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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Yappidappi und das Hirnfax.
Eingestellt am 10. 12. 2003 20:51


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Stephan
Bl├╝mchendichter
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Yappidappi und das Hirnfax.

Von Stephan Moll

Susanne tippte gem├Ąchlich auf der Tastatur. Der Brief, den sie abtippen sollte war knapp zwei A4 Seiten lang. „Nur keine Eile!“ Sie kreiste gem├Ąchlich mit ihren Fingern ├╝ber die Tastatur. Hin und wieder fiel ihr Blick auf die Uhr, die oben ├╝ber der T├╝r hing. „Gleich kommt Yappidappi“, sie konnte sich schon vorstellen, was das f├╝r ein Theater es geben w├╝rde, wenn „Yappidappi“ aus der Besprechung k├Ąme und der Brief noch immer nicht fertig ist. „Yappidappi“ war der junge, frisch von der Uni angeworbene Personalchef und Susanne war die etwas ├Ąltere, aber bereits joberprobte Sekret├Ąrin. „Dieses bl├Âde Arschloch!“ dachte Sie sich. Sie hatte bereits einschl├Ągige Erfahrungen mit Ihm gemacht. Schon h├Ârte sie auf dem Flur seine Stimme. „Yappidappi“ war ein Name, den sich Susanne und einige ihrer Kolleginnen ausgedacht hatten. Diese Name bedeutete nichts anderes als eine Kreuzung aus „Yuppie“ und „Depp“, sein richtiger Name war Dieter M├╝ller. F├╝r alle andere eben nur „Yappidappi“ oder eben auch „Arschloch“. Sie hatten sich irgendwann auf „ Yappidappi“ geeinigt, weil man das auf dem Flur sagen konnte, ohne das es auffiel – noch. Denn wenn „Yappidappi“ allgemein enttarnt worden w├Ąre, h├Ątte man auch Arschloch sagen k├Ânnen. Das w├Ąre dann sp├Ątestens der Punkt gewesen, an dem sich Susanne und Co ein neues Synonym f├╝r Dieter M├╝ller h├Ątten ausdenken m├╝ssten. Aber „ Yappidappi“ war eben „ Yappidappi“, und die Gefahr, das sein Deckname enttarnt w├╝rde, war im Moment eher gering.

Die B├╝rot├╝r ging auf und Dieter M├╝ller stand vor Susanne. „Guten Tag, Frau Schnapp.“, Susanne nickte h├Âflich und stellte ihre Kaffeetasse auf den Brief, den sie l├Ąngst abgetippt haben sollte. M├╝ller warf seine Jacke ├╝ber einen Stuhl und eilte weiter in sein B├╝ro, die T├╝r mit Schwung hinter sich zuwerfend. M├╝ller war 1,85 m gro├č, hatte schwarze, mit Haargel nach hinten gek├Ąmmte Haare und trug teure Ma├čanz├╝ge. Er war etwas ├╝ber drei├čig Jahre alt und machte seinen Job jetzt seit einem knappen Monat – und in dieser Zeit hatte er es geschafft, sich sehr unbeliebt zu machen. „Jetzt mu├č ich mich aber beeilen, ehe der merkt das der Brief noch nicht fertig ist!“. Das B├╝ro des Personalchefs war etwa genau so gro├č wie das der Sekret├Ąrin, es hatte nur ein gr├Â├čeres Fenster. „Das haben die so konstruiert, damit sie leichter aus dem Fenster springen k├Ânnen.“ munkelte man mit einem Grinsen in den unteren Schichten der Belegschaft. Gesprungen war bisher noch niemand. Bei einem Sprung aus dem vierten Stockwerk w├Ąre das Ergebnis allerdings eindeutig vorhersagbar gewesen.

Die T├╝r ging wieder auf. „Frau Schnapp, ist der Brief fertig zur Unterschrift?“, Dieter M├╝ller drehte sich um und wartete auf die Antwort. Seine B├╝rot├╝r ging von alleine etwas weiter auf, so das Susanne ihn sehen konnte. „├äh ...“, rief Sie, stand dann aber auf um ins B├╝ro von „Yappidappi“ zu gehen. „Nein, es dauert noch zehn Minuten.“ entgegnete sie ihm daraufhin etwas selbstbewu├čter. M├╝ller kn├Âpfte sein Sakko auf. „Frau Schnapp, ich hatte Ihnen schon gestern den Auftrag gegeben, den Brief in Reinform zu bringen, damit er heute Morgen von mir unterzeichnet werden kann – und nun?“ Beide schauten sich an. „Arschloch!“, dachte sich Susanne. „Wie bitte?“, fragte Yappidappi. „Ich habe nichts gesagt...“, fl├╝sterte sie. Einen Moment lang war sie sich ├╝ber nichts mehr sicher. „Ich hab das mit dem Arschloch doch nicht gesagt, oder etwa doch?“, sie gr├╝belte, kam aber zu der festen ├ťberzeugung, da├č sie es nur gedacht haben konnte. Dieter „Yappidappi“ M├╝ller sah sie nur an. „Frau Schnapp, ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, er blickte etwas angeekelt. „Sind Sie in der Lage ihren Beruf noch auszu├╝ben?“; fragte er und die Sekret├Ąrin war wie vom Blitz getroffen. „Was? Wie?“, dachte sie sich „Der denkt doch nicht etwa daran, mich abzus├Ągen! Ich mu├č zusammen mit meinem Mann den Kredit f├╝r unser Haus abstottern!“ Susannes Blutdruck kletterte h├Âher. „Arschloch! Du verdammtes Arschloch!“; dachte Sie sich, Dieter „Yappidappi“ M├╝ller kniff die Augen zusammen. „He, was soll das?“, fragte er Susanne. „Was haben Sie da gerade gesagt?“. Susanne hob ratlos die Schultern. „Nichts, ich habe nichts gesagt!“. M├╝ller drehte sich um und sch├╝ttelte den Kopf. „Gehen Sie bitte aus meinem B├╝ro – und schauen Sie zu das der Brief so schnell wie sie k├Ânnen fertig wird.“

Susanne lie├č sich das nicht zweimal sagen, beinahe ger├Ąuschlos verschwand sie aus M├╝llers B├╝ro. Mit leicht zittriger Hand setzte sie sich an ihren PC und versuchte, den Brief fertig zu bekommen. Nach einer knappen halben Stunde l├Ąutete das Telefon in M├╝llers B├╝ro, und noch etwas sp├Ąter ging die T├╝r wieder auf. M├╝ller stand mit seinem Mantel ├╝berm Arm abreisefertig in Susannes B├╝ro. „Der Brief, der ist fertig!“, verk├╝ndete sie stolz. „Ja, kann sein, prima. Sehen Sie, sie k├Ânnen auch noch was leisten, wenn man sie nur richtig anstachelt!“ er kn├Âpfte den Mantel langsam zu. „Den Brief k├Ânnen Sie mir auf den Schreibtisch legen – ich bin au├čer Haus, f├╝r ein paar Stunden. Wenn jemand nach mir fragt, sagen Sie, das ich einen Au├čendiensttermin habe. Mein Handy lasse ich hier.“, er sagte das und verschwand. Susanne war sauer. Nun war der so wichtige Brief fertig – und war doch nicht mehr so wichtig.

Dieter M├╝ller war mit dem Aufzug bereits auf dem Weg nach unten. Im zweiten Stockwerk hielt selbiger und zwei junge Damen gesellten sich zu M├╝ller. Sie gr├╝├čten ihn mit einem breiten Grinsen. M├╝ller nickte kurz angebunden zur├╝ck, seine Blicke glitten st├Ąndig ├╝ber seine Uhr. „Seit wann bist du denn hier in der Ausbildung?“, fragte die etwas Dickere von beiden die andere. „Oh, seit drei Monaten bin ich hier. Und du?“, erwiderte die D├╝nne. „Ich bin im zweiten Lehrjahr. Ist eigentlich ganz nett hier. Bis auf ...“, beide lachten. „Yappidappi!“, fl├╝sterte die Dicke, beide lachten etwas lauter und schauten zu M├╝ller r├╝ber, der das alles nicht mitbekam. Er war gedanklich woanders – genaugenommen schon bei seinem Autoh├Ąndler, wo sein neuer TT auf ihn wartete. „Yappidappi w├╝rde ich mal gerne in den Arsch treten!“, fl├╝sterte die Dicke. M├╝ller schaute leicht angewidert in eine andere Ecke. „Wor├╝ber reden die beiden nur?“, fragte er sich. „Wahrscheinlich ├╝ber irgendeinen D├╝nnschiss, dieses Hauptsch├╝lerpack!“, er atmete auf als der Aufzug im Erdgeschoss ankam und er mit weiten Schritten an dem bildzeitungslesenden T├╝rw├Ąrter vorbeischnellte. „F├╝r heute auf nimmer Wiedersehen, Herr BildProfessor!“, fl├╝sterte „Yappidappi“ M├╝ller in einem mehr als ver├Ąchtlichen Ton im vorbeigehen.

Susanne nutze die Abwesenheit des Vorgesetzten zu einem Plausch mit Elke. Sie trafen sich immer wenn die Luft rein war, am Ende des Flurs um dort die gewohnte Zigarette zu rauchen und die neusten Firmeninterna auszutauschen. Wer trieb es mit wem, wer wurde gefeuert. Wer hat was gesagt, und am Ende stand immer Yappidappi. Da im Haus ein komplettes Rauchverbot galt, hielten sie ihre H├Ąnde mit den Glimmstengeln aus dem Fenster. „Der M├╝ller, mobbt der dich noch immer?“, fragte Elke, die bald vor der Verrentung stand – sie geh├Ârte zu dem Alteisen, zu dem ganz alten Alteisen, das schon kr├Ąftigst am wegrosten war. „ Yappidappi l├Ą├čt mir keine Ruhe. Immer diese kleinen Nadelstiche. Der wei├č genau, da├č ich und mein Mann noch einen dicken Buckel zu tragen habe. Wahrscheinlich m├╝ssen meine Enkel den Kredit vom Haus noch abzahlen. Und die Sau nutzt diese Tatsache aus.“ „Ja, du hast echt Pech mit deinem M├╝ller.“ Susanne zog heftig an ihrer Zigarette und schaute aus dem Fenster. „Ja, wie soll das nur weitergehen. Alles ist so ungerecht. Der verdient das x fache von dem, was ich bekomme und macht was er will. Heute Nachmittag ist er wieder unterwegs sich ein neues Auto kaufen.“, Elke nickte erneut, ihr Blick verdunkelte sich zusehends. „Elke, was ist los?“, fragte Susanne, die registrierte wie die alte Elke auf einmal immer grimmiger dreinschaute. „Susanne, ich mu├č dir was sagen, mu├č dir ein Geheimnis anvertrauen.“

Susanne war ├╝berrascht.

„Ist Yappidappi etwa dein Sohn?“, Susanne konnte sich das Lachen gerade noch verkneifen. Elke sch├╝ttelte den Kopf. „Nein, Susanne, ich bin schon seit vierzig Jahren in dieser Branche. Da hab ich manches gelernt. Auch Dinge, die sich vielleicht v├Âllig abgedreht anh├Âren.“ Susanne lauschte gebannt. Drau├čen zog sich ein Gewitter zusammen. Dunkle, massige Wolken t├╝rmten sich ├╝bereinander und bereiteten sich vor, helle Blitze zu produzieren. Elke stand mit dem R├╝cken zum Fenster, umrahmt von den Wolkent├╝rmen. Susannen sp├╝rte einen leichten Luftzug durch das offene Fenster, ihre Zigarette hatte sich bereits selbst ausgeraucht. „Elke, was ist los?“, von weitem zuckte ein Blitz und lie├č Elke kurzzeitig wie einen Racheengel erscheinen. Eine B├╝rot├╝r knallte zu – es war niemand auf dem Flur zu sehen. Aus dem profanen B├╝rotrakt der multinational t├Ątigen Firma wurde eine zeitweise unheimliche Gruft der vieldeutigen und nichtsdeutigen Andeutungen einer altgedienten Sekret├Ąrin.

„Elke! Bitte!“, rief Susanne etwas laute. „Was ist los?“. Elke trat einen Schritt auf ihre Kollegin zu. „Sende ihm ein Hirnfax!“

Susanne lachte.

„Ein Hirnfax? Wieso keine Hirnmail?“, Susanne schaute am├╝siert und z├╝ndete sich eine neue Zigarette an. Elke f├╝hlte sich falsch verstanden. „Susanne, glaub mir, in den vergangenen Jahrzehnten habe ich viel gelernt, auch Dinge, die ich nicht genauer erkl├Ąren kann, Dinge, die sich vielleicht eine Spur zu mystisch anh├Âren.“ „Mystisch?“ Susanne zog an ihrer Zigarette. „Elke..., bitte!“ „Du hast doch ein ziemliches Arschloch als Chef, oder?“ „Keine Wiederrede.“ „Siehst du, du hast dir wahrscheinlich auch schon hin und wieder was schlimmes gedacht. Vor allem, wenn du in seiner unmittelbaren N├Ąhe warst.“ Susanne nickte. „Ja klar.“ „Bingo – dann hast du ihm ein Hirnfax geschickt.“ „Na gut, nenn es Hirnfax, aber er bekommt dieses Fax ja nie zu sehen.“ „Bist du dir da sicher?“, Elke schaute ihrer j├╝ngeren Kollegin tief in die Augen. „Nein, wenn du so fragst. Heute morgen dachte ich ├Âfters in Yappidappis N├Ąhe, das er ein Arschloch ist. Also das denke ich auch, wenn er nicht neben mir steht, aber heute morgen stand er neben mir – und er tat so, als ob er das geh├Ârt h├Ątte.“

Elke klatschte in die H├Ąnde. „Na prima! Susanne, du kannst es also, ohne es zu wissen. Du bist auch ein Mensch mit der Gabe des Hirnfaxes!“. Susanne sagte erst mal nichts, lachte dann aber laut drauf los. „Was ist denn da los?“, fragte eine Kollegin aus einem B├╝ro hinaus. „Nichts, nichts...“, wiegelte Elke ab. „Susanne, alles was mit dem Hirnfax zu tun hat, ist eine Gabe die nur wir Sekret├Ąrinnen k├Ânnen. Es ist eine Art von Psi – wer wei├č, was dahinter steckt.“ „Wieso redest du so leise?“; fragte Susanne „Wieso ich leise spreche? Was ist denn, wenn einer unserer Vorgesetzten das mitbekommt?“ Susanne konnte noch immer glauben, was sie da h├Ârte. „Du hast die innerliche Befriedigung, das du deinem Frust freien Lauf lassen kannst, ohne Gefahr zu laufen, erkannt zu werden. Und das sch├Âne daran ist, die Person deines ganz pers├Ânlichen Hasses bekommt das mit – und wei├č nicht woher es kommt!“, Elke klatschte erneut in die H├Ąnde. „Und irgendwann geben sie zerm├╝rbt auf – entweder sie ├Ąndern sich oder sie gehen.“ „He, das ist ja sowas wie Mobbing!“, f├╝gte Susanne hinzu. „Wie du willst – f├╝r mich ist es und war es immer eine Hilfe. Sonst w├Ąre ich wahrscheinlich nicht solange hier geblieben.“


In diesem Moment ├Âffnete sich in weiter Entfernung der Aufzug und einige Damen und Herren mit wichtigen Gesichtern schauten heraus. „Achtung!“, fl├╝sterte Elke, sie und Susanne schnippten ihre gl├╝henden Zigaretten aus dem Fenster. Der Trupp der jungen Highlowpotentials marschierte an ihnen vorbei. „Und ... Hirnfax abgeschickt?“, Elke schaute Susanne an. Diese nickte. Einige Meter weiter drehte sich einer der wichtigen Wichtigkeiten kurz herum und ging dann weiter. „Hoppla – ist das Fax gerade angekommen?“

Beide lachten.

„Aber Susanne, erz├Ąhl das nicht weiter. Das darf den Kreis der Unsrigen nicht verlassen.“, Elke pre├čte ihre Hand fest in Susannes Hand. „Versprochen!“

Am n├Ąchsten Tag ...

Dieter M├╝ller sa├č an seinem Schreibtisch und durchw├╝hlte einige Unterlagen. „Unwichtig..., noch unwichtiger. Zu alt, zu bl├Âd, zu schlau.“, er schaute gerade Bewerbungsunterlagen durch. „Frau Schnapp!“; rief er „Kommen Sie mal!“, Susanne vernahm den Befehl und marschierte los. „Ja bitte?“ „Einen Kaffee.“ Sie nickte und organisierte eine Tasse Kaffee. Neben ihrem Schreibtisch stand eine alte Kaffeemaschine, die langsam und unmotiviert den Kaffee in die Kaffeetasse sudelte.

„Was zum Teufel??“, M├╝ller griff nach dem M├╝lleimer und spuckte den Kaffee hinein. „Der schmeckt ja zum Kotzen!“, er klopfte mit der Faust auf seinen Schreibtisch. „Frau Schnapp, was ist denn mit Ihnen los? Der Kaffee hier ist ja das allerletzte.“ Susanne schaute auf die Kaffeemaschine und verstand nicht, was er wollte. „Die Milch!“, rief Yappidappi „die ist sauer!“ Susanne Schnapp nahm die Milchdose und schnupperte vorsichtig daran. „Stimmt. Aber die habe ich gestern erst frisch aufgemacht. Aber soll ich die Milch vorher immer testen? Ich bin doch kein Vorkoster!“, Susanne war sauer, genau wie die Milch. M├╝ller regte sich langsam wieder ab und fand sich damit ab, das es heute wohl keinen Kinderkaffee mehr gab. „Kaffee schwarz!“, er steckte die Zunge kurz heraus. „Nein Danke!“ Susanne warf die saure Milch in den M├╝lleimer, dabei scho├č eine wei├če Milchs├Ąule etwa einen Meter weit hoch in die Luft und besudelte den Boden. Die Milch breitete sich vor ihrem Schreibtisch auf dem Laminat aus, kleine Milchfl├╝sse flossen in Richtung B├╝rot├╝r von Dieter M.

„Frau Schnapp!“, rief M├╝ller. „Kommen Sie mal in mein B├╝ro.“ Behutsam und unter beabsichtigtem ├ťbersehen des Milchsees t├Ąnzelte sie in Yappidappis B├╝ro. „So, das mit dem Kaffee war ja mal wieder kein guter Einstand f├╝r den heutigen Morgen, Frau Schnapp. Aber ich hoffe das die etwas komplexeren Aufgaben ihrerseits nun etwas professioneller erledigt werden, nicht wahr?“, er schaute nicht Susanne an, sondern auf einen Stapel Papiere, die auf seinem Schreibtisch lagen. Susanne hielt einen Bleistift und einen Schreibblock bereit. „Aaarrschhhgesicht..., als ob ich die Milch geben w├╝rde.“ dachte sie sich, dabei schaute sie allerdings genau auf Dieter M├╝ller und erwartete eine Reaktion. „Wie bitte?“, er hob den Kopf. „Was haben Sie gesagt?“, fragte er irritiert. „Nichts habe ich ... gesagt.“ erwiderte Susanne, und klopfte nerv├Âs mit dem Bleistift auf den Block. „Werden Sie mal nicht nerv├Âs, gleich k├Ânnen wir beginnen.“ er bl├Ątterte diverse Bewerbungsunterlagen durch, warf verschiedene auf einen Haufen, andere auf einen anderen. „Ne, die ist ja j├╝nger als ich – und hat einen besseren Abschlu├č! Weg damit.“ murmelte er und warf die Bewerbung auf den rechten Haufen. Womit klar war, welcher Haufen welche Bedeutung hatte. Susanne Schnapp schaute sich das „Spiel“ an. „Der hat doch keine Ahnung, wie man diesen Job macht. Frisch von der Universit├Ąt und null Komma null Ahnung. Sein Vorg├Ąnger, der hatte den Masterplan – aber der ist leider in Rente gegangen.“; sie dachte wehm├╝tig an die Zeit zur├╝ck, in der Yappidappis Vorg├Ąnger hier gewirkt hatte. Dieser hatte in einem anderen Ton mit ihr geredet, der hatte sie wie einen Menschen behandelt. „So, Frau Schnapp. Heute wollen wir mal ein Protokoll erstellen. Wir haben ja einen neuen Abteilungsleiter in der Produktion zu besetzen. Und au├čerdem habe ich heute noch andere Dinge zu erledigen! K├Ânnen Sie mir folgen?“, M├╝ller schaute kurz zu Susanne und fummelte parallel dazu in einem Prospekt herum. „Na? Alles klar?“, fragte er provozierend. Susanne dachte an die Zeit vor Yappidappi, sie war ein wenig weggetreten. „Frau Schnapp, sind wir da? Hallo – ist jemand zu Hause?“, klopfte mit seinem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte.

Susanne merkte, da├č ihr „Weggetretensein“ auffiel. „Ja – alles klar, wir k├Ânnen loslegen.“, sie klopfte ebenfalls mit ihrem Bleistift auf den Block – und brach dabei die Spitze ab. Vor lauter Schreck rutschte der Block zu Boden. „So ein Mist...“, fluchte sie. „Ich mu├č den Spitzer holen.“, sie stand auf und wollte an ihren Schreibtisch gehen. Doch Yappidappi rastete wegen dieser kleinen Kleinigkeit aus. „Frau Schnapp, jetzt ist es aus. Ich habe die Nase voll! Erst das mit der Milch, dann das!“, er stand rasch auf. Dabei flatterte das Prospekt, welches auf dem Schreibtisch lag, zu Boden. Es handelte sich um ein Prospekt des Wagens, den er sich gestern angesehen hatte. „Schnapp! Passen Sie auf – sonst schnappt sich jemand anders Ihren Job!“, wohl des Wortspiels mit ihrem Nachnamen wegen kicherte er. Susanne kicherte nicht, ihr standen beinahe Tr├Ąnen in den Augen.
„Und au├čerdem habe ich die Sauerei mit der Milch auf dem Boden gesehen. Die machen Sie jetzt auch gleich weg!“
Kurz darauf weinte sie und rannte aus dem B├╝ro in den Flur.

Dieter „Yappidappi“ M├╝ller wartete einige Sekunden, ehe er reagierte. Eher um Schaden von sich abzuhalten, beschlo├č er, Susanne Schnapp hinterherzugehen. Diese rannte Elke in die Arme, die auf dem Weg in den Aufenthaltsraum war. „Was ist los?“, fragte sie. Susanne, die sich mittlerweile wieder beruhigt hatte, erl├Ąuterte in knappen Worten, was passiert war. Elke holte tief Luft. Mehrere Kolleginnen gingen an ihnen vorbei in den Raum. „Ich glaube, es wird Zeit, etwas zu unternehmen! Ich glaube es wird Zeit, unsere F├Ąhigkeiten anders einzusetzen.“, sagte Elke fast in einem triumphierenden Ton. Susanne schaute sie ratlos an, kapierte es dann aber. „Ihr wollt ihm ein Hirnfax schicken?“ Elke lachte beinahe. „Und was f├╝r eins! Viel schlimmer als ein Werbefax mit 100 Seiten!“

Von weiten sahen sie auch schon Yappidappi auf sie zukommen. Er hob seine rechte Hand und wollte was rufen, doch da waren Elke und Susanne bereits im Aufenthaltsraum verschwunden. Dort sa├čen bereits mehrere Sekret├Ąrinnen und schauten sie neugierig an. Elke dr├╝ckte die T├╝r leise zu. „Leute, wir m├╝ssen heute was tun, was wir noch nie so getan haben. Alles was hier passiert wird unter uns bleiben! Klar?“, Elke schaute in den Kreis der Anwesenden, von jeder Person nahm sie ein best├Ątigendes Kopfnicken ab.

Yappidappi drosselte seine Geschwindigkeit, vor der T├╝r blieb er stehen. Seine Hand streckte er aus um die T├╝rklinke herunterzudr├╝cken, doch pl├Âtzlich erwog er, doch erst einmal anzuklopfen. „Meine G├╝te, was f├╝r eine beschissene Sache!“, dachte er sich und fa├čte sich gleichzeitig an den Kopf. „Jetzt mu├č ich mich bei dieser Tante entschuldigen. Na ja, was solls. Gute Miene zum b├Âsen Spiel, die bekommt morgen trotzdem ihre K├╝ndigung. Ich habe die Nase voll.“ Ehe er anklopfte, dachte er, Stimmen geh├Ârt zu haben „... mann, oder sind das Kopfschmerzen.“ Er klopfte an und ├Âffnete die T├╝r.

Das was er sah, war nichts sonderlich au├čergew├Âhnliches.

Fast ein Dutzend Sekret├Ąrinnen sa├čen um einen Tisch und schauten ihn an, darunter auch Susanne und Elke. Sie nippten dabei abwechselnd an ihren Kaffeetassen. Dann stand Elke auf und ging um ihn herum und schlo├č die T├╝r. Erst dachte sich M├╝ller nichts dabei, doch als Elke den Schl├╝ssel umdrehte und in die Tasche steckte, wurde ihm mulmig. „He, was soll das?“, fragte er. Elke setzte sich auf ihren Stuhl zur├╝ck und wartete einige Momente ab. „Was soll was?“, fragte sie. „Wieso haben Sie die T├╝r abgeschlossen?“ Sein blasses Gesicht f├Ąrbte sich blutrot vor lauter Aufregung. „Was geht denn hier vor sich?“, er untermauerte seine Frage durch eine lauter werdende Stimme.

Doch Elke schwieg.

Susanne ebenfalls – genau wie alle anderen im Raum.

Sie starrten ihn nur an. Nur wenige Minuten, er griff sich an den Kopf und brachte seine aufwendig gestylte Gelfrisur durcheinander. Da kein Hirnfaxstr├Âmungsmessger├Ąt zur Verf├╝gung stand, konnte man nicht feststellen, was in diesem Moment in diesem Raum vor sich ging. Alle waren stumm, nur Yappidappi nicht. Dieser versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur Wortfetzen heraus. Er stotterte und wimmerte, rang um zusammenh├Ąngende S├Ątze.

Bis die Sekret├Ąrinnen ein Einsehen hatten und ihn gehen lie├čen.

Am n├Ąchsten Tag.

Susanne sa├č bereits seit einer Stunde alleine im B├╝ro, von Yappidappi keine Spur. Erst gegen 11 h├Ârte man Schritte auf dem Flur. Aber nicht so laut und feste wie normal, eher etwas leiser und vorsichtiger. Dann ├Âffnete sich die B├╝rot├╝r – Dieter „Yappidappi“ M├╝ller stand vor der T├╝r. Er schenkte Susanne Schnapp keinen Blick – murmelte nur was von „... Guten Morgen...“ - aber ganz leise.

Er versuchte auf jeden Fall, Blickkontakt mit Susanne zu vermeiden. Wieder eine Stunde sp├Ąter h├Ârte Susanne seine Stimme. „Frau Schnapp, k├Ânnen Sie bitte mal kommen.“, Susanne h├Ârte das erste mal „Bitte“. Sie nahm sich ihren gespitzten Bleistift samt Block und ging ins B├╝ro. „Ja bitte...“, fl├Âtete. „Ich ...“, er schaute sie vorsichtig an „... habe eine wichtige Personalentscheidung zu f├Ąllen.“ Susanne schluckte, vielleicht hatten sie es gestern mit ihren Hirnfaxen ├╝bertrieben. Gestern dachte sie unaussprechliche Fl├╝che und Beleidigungen aus. Zu was f├╝hrten Sie nun?

„Die Personalentscheidung sieht so aus, das eine Stelle neu besetzt werden mu├č.“ Seine Stimme klang sehr leise und unterw├╝rfig. „Welche?“, fragte Susanne und rechnete mit dem Schlimmsten.

Yappidappi legte ein Couvert auf den Schreibtisch. „Da, schauen sie hinein...“, er gab dem Brief einen Schubser. „Lesen Sie.“ Susanne nahm den Brief und ├Âffnete ihn, er war nicht zugeklebt.

Sie las es – und war einem Freudenschrei nahe.

Dieter „Yappidappi“ k├╝ndigte seine Stelle.

Ende.
┬ę Stephan Moll






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