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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Xmaus
Eingestellt am 20. 12. 2010 20:13


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Miranda Weit
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2008

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Xmaus


„Verdammtes Mistvieh!“
Die Falle hatte ausgelöst, war aber leer. Vollkommen leer. Der Köder war verschwunden, aber die Maus war noch da.
Eigentlich hatte ich mir zum Ziel gesetzt die Maus bis Weihnachten los zu sein. Momentan scheint es aber eher so, dass ich die Feiertage nicht so allein verbringen werde wie ich dachte.
Am besten fange ich von vorne an. Ich bin Dave, 26 Jahre jung, erfolgreich und Single. Grundsätzlich ist Single sein nicht schlimm. Im Gegenteil, ich kann meine Sachen herumliegen lassen, im Bad herum sauen und im Stehen pinkeln. Alles Dinge, die unmöglich sind, wenn man eine Beziehung hat. Naja, dafür wäre der Sex nicht so teuer, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich wohne in einem Appartement in der City mit Blick ins Grüne. Mein Nachbar ist nämlich der Stadtpark. Jedenfalls war mein Leben perfekt bis zu dem schicksalhaften Tag im Mai, als meine teure Designercouch vollgeschissen war. Nach genauer Untersuchung durch anstarren hat sich der Übeltäter als Maus entpuppt.
Den Empfehlungen des Hausmeisters folgend, deckte ich mich mit Mausefallen ein. Inzwischen bin ich in Bezug auf Mäuse wahrscheinlich besser ausgestattet als jeder Kammerjäger. Ich habe es sogar mit Gift versucht, aber so gerne dieses Mistvieh Speck, Käse und meine Socken frisst, so groß ist der Bogen, den es um die Giftköder macht. Obwohl ich sogar versucht habe ihm diese schmackhaft zu machen, indem ich sie in einem Stück Käse versteckt habe. Es scheint fast so, als wüsste es was ich denke.
Mittlerweile habe ich sämtliche Küchenschränke aufgeräumt, was zur Folge hatte, dass diese nun beinahe leer sind. Außerdem bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Maus meine Rumpelkammer gefallen muss, deshalb habe ich angefangen auch dort für Ordnung zu sorgen.
Das ist einer dieser Momente, in denen ich gerne eine Freundin hätte. Frauen liegt aufräumen einfach mehr. Andererseits müsste ich die Ordnung dann auch aufrecht erhalten und das zählt nicht gerade zu meinen Stärken.
Niemals hätte ich geglaubt wie viel unnötiger Kram in einen so kleinen Raum passt. Zugegeben, ich fand auch ein paar kleine Schätze. Eine Schachtel mit einem Bowle Set. Ich packte es aus und stellte es auf die Anrichte in meiner Küche. Das tiefe, bauchige Gefäß war mit zierlichen Blumen geschmückt, die aber nicht kitschig wirkten. Es gab sogar einen Deckel mit Einbuchtung für einen Schöpfer, den ich daneben hinlegte. Ich fand es praktisch und entschied später einen Platz dafür in der Küche zu finden.
Es kostete mich die halbe Nacht meine Rumpelkammer in Ordnung zu bringen und die Spuren meines ungebetenen Mitbewohners zu beseitigen. Letztlich war ich froh endlich ins Bett zu kommen.
Der Morgen des 23. Dezembers begann frĂĽh. Ich schĂĽttete nur eine Tasse Kaffee hinunter, bevor ich mich zum Last-Minute-Chrismas-Shopping aufmachte.
Es kam mir fast so vor, als wäre ich nicht der Einzige, der seine Weihnachtseinkäufe im letzten Moment tätigt. Anders konnte ich mir den Stau zum Parkplatz am frühen Morgen nicht erklären. Zum Glück brauchte ich nicht viel. Meine Mutter ist seit zwei Jahren tot, mein Vater ist verschwunden als ich vierzehn war und richtig gute Freunde habe ich nicht so viele. Das sind die Schattenseiten, wenn man beruflich so eingespannt ist. Man findet kaum Zeit neue Leute kennen zu lernen.
Trotzdem kostete mich mein Ausflug den ganzen Vormittag. Schließlich musste ich mir die Sachen auch professionell einpacken lassen. Mann hat in dieser Beziehung halt zwei linke Hände.
Zuhause brauchte ich erst eine Pause und gönnte mir eine Tasse Kaffee. Mein Bowle Set stand noch immer auf der Anrichte. Aber der große Bowlekörper war nicht mehr leer. Ein kleiner brauner Ball lag darin. Neugierig näherte ich mich, um das Ding in Augenschein zu nehmen. Ich konnte mich nicht erinnern etwas hineingelegt zu haben.
Vor Schreck schüttete ich mir Kaffee aufs Hemd, als sich das Bällchen bewegte.
Monatelang habe ich alle Register gezogen, um diese blöde Maus zu fangen und habe Unmengen Geld dafür ausgegeben. Ich hätte nie gedacht, sie mit einem Glasbehälter zu erwischen.
Blieb nur noch eine Frage: „Was mache ich jetzt mit dir?“ Die Maus starrte mich einen Augenblick lang treuherzig an, bevor sie sich an der Wand aufrichtete, als wollte sie sagen: „Was wohl, mich raus lassen.“ Pech für die Maus, dass ich wusste, dass ich sie töten musste oder das Spiel würde von vorne beginnen.
Haben Sie schon einmal versucht eine Maus mit einem Augenaufschlag wie ein Dackel um die Ecke zu bringen? Ich habe so ziemlich alles versucht von erschlagen bis Kehle durchschneiden. Ich habe sogar versucht sie im Klo zu ertränken.
Letztlich sind wir beide vor dem Fernseher gelandet. Ich auf der Couch, die Maus im Bowlekörper auf dem niedrigen Tisch.
Zur 100. Wiederholung der Wiederholung von „Sissi – Schreckensjahre einer Kaiserin“ – oder so – gönnte ich mir eine Tüte Popcorn. Mir ist schon klar, dass das ein typischer Frauenfilm ist, aber Actionfilme und Komödien waren gerade aus. Der Film war so fesselnd, dass ich nach zehn Minuten schon eingeschlafen war. Ehrlich gesagt war ich ganz froh darüber das alljährliche Elend verschlafen zu haben.
Der nachfolgende Actionfilm war mehr nach meinem Geschmack, obwohl ich den Anfang verpennt hatte. Die Maus war immer noch hinter Glas. Sie schien sich von meinen Anschlägen auf ihr Leben erholt zu haben.
In der Werbepause holte ich mir eine Cola aus der KĂĽche. Die Digitaluhr von meinem Herd zeigte 23:53 Uhr, also sieben Minuten vor Weihnachten.
Die Maus war damit beschäftigt erneut die Wände ihres Gefängnisses zu untersuchen. Es wirkte, als hätte sie großes Interesse an meinem Popcorn. Ich fragte mich, ob sie hungrig war und dachte darüber nach wie lange es dauern würde bis sie verhungerte. Die Vorstellung verhungern zu müssen, behagte mir gar nicht. Seufzend warf ich ihr eine Handvoll von meinem Popcorn ins Glas.
„Danke.“
„Gern gesch …“ Ich wirbelte herum. „Wer ist da?“
„Ich natürlich.“ Wer immer der Sprecher war, er schien den Mund voll zu haben. „Wer ist ich?“
„Klein, braun, hinter Glas.“ Die Antwort klang ziemlich sarkastisch für eine Maus. „Du kannst reden?“ Ich konnte es nicht glauben, ich sprach mit einer Maus.
„Natürlich kann ich das, aber ihr Menschen versteht uns einfach nicht.“ Der hintergründige Vorwurf in ihrer Stimme machte mich ein wenig verlegen.
„Und warum verstehe ich dich?“
Die Maus knabberte genüsslich an dem Puffmais. „Das muss daran liegen, dass heute dieses Weihnachten ist nach dem ihr Menschen so verrückt seid. Manchmal könnt ihr uns dann verstehen – wenn ihr zuhört.“
„Warum hat meine Katze nie mit mir gesprochen?“ Ich war entschlossen diese Mäuselogik zu durchbrechen. Die Maus machte ein Geräusch, das irgendwie verächtlich klang. „Haustiere geben den Versuch schnell auf mit ihrem Menschen zu reden. Außerdem sind sie sowieso nicht zu tiefsinnigen Gesprächen in der Lage.“
„Und woher weißt du das alles?“
„Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Doktor Thaddäus Maus.“
„Doktor?“ Langsam fragte ich mich, ob noch immer Sissi lief und ich noch schlief oder ob da irgendwelche bewusstseinsverändernde Substanzen in meiner Cola waren. Ich betete, dass es eine dieser Möglichkeiten war. Das war immerhin besser, als eine Akademikermaus im Haus zu haben.
„Ja. Doktor der Humanologie“, bestätigte Thaddäus. Mir drängte sich die Befürchtung auf, dass ich nicht träumte. So einen Schwachsinn kann nicht einmal ich träumen. Ich hoffte auf einen unfreiwilligen Trip. „Doktor der was?“
„Humanologie. Ich habe sozusagen die Menschen studiert.“
Ich runzelte die Stirn. „Wenn du so schlau bist, wie bist du dann in meinen Bowlekörper gekommen?“
Der Mäuserich wirkte verlegen. „Ich habe dieses Ding gesehen und konnte nicht wiederstehen es zu untersuchen. Dabei bin ich unglücklicherweise hineingefallen und konnte nicht mehr hinaus.“
Ich konnte nur nicken. „Wenn du Menschen studiert hast, warum scheißt du mir dann immer auf meine Couch?“
Thaddäus wuselte aufgeregt hin und her. „Aber das macht ihr Menschen doch um Freundschaft zu schließen“, meinte er. Mein Blick schien ihm zu sagen, dass seine Informationen weit hergeholt waren. Er gebärdete sich durchaus verlegen. „Es tut mir Leid, wenn ich dir Unannehmlichkeiten bereitet habe. Die Informationen an der Akademie sind leider nicht immer ganz richtig.“ Er klang durchaus reuig, aber ich konnte nicht anders, als dem Frust der vergangenen Monate Luft zu machen. Die Maus ließ meine Tirade ruhig über sich ergehen – nicht dass sie eine andere Wahl gehabt hätte.
„Und jetzt?“, fragte ich, als ich mich wieder beruhigt hatte.
„Ich will hier raus, bitte“, bettelte Thaddäus. Ich verzog das Gesicht. Ich hatte keine Lust das Spiel von vorne zu beginnen. Vor allem weil ich wusste, ich würde keine Maus töten können mit der ich mich unterhalten habe. Ich kann nicht einmal eine Maus um die Ecke bringen, die ich gar nicht kenne.
„Gut“, willigte ich schließlich ein. „Aber dazu müssen wir ein paar Spielregeln aufstellen.“ Thaddäus blickte mich erwartungsvoll an.
„Meine Sachen werden nicht mehr angeknabbert und ich organisiere etwas, was du als Toilette benutzen kannst. Dafür verschwinden meine Fallen und das Gift. Wenn du willst, sorge ich auch dafür, dass du immer genug zu essen hast“, schlug ich vor. Der Mäuserich schnupperte nervös. „Einverstanden.“
Letztlich waren die Weihnachtsfeiertage nicht so einsam wie ich gedacht habe, aber dafür sehr unterhaltsam. Thaddäus entdeckte seine Liebe für den Fernseher und wir kamen überein ein bequemeres Quartier für ihn zu finden, als sein Nest unter meinen Küchenschränken – möglichst in der Nähe der Glotze.

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