
Mit seiner freien Hand strich Sven ihr zĂ€rtlich ĂŒber den RĂŒcken. Ihr schmĂ€chtiger Körper zitterte vor Anstrengung. Sie war nur noch Haut und Knochen. Dort, wo einst ein gesundes, lebenslustiges MĂ€dchen gewesen war, befand sich nun nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ihre strahlend blauen Augen blitzten nicht mehr fröhlich, sondern lagen tief eingesunken in ihren Höhlen, das weizenblonde, glÀnzende Haar war stumpf und strÀhnig geworden.
Überall standen Knochen hervor, wo sonst ihre attraktiven, weiblichen Rundungen gewesen waren.
Er ekelte sich nicht davor, wenn sie sich ĂŒbergab, oder versehentlich ihr Bett einnĂ€sste, weil sie zu schwach war um aufzustehen. Er bemĂŒhte sich, ihr so gut es ging zu helfen, brachte ihr Tee, las ihr vor oder redete einfach nur ĂŒber ihre Kindheit und die schönen Dinge die sie zusammen erlebt hatten. Er wusch sie, wechselte ihr die Kleidung und bezog ihr Bett neu wenn es nötig war. Er hatte darauf bestanden, sich um sie zu kĂŒmmern, denn niemand stand ihr so nahe wie er, nicht einmal ihre Eltern, obwohl diese sie sehr liebten. Seit sie sich gemeinsam den Platz in der GebĂ€rmutter geteilt hatten waren sie so gut wie unzertrennlich. Selbst als sie beide in die PubertĂ€t kamen und sich zunehmend fĂŒr das andere Geschlecht interessierten verloren sich ihre Wege nie. Oft unternahmen sie gemeinsame Radtouren oder Kinobesuche, auch ihren Urlaub verbrachten sie meist zusammen.
FĂŒr Außenstehende war ihre enge Bindung schwer nachvollziehbar, sie waren oft allein.
Bis zu dem Tag, als der Arzt ihr die vernichtende Diagnose mitteilte.
Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Nicht heilbar.
Jule und ihre Eltern waren in TrĂ€nen ausgebrochen, wĂ€hrend er stumm daneben gestanden hatte, seine HĂ€nde in seinen Hosentaschen zu FĂ€usten geballt. Er wollte nicht glauben, was er da hörte. Jule hatte niemals geraucht, immer gesund gelebt, viel Sport getrieben. Außerdem waren sie doch erst neunzehn Jahre alt, im nĂ€chsten Jahr wollten sie gemeinsam ihr Studium beginnen.

Erst Tage spĂ€ter, als Jule ihre erste Infusion bekomme hatte und danach den Nachmittag wĂŒrgend im Bad verbrachte, hatte er die Worte des Arztes realisiert und war weinend zusammengesunken.
Niemand hatte damit gerechnet, als der Husten nicht aufhören wollte, sie hatten nicht einmal dran gedacht als sie plötzlich immer öfter an Atemnot litt.
Die erschĂŒtternde Diagnose ließ seine gesamte Zukunft zerspringen wie eine Glaskugel. Er konnte nicht mehr nach vorne schauen, denn dort wartete das Unvermeintliche auf ihn.
Tausende von Scherben, die sich nicht mehr zusammenfĂŒgen ließen.
Ihre Eltern hatten Jule zu einer Chemo-Therapie ĂŒberredet, die sie zwar nicht mehr heilen konnte, ihre Lebenserwartung allerdings um einige Monate verlĂ€ngerte.

Nachdem ihre KrĂ€mpfe abklangen, half er seiner zitternden Schwester beim Aufstehen und stĂŒtzte sie mit einem Arm. Ihr weißes Nachthemd schlotterte lose um ihren Körper. Vor dem Waschbecken stellte er das Wasser lauwarm ein und wusch ihr mit dem Waschlappen sanft ĂŒber das eingefallene Gesicht.
Sie blickte ihn erschöpft an und in ihren Augen stand Dankbarkeit. Sie brauchte nicht zu sprechen, er verstand sie auch ohne Worte und flĂŒsterte „Schon gut
“, wĂ€hrend er ihr einen sanften Kuss auf ihre Stirn drĂŒckte. Ihre Haut fĂŒhlte sich an wie Seide. Einen Augenblick lang hĂ€tte er beinahe geweint, aber er riss sich zusammen und versuchte fĂŒr seine Schwester stark zu sein. Danach hievte er sie auf seine Arme und sie legte mĂŒde ihren Kopf auf seine Schulter, wĂ€hrend er sie zurĂŒck in ihr Schlafzimmer trug.
Er selbst hatte auch einige Kilo verloren, Schmerz und Hoffnungslosigkeit hatten an seinem Körper gezehrt und es kostete ihn trotz ihres Fliegensgewichts einiges an Anstrengung sie zu tragen, er atmete schwer.
„Ich kann laufen“, stöhnte sie in sein Ohr, aber er trug sie weiter bis zu ihrem Bett, wo er sie sanft ablegte. Ihr Nachthemd verrutschte und entblĂ¶ĂŸte ein paar knochige Knie. Behutsam deckte er sie zu und setzte sich auf die Bettkante.
„Soll ich dir einen Tee machen?“ fragte er und wandte sein Gesicht ab, damit sie seine TrĂ€nen nicht sah, die nun an seiner Wange hinab liefen. Er ertrug es kaum, sie so zu sehen, so hilflos und krank. Die Dunkelheit. Diese verdammte Dunkelheit. Sie hatte sich ĂŒber sie gelegt und sie in ihren Schatten gezogen, bevor sie auch ihn eingehĂŒllt hatte. Er hatte das GefĂŒhl als seien sie lebendig darin begraben, und so sehr er sich auch wand fand er nicht einmal einen kleinen Lichtstrahl, das GlĂŒhen einer erlöschenden Kerze oder auch nur ein kaum wahrnehmbares Flimmern.
Sie hatte die Natur immer geliebt. Bei Regen und bei Schnee waren sie gemeinsam draußen gewesen, hatten die feuchte Luft in ihre Lungen gesogen, SchneemĂ€nner gebaut und in den PfĂŒtzen so lange gehĂŒpft bis das Wasser in ihren Gummistiefeln oben wieder herausschwappte. Dabei hatten sie immer viel gelacht, meistens war sie diejenige, die ihn trösten musste, wenn er hingefallen war, oder er spĂ€ter Liebeskummer hatte.
Sie selbst hatte immer die ZĂ€hne zusammen gebissen, er hatte sie nicht oft weinen sehen.
Jetzt sah er eine resignierende Traurigkeit in ihren Augen, die ihm selbst jegliche Hoffnung nahm.
Im Sommer hatten sie stundenlang auf der Wiese hinter dem Haus gelegen und Wolkenbilder gesucht. Sie mochte es, in den Himmel zu sehen und sich mit ihm phantastische Geschichten auszudenken, mit ihm ĂŒber die Zukunft zu sinnieren.
„Immer Wolken, auch wenn es nur kleine sind. Ich wĂŒnsche mir einen wolkenlosen Himmel“, hatte sie damals sehr ernst gesagt.
Auch kleine Probleme machten ihr schwer zu schaffen, denn sie hatte den Drang danach, völlig unbeschwert zu leben und es allen recht zu machen.
Sie half wo sie konnte und war immer da, wenn man sie brauchte.
Mit zwölf hatte sie einmal ihren kompletten Kleiderschrank ausgerĂ€umt und die Sachen in ein Kinderheim gebracht, nachdem sie im Fernsehen einen Bericht ĂŒber die armen Weisen gesehen hatte. Ihre Eltern waren furchtbar wĂŒtend geworden, aber nachdem sie erklĂ€rt hatte, dass sie doch nur helfen wollte konnten sie ihr nicht mehr lange böse sein.
Sie wollte etwas tun, ein Mensch sein, der nicht die Augen verschließt, sondern versucht etwas zu Ă€ndern. Einen wolkenlosen Himmel hatte sie trotzdem nie gesehen. Und nun hatte der Himmel sich vollends verdunkelt.
Sven hatte Angst. Angst davor, dass die Luft hier drinnen immer dicker werden wĂŒrde und Jule irgendwann mit der Dunkelheit ging, ein Teil von ihr wurde.
„Hey, weine doch nicht“, flĂŒsterte sie nun und legte ihre kĂŒhle Hand auf seinen Unterarm.
Ihre Augen wirkten irgendwie erschrocken.
„Ich will nicht, dass du um mich weinst, du musst jetzt alles das tun, was ich nicht mehr kann.
Geh studieren, heirate, bekomme Kinder und male mit ihnen Wolkenbilder in den Himmel.“
Dicke TrĂ€nen tropften nun auf seine Jeanshose und hinterließen kleine, feuchte Flecken.
Er griff nach ihrer Hand.
„Rede nicht so“, weinte er, „ich möchte nicht, dass du sprichst, als wenn du schon gestorben wĂ€rst, du bist hier, bei mir. Wir werden gemeinsam studieren. Du wirst selber wundervolle Kinder bekommen und
“, ein Weinkrampf ließ ihn abbrechen. Er hielt sich schĂŒtzend die HĂ€nde vor sein Gesicht und schluchzte wie ein kleines Kind.
„Sven, ich werde sterben“, sagte sie gefasst und drĂŒckte seine Hand feste zusammen, „sieh mich an, ich bin nur noch ein Haufen Elend, es geht mir schlecht, ich kann nicht mal mehr alleine auf die Toilette gehen. Ich will nicht mehr. Und ich möchte dich um etwas bitten
“.
Er sah sie an. Ihre Augen strahlten eine Entschlossenheit aus, die ihn Àngstigte.
„Du darfst nicht aufgeben Jule, du bist meine Schwester, ich brauche dich, du wirst wieder gesund werden“, sagte er zu ihr, doch in seiner Stimme klang wenig Überzeugung.
Jule kniff die Lippen zusammen zog die Stirn zornig zusammen.
„Rede nicht so einen Quatsch, ich kann nicht mehr gesund werden und das weißt du auch.
Behandele mich nicht wie ein Kleinkind. Du bist der letzte, von dem ich LĂŒgen erwarte“.
„Es tut mir Leid, es ist doch nur so schwer fĂŒr mich“, antwortete er entschuldigend und streichelte ihre ausgehöhlte Wange, „was soll ich fĂŒr dich tun?“
„Schon gut“, sagte sie besĂ€nftigend und zögerte einen Moment, bevor sie weiter sprach.
„Geh fĂŒr mich hinunter in die KĂŒche und hole das große Fleischmesser“.
Geschockt fuhr Sven hoch und sah ihr direkt in die Augen, suchte nach einem Blinzeln, einem Zeichen, das sie einen Scherz machte, aber er sah nur feste Entschlossenheit.
„Was
was hast du vor?“, fragte er um Atem ringend, obwohl er lĂ€ngst wusste, was sie plante.
Jule ignorierte seine Frage und sagte: „Bitte Sven, ich bin zu schwach, um es selbst zu tun, ich möchte nicht an irgendwelchen Apparaten im Krankenhaus liegen, von fremden Menschen bemitleidet werden. Ich will nicht als letztes in meinem Leben das Piepsen eines Monitors hören. Weißt du wie furchtbar es ist, wenn man langsam die Kontrolle ĂŒber seinen Körper verliert? Wenn man dabei zusehen kann, wie man selbst zerfĂ€llt? Ich kann es jeden Tag im Spiegel sehen. Es ist schrecklich und ich wĂŒnsche es keinem. Ich möchte jetzt sterben, wo ich noch hier bin, bei dir.
Bitte, erfĂŒlle mir diesen Wunsch“.
Sven fehlten die Worte. Lange Zeit war er unfĂ€hig, auch nur ein Wort ĂŒber die Lippen zu bringen, er starrte sie nur an. Seine hilflose, kleine Schwester. Er hatte immer versucht sie zu beschĂŒtzen, aber diesmal hatte er versagt. Er konnte ihr nicht helfen, sie nicht retten.
Er wĂŒnschte sich verzweifelt sein Leben fĂŒr das Ihre geben zu können.
Jule begann leise zu weinen, als sie merkte, dass ihr Bruder nicht reagierte.
„Bitte
“, flehte sie schluchzend.
Sven presste die Lippen aufeinander und drĂŒckte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann stand er wortlos auf und verließ das Zimmer seiner Schwester.
Auf der halben Treppe hinunter hockte er sich auf die Stufe und umschlang seine Knie mit den Armen, er weinte hemmungslos.
Das war zu viel, was sie da von ihm verlangte. Einfach zu viel.
Nach etlichen Minuten verebbten seine TrĂ€nen und er stand auf. Wie in Trance ging er in die KĂŒche und nahm das schwere Messer aus der Schublade.
Beide Eltern waren arbeiten. Besonders seine Mutter litt sehr unter Jules Krankheit. Sie versuchte, sich die Schuld zu geben, meinte, sie hĂ€tte nicht gesund genug gekocht, hĂ€tte dem Besuch das Rauchen im Haus untersagen mĂŒssen. Abends hörte er sie oft weinen.
Ihr Vater war gefasster, litt unter der Situation, aber mindestens genauso wie sie, er zeigte es nur nicht so offen. In letzter Zeit hatte Sven ihn oft in seinem BĂŒro gesehen, wie er da saß und den dunklen Monitor anstarrte. Seine Familie war unter dem Schmerz gebrochen.
Als er die Treppe erneut hinauf stieg fĂŒhlte er sein Herz heftig in seiner Brust schlagen.
Das hier konnte nicht die Wirklichkeit sein, ein böser Alptraum aus dem er bald erwachen wĂŒrde und Jule neben seinem Bett stand und ihm fröhlich ein Kissen an den Kopf warf.
Aber er erwachte nicht und Jule lag genauso krank in ihrem Zimmer wie vor einigen Minuten.
Als sie das Messer in seiner Hand sah lÀchelte sie.
„Ich liebe dich“, sagte sie, als er sich wieder auf der Bettkante nieder ließ.
„Ich liebe dich auch Jule, gerade deshalb kann ich es nicht tun. Ich bitte dich, verlang das nicht von mir, Kleine.“
„Weil du mich liebst, Sven. Wenn du mich retten willst, dann tu es. Lass nicht zu, dass sie mich an SchlĂ€uche hĂ€ngen und Apparate anschließen. Bitte. Du bist der Mensch, dem ich am meisten vertraue. Ich möchte bei dir sein, wenn ich sterbe. Ich habe Angst, furchtbare Angst vor dem Tod. Aber noch mehr Angst macht es mir, in einer fremden Umgebung alleine zu sterben. Bitte, geh das letzte StĂŒck mit mir.“
Mit zitternden HĂ€nden schob sie die Decke von ihrem Körper und zog ihr Nachthemd aus, bis ihre Brust völlig entblĂ¶ĂŸt war. Überall stießen knochige Rippen aus ihrem Oberkörper und sie war furchtbar bleich.
Bittend blickte sie ihn an.
„Da wo du hingehst, wirst du an mich denken?“ brachte er unter TrĂ€nen hervor, wĂ€hrend das Messer in seiner Hand vom kalten Schweiß glitschig wurde.
„Ich werde immer bei dir sein, wenn ich kann, immer“, schluchzte sie. „Das verspreche ich dir“. Ihre Lippen bebten. Sie atmete jetzt hektisch, TrĂ€nen rannen aus ihren Augenwinkeln die Wange hinab und tropften auf das weiße Bettlaken.
Er beugte sich zu ihr hinunter und schloss sie fest in seine Arme. Einige Minuten verharrten sie so in ihrem Schmerz. Ihre beiden Körper zitterten. Dann stieß sie ihn sanft von sich und sagte: „Es wird Zeit, großer Bruder“. Sie lĂ€chelte, wĂ€hrend weiterhin kleine Rinnsale aus ihren Augen flossen.
Mit dem Ellenbogen wischte er sich das Gesicht trocken und nickte stumm.
Das Messer in seiner Hand fĂŒhlte sich kalt und falsch an. Trotzdem erhob er es jetzt ĂŒber ihre Brust. Seine Hand zitterte stark, als er sie anblickte, nach einer Unsicherheit suchte, etwas, dass ihm Erbarmung zu Teil werden ließ. Sie drĂŒckte seine andere Hand feste. „Ich liebe dich“, flĂŒsterte sie.
„Gott, bitte hilf uns“, flehte er, wĂ€hrend das Messer drohend ĂŒber ihrem Herzen zitterte. Dann ließ er die Hand hinabfahren und vereinigte das Messer mit ihrer Brust. Ihre Hand verkrampfte sich um die Seine, aber das nahm er kaum wahr.
„Nein“, schrie er und zog das Messer schnell aus der Wunde heraus.
Im Rhythmus ihres Herzschlages spritze Blut aus der Wunde, wÀhrend sie leise stöhnte.
„Was habe ich getan?“ kreischte er und blickte unglĂ€ubig auf das blutĂŒberströmte Messer in seiner Hand. Klingend fiel es zu Boden.
Er riss Jule in seine Arme und presste eine Hand verzweifelt auf die pulsierende Wunde.
Sie hustete kraftlos und dabei spritzten kleine Tropfen Blut aus ihrem Mund.
„Es ist gut Sven“, stöhnte sie gebrochen, „ Ich danke dir“. Bei jedem Atemzug den sie tat erklang nun ein Pfeifen, als wĂŒrde draußen ein Sturm toben und seinen Wind durch die BĂ€ume jagen. Er spĂŒrte, wie ihr Körper in seinen Armen immer schwĂ€cher wurde, es schien fast so, als wĂŒrde sie leichter werden.
„Bitte, verlass mich nicht“, wimmerte er, wĂ€hrend er sie sanft wiegte und dabei ihren Kopf fest an seine Schulter drĂŒckte.
Sie hustete wieder. Er legte sie sanft zurĂŒck auf das Kissen, das Bett war mittlerweile von ihrem Blut getrĂ€nkt. Sie bewegte die Lippen, aber er konnte sie nicht verstehen.
„Was
was ist meine wunderschöne kleine Schwester? Er beugte sich tief hinunter, bis sein Kopf direkt neben ihrem lag.
„Der Himmel
“, flĂŒsterte sie mit sterbender Stimme, „Der Himmel ist nun fĂŒr immer wolkenlos“.
„Ja, ja, das ist er“, schluchzte er und sah ihr in die Augen. Sie lĂ€chelte, wĂ€hrend er ihr sanft ĂŒber die Haare strich und immer wieder ihre Stirn kĂŒsste.
Die kĂŒhle Hand in seiner erschlaffte. Sven verdeckte die Wunde in ihrer Brust und wischte ihr sanft mit der Bettdecke das Blut aus dem Gesicht. Sein Kiefer knirschte, als er dabei fest die ZĂ€hne zusammen biss. Er fĂŒhlte sich schuldig, aber auch auf eine sonderbare Weise glĂŒcklich. Dann zog er die noch im Tode lĂ€chelnde Jule in seine Arme und wiegte sie langsam, so wie er es schon als Kind getan hatte.
Als ihn drei Stunden spĂ€ter seine Eltern vorfanden, wiegte er sie noch immer und sang dabei leise weinend: “Here comes the sun...and I say, it`s allright.“

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petrasmiles
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

Werke: 31
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Profil
Fact or Fiction?

Ich hoffe, fiction. Die Vorstellung, dass ein Mensch in solche einer Situation einem geliebten Menschen ein Messer in die Brust rammen kann, schreckt mich.
Es gibt doch andere Möglichkeiten ... ? Nicht, dass ich darĂŒber schon einmal praktisch nachdenken musste.
Das Ende ist ein bisschen 'melodramatisch' (fĂŒr meinen Geschmack nur verzeihlich, wenn das Leben selbst diese Geschichte schrieb, aber das ist Geschmackssache).
Die Schilderung der Geschwisterliebe war sehr warm und dicht und glaubwĂŒrdig. Den ganzen Rest (incl. Eltern) hĂ€tte es fĂŒr mich nicht gebraucht - aber dann machte das tödliche Finale keinen Sinn, weil ma ja mit den Eltern reden könnte ... nein, das hĂ€tte ich nicht gebraucht, so blutig.

Viele GrĂŒĂŸe
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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annaps
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2006

Werke: 8
Kommentare: 57
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Profil

Sorry, aber Sterbehilfe mit einem KĂŒchenmesser? Das war glatter Mord auf Verlangen. Und auch dafĂŒr wird man bestraft.
Den Schmerz des jungen Mannes hast Du sehr gut dargestellt. Nur, wenn die Schwester wirklich so stark gewesen wĂ€re, wie Du sie zeitweise beschrieben hast, dann hĂ€tte sie das sicher nicht von ihrem Zwillingsbruder verlangt. Erscheint mir persönlich nicht logisch. Aber was ist schon logisch in einer solchen Situation. Die Eltern erscheinen nur als Randfiguren, hilflos und inkompetent. Sicher können Eltern in einer solchen Situation auch ĂŒberfordert sein. Ihren 19jĂ€hrigen Sohn damit aber allein zu lassen, kann ich mir als Mutter beim besten Willen nicht vorstellen. Übrigens: Kommata fehlen hier und da.
__________________
Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.«
Mark Twain

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