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Leselupe.de > ErzÀhlungen
ZONE A
Eingestellt am 14. 10. 2015 20:56


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CPMan
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Zone A der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde umfasste die stĂ€dtischen BallungsrĂ€ume Ramallah, Nablus, Bethlehem, Jenin, Kalkilya und Tulkarem. Bis Ende Dezember 1995 hatte sich die israelische Armee aus den genannten StĂ€dten zurĂŒckgezogen.



Es mutet wahrlich wie ein Klischee an, aber die Idee, Kriegsphotograph zu werden, geht tatsĂ€chlich auf die LektĂŒre eines Bildbandes ĂŒber Robert Capa zurĂŒck. Ich war fĂŒnfundzwanzig Jahre alt, Student an der UniversitĂ€t in Bologna, und in der Bibliothek fiel mir rein zufĂ€llig dieser Bildband in die HĂ€nde. Die Schwarzweißphotographien des Spanischen BĂŒrgerkrieges ĂŒbten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, und diese Mischung aus Ästhetik und Dokumentation geht mir seither nicht aus dem Kopf. Capa war in einem gewissen Sinne ein begnadeter KĂŒnstler, denn er hatte ein Auge fĂŒr das, was Cartier-Bresson so treffend als den „entscheidenden Augenblick“ definierte. Capa machte Momentaufnahmen vom Krieg, die gleichzeitig eine gewisse Landser-Romantik als auch eine bestimmte Verachtung fĂŒr den Krieg erkennen lassen. Das Photo Soldaten in einer Furche (1948), auf dem Soldaten zu sehen sind, die beim Angriff der Ă€gyptischen Luftwaffe auf eine israelische Siedlung an der KĂŒste 1948 Schutz in einer Furche suchen, ist ein Beleg dafĂŒr. Denn einerseits graben sich vier MĂ€nner wie MaulwĂŒrfe in die Erde hinein, schlĂ€ngeln sich wie Schlangen durch die Furche, doch andrerseits ist hinter diesem tierisch anmutenden Gebaren auch eine militĂ€rische Entschlossenheit und Taktik zu erkennen, die dem Betrachter des Photos Respekt abnötigt. Auch wenn die vier Soldaten in der Furche mich ein wenig an die Kriegsspiele aus meiner Jugend erinnern, so ist doch die Verbundenheit, die unter diesen MĂ€nnern herrscht, etwas Schönes. Sie stehen gemeinsam gegen den Feind, sie sitzen alle auf Gedeih und Verderb in einem Boot, und sollten sie sterben, dann sind sie fĂŒr dieselbe, aus ihrer Sicht natĂŒrlich gute Sache gestorben. Im Grunde genommen machen Capas Photos nicht selten die Aussage, dass wahre Freundschaft unter MĂ€nnern nur im Krieg entstehen kann, was ich fĂŒr einen nicht unwichtigen Punkt bezĂŒglich der Glorifizierung eines Krieges halte. Wenn ich die Photos von der Intifada betrachte, die ich selber geschossen habe, dann kann man zu einem Ă€hnlichen Schluss kommen, wie man ihn angesichts der Photos von Capa ziehen kann. Aber nein, das ist anmaßend, ich kann meine Photographien nicht mit denen des Meisters vergleichen.


Eins meiner Photos aus jĂŒngerer Zeit ist auch nicht aufgrund seiner Ă€sthetischen Schönheit, sondern aufgrund seiner politischen ZwiespĂ€ltigkeit zum Stein des Anstoßes geworden. Das Photo zeigt einen jungen PalĂ€stinenser, der vor dem zerbrochenen Fenster einer Polizeistation in Ramallah steht. Vor dem Fenster steht eine jubelnde Menge aus jungen MĂ€nnern, von denen einige die HĂ€nde in die Höhe gereckt haben, um zu klatschen. Der junge Mann im Fenster trĂ€gt ein weißes T-Shirt, und reckt die HĂ€nde ebenfalls in die Höhe. Sein Gesichtsausdruck verrĂ€t, dass er irgendetwas ausruft, einen Jubel oder einen Freudenschrei. Er lacht nicht, aber sein Gesicht zeugt von Aufregung. Das AuffĂ€lligste an diesem jungen Mann sind die HĂ€nde. Der junge PalĂ€stinenser zeigt seine HandinnenflĂ€chen dem Publikum, das vor dem Fenster steht. Die HandinnenflĂ€chen sind blutĂŒberströmt. Das rote Blut, in dem der junge Mann seine HĂ€nde gebadet hat, setzt sich deutlich von der weißen Farbe seines T-Shirts ab, ebenso, wie es sich von den hellen Farben des ganzen Photos abhebt. Die Aufmerksamkeit des Betrachters gilt automatisch diesen HĂ€nden, denn sie zeugen von der Bluttat, fĂŒr die das Photo den Beweis liefert. Hinter dem jungen PalĂ€stinenser, der am Fenster steht, erkennt man nichts. Der Raum, in dem der junge Mann steht, ist dunkel, man sieht weder die Menschen noch die Möbel, die sich vielleicht in diesem Raum befinden. Aber die blutĂŒberströmten HĂ€nde dieses jungen Mannes lassen den Betrachter des Photos Böses ahnen. Denn in diesem Dunkel, so schlussfolgert der Betrachter, muss der Grund fĂŒr die blutĂŒberströmten HĂ€nde des jungen PalĂ€stinensers zu finden sein. In diesem Dunkel muss sich etwas Blutendes befinden, denn der junge Mann ist scheinbar unverletzt, das Blut an seinen HĂ€nden gehört offensichtlich einer anderen Person. Der Tod oder zumindest die blutende Verletzung dieser anderen Person wird offenbar von der Menge begrĂŒĂŸt, was bedeutet, dass es sich um einen Feind dieser palĂ€stinensischen Menge handelt. Die Unordnung, die das Bild vermittelt, und die Abwesenheit jeglicher uniformierter Leute lĂ€sst darauf schließen, dass es sich bei diesem Photo um die Beweisaufnahme einer konzertierten Aktion von gewöhnlichen palĂ€stinensischen BĂŒrgern handelt, die in einem Akt der Selbstjustiz das Recht zu Töten usurpiert haben.

NatĂŒrlich kenne ich den Kontext des Photos, was eine jungfrĂ€uliche Herangehensweise an das Bild erschwert. Auch der Daily Express aus England sah dieses Photo nicht als das, was es war, nĂ€mlich (nur) ein Photo, sondern als den Beginn eines erneuten israelisch-palĂ€stinensischen Kriegs. Das Blatt kaufte mein Photo und setzte es am nĂ€chsten Tag, am 13.09.2000, in die Zeitung und schrieb darunter: BLOOD ON HIS HANDS – Will this Palestinian boy spark a new wave of slaughter in the Middle East?


Die PalĂ€stinenser hatten sehr schnell herausgefunden, dass das Photo, obwohl es zuerst in einer englischen Zeitung erschienen war, von mir, also einem italienischen Journalisten gemacht worden war. Daraufhin nahmen die Drohungen der PalĂ€stinenser, die schon in dem Moment, als ich auf den Auslöser gedrĂŒckt hatte, verĂ€ngstigend brutal gewesen waren, noch an SchĂ€rfe zu. Man warf der italienischen Presse, und damit indirekt mir, die Diabolisierung des palĂ€stinensischen Volkes vor, und behauptete, dass Photo sei eine aus dem Kontext gerissene Momentaufnahme, die in keiner Weise die wahren Ereignisse an jenem Tag in Ramallah wiedergĂ€be. So, als gĂ€be es an diesem Photo noch jede Menge zu deuten, und als könnte sich das mordlĂŒsterne Gehabe dieses Lynchmobs als ein ganz dummer Irrtum herausstellen. Jedenfalls fĂŒhlte sich das staatliche italienische Fernsehen so sehr in die Ecke gedrĂ€ngt, dass es sich gezwungen sah, beschwichtigend auf die palĂ€stinensische Autonomiebehörde einzuwirken. Da ich freiberuflicher Journalist bin, und da auch das anwesende Kamerateam, das das ganze Ereignis gefilmt hat, fĂŒr keinen staatlichen Sender arbeitete, entschloss sich das staatliche italienische Fernsehen, allen voran der Chef von RAI, dazu, uns indirekt als wilde Journalisten zu bezeichnen, die, anders als das staatliche Fernsehen, nur an Grauen und Blutvergießen interessiert sind, nicht aber an einem differenzierten Journalismus. In einem Brief an die palĂ€stinensische Autonomiebehörde versicherte der Chef des italienischen Staatsfernsehens den PalĂ€stinensern, nie wieder diffamierende Bilder zu senden. Er schrieb: „ An meine lieben Freunde in PalĂ€stina, wir segnen euch. Wir haben das GefĂŒhl, klarstellen zu mĂŒssen, dass die Fotos der Ereignisse in Ramallah von einer privaten italienischen Station aufgenommen wurden, nicht aber durch das staatliche italienische Fernsehen. Wir möchten euch gegenĂŒber betonen, dass wir die akkuraten Richtlinien der PalĂ€stinensischen AutoritĂ€t fĂŒr journalistische Arbeit respektieren. Seid sicher, dass wir so etwas nie tun“. Mit anderen Worten: Der Chef von RAI gelobte, nur noch Bilder von Steine werfenden jungen PalĂ€stinensern zu senden, damit das Bild des unterlegenen, aber guten Davids PalĂ€stina gegen den bösen Goliath Israel keinen Schaden nĂ€hme. Er gelobte, die Berichte ĂŒber die VorgĂ€nge in PalĂ€stina so zu manipulieren, dass die PalĂ€stinenser gut aussahen. Nicht nur deswegen fĂŒhle ich mich dazu verpflichtet, die Geschichte von Anfang an zu erzĂ€hlen:


Ich war seit ungefĂ€hr einer Woche in Ramallah. Ich war direkt aus dem Kosovo eingeflogen, wo ich ein paar Photos fĂŒr das in Hamburg ansĂ€ssige Magazin Stern gemacht hatte. In Ramallah hatte sich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft nichts Großartiges ereignet, und so war ich an jenem Morgen recht dankbar, dass die Beerdigung zweier PalĂ€stinenser auf dem Programm stand. Ein englischer Kollege im Hotel meinte, dass es bestimmt nicht zu Aufsehen erregenden Hasstiraden gegen Israel kommen wĂŒrde, die ĂŒber das ĂŒbliche Verbrennen der Nationalflagge hinausgehen wĂŒrden. Ein bisschen Blut, meinte er, könne nicht schaden, aber es gĂ€be heute wohl keines. Ich verstand seinen Zynismus, versuchte selbst aber, diesem Zynismus nicht anheim zu fallen. Sicherlich stumpft man als Kriegsphotograph leicht ab, aber gerade deswegen, so denke ich, muss man sich zu der Aufgabe zwingen, Menschen in Kriegsgebieten nicht nur als potentielle Motive zu betrachten. Aber insgeheim hoffte ich natĂŒrlich auch auf einen ereignisreichen Tag mit guten Bildern. Ein anderer Kollege, ĂŒbrigens ein guter Freund von James Nachtwey, erzĂ€hlte mir, dass die Beerdigung der beiden PalĂ€stinenser teilweise auch von Mitgliedern der militanten Tansim, einer Untergruppe der Fatah-Partei, organisiert worden war. Wir konnten also doch mit aufgebrachten Teilnehmern innerhalb der Trauergemeinde rechnen. Ich checkte im Hotel meine Kamera, packte genĂŒgend Filme ein, und lief dann mit einem italienischen Kamerateam aus dem Hotel in die Straßen von Ramallah.

Nachdem wir zwei Straßen entlang gegangen waren, hörten wir schon das laute Rufen der Beerdigungsprozession. Ich ging in ein Haus hinein, die TĂŒr war unverschlossen, und stieg die Treppe zum zweiten Stock empor. Das Kamerateam wartete unten in der Strasse. Von dem Fenster, das sich im Treppenhaus befand und zur Straße zeigte, hatte ich einen guten Ausblick auf die Straße. Ich sah, wie von weitem die Menge der Trauernden die Straße herunterkam. Außerdem sah ich, dass die Trauergemeinde ĂŒberwiegend aus jungen MĂ€nnern bestand, die die FĂ€uste in die Höhe reckten und wilde FlĂŒche gen Israel skandierten. In der Mitte dieses Pulks befanden sich die SargtrĂ€ger. Es war ein recht einfacher Holzsarg, und man hatte den Deckel abgemacht, damit jeder das Gesicht des Leichnams sehen konnte. Es war ein junger Mann, der sicherlich bald zu einem MĂ€rtyrer verklĂ€rt werden wĂŒrde.
Im Grunde genommen war dies alles Routine. Beerdigungsprozessionen dieser Art fanden fast einmal die Woche statt, und die Verfluchungen des Staates Israel lockten keine Journalisten mehr aus ihren Hotels hervor. Ich und die Kollegen mit der Fernsehkamera waren so ziemlich die einzigen Journalisten vor Ort. Ich schoss ein paar Photos, zoomte an einige der hassverzerrten Gesichter der jungen PalĂ€stinenser heran, und wechselte erst nach zehn Minuten den Film. Die Beerdigungsprozession kam langsam auf uns zu, und der Kameramann unten in der Straße bequemte sich eher spĂ€t dazu, die Kamera einzuschalten und auf die Menge zu richten.


Mit dem Einschalten der Kamera kam plötzlich Bewegung in die Masse. Wie auf ein Signal hin, holten einige der PalĂ€stinenser eine Flagge Israels hervor, spießten sie auf einen langen Stock auf und zĂŒndeten sie an. FĂŒr den Kameramann ein gefundenes Fressen. Er hielt sein ArbeitsgerĂ€t direkt auf die kleine Gruppe MĂ€nner, die mit lauten Allah Akbar Rufen das Brennen der Flagge begleitete, und lief langsam ein paar Schritte auf die Menge zu. Ich hatte aus meiner Position im zweiten Stock einen noch besseren Aussichtspunkt. Mir gelangen ein paar gute Schwarzweißphotographien, sowohl Nahaufnahmen als auch Totale. Das ohnehin schon laute Geschrei der PalĂ€stinenser wurde immer lauter, und die Energie, die plötzlich, fast wie ein Blitzschlag, die Menge zum Erwachen brachte, hatte gleichzeitig etwas Atemberaubendes und etwas VerĂ€ngstigendes. Schließlich holten einige junge MĂ€nner aus einem mitfahrenden Wagen eine selbst gebastelte Puppe hervor, die in ihrer Physiognomie jene körperlichen Merkmale von Ehud Barak aufwies, die den grĂ¶ĂŸten Wiedererkennungswert hatten. Sie gossen ein wenig Benzin ĂŒber die Puppe und zĂŒndeten schließlich auch diese an. Das lodernde Feuer und die aufsteigenden Flammen kreierten einen glasigen Dunst, der sich vor die Gesichter der jungen MĂ€nner legte, und diese noch bedrohlicher aussehen ließ. Ich wechselte erneut den Film, und schoss Photos wie in einem Rausch. Ich warf einen Blick in meine Tasche, um mich zu vergewissern, dass ich noch ĂŒber genĂŒgend Filme verfĂŒgte, um den Rest der Trauerprozession photographisch begleiten zu können. In einer kurzen Pause gab ich dem Kameramann unten zu verstehen, dass ich wieder zu ihnen herunterkommen wĂŒrde, um mit ihnen zu gehen. Es war immer sicherer, nicht alleine durch Ramallah zu laufen, schon gar nicht mit einer Kamera, und so wartete das Kamerateam geduldig auf mich. Die Trauerprozession war schon an dem Haus, an dem wir uns postiert hatten, vorbeigezogen, aber sie hatten ihr Tempo gedrosselt, fast so, als wĂŒrden sie auf uns warten. Denn auch wenn keiner der PalĂ€stinenser das eingestehen wĂŒrde, so war uns doch sonnenklar, dass wir mit unserer Berichterstattung auch dazu beitrugen, ihre politischen Ziele einer breiten Öffentlichkeit zugĂ€nglich zu machen. Der Hokuspokus, den sie manchmal veranstalteten, fand oft auch zu unseren Ehren statt. Denn so hinterwĂ€ldlerisch und unzivilisiert die PalĂ€stinenser in den Augen der westlichen Welt manchmal auch scheinen mögen, so haben sie dennoch die Macht der Bilder erkannt. Sie wussten genauso gut wie wir, dass junge, von israelischen Soldaten erschossene Steinwerfer in der westlichen Welt meist dazu beisteuerten, Sympathie fĂŒr die palĂ€stinensische Sache zu erzeugen, und dass viele westliche Politiker die UN drĂ€ngen wĂŒrden, eine Lösung fĂŒr diesen fortwĂ€hrend schwelenden Konflikt zu finden. Wir wussten also, dass unsere Photos nicht nur unschuldige Photos waren, aber trotzdem machten wir weiter, denn schließlich und endlich war das unser Job.
*

Etwa zur gleichen Zeit, zwei oder drei StraßenzĂŒge entfernt, griff eine palĂ€stinensische Polizeistreife zwei israelische Soldaten auf, die in einem MilitĂ€rjeep nach Ramallah hinein gefahren waren. Es handelte sich um zwei Reservisten, die irrtĂŒmlich eine falsche Ausfahrt der Kraftfahrtstrasse genommen hatten, und deshalb fĂ€lschlicherweise in das von PalĂ€stinensern autonom verwaltete Gebiet gefahren waren. Yesef Avrahami und Vadim Novesche, beides junge, verheiratete MĂ€nner, waren in militĂ€rischen Dingen eher ungeĂŒbt, und so ließen sie sich widerstandslos von den palĂ€stinensischen Polizisten festnehmen, und zur Wache geleiten, ohne ihre Vorgesetzten ĂŒber Funk davon in Kenntnis zu setzen. Man wollte sie dort offenbar einem Verhör unterziehen, denn die PalĂ€stinenser trauten den beiden Juden zu, in geheimer Mission unterwegs zu sein, um im Auftrag der israelischen Regierung unliebsame politische Gegner zu liquidieren (was zu jener Zeit auch nicht so abwegig war). Die Tatsache allerdings, dass sie ganz unbekĂŒmmert in einem Jeep mit israelischen Nummernschildern in die Stadt gefahren waren, sprach gegen die These von den heimlich entsandten Todesschwadronen.
In der Polizeistation befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa zwanzig Beamte, die jedoch alle den Großteil ihrer Arbeit am Schreibtisch verrichteten, und in diesem Sinne keine wirklichen Polizisten, also mit den Carabinieri in Italien nicht zu vergleichen sind. Auch der Polizeichef der Station hatte keine wirkliche Übung, was das Verhör von israelischen Soldaten anging, und so sperrte man die beiden MĂ€nnern erst einmal in eine Zelle. Er betrachtete die ganze Sache als einen harmlosen Zwischenfall. Er glaubte, er mĂŒsse nichts weiter tun, als einen hochrangigen Vertreter der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde anrufen, und die ganze Angelegenheit in dessen HĂ€nde ĂŒbergeben. Gerade das kooperative Verhalten der beiden israelischen Soldaten ließ ihn an einen glĂŒcklichen Ausgang der Lage glauben. Um seinen guten Willen zu bezeugen, ließ er den beiden israelischen Soldaten etwas zu essen bringen. Er selbst lehnte es zwar ab, mit ihnen zu sprechen, aber er sah sich schon in der Verantwortung, diese beiden MĂ€nner fair und gerecht zu behandeln. Nach allem, was er wusste, waren diese beiden MĂ€nner wirklich die etwas naiv agierenden Reservisten, die sich ohne böse Absicht in palĂ€stinensisches Autonomiegebiet begeben hatten.
Leider wusste der Polizeichef dieser Station nicht, dass ein jugendlicher Passant, der auf dem Weg zu unserer Trauerprozession gewesen war, die Verhaftung der beiden israelischen Soldaten mit angesehen hatte. Er hatte gesehen, wie die beiden in israelischer MilitĂ€runiform gekleideten MĂ€nner aus dem Jeep geholt, und durch den Haupteingang der Polizeistation geschleust wurden. Diese Neuigkeit hatte ihn von jenem Moment an dermaßen auf den Lippen gebrannt, dass er gar nicht schnell genug zu uns und der Trauerprozession aufschließen konnte, um den etwas Ă€lteren MĂ€nnern schleunigst davon zu berichten. Denn Intimfeinde in der Stadt, das kam nicht alle Tage vor, und wenn, dann kamen sie stets in so großer Zahl, dass ein Angriff meistens aussichtslos war. Diesmal aber waren es nur zwei wehrlos erscheinende und bereits abgefĂŒhrte israelische Soldaten. Das musste auf jeden Fall weitergegeben werden.


Wir hatten mittlerweile den Anschluss zu der Trauergruppe gefunden, da sahen wir den jugendlichen Mann aufgeregt auf uns, bzw. die Trauergemeinde zulaufen. Ein paar MĂ€nner, die meines Erachtens die WortfĂŒhrer in der Prozession waren, blickten ihn gespannt an, und sein aufgeregtes Aussehen muss sie in eine nicht unbeachtliche Spannung versetzt haben. Sie diskutierten heftig mit ihm (das heißt, eigentlich weiß ich das nicht genau, denn alles auf Arabisch Gesprochene erweckt fĂŒr mich immer den Anschein, als werde gerade gestritten) wĂ€hrend der Rest der Trauerprozession weiter seinen Weg ging. Der Kollege vom Kamerateam bedeutete mir, dass dort offensichtlich etwas im Busch sei, und ich nickte ihm zu. Auch ich wusste, dass dieser Jugendliche nicht bloß private Nachrichten ĂŒberbrachte, sondern etwas Bedeutendes mitzuteilen hatte, denn sonst hĂ€tte er die Trauerprozession nicht so unverschĂ€mt gestört.
Dann ging alles ziemlich schnell. Einer der WortfĂŒhrer, der offensichtlich ĂŒber Entscheidungsgewalt verfĂŒgte, zĂŒckte sein Handy, wĂ€hlte eine Nummer und sprach dann aufgeregt hinein. In diesem Moment, ich weiß es noch, dachte ich mir, dass ich endlich Arabisch lernen mĂŒsste, denn solche Informationen aus erster Hand mitzubekommen bringt einen entscheidenden Vorteil, wenn es um die exklusive Berichterstattung eines denkwĂŒrdigen Ereignisses geht. Jedenfalls klappte der junge Mann sein Handy wieder zu, und versammelte dann ungefĂ€hr zwanzig junge, und erkennbar gewaltbereite MĂ€nner um sich herum. Offensichtlich instruierte er diese MĂ€nner kĂŒrz ĂŒber die Lage, dann rannten sie auch schon gemeinsam los. Wir, also ich und das Kamerateam, ĂŒberlegten nicht eine Sekunde lang, ob wir den ursprĂŒnglichen Auftrag zu Ende fĂŒhren sollten, sondern liefen sofort mit unserer kompletten AusrĂŒstung der Gruppe hinterher. Wie mit klapprigem Material bepackte Mulis galoppierten wir den jungen MĂ€nnern nach, und unsere Überlegungen reichten dabei nicht weiter als bis zur nĂ€chsten Straßenecke. Denn hĂ€tten wir genug GespĂŒr fĂŒr die Brisanz der Situation gehabt, dann hĂ€tten wir Kollegen aus dem Hotel benachrichtigt, um erstens unbenutztes Filmmaterial zu ordern, und um uns zweitens journalistische RĂŒckendeckung zu holen. Je nach GrĂ¶ĂŸe der Story hĂ€tten wir dann auch ganze Kamerawagen bestellen, oder Informationen einholen können, ĂŒber die die Leute im Hotel bereits verfĂŒgten. Aber nein, wie dumme GĂ€nse liefen wir dieser gewaltbereiten Masse hinterher, die offensichtlich ein ganz bestimmtes Ziel hatte, denn sie rannten schnurstracks und ohne zu zögern auf die Polizeistation zu. Dabei merkten wir nicht einmal, dass die Gruppe von zwanzig Mann zunehmend grĂ¶ĂŸer wurde. Aus allen Seitenstrassen, aus allen Gassen und Hinterhöfen kamen plötzlich junge PalĂ€stinenser angerannt, und schlossen sich der Gruppe an. Bald war die Menge auf ĂŒber hundert Personen angewachsen, und die Flut, die so durch die heißen, sandigen Straßen spĂŒlte, riss nicht wenige der umherstehenden MĂ€nner mit sich fort. Wie eine Jahrhundertflut schoss die Welle junger MĂ€nner auf die Polizeistation zu, um dort dann gegen verschlossene TĂŒren zu prallen. VorlĂ€ufig waren die MĂ€nner gestoppt. Doch trotz der verschlossenen TĂŒren blieben sie, wo sie waren.


In dem dichten GedrĂ€nge vor der Polizeistation wurde es mir bald zu eng. Ein paar der PalĂ€stinenser redeten nun auch mit einem aggressiven Unterton auf mich ein, und verlangten plötzlich die Herausgabe der Kamera. Dem Team mit der Fernsehkamera ging es nicht besser. Auch sie mussten sich von einem PalĂ€stinenser, der ein wenig Englisch radebrechte, anhören, sie seien sensationsgeiles Pack, das hier jetzt nichts mehr zu suchen hĂ€tte. Die Kollegen machten daraufhin die Kamera aus, blieben aber an Ort und Stelle. Ich selbst verschanzte mich wieder in einem Eingang der umstehenden HĂ€user, wechselte den Film, und suchte mir dann eine Stelle, die etwas abseits des Geschehens lag, aber dennoch etwas erhöht, so dass ich das Spektakel mehr oder weniger ĂŒberblicken konnte.
Es waren nun mehrere hundert junge MĂ€nner auf dem sandigen Platz vor der Polizeistation versammelt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass zwei israelische Soldaten von einer Polizeistreife aufgegriffen worden waren, und sich nun im Innern der Station befanden. Ich selbst jedoch photographierte noch in totaler Unkenntnis. Ich verstand die arabischen Schreie nicht, und hatte in meiner Umgebung auch keine Person des Vertrauens, die ich um Auskunft hĂ€tte bitten können. Allerdings war mir schon klar, dass sich in der Polizeistation jemand befand, dessen Herausgabe die aufgebrachte Menge verlangte, denn die TĂŒren und die Tore der Station waren verriegelt, und die VorhĂ€nge vor den wenigen Fenstern der Station wurden hastig zugezogen. Die sich stetig steigernde Dynamik, die wie eine Epidemie ĂŒber die versammelten MĂ€nner hereinbrach, fĂŒhrte zu immer lauteren Schreien, und immer gewaltigeren StĂ¶ĂŸen gegen das Hauptportal der Station. Aus den Seitenstrassen kamen immer mehr junge MĂ€nner angerannt, und die Tausend war lĂ€ngst ĂŒberschritten. Die Dichte der Masse und die nun brĂŒtende Mittagshitze tat ihr Übriges. Der Pulk begann langsam, die Kontrolle ĂŒber sich selbst zu verlieren, und ich, aus meiner erhöhten Warte, könnte förmlich sehen, wie tausende Individuen langsam zu einer einzigen Masse verschmolzen, mit einer einzigen Seele, einem einzigen Willen und einem einzigen Ziel: das Eindringen in die Polizeistation. Obwohl ich Photograph bin, und obwohl man mir ein Auge fĂŒrs Detail nachsagt, hörte ich auf, einzelne Gesichter wahrzunehmen. FĂŒr mich waren die Tausend MĂ€nner ein einziger Mann. Ein einziger Mann, dessen Faust vehement gegen das Tor der Polizeistation schlug, und Einlass begehrte. Und so war es auch nicht ein einzelner junger Mann, der plötzlich mit einer Axt gegen das Tor schlug, sondern es war die ganze Masse, die ihren Arm erhob, und die Axt gegen das zersplitternde Holz des Eingangs schmettern ließ. Ich war wie elektrisiert, und glaubte, die Energie der Masse in meinen eigenen Knochen zu verspĂŒren.


Als die Axt endlich ein Loch in die TĂŒr geschlagen hatte, wurde dieser Teilerfolg von der Menge wild bejubelt. Angestachelt durch Möglichkeit, tatsĂ€chlich in die Polizeistation eindringen zu können, und zu der Zelle der beiden israelischen Soldaten durchzukommen, ging die Menge mit noch grĂ¶ĂŸerer und viehischer Energie gegen das letzte Bollwerk der offiziellen Justiz vor.
Inzwischen hatte ein anderer Teil der Masse auch den israelischen MilitĂ€rjeep entdeckt. Wie verrĂŒckt sprangen vor allem Jugendliche auf diesem Jeep herum, und zerstörten jedes Teil. Mit einem dicken Holzstock schlug ein junger PalĂ€stinenser die RĂŒckspiegel ab. Ein anderer hebelte das Lenkrad aus, und schlug damit dann wie ein Berserker auf die Windschutzscheibe ein, bis diese krachend zerbarst. Andere Jugendliche ĂŒberkamen ihre anfĂ€ngliche Scheu, und fielen nun auch ĂŒber den Wagen her wie Termiten ĂŒber ein saftiges StĂŒck Fleisch. Als mit Brachialgewalt auch jedes noch so kleinste Teil zerstört war, schienen nicht nur die Jugendlichen Blut geleckt zu haben. Auch die drei, vier minderjĂ€hrigen Kinder waren nun mit einer gewissen Zerstörungswut infiziert. Es war ein Familienfest.


Nach wie vor galt das Hauptaugenmerk der Versammlung jedoch dem Tor. Das in die TĂŒr geschlagene Loch wurde immer grĂ¶ĂŸer, so dass es nur noch eine Frage der Zeit schien, bis ein ganzer Mann sich durch das Loch hindurch zwĂ€ngen konnte. Ein letzter, gewaltiger Hieb mit der Axt, da brach ein großes StĂŒck von dem Tor weg, und der Weg war frei. Wie bei einem Dammbruch das Wasser, so strömten die Massen nun durch dieses Loch in die Polizeistation. Ich sah, wie die angestaute Masse aus Menschen, die sich kurz zuvor noch vor dem Tor aufgehalten hatte, plötzlich wie in einem Befreiungsschlag einen Ausgang (bzw. Eingang) gefunden hatte. Und nun rauschte diese Masse durch das große schwarze Loch in die Polizeistation hinein, und quoll offensichtlich wie eine unaufhaltbare Flut ĂŒber die im Innern des GebĂ€udes anwesenden Beamten hinweg. Das Geschehen verlagerte sich nun von dem Platz vor der Polizeistation in das Innere des GebĂ€udes, also in den fĂŒr mich nicht sichtbaren Teil. Gebannt wie die wartende Menge unten auf dem Platz, lauschte ich den GerĂ€uschen, die aus der Polizeistation zu uns drangen. Genau wie alle anderen wusste ich, dass die Beamten in dem GebĂ€ude machtlos gegen die geballte Kraft dieser Masse waren, und dass kein rationales Argument mehr fĂŒr diese rachsĂŒchtige Menge gelten wĂŒrde.


Die Masse drĂ€ngte in die Polizeistation. Da es jedoch nicht genĂŒgend Platz gab, blieben einige MĂ€nner innerhalb der aufgebrachten Menge auf dem Platz vor der Station und schielten gebannt auf die Fenster des GebĂ€udes. Auch ich konnte in dem Moment die Lage nicht richtig einschĂ€tzen, da ich mich auf mein Gehör mehr verlassen musste als auf meine Sicht. Ich lauschte gebannt den GerĂ€uschen, die aus der Polizeistation auf den Vorhof drangen, und rekonstruierte anhand des Gehörten die VorgĂ€nge innerhalb der Polizeistation. Die wĂŒtenden Schreie der Menge trafen meines Erachtens auf wenig Gegenwehr. Ich sah einen Mann, offenbar PalĂ€stinenser, der vor dem Tor der Polizeistation stand, und der verzweifelt versuchte, sich gegen die Menge zu stemmen. Da er keine Uniform trug, hielt ich ihn fĂŒr einen Passanten, der zufĂ€llig vorbeigekommen war und ein Blutbad vermeiden wollte. Im Nachhinein sollte meine Vermutung sich als richtig herausstellen. Der Mann hatte zuerst versucht, die Menge vor der Polizeistation aufzuhalten. Dann hatte er im Innern des GebĂ€udes den Polizeichef dazu ĂŒberreden wollen, von der Waffengewalt Gebrauch zu machen, um den Mob von seinem grauenhaften Vorhaben abzubringen. Der Polizeichef hatte diesen Feuerbefehl aber nicht erteilt, weil er, wie er nachher zu Protokoll gab, befĂŒrchtete, die Situation können dadurch noch mehr eskalieren.
Die Menge hatte also die Macht. Da sie in der Überzahl war, und im Grunde nur auf eigene Landsleute traf, die insgeheim vielleicht mit dem Vorhaben des Mobs sympathisierten, konnte nichts und niemand mehr sie aufhalten. Letztendlich gelangte die Menge zu der Zelle, in der die beiden israelischen Soldaten untergebracht waren, und letztendlich schlossen ein paar MĂ€nner, die die Menge hinter sich wussten, die ZellentĂŒr auf, und fielen ĂŒber die beiden vor Panik ohnehin schon gelĂ€hmten Soldaten her. Yesef Avrahami und Vadim Novesche wurden in Windeseile dermaßen von Fußtritten, FaustschlĂ€gen, Beleidigungen und Stockhieben maltrĂ€tiert, dass ihre zur Abwehr erhobenen HĂ€nde ihren sicheren Tod bestenfalls in die LĂ€nge zogen.
Als besondere Notiz wurde in den zahlreichen Berichten in der Weltpresse spÀter die Geschichte mit dem Handy erwÀhnt. Einem der beiden israelischen Soldaten war in der Hitze des Gefechts das Handy aus der Tasche gefallen, und ein PalÀstinenser hatte an seiner Statt den Anruf der Ehefrau entgegen genommen. Als die Frau am anderen Ende fragte, wer dran sei, und wo ihr Mann sich befÀnde, habe dieser PalÀstinenser geantwortet: Ich bin der Mörder deines Mannes und deinen Mann bringen wir gerade um. Dann habe er aufgelegt.
Ob diese Geschichte nun wahr ist oder nicht, spielt im Grunde keine Rolle. Denn das es sich im Großen und Ganzen um das grauenhafteste Ereignis handelt, dessen ich je Zeuge geworden bin, steht außer Frage. Und dass mit den Geschehnissen, die sich im Innern der Polizeistation abspielten, das Schlimmste noch nicht vorbei war, belegen die Bilder, die ich mit meiner Photokamera und die meine Kollegen mit der Filmkamera aufgenommen haben. Auch wenn Yesef Avrahami und Vadim Novesche wahrscheinlich schon tot waren, als man sie aus dem Fenster in die Menge warf, ist das, was der Mob dann mit ihnen anstellte, das MenschenunwĂŒrdigste, was man mit einem Menschen machen kann.


Als einer der beiden Soldaten, bzw. dessen lebloser Körper, aus einem kleinen Fenster der Polizeistation geworfen wurde, kam es mir vor, als lege man ein großes Holzscheit in ein fast schon erloschenes, aber immer noch glĂŒhendes Feuer. Denn kaum, dass der leblose Körper in der Menge gelandet war, sprĂŒhten die Funken wieder hervor. Das Feuer des Hasses loderte wieder auf und in einem Anfall von tierischer Rage machte sich die Menge ĂŒber den Soldaten her. Jeder Einzelne in der Menge schien das GefĂŒhl zu haben, an einem großen, geschichtlichen Ereignis teilnehmen zu dĂŒrfen, dessen absolute Krönung darin bestand, dem leblosen Soldaten einen Hieb zu versetzen. Wie eine Stoffpuppe wurde der schon tote Soldat durch die Luft geschleudert, getreten, geschlagen, verprĂŒgelt und angespuckt. Ein jeder wollte seinen Anteil am Mord dieses Mannes haben, und so drĂ€ngte sich die Menge in konzentrischen Kreisen um den Leichnam herum, riss ihm an den Kleidern und trat mit der Schuhsohle in sein immer unidentifizierbarer werdendes Gesicht. Selbst aus der Entfernung konnte ich sehen, wie aus dem zerknautschten Gesicht des Leichnams Blut austrat, und zwar aus den Stellen, wo zuvor die Körperöffnungen gewesen sein mussten. Niemandem schien der grauenvolle Anblick des toten Körpers unangenehm aufzustoßen, im Gegenteil, die meisten schienen ihre Hemmungen gerade deswegen zu verlieren, weil der tote Körper sein menschliches Antlitz schon lĂ€ngst verloren hatte. Im Grunde schien fĂŒr die PalĂ€stinenser kein großer Unterschied zwischen diesem Menschen und einer israelischen Nationalflagge oder der kurz zuvor verbrannten Ehud Barak Puppe zu bestehen. Der tote Mann da auf dem sandigen Boden war in den Augen der PalĂ€stinenser kein wirklicher Mensch (mit dem Vornamen Vadim) sondern nur ein Symbol, das stellvertretend fĂŒr den Erzfeind Israel stand. Ich und meine Kollegen dĂŒrften die einzigen am Ort gewesen sein, die realisierten, dass dort ein Mensch mit einer Geschichte umkam. Jemand, der vielleicht verheiratet war, der Kinder hatte, die er am Abend zuvor noch ins Bett gebracht hatte. Jemand, der unter seinen Kollegen vielleicht als Witzbold verschrien war oder als Langweiler. Jemand mit guten Seiten, aber auch mit Fehlern, aber dennoch ein Mensch. Einer wie du und ich.
Schon bald schrieen die MĂ€nner, die vom ersten Soldaten nichts abbekommen hatten, nach dem zweiten Soldaten. Zur gleichen Zeit blickten drei MĂ€nner zu mir hinauf, und sahen mich mit meiner Kamera. Ebenso nahm ein Teil der Menge jetzt auch die beiden Kollegen mit der Fernsehkamera wahr, die wĂ€hrend des Geschehens die Kamera wieder eingeschaltet, und einen Großteil des Gemetzels gefilmt hatten. Die palĂ€stinensischen MĂ€nner erkannten umgehend das rufschĂ€digende Potential dieser Aufnahmen und schrieen daraufhin etwas zu mir hinauf. Zwei andere MĂ€nner beschimpften die Kollegen, und versuchten, ihnen die Kamera zu entwenden.


Im gleichen Moment erschien auch der junge PalĂ€stinenser am nun offenen Fenster der Polizeistation. Erst schien es so, als wolle er beschwichtigend auf die Menge einwirken, oder als wolle er eine Rede halten. Dann aber sah man fĂŒr den Hauch einer Sekunde, wie sich ein fast schon verschmitztes LĂ€cheln auf seinem Gesicht andeutete, bevor es dann wieder aus seinem Mienenspiel verschwand. Langsam und bedeutungsschwanger hob der junge Mann im weißen T-Shirt die Arme, aber eben nicht, um sich zu ergeben, sondern um der Menge seine vor Blut triefenden HandinnenflĂ€chen zu zeigen. Und kaum, dass die Menge diese blutenden HĂ€nde sah und ihre tief greifende Bedeutung erkannte, brach erneut Jubel aus, der nun den bevorstehenden oder vielleicht sogar schon vollbrachten Mord des zweiten Soldaten zelebrierte. Ich drĂŒckte in dem Moment zum letzten Mal auf den Auslöser, denn just in dem Moment griffen zwei palĂ€stinensische MĂ€nner nach mir, die mich auf meinem Logenplatz entdeckt hatten, und mich nun in gebrochenem Englisch zurĂŒck ins Hotel befahlen, wĂ€hrend sie mir unterdessen mit der flachen Hand mehrmals auf den Hinterkopf schlugen. Ich wehrte die SchlĂ€ge ab, und gab ihnen einen leeren Film, um kooperatives Verhalten vorzutĂ€uschen.


Unten in der Straße traf ich auf meine Kollegen, die ihre Kamera ebenfalls ausgeschaltet hatten, und ebenfalls von umstehenden PalĂ€stinensern beschimpft wurden. Im Grunde retteten uns die PalĂ€stinenser im GebĂ€ude vor weiteren Handgreiflichkeiten, denn sie warfen den zweiten, ebenfalls leblosen Körper aus dem Fenster, und lenkten damit die Aufmerksamkeit der PalĂ€stinenser auf den noch grĂ¶ĂŸeren Feind. Die wenigen MĂ€nner, die uns kurz zuvor noch unverhohlen bedroht hatten, wandten sich von uns ab, und drĂŒckten sich zurĂŒck in die Menge, um zum geschĂ€ndeten Leichnam vorzudringen. Wir Journalisten packten jedoch unsere Sachen zusammen, und machten uns so schnell wie möglich aus dem Staub. Dabei vermieden wir aus SicherheitsgrĂŒnden den Blickkontakt mit den Augen des Lynchmobs, weil wir befĂŒrchteten, ihre Aggressionen damit auf uns zu richten. Letzten Endes waren wir nĂ€mlich froh, dass dort zwei israelische Soldaten den ganzen Hass der Menge beanspruchten, so dass fĂŒr uns, die wir doch nur unbedeutende Journalisten waren, nichts mehr ĂŒbrig blieb von dieser mörderischen Energie, die sich gerade, wenige Meter von uns entfernt, in einem Akt der Gewalt entlud.


Erst aus sicherer Entfernung wagte ich es noch einmal, mich umzudrehen. Und aus dieser Distanz von etwa fĂŒnfzig Metern bot sich mir der Anblick einer einzigen riesigen Kreatur, die mit Hunderten von Armen, Beinen und Gesichtern die leblosen Körper der israelischen Soldaten verschlang. Ich sah in meiner Wahrnehmung keine Individuen mehr, sondern die Fleischwerdung eines einzigen bösen Willens, der, zum grĂ¶ĂŸten Teil von blindem Hass angetrieben, den Staub der sandigen Straßen aufwirbelte und wie ein Ungeheuer wĂŒtete. Erst jetzt, aus der Entfernung, erkannte ich, welche Kraft durch den Zusammenschluss mehrerer MĂ€nner mit dem gleichen Willen entstehen kann, und wie machtlos ein einzelner Mann mit einem noch so starken Willen dagegen ist. Es war, als sei die Menge, die durch das Zusammenkommen dieser einzelnen MĂ€nner entstanden war, mehr als nur die Summe ihrer einzelnen Teile. Als hĂ€tten die MĂ€nner ĂŒber ihre Körper und Geister hinaus noch etwas Anderes, etwas Unidentifizierbares beigesteuert, um diese Menge zu einem einzigen Geschöpf werden zu lassen. Ich war schockiert und fasziniert zugleich von dem Anblick, der sich mir bot. Ich war sicher, Zeuge einer nahezu ĂŒbernatĂŒrlichen Begebenheit zu sein, so, als sei der Teufel in Person in diese Menge gefahren, und habe sich ihrer bemĂ€chtigt. Und als benötigte man einen Exorzisten, um die einzelnen MĂ€nner dieser Masse wieder von dem Fluch zu befreien, der von ihnen Besitz ergriffen hatte.
Das Energiefeld, dessem Bannkreis ich gerade entkommen war, versprĂŒhte seinen letzten Rest an tödlicher Kraft. Noch war diese Energie wie ein Magnetfeld, das alle PalĂ€stinenser aus der Umgebung wie magisch anzog. Und sobald sie erstmal in den gefĂ€hrlichen Radius des Feldes geraten waren, dann gab es keine Hoffnung mehr fĂŒr die Charaktereigenschaften Milde, Barmherzigkeit und Vernunft, fĂŒr Werte also, ĂŒber die die PalĂ€stinenser in ihrem gewöhnlichen Leben durchaus verfĂŒgten. Jetzt war die Energie zu stark, als dass sich die PalĂ€stinenser gegen ihren Willen zum Töten hĂ€tten wehren können. Wie das letzte AufbĂ€umen eines Pferdes, so gestaltete sich jetzt auch das Verpuffen der Energie. Sie hatte ausgereicht, zwei MĂ€nner zu töten, aber nun gab es keine FlĂ€che mehr, auf die sich der unbĂ€ndige Hass projizieren konnte. Die zwei MĂ€nner waren tot, und ihre toten Leiber blieben reglos auf dem sandigen Boden vor der Polizeistation liegen. Die Masse verwandelte sich wieder in einen Haufen einzelner Individuen. Diese Individuen erwachten aus ihrem Rausch, sahen einander an, blickten etwas verschĂ€mt umher, wischten sich den Schaum vom Mund, und kehrten zu ihren gewöhnlichen Leben zurĂŒck. Zu ihren MĂŒttern, zu ihren Frauen, zu ihren Kindern.


Als wir zurĂŒck ins Hotel kamen, befremdete mich die dort herrschende Ruhe. Ich sah ein paar Journalisten, die in den Sesseln der Hotellobby saßen, Zeitung lasen und dabei Eiswasser schlĂŒrften. Anscheinend hatte noch niemand von dem Lynchmord, der sich gerade ein paar StraßenzĂŒge vom Hotel entfernt ereignet hatte, etwas mitbekommen. Konsterniert lief ich an die Rezeption und verlangte nach meinem ZimmerschlĂŒssel. Die Kollegen mit der Kamera waren unterdessen damit beschĂ€ftigt, per Handy die nötigen Anrufe zu machen, um das von ihnen gemachte Material an die Nachrichtenagenturen loszuschlagen. Ein britischer Kollege, in einem luftigen Sommeranzug gekleidet, kam zu mir an die Rezeption. „Und“ , fragte er forschend, „Erfolg gehabt?“ Ich schaute ihn eine Weile an und sagte schließlich: Nein.
Auf meinem Zimmer fiel ich erst einmal ins Bett. Ich schlief fĂŒr geschlagene drei Stunden. Als ich aufwachte, sann ich lange darĂŒber nach, wie die PalĂ€stinenser, die an dem Mord beteiligt gewesen waren, wohl den Rest des Tages zugebracht hatten und zubringen wĂŒrden. Was haben sie danach getan? Der Junge mit den blutĂŒberströmten HĂ€nden zum Beispiel? Ist er nach Hause gegangen? Hat er im Badezimmer des Familienhauses das israelische Blut an seinen HĂ€nden mit Kernseife abgewaschen? Ist er dann runter in die KĂŒche gegangen, und hat er dort seinem kleinen Bruder bei den Hausaufgaben geholfen? Oder hat er seine Mutter auf die Stirn gekĂŒsst und dann den Abwasch fĂŒr sie gemacht? Was haben diese MĂ€nner nur gemacht? Hat auch nur einer vor dem Untergang der Sonne die Bandbreite seines ganzen Tuns verstanden? Hat er verstanden, dass er jemanden umgebracht hatte? Und wie fĂŒhlte er sich, nun, da er wusste, dass er zum Töten fĂ€hig war? Hatten die MĂ€nner an diesem Tag nicht alle eine Schwelle ĂŒberschritten? Eine Schwelle, die vom gewöhnlichen Leben direkt in die IllegalitĂ€t und in den Untergrund fĂŒhrte? Hatten manche MĂ€nner vielleicht erkannt, dass sie in einem Rausch gewesen waren, als sie dem leblosen israelischen Soldaten einen Tritt ins Gesicht verpasst hatten?
Aber ich sann auch darĂŒber nach, was die Erlebnisse des Tages fĂŒr mich bedeuteten. Hatte ich richtig gehandelt? HĂ€tte ich die beiden Soldaten retten können? HĂ€tte ich im Hotel VerstĂ€rkung rufen mĂŒssen, und hĂ€tten die vielen Journalisten, die dann gekommen wĂ€ren, die PalĂ€stinenser von ihrem Racheakt vielleicht abgehalten? Und von diesen Fragen kam ich sehr schnell zu noch essentielleren Fragen, die mich an dem Sinn meines Berufs zweifeln ließen. Ging es mir wirklich darum, die Menschen in der westlichen HemisphĂ€re aufzuklĂ€ren? Ging es mir darum, ihnen einen Eindruck von den böswilligen Taten, zu denen Menschen fĂ€hig sind zu vermitteln? War es ein ganz gewöhnlicher Beruf, oder verĂ€nderte dieser Beruf mich auf eine Weise, die mich der FĂ€higkeit zu fĂŒhlen beraubte? Kann ich nach all dem grauenhaften Blutvergießen, das ich gesehen und fotografiert habe, noch an die Menschen allgemein und einen Menschen im Besonderen glauben?
Aber schließlich hörte ich mit diesen quĂ€lenden Fragen auf und ging wieder runter in die Lobby.


Das Hotel war ĂŒberfĂŒllt. Kollegen rannten umher, mit Mikrofonen, AufnahmegerĂ€ten, Film- und Digitalkameras. Ich schaute zu einem der an der Wand befestigten Fernseher hinauf. Ein israelischer Fernsehsender zeigte ĂŒber das von meinen Kollegen gefilmte Material hinaus noch den Vergeltungsschlag der Israelis. Als Ehud Barak von der Sache in Kenntnis gesetzt worden war, hatte er zwei israelische Kampfhubschrauber entsandt, die unmittelbar darauf nach Ramallah geflogen waren und dort die Polizeistation mit Raketen bombardiert hatten. Da, wo wenige Stunden zuvor zwei israelische Soldaten von einer erzĂŒrnten palĂ€stinensischen Menge ermordet worden waren, wehte nun nur noch eine große braungelbe Staubwolke, die die TrĂŒmmer der Polizeistation umnebelte. Immerhin hatte Barak der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde vorher Bescheid gestoßen, so dass beim Raketenangriff keine oder wenige Zivilisten umgekommen war. Was jedoch in der Welt fĂŒr Entsetzen sorgen sollte, war, und das sah man mit bloßem Auge, fĂŒr die MĂ€nner im Hotel lediglich Arbeitsmaterial. Keiner schien bestĂŒrzt, erschĂŒttert oder am Boden zerstört. Aufgeregt waren sie, das ja, aber zu Herzen ging es keinem von uns.
Ich ging wieder hoch ins Hotelzimmer und machte meine Anrufe. Ein Kollege von einer englischen Nachrichtenagentur bot mir eine fĂŒnfstellige Summe fĂŒr das Photo. Ich sagte zu. Froh ĂŒber das mir bald zukommende Geld legte ich den Hörer auf. Ich verbrachte den Rest des Abends damit, einen amerikanischen Pornofilm auf dem Hotelkanal zu gucken, und ließ mir eine Flasche Sekt aufs Zimmer bringen. Von dem Blutgeld, so dachte ich, werde ich sie bezahlen.


Sagte ich: von dem Blutgeld? Das ist albern, denn es klingt sarkastisch. Wenn ich Blutgeld sage, dann ist es, als versuchte ich, mich von meinem Beruf zu distanzieren. Als versuchte ich, sarkastisch und zynisch darauf herabzublicken, aber dieses HerabwĂŒrdigen wĂ€re eine Farce. Ich weiß genau, dass ich diesen Job weitermachen werde, denn er ist zu meinem Lebenselixier geworden. Er ist das, was meine IdentitĂ€t ausmacht. Denn die Fotos, die ich geschossen habe und noch schießen werde, sind die Sichtbarmachung meiner Erfahrungen. Wenn ich meine Fotos in den BlĂ€ttern dieser Welt sehe, dann denke ich, dass ich das Auge dieser Welt bin. Das klingt vermessen, ich weiß, aber es ist dennoch wahr. Ich zeige mit meinen Fotos den Menschen, wozu sie fĂ€hig sind, und ich kenne alle Schattierungen des menschlichen GemĂŒts. Meine Bilder sind keine Ă€sthetisch verzĂ€rtelten Bilder, wie die von Capa, es sind reale, ungefilterte Bilder, die den Menschen einen Schlag in die Magengrube versetzen. Die Freude am Bösen, die dieser Beruf voraussetzt, ist das Arnonsmal der ganzen Menschheit. Wir alle erfreuen uns am Bösen, und wir alle sind tief im unseren Innern böse.
Wenn die Menschen mein Foto sehen, und sich ĂŒber die BrutalitĂ€t der PalĂ€stinenser entrĂŒsten, dann versuchen sie damit das Böse, das in ihnen steckt, von sich fort zu weisen. Je mehr sich ein Mensch ĂŒber das von mir gemachte Foto und dessen Implikationen entrĂŒstet, desto böser ist er. Er will nur nicht wahrhaben, dass er derselben Spezies wie die PalĂ€stinenser angehört, und dass in ihm dieselbe maliziöse Energie schlummert, die an jenem Tag in Ramallah ausgebrochen war. Wir sind alle böse. Selbst ein Mensch, von dem man sagt, er könne keiner Fliege etwas zuleide tun, wird in der Masse zum mordenden Berserker. Es ist daher notwendig, in jeder Kultur ein höchstmögliches Maß an IndividualitĂ€t zu erreichen, denn nur so können wir sicher sein, dass geschichtliche Ereignisse wie das Dritte Reich sich nicht mehr wiederholen.


Seither versuche ich in Worte zu fassen, was mein Beruf aus mir gemacht hat, zu beschreiben, wie er mich definiert. Ich versuche zu ergrĂŒnden, welche Sozialisation ich dadurch erfahren habe, dass ich die Krisenherde dieser Welt auf und abgegangen bin, immer auf der Suche nach den symboltrĂ€chtigen Fotos, die mit wenigen Mitteln die ganze Verfahrenheit einer Situation widerspiegeln. Ob es nun die vertriebene Frau mit ihren hungerndem Kind im Kosovo war oder der junge PalĂ€stinenser mit seinen blutĂŒberströmten HĂ€nden. Im Grunde verliert fĂŒr mich die Gewalt ihren spezifischen Charakter, denn auch wenn sie im Kosovo, im Irak, im Gaza-Streifen aus anderen GrĂŒnden zustande kommt, ist das Resultat immer dasselbe: Menschen töten Menschen. Und fĂŒr uns Journalisten, die niemals Partei fĂŒr die eine oder andere Seite greifen, kann diese Form der Gewalt letztendlich nur als Beweis fĂŒr die Dummheit der Menschen dienen, die sich aufgrund so nichtiger Dinge wie Besitz, Religion oder Ethnie die Köpfe einschlagen. Mitleid empfinden wir bestenfalls fĂŒr die Kinder, denn sie können nichts fĂŒr die Kriege, denen ihre Eltern sich verschrieben haben. Oder die Frauen, die MĂ€nner geheiratet haben, die RachegelĂŒste entwickeln, ohne zu bedenken, dass ihr verletztes EhrgefĂŒhl niemanden interessiert außer sie selbst. Solange es MĂ€nner gibt, wird es Krieg geben, und so lange es Krieg gibt, bleiben wir Menschen im Grunde schlecht.


Ich lebe losgelöst von allen menschlichen Dingen. Ich lebe losgelöst von allen, die glauben, ich sei wie sie. Und losgelöst, getrennt von dieser quĂ€lenden BanalitĂ€t menschlichen Seins, habe ich einen Bewusstseinszustand erreicht, der mich den Massen und den Individuen dieser Welt erhaben macht. Ich bin ein Chronist, ich bin das Auge Gottes, das dokumentiert, was diese Welt Tag fĂŒr Tag an Bösem bewerkstelligt. Und durch diese TĂ€tigkeit der Dokumentation habe ich eine höhere Ebene erreicht. Denn wer beschreibt, wer Zeugnis gibt, ist zumindest ein Beobachter, und kein Teilnehmender. Verstehen sie: Ich nehme an dieser Welt nicht teil, ich fĂŒhle keine Sympathie, Empathie oder Hass. Ich betrachte nĂŒchtern die Glanz- und WĂŒrdelosigkeit dieser Welt und bin deshalb besser, weil ich keine GefĂŒhle an die Nichtigkeit dieser Welt verschwende.



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Hyazinthe
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Hallo CPMan!

Alle Achtung! Was fĂŒr ein Text!

Absolut glaubwĂŒrdig durch die subjektive ErzĂ€hlweise in Ich-Form, durch die dokumentarisch wirkende Berichtsform, durch die detaillierte Schilderung der Ereignisse bei gleichzeitiger reflektierender Distanz.

Du schilderst, wie aus normalen Menschen ein blindwĂŒtiger mörderischer Mob wird und greifst damit das ungesteuerte emotionale Verhalten der Masse auf, die das Individuum aufsaugt. Man kennt es in vielerlei Variationen: in harmloser Form bei Sport- oder Konzertveranstaltungen, in gefĂ€hrlicher Form bei politischen Großkundgebeungen (Zitat. "Wollt ihr den totalen Krieg?")

Noch erschreckender als den Lynchmord finde ich jedoch das Fazit deines Protagonisten, der sich, von allem losgelöst und entfremdet, als objektives, nur beobachtendes "Auge Gottes" sieht und konstatiert "Wir alle erfreuen uns am Bösen, und wir alle sind tief in unserem Innern böse." Das dein Protagonist nach allem, was er erlebt hat, so denkt und fĂŒhlt, ist verstĂ€ndlich, aber es ist pathologisch.

Und ich, als Leserin, hoffe immer noch, dass es nicht so ist.

Gruß, Hyazinthe

__________________
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CPMan
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Gustave Le Bon

Liebe Hyazinthe,

danke fĂŒr deinen Kommentar. Die ErzĂ€hlung ist ein alter Text von mir und basiert auf einem echten Ereignis. Ich war zu der Zeit noch an der Uni und wir haben in einem Seminar Gustave Le Bons La Psychologie des foules (Psychologie der Massen) besprochen.

Daraufhin habe ich mehrere Kurzgeschichten geschrieben, in denen es immer um wahre Ereignisse geht, in denen Menschenmassen Verheerendes anrichten. CHICAGO BLUES z.B. gehört auch dazu.

Eine Kurzgeschichte zum Deutschen Herbst und eine zur Katastrophe vom Heysel Stadion (1985) gehören auch dazu. Ich stelle sie demnĂ€chst auch hier rein, allerdings habe ich anderenorts eher verhaltene RĂŒckmeldungen zu den Geschichten bekommen, da sie eben recht lang und meistens als zu erzĂ€hlend (also zu viel TELL und nicht genug SHOW) empfunden werden. Es gibt z.B. kaum Dialoge und immer erzĂ€hlt einer aus seiner subjektiven Sicht.

Dieser Text ist fĂŒr meinen Geschmack zum Ende hin etwas schwach, kann aber nicht sagen, wieso.

Aber trotzdem vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar.

Liebe GrĂŒĂŸe,

CPMAn

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Penelopeia
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Hallo CPMan,

der Text ist natĂŒrlich recht lang, aber keinesfalls zu lang! Das Thema bleibt wohl ewig aktuell: wie verhĂ€lt sich Mensch in Masse...

Ich halte den Text fĂŒr gelungen, wĂŒrde aber ein paar Korrekturen empfehlen: Was, z.B., soll "israelisches Blut" sein? Meinst Du jĂŒdisches Blut? 20 % der israelischen StaatsbĂŒrger sind Araber...

Dann: was ist ein "Arnonsmal"? Ein stilistischer Neologismus? Ist vielleicht ein Kainsmal gemeint?

Schöne GrĂŒĂŸe

P.

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CPMan
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ErgÀnzend ein Zitat des britischen Fotografen Mark Seager, der an jenem Tag vor Ort war:

"It [the lynching] was the most horrible thing that I have ever seen and I have reported from Congo, Kosovo, many bad places.... I know they [Palestinians] are not all like this and I'm a very forgiving person but I'll never forget this. It was murder of the most barbaric kind. When I think about it, I see that man's head, all smashed. I know that I'll have nightmares for the rest of my life."

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aligaga
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Sorry, @CPMan, aber das liest sich im Großen und Ganzen wie eine platte Beschreibung jener Bilder, die wir alle bis zum Erbrechen damals in den Nachrichtensendungen vorgefĂŒhrt bekamen - bis hin zu dem PalĂ€stinenser, der nach dem Massakrieren der israelischen Soldaten dem Mob auf der Straße seine blutigen HandflĂ€chen zeigte.

Das "Auge Gottes" ruht schon lÀngst nicht mehr im SchÀdel eines Journalisten, sondern blinzelt in einer Drohne, wÀhrend der liebe Gott daheim im Himmel im Clubsessel sitzt, Zigarre raucht und im Feuilleton blÀttert.

Leider hast du aus der bestĂŒrzenden Bilderflut, die wir alle kennen, nur eine recht langweilige Wörterflut gemacht, die das eigentliche Thema - was der eine Mensch dem anderen anzutun imstande ist und warum - nicht weiter bringt, sondern nur breit tritt.

Das ist schade, denn das Sujet geht sehr tief. Wie tief, kann man in dem Film "The Green Prince" erfahren, in dem der Versuch unternommen wird, das, was geschieht, nicht bloß herzuzeigen, sondern aufzuarbeiten. Ein insgesamt leider nutzloser Film, wie sich erwies, aber immerhin ein Versuch. Du solltest ihn gucken, wenn sich dir die Möglichkeit bietet, und wirst danach die Fernsehbilder, die du beim Schreiben vor Augen hattest, bestimmmt anders betrachten.

Gruß

aligaga




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