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Leselupe.de > Humor und Satire
XP
Eingestellt am 28. 01. 2003 13:19


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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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XP



Silvester 2002

Am 31. Dezember 2004 beschloß ich, die vergangenen beiden Jahre aus meinem Leben zu streichen. In diesen zwei Jahren war alles schief gelaufen.

Begonnen hatte es damit, daß ich am 2. Januar 2003 Zeugin eines BankĂŒberfalls geworden war. Der TĂ€ter entkam mit einigen tausend Euro und mit meinem Portemonnaie, in dem nur zwei Zehnmarkscheine steckten. Um diese umzutauschen, war ich nĂ€mlich in die Bank gekommen. Die VideoĂŒberwachung funktionierte nicht und alle Bankangestellten wurden blind vor Schreck, als sie in die MĂŒndung seiner Pumpgun blickten. Ich selbst behielt die Nerven, vielleicht weil er auf mich nicht anlegte. Er ließ sich alles Bare in der Kasse in einen weißen Toppits-MĂŒllsack packen und knöpfte mir noch die Geldbörse ab, wohl in dem Glauben, ich hĂ€tte gerade eine Abhebung gemacht.

Am Ende war ich die einzige, die eine brauchbare TÀterbeschreibung liefern konnte. Der TÀter hatte eine Glatze gehabt und riesige, rote HÀnde, richtige Maurerpratzen. Einen Seehundschnurrbart und buschige Augenbrauen. Und auffallende TrÀnensÀcke.

In den folgenden Monaten verbrachte ich unzĂ€hlige Stunden im PolizeiprĂ€sidium und schaute mir Fotos von registrierten BankrĂ€ubern an. Es gab Tausende und Tausende. Man hĂ€tte meinen können, jeder BankrĂ€uber ließe sich registrieren, bevor er loslegte. Das Verbrecheralbum war eine bebilderte Moritat von der Pionierzeit des Bankraubs in der Banco di Roma auf dem Forum Romanum bis heute. Doch mein BankrĂ€uber war nicht dabei. Immer neue Fotos kamen hinzu. Aus aller Welt trafen PortrĂ€ts von BankrĂ€ubern ein, mexikanischen, neuseelĂ€ndischen, hawaiianischen, irischen, senegalesischen und finnischen. Meiner war nicht dabei.

„Wir dĂŒrfen nicht aufgeben“, sagte mein Kommissar immer wieder. „Jetzt haben wir schon so viele angeguckt, da wĂ€re es Dummheit, wenn wir aufhörten, wir schauen die ĂŒbrigen auch noch an.“ Das Jahr verging, das darauffolgende begann mit neuen Verbrecheralben. Nachts trĂ€umte ich von Galgenvogelgesichtern neben einer schwarzweißen Meßlatte und von edel gestylten Visagen ĂŒber perfekten Krawattenknoten. Alle hielten ein Schild mit einer zwölfstelligen Registrierungsnummer vor sich hin.

Manchmal trĂ€umte ich von meinem BankrĂ€uber. Dann nahm ich schnell einen Kugelschreiber und malte einen Rahmen um ihn herum wie eine Arrestzelle. Aber wenn ich morgens aufwachte, war er jedesmal entkommen. Hin und wieder trĂ€umte ich auch von dem BankĂŒberfall. Ich stand im Schalterraum und suchte in meiner Handtasche nach den zwei Zehnmarkscheinen, die ich umtauschen wollte, da kam er herein und sagte laut und höflich: „Guten Morgen, mein Name ist HeimĂŒller, Vorname Eugen, Eugen HeimĂŒller. 42 Jahre alt, Familienstand ledig, Religion römisch-katholisch. Ich wohne in Kassel, Beethovenstraße 108, zweiter Stock links. Ich möchte bitte diese Bank ausrauben.“

Am 31. Dezember 2004 hielt ich es nicht mehr aus. Ich ging zu einem Hypnotiseur, Spezialgebiet XP, und bat ihn, mein Leben zwei Jahre rĂŒckzusetzen.

Er nötigte mich in den Behandlungsstuhl, klebte mir Elektroden an den Kopf und leuchtete mir mit einem StablĂ€mpchen in die Ohren. Wann denn die letzte SystemprĂŒfung gewesen sei, wollte er wissen, und ob ich alle Daten gesichert hĂ€tte. Ich gab genaue AuskĂŒnfte. Den Virenscan hatte ich regelmĂ€ĂŸig vorgenommen, die Defragmentierung aber strĂ€flich vernachlĂ€ssigt. Er rĂŒffelte mich milde. „Aber das machen alle“, murmelte er, „es ist immer dasselbe, immer dasselbe.“

Er ließ mich sein LĂ€mpchen fixieren und nuschelte beruhigende Worte. Nach kurzer Zeit wachte ich heute morgen wieder auf.

Ich kaufte fĂŒr das Silvesteressen ein und besorgte spanischen Sekt. In der Innentasche meines alten Wintermantels fand ich zwei Zehnmarkscheine und legte sie behutsam in den Kamin.


©Anna Rinn-Schad


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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Also nee, ne?

Was man denn nicht so alles erleben kann.
Ich habe herzlich geschmunzelt. Gut und flĂŒssig geschrieben.
Merci
Volkmar

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eisbeisser
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2003

Werke: 8
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Hehe...!

...vielleicht bin ich gar der BankrÀuber! Naja, einen SeehundschnÀuzer hab ich nicht, bin aber sonst auch `n krÀftig Kerlchen...

Hat mir sehr gefallen, Deine Geschichte!

Lieben Gruß

Walter
__________________
Eisbeisser

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Quidam
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Zefira,

eine sehr ungewöhnliche, gute Idee, die einem ein Schmunzeln entlockt.
Allerdings irritieren mich zwei Dinge:
Erstens: Deine Schreibe. War das Absicht? (Der TĂ€ter hatte eine Glatze gehabt...)
Ich denke, dass das Absicht war. Nur hÀtte es dem Charme der Geschichte sicherlich nicht geschadet, wenn du einige SÀtze ein wenig ... schöner formuliert hÀttest. Kann mich aber auch tÀuschen.

und zweitens:
wieso Sylvester 2002? mĂŒĂŸte es nicht Sylvester 2003 heißen?

*winke*
quid

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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Verbeinst eins, Du hast recht, Quidam. Ich habe eben nachgerechnet, natĂŒrlich.

Man vertut sich da so leicht, weil der Bankraub selbst ja erst im Januar passiert, also eine Jahreszahl weiter. Danke.

Wenn ich aber "Silvester 2003" setze, dann steht meine ErzÀhlerin im Januar 2004 mit Zehnmarkscheinen in der Bank. Dann fragen die wahrscheinlich: "Hamse das aus Monopoly?"

Glatze gehabt - halte ich eigentlich fĂŒr richtig. "Der TĂ€ter hatte eine Glatze gehabt" impliziert, daß er ein fĂŒr allemal aus meinem Leben verschwunden war. HĂ€tte ich geschrieben "eine Glatze hatte er" usw., wĂŒrde es klingen, als sei er noch sichtbar.

Nimm es nicht so genau bei meiner ErzÀhlerin. Sie ist geistig nicht ganz auf der Höhe. Eine typische XP-userin eben...

lG, Zefira

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Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

Werke: 38
Kommentare: 93
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Sehr schön geschrieben *daumenhoch*

Ich empfehle aber, auf LiNuX umzusatteln

Mata ne
Warui
__________________
Ever tried? Ever failed?Try again! Fail better!(Samuel Beckett)

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