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Leselupe.de > Erzählungen
ZONE A
Eingestellt am 14. 10. 2015 20:56


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CPMan
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Zone A der Palästinensischen Autonomiebehörde umfasste die städtischen Ballungsräume Ramallah, Nablus, Bethlehem, Jenin, Kalkilya und Tulkarem. Bis Ende Dezember 1995 hatte sich die israelische Armee aus den genannten Städten zurückgezogen.



Es mutet wahrlich wie ein Klischee an, aber die Idee, Kriegsphotograph zu werden, geht tatsächlich auf die Lektüre eines Bildbandes über Robert Capa zurück. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, Student an der Universität in Bologna, und in der Bibliothek fiel mir rein zufällig dieser Bildband in die Hände. Die Schwarzweißphotographien des Spanischen Bürgerkrieges übten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, und diese Mischung aus Ästhetik und Dokumentation geht mir seither nicht aus dem Kopf. Capa war in einem gewissen Sinne ein begnadeter Künstler, denn er hatte ein Auge für das, was Cartier-Bresson so treffend als den „entscheidenden Augenblick“ definierte. Capa machte Momentaufnahmen vom Krieg, die gleichzeitig eine gewisse Landser-Romantik als auch eine bestimmte Verachtung für den Krieg erkennen lassen. Das Photo Soldaten in einer Furche (1948), auf dem Soldaten zu sehen sind, die beim Angriff der ägyptischen Luftwaffe auf eine israelische Siedlung an der Küste 1948 Schutz in einer Furche suchen, ist ein Beleg dafür. Denn einerseits graben sich vier Männer wie Maulwürfe in die Erde hinein, schlängeln sich wie Schlangen durch die Furche, doch andrerseits ist hinter diesem tierisch anmutenden Gebaren auch eine militärische Entschlossenheit und Taktik zu erkennen, die dem Betrachter des Photos Respekt abnötigt. Auch wenn die vier Soldaten in der Furche mich ein wenig an die Kriegsspiele aus meiner Jugend erinnern, so ist doch die Verbundenheit, die unter diesen Männern herrscht, etwas Schönes. Sie stehen gemeinsam gegen den Feind, sie sitzen alle auf Gedeih und Verderb in einem Boot, und sollten sie sterben, dann sind sie für dieselbe, aus ihrer Sicht natürlich gute Sache gestorben. Im Grunde genommen machen Capas Photos nicht selten die Aussage, dass wahre Freundschaft unter Männern nur im Krieg entstehen kann, was ich für einen nicht unwichtigen Punkt bezüglich der Glorifizierung eines Krieges halte. Wenn ich die Photos von der Intifada betrachte, die ich selber geschossen habe, dann kann man zu einem ähnlichen Schluss kommen, wie man ihn angesichts der Photos von Capa ziehen kann. Aber nein, das ist anmaßend, ich kann meine Photographien nicht mit denen des Meisters vergleichen.


Eins meiner Photos aus jüngerer Zeit ist auch nicht aufgrund seiner ästhetischen Schönheit, sondern aufgrund seiner politischen Zwiespältigkeit zum Stein des Anstoßes geworden. Das Photo zeigt einen jungen Palästinenser, der vor dem zerbrochenen Fenster einer Polizeistation in Ramallah steht. Vor dem Fenster steht eine jubelnde Menge aus jungen Männern, von denen einige die Hände in die Höhe gereckt haben, um zu klatschen. Der junge Mann im Fenster trägt ein weißes T-Shirt, und reckt die Hände ebenfalls in die Höhe. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er irgendetwas ausruft, einen Jubel oder einen Freudenschrei. Er lacht nicht, aber sein Gesicht zeugt von Aufregung. Das Auffälligste an diesem jungen Mann sind die Hände. Der junge Palästinenser zeigt seine Handinnenflächen dem Publikum, das vor dem Fenster steht. Die Handinnenflächen sind blutüberströmt. Das rote Blut, in dem der junge Mann seine Hände gebadet hat, setzt sich deutlich von der weißen Farbe seines T-Shirts ab, ebenso, wie es sich von den hellen Farben des ganzen Photos abhebt. Die Aufmerksamkeit des Betrachters gilt automatisch diesen Händen, denn sie zeugen von der Bluttat, für die das Photo den Beweis liefert. Hinter dem jungen Palästinenser, der am Fenster steht, erkennt man nichts. Der Raum, in dem der junge Mann steht, ist dunkel, man sieht weder die Menschen noch die Möbel, die sich vielleicht in diesem Raum befinden. Aber die blutüberströmten Hände dieses jungen Mannes lassen den Betrachter des Photos Böses ahnen. Denn in diesem Dunkel, so schlussfolgert der Betrachter, muss der Grund für die blutüberströmten Hände des jungen Palästinensers zu finden sein. In diesem Dunkel muss sich etwas Blutendes befinden, denn der junge Mann ist scheinbar unverletzt, das Blut an seinen Händen gehört offensichtlich einer anderen Person. Der Tod oder zumindest die blutende Verletzung dieser anderen Person wird offenbar von der Menge begrüßt, was bedeutet, dass es sich um einen Feind dieser palästinensischen Menge handelt. Die Unordnung, die das Bild vermittelt, und die Abwesenheit jeglicher uniformierter Leute lässt darauf schließen, dass es sich bei diesem Photo um die Beweisaufnahme einer konzertierten Aktion von gewöhnlichen palästinensischen Bürgern handelt, die in einem Akt der Selbstjustiz das Recht zu Töten usurpiert haben.

Natürlich kenne ich den Kontext des Photos, was eine jungfräuliche Herangehensweise an das Bild erschwert. Auch der Daily Express aus England sah dieses Photo nicht als das, was es war, nämlich (nur) ein Photo, sondern als den Beginn eines erneuten israelisch-palästinensischen Kriegs. Das Blatt kaufte mein Photo und setzte es am nächsten Tag, am 13.09.2000, in die Zeitung und schrieb darunter: BLOOD ON HIS HANDS – Will this Palestinian boy spark a new wave of slaughter in the Middle East?


Die Palästinenser hatten sehr schnell herausgefunden, dass das Photo, obwohl es zuerst in einer englischen Zeitung erschienen war, von mir, also einem italienischen Journalisten gemacht worden war. Daraufhin nahmen die Drohungen der Palästinenser, die schon in dem Moment, als ich auf den Auslöser gedrückt hatte, verängstigend brutal gewesen waren, noch an Schärfe zu. Man warf der italienischen Presse, und damit indirekt mir, die Diabolisierung des palästinensischen Volkes vor, und behauptete, dass Photo sei eine aus dem Kontext gerissene Momentaufnahme, die in keiner Weise die wahren Ereignisse an jenem Tag in Ramallah wiedergäbe. So, als gäbe es an diesem Photo noch jede Menge zu deuten, und als könnte sich das mordlüsterne Gehabe dieses Lynchmobs als ein ganz dummer Irrtum herausstellen. Jedenfalls fühlte sich das staatliche italienische Fernsehen so sehr in die Ecke gedrängt, dass es sich gezwungen sah, beschwichtigend auf die palästinensische Autonomiebehörde einzuwirken. Da ich freiberuflicher Journalist bin, und da auch das anwesende Kamerateam, das das ganze Ereignis gefilmt hat, für keinen staatlichen Sender arbeitete, entschloss sich das staatliche italienische Fernsehen, allen voran der Chef von RAI, dazu, uns indirekt als wilde Journalisten zu bezeichnen, die, anders als das staatliche Fernsehen, nur an Grauen und Blutvergießen interessiert sind, nicht aber an einem differenzierten Journalismus. In einem Brief an die palästinensische Autonomiebehörde versicherte der Chef des italienischen Staatsfernsehens den Palästinensern, nie wieder diffamierende Bilder zu senden. Er schrieb: „ An meine lieben Freunde in Palästina, wir segnen euch. Wir haben das Gefühl, klarstellen zu müssen, dass die Fotos der Ereignisse in Ramallah von einer privaten italienischen Station aufgenommen wurden, nicht aber durch das staatliche italienische Fernsehen. Wir möchten euch gegenüber betonen, dass wir die akkuraten Richtlinien der Palästinensischen Autorität für journalistische Arbeit respektieren. Seid sicher, dass wir so etwas nie tun“. Mit anderen Worten: Der Chef von RAI gelobte, nur noch Bilder von Steine werfenden jungen Palästinensern zu senden, damit das Bild des unterlegenen, aber guten Davids Palästina gegen den bösen Goliath Israel keinen Schaden nähme. Er gelobte, die Berichte über die Vorgänge in Palästina so zu manipulieren, dass die Palästinenser gut aussahen. Nicht nur deswegen fühle ich mich dazu verpflichtet, die Geschichte von Anfang an zu erzählen:


Ich war seit ungefähr einer Woche in Ramallah. Ich war direkt aus dem Kosovo eingeflogen, wo ich ein paar Photos für das in Hamburg ansässige Magazin Stern gemacht hatte. In Ramallah hatte sich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft nichts Großartiges ereignet, und so war ich an jenem Morgen recht dankbar, dass die Beerdigung zweier Palästinenser auf dem Programm stand. Ein englischer Kollege im Hotel meinte, dass es bestimmt nicht zu Aufsehen erregenden Hasstiraden gegen Israel kommen würde, die über das übliche Verbrennen der Nationalflagge hinausgehen würden. Ein bisschen Blut, meinte er, könne nicht schaden, aber es gäbe heute wohl keines. Ich verstand seinen Zynismus, versuchte selbst aber, diesem Zynismus nicht anheim zu fallen. Sicherlich stumpft man als Kriegsphotograph leicht ab, aber gerade deswegen, so denke ich, muss man sich zu der Aufgabe zwingen, Menschen in Kriegsgebieten nicht nur als potentielle Motive zu betrachten. Aber insgeheim hoffte ich natürlich auch auf einen ereignisreichen Tag mit guten Bildern. Ein anderer Kollege, übrigens ein guter Freund von James Nachtwey, erzählte mir, dass die Beerdigung der beiden Palästinenser teilweise auch von Mitgliedern der militanten Tansim, einer Untergruppe der Fatah-Partei, organisiert worden war. Wir konnten also doch mit aufgebrachten Teilnehmern innerhalb der Trauergemeinde rechnen. Ich checkte im Hotel meine Kamera, packte genügend Filme ein, und lief dann mit einem italienischen Kamerateam aus dem Hotel in die Straßen von Ramallah.

Nachdem wir zwei Straßen entlang gegangen waren, hörten wir schon das laute Rufen der Beerdigungsprozession. Ich ging in ein Haus hinein, die Tür war unverschlossen, und stieg die Treppe zum zweiten Stock empor. Das Kamerateam wartete unten in der Strasse. Von dem Fenster, das sich im Treppenhaus befand und zur Straße zeigte, hatte ich einen guten Ausblick auf die Straße. Ich sah, wie von weitem die Menge der Trauernden die Straße herunterkam. Außerdem sah ich, dass die Trauergemeinde überwiegend aus jungen Männern bestand, die die Fäuste in die Höhe reckten und wilde Flüche gen Israel skandierten. In der Mitte dieses Pulks befanden sich die Sargträger. Es war ein recht einfacher Holzsarg, und man hatte den Deckel abgemacht, damit jeder das Gesicht des Leichnams sehen konnte. Es war ein junger Mann, der sicherlich bald zu einem Märtyrer verklärt werden würde.
Im Grunde genommen war dies alles Routine. Beerdigungsprozessionen dieser Art fanden fast einmal die Woche statt, und die Verfluchungen des Staates Israel lockten keine Journalisten mehr aus ihren Hotels hervor. Ich und die Kollegen mit der Fernsehkamera waren so ziemlich die einzigen Journalisten vor Ort. Ich schoss ein paar Photos, zoomte an einige der hassverzerrten Gesichter der jungen Palästinenser heran, und wechselte erst nach zehn Minuten den Film. Die Beerdigungsprozession kam langsam auf uns zu, und der Kameramann unten in der Straße bequemte sich eher spät dazu, die Kamera einzuschalten und auf die Menge zu richten.


Mit dem Einschalten der Kamera kam plötzlich Bewegung in die Masse. Wie auf ein Signal hin, holten einige der Palästinenser eine Flagge Israels hervor, spießten sie auf einen langen Stock auf und zündeten sie an. Für den Kameramann ein gefundenes Fressen. Er hielt sein Arbeitsgerät direkt auf die kleine Gruppe Männer, die mit lauten Allah Akbar Rufen das Brennen der Flagge begleitete, und lief langsam ein paar Schritte auf die Menge zu. Ich hatte aus meiner Position im zweiten Stock einen noch besseren Aussichtspunkt. Mir gelangen ein paar gute Schwarzweißphotographien, sowohl Nahaufnahmen als auch Totale. Das ohnehin schon laute Geschrei der Palästinenser wurde immer lauter, und die Energie, die plötzlich, fast wie ein Blitzschlag, die Menge zum Erwachen brachte, hatte gleichzeitig etwas Atemberaubendes und etwas Verängstigendes. Schließlich holten einige junge Männer aus einem mitfahrenden Wagen eine selbst gebastelte Puppe hervor, die in ihrer Physiognomie jene körperlichen Merkmale von Ehud Barak aufwies, die den größten Wiedererkennungswert hatten. Sie gossen ein wenig Benzin über die Puppe und zündeten schließlich auch diese an. Das lodernde Feuer und die aufsteigenden Flammen kreierten einen glasigen Dunst, der sich vor die Gesichter der jungen Männer legte, und diese noch bedrohlicher aussehen ließ. Ich wechselte erneut den Film, und schoss Photos wie in einem Rausch. Ich warf einen Blick in meine Tasche, um mich zu vergewissern, dass ich noch über genügend Filme verfügte, um den Rest der Trauerprozession photographisch begleiten zu können. In einer kurzen Pause gab ich dem Kameramann unten zu verstehen, dass ich wieder zu ihnen herunterkommen würde, um mit ihnen zu gehen. Es war immer sicherer, nicht alleine durch Ramallah zu laufen, schon gar nicht mit einer Kamera, und so wartete das Kamerateam geduldig auf mich. Die Trauerprozession war schon an dem Haus, an dem wir uns postiert hatten, vorbeigezogen, aber sie hatten ihr Tempo gedrosselt, fast so, als würden sie auf uns warten. Denn auch wenn keiner der Palästinenser das eingestehen würde, so war uns doch sonnenklar, dass wir mit unserer Berichterstattung auch dazu beitrugen, ihre politischen Ziele einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Hokuspokus, den sie manchmal veranstalteten, fand oft auch zu unseren Ehren statt. Denn so hinterwäldlerisch und unzivilisiert die Palästinenser in den Augen der westlichen Welt manchmal auch scheinen mögen, so haben sie dennoch die Macht der Bilder erkannt. Sie wussten genauso gut wie wir, dass junge, von israelischen Soldaten erschossene Steinwerfer in der westlichen Welt meist dazu beisteuerten, Sympathie für die palästinensische Sache zu erzeugen, und dass viele westliche Politiker die UN drängen würden, eine Lösung für diesen fortwährend schwelenden Konflikt zu finden. Wir wussten also, dass unsere Photos nicht nur unschuldige Photos waren, aber trotzdem machten wir weiter, denn schließlich und endlich war das unser Job.
*

Etwa zur gleichen Zeit, zwei oder drei Straßenzüge entfernt, griff eine palästinensische Polizeistreife zwei israelische Soldaten auf, die in einem Militärjeep nach Ramallah hinein gefahren waren. Es handelte sich um zwei Reservisten, die irrtümlich eine falsche Ausfahrt der Kraftfahrtstrasse genommen hatten, und deshalb fälschlicherweise in das von Palästinensern autonom verwaltete Gebiet gefahren waren. Yesef Avrahami und Vadim Novesche, beides junge, verheiratete Männer, waren in militärischen Dingen eher ungeübt, und so ließen sie sich widerstandslos von den palästinensischen Polizisten festnehmen, und zur Wache geleiten, ohne ihre Vorgesetzten über Funk davon in Kenntnis zu setzen. Man wollte sie dort offenbar einem Verhör unterziehen, denn die Palästinenser trauten den beiden Juden zu, in geheimer Mission unterwegs zu sein, um im Auftrag der israelischen Regierung unliebsame politische Gegner zu liquidieren (was zu jener Zeit auch nicht so abwegig war). Die Tatsache allerdings, dass sie ganz unbekümmert in einem Jeep mit israelischen Nummernschildern in die Stadt gefahren waren, sprach gegen die These von den heimlich entsandten Todesschwadronen.
In der Polizeistation befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa zwanzig Beamte, die jedoch alle den Großteil ihrer Arbeit am Schreibtisch verrichteten, und in diesem Sinne keine wirklichen Polizisten, also mit den Carabinieri in Italien nicht zu vergleichen sind. Auch der Polizeichef der Station hatte keine wirkliche Übung, was das Verhör von israelischen Soldaten anging, und so sperrte man die beiden Männern erst einmal in eine Zelle. Er betrachtete die ganze Sache als einen harmlosen Zwischenfall. Er glaubte, er müsse nichts weiter tun, als einen hochrangigen Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde anrufen, und die ganze Angelegenheit in dessen Hände übergeben. Gerade das kooperative Verhalten der beiden israelischen Soldaten ließ ihn an einen glücklichen Ausgang der Lage glauben. Um seinen guten Willen zu bezeugen, ließ er den beiden israelischen Soldaten etwas zu essen bringen. Er selbst lehnte es zwar ab, mit ihnen zu sprechen, aber er sah sich schon in der Verantwortung, diese beiden Männer fair und gerecht zu behandeln. Nach allem, was er wusste, waren diese beiden Männer wirklich die etwas naiv agierenden Reservisten, die sich ohne böse Absicht in palästinensisches Autonomiegebiet begeben hatten.
Leider wusste der Polizeichef dieser Station nicht, dass ein jugendlicher Passant, der auf dem Weg zu unserer Trauerprozession gewesen war, die Verhaftung der beiden israelischen Soldaten mit angesehen hatte. Er hatte gesehen, wie die beiden in israelischer Militäruniform gekleideten Männer aus dem Jeep geholt, und durch den Haupteingang der Polizeistation geschleust wurden. Diese Neuigkeit hatte ihn von jenem Moment an dermaßen auf den Lippen gebrannt, dass er gar nicht schnell genug zu uns und der Trauerprozession aufschließen konnte, um den etwas älteren Männern schleunigst davon zu berichten. Denn Intimfeinde in der Stadt, das kam nicht alle Tage vor, und wenn, dann kamen sie stets in so großer Zahl, dass ein Angriff meistens aussichtslos war. Diesmal aber waren es nur zwei wehrlos erscheinende und bereits abgeführte israelische Soldaten. Das musste auf jeden Fall weitergegeben werden.


Wir hatten mittlerweile den Anschluss zu der Trauergruppe gefunden, da sahen wir den jugendlichen Mann aufgeregt auf uns, bzw. die Trauergemeinde zulaufen. Ein paar Männer, die meines Erachtens die Wortführer in der Prozession waren, blickten ihn gespannt an, und sein aufgeregtes Aussehen muss sie in eine nicht unbeachtliche Spannung versetzt haben. Sie diskutierten heftig mit ihm (das heißt, eigentlich weiß ich das nicht genau, denn alles auf Arabisch Gesprochene erweckt für mich immer den Anschein, als werde gerade gestritten) während der Rest der Trauerprozession weiter seinen Weg ging. Der Kollege vom Kamerateam bedeutete mir, dass dort offensichtlich etwas im Busch sei, und ich nickte ihm zu. Auch ich wusste, dass dieser Jugendliche nicht bloß private Nachrichten überbrachte, sondern etwas Bedeutendes mitzuteilen hatte, denn sonst hätte er die Trauerprozession nicht so unverschämt gestört.
Dann ging alles ziemlich schnell. Einer der Wortführer, der offensichtlich über Entscheidungsgewalt verfügte, zückte sein Handy, wählte eine Nummer und sprach dann aufgeregt hinein. In diesem Moment, ich weiß es noch, dachte ich mir, dass ich endlich Arabisch lernen müsste, denn solche Informationen aus erster Hand mitzubekommen bringt einen entscheidenden Vorteil, wenn es um die exklusive Berichterstattung eines denkwürdigen Ereignisses geht. Jedenfalls klappte der junge Mann sein Handy wieder zu, und versammelte dann ungefähr zwanzig junge, und erkennbar gewaltbereite Männer um sich herum. Offensichtlich instruierte er diese Männer kürz über die Lage, dann rannten sie auch schon gemeinsam los. Wir, also ich und das Kamerateam, überlegten nicht eine Sekunde lang, ob wir den ursprünglichen Auftrag zu Ende führen sollten, sondern liefen sofort mit unserer kompletten Ausrüstung der Gruppe hinterher. Wie mit klapprigem Material bepackte Mulis galoppierten wir den jungen Männern nach, und unsere Überlegungen reichten dabei nicht weiter als bis zur nächsten Straßenecke. Denn hätten wir genug Gespür für die Brisanz der Situation gehabt, dann hätten wir Kollegen aus dem Hotel benachrichtigt, um erstens unbenutztes Filmmaterial zu ordern, und um uns zweitens journalistische Rückendeckung zu holen. Je nach Größe der Story hätten wir dann auch ganze Kamerawagen bestellen, oder Informationen einholen können, über die die Leute im Hotel bereits verfügten. Aber nein, wie dumme Gänse liefen wir dieser gewaltbereiten Masse hinterher, die offensichtlich ein ganz bestimmtes Ziel hatte, denn sie rannten schnurstracks und ohne zu zögern auf die Polizeistation zu. Dabei merkten wir nicht einmal, dass die Gruppe von zwanzig Mann zunehmend größer wurde. Aus allen Seitenstrassen, aus allen Gassen und Hinterhöfen kamen plötzlich junge Palästinenser angerannt, und schlossen sich der Gruppe an. Bald war die Menge auf über hundert Personen angewachsen, und die Flut, die so durch die heißen, sandigen Straßen spülte, riss nicht wenige der umherstehenden Männer mit sich fort. Wie eine Jahrhundertflut schoss die Welle junger Männer auf die Polizeistation zu, um dort dann gegen verschlossene Türen zu prallen. Vorläufig waren die Männer gestoppt. Doch trotz der verschlossenen Türen blieben sie, wo sie waren.


In dem dichten Gedränge vor der Polizeistation wurde es mir bald zu eng. Ein paar der Palästinenser redeten nun auch mit einem aggressiven Unterton auf mich ein, und verlangten plötzlich die Herausgabe der Kamera. Dem Team mit der Fernsehkamera ging es nicht besser. Auch sie mussten sich von einem Palästinenser, der ein wenig Englisch radebrechte, anhören, sie seien sensationsgeiles Pack, das hier jetzt nichts mehr zu suchen hätte. Die Kollegen machten daraufhin die Kamera aus, blieben aber an Ort und Stelle. Ich selbst verschanzte mich wieder in einem Eingang der umstehenden Häuser, wechselte den Film, und suchte mir dann eine Stelle, die etwas abseits des Geschehens lag, aber dennoch etwas erhöht, so dass ich das Spektakel mehr oder weniger überblicken konnte.
Es waren nun mehrere hundert junge Männer auf dem sandigen Platz vor der Polizeistation versammelt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass zwei israelische Soldaten von einer Polizeistreife aufgegriffen worden waren, und sich nun im Innern der Station befanden. Ich selbst jedoch photographierte noch in totaler Unkenntnis. Ich verstand die arabischen Schreie nicht, und hatte in meiner Umgebung auch keine Person des Vertrauens, die ich um Auskunft hätte bitten können. Allerdings war mir schon klar, dass sich in der Polizeistation jemand befand, dessen Herausgabe die aufgebrachte Menge verlangte, denn die Türen und die Tore der Station waren verriegelt, und die Vorhänge vor den wenigen Fenstern der Station wurden hastig zugezogen. Die sich stetig steigernde Dynamik, die wie eine Epidemie über die versammelten Männer hereinbrach, führte zu immer lauteren Schreien, und immer gewaltigeren Stößen gegen das Hauptportal der Station. Aus den Seitenstrassen kamen immer mehr junge Männer angerannt, und die Tausend war längst überschritten. Die Dichte der Masse und die nun brütende Mittagshitze tat ihr Übriges. Der Pulk begann langsam, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, und ich, aus meiner erhöhten Warte, könnte förmlich sehen, wie tausende Individuen langsam zu einer einzigen Masse verschmolzen, mit einer einzigen Seele, einem einzigen Willen und einem einzigen Ziel: das Eindringen in die Polizeistation. Obwohl ich Photograph bin, und obwohl man mir ein Auge fürs Detail nachsagt, hörte ich auf, einzelne Gesichter wahrzunehmen. Für mich waren die Tausend Männer ein einziger Mann. Ein einziger Mann, dessen Faust vehement gegen das Tor der Polizeistation schlug, und Einlass begehrte. Und so war es auch nicht ein einzelner junger Mann, der plötzlich mit einer Axt gegen das Tor schlug, sondern es war die ganze Masse, die ihren Arm erhob, und die Axt gegen das zersplitternde Holz des Eingangs schmettern ließ. Ich war wie elektrisiert, und glaubte, die Energie der Masse in meinen eigenen Knochen zu verspüren.


Als die Axt endlich ein Loch in die Tür geschlagen hatte, wurde dieser Teilerfolg von der Menge wild bejubelt. Angestachelt durch Möglichkeit, tatsächlich in die Polizeistation eindringen zu können, und zu der Zelle der beiden israelischen Soldaten durchzukommen, ging die Menge mit noch größerer und viehischer Energie gegen das letzte Bollwerk der offiziellen Justiz vor.
Inzwischen hatte ein anderer Teil der Masse auch den israelischen Militärjeep entdeckt. Wie verrückt sprangen vor allem Jugendliche auf diesem Jeep herum, und zerstörten jedes Teil. Mit einem dicken Holzstock schlug ein junger Palästinenser die Rückspiegel ab. Ein anderer hebelte das Lenkrad aus, und schlug damit dann wie ein Berserker auf die Windschutzscheibe ein, bis diese krachend zerbarst. Andere Jugendliche überkamen ihre anfängliche Scheu, und fielen nun auch über den Wagen her wie Termiten über ein saftiges Stück Fleisch. Als mit Brachialgewalt auch jedes noch so kleinste Teil zerstört war, schienen nicht nur die Jugendlichen Blut geleckt zu haben. Auch die drei, vier minderjährigen Kinder waren nun mit einer gewissen Zerstörungswut infiziert. Es war ein Familienfest.


Nach wie vor galt das Hauptaugenmerk der Versammlung jedoch dem Tor. Das in die Tür geschlagene Loch wurde immer größer, so dass es nur noch eine Frage der Zeit schien, bis ein ganzer Mann sich durch das Loch hindurch zwängen konnte. Ein letzter, gewaltiger Hieb mit der Axt, da brach ein großes Stück von dem Tor weg, und der Weg war frei. Wie bei einem Dammbruch das Wasser, so strömten die Massen nun durch dieses Loch in die Polizeistation. Ich sah, wie die angestaute Masse aus Menschen, die sich kurz zuvor noch vor dem Tor aufgehalten hatte, plötzlich wie in einem Befreiungsschlag einen Ausgang (bzw. Eingang) gefunden hatte. Und nun rauschte diese Masse durch das große schwarze Loch in die Polizeistation hinein, und quoll offensichtlich wie eine unaufhaltbare Flut über die im Innern des Gebäudes anwesenden Beamten hinweg. Das Geschehen verlagerte sich nun von dem Platz vor der Polizeistation in das Innere des Gebäudes, also in den für mich nicht sichtbaren Teil. Gebannt wie die wartende Menge unten auf dem Platz, lauschte ich den Geräuschen, die aus der Polizeistation zu uns drangen. Genau wie alle anderen wusste ich, dass die Beamten in dem Gebäude machtlos gegen die geballte Kraft dieser Masse waren, und dass kein rationales Argument mehr für diese rachsüchtige Menge gelten würde.


Die Masse drängte in die Polizeistation. Da es jedoch nicht genügend Platz gab, blieben einige Männer innerhalb der aufgebrachten Menge auf dem Platz vor der Station und schielten gebannt auf die Fenster des Gebäudes. Auch ich konnte in dem Moment die Lage nicht richtig einschätzen, da ich mich auf mein Gehör mehr verlassen musste als auf meine Sicht. Ich lauschte gebannt den Geräuschen, die aus der Polizeistation auf den Vorhof drangen, und rekonstruierte anhand des Gehörten die Vorgänge innerhalb der Polizeistation. Die wütenden Schreie der Menge trafen meines Erachtens auf wenig Gegenwehr. Ich sah einen Mann, offenbar Palästinenser, der vor dem Tor der Polizeistation stand, und der verzweifelt versuchte, sich gegen die Menge zu stemmen. Da er keine Uniform trug, hielt ich ihn für einen Passanten, der zufällig vorbeigekommen war und ein Blutbad vermeiden wollte. Im Nachhinein sollte meine Vermutung sich als richtig herausstellen. Der Mann hatte zuerst versucht, die Menge vor der Polizeistation aufzuhalten. Dann hatte er im Innern des Gebäudes den Polizeichef dazu überreden wollen, von der Waffengewalt Gebrauch zu machen, um den Mob von seinem grauenhaften Vorhaben abzubringen. Der Polizeichef hatte diesen Feuerbefehl aber nicht erteilt, weil er, wie er nachher zu Protokoll gab, befürchtete, die Situation können dadurch noch mehr eskalieren.
Die Menge hatte also die Macht. Da sie in der Überzahl war, und im Grunde nur auf eigene Landsleute traf, die insgeheim vielleicht mit dem Vorhaben des Mobs sympathisierten, konnte nichts und niemand mehr sie aufhalten. Letztendlich gelangte die Menge zu der Zelle, in der die beiden israelischen Soldaten untergebracht waren, und letztendlich schlossen ein paar Männer, die die Menge hinter sich wussten, die Zellentür auf, und fielen über die beiden vor Panik ohnehin schon gelähmten Soldaten her. Yesef Avrahami und Vadim Novesche wurden in Windeseile dermaßen von Fußtritten, Faustschlägen, Beleidigungen und Stockhieben malträtiert, dass ihre zur Abwehr erhobenen Hände ihren sicheren Tod bestenfalls in die Länge zogen.
Als besondere Notiz wurde in den zahlreichen Berichten in der Weltpresse später die Geschichte mit dem Handy erwähnt. Einem der beiden israelischen Soldaten war in der Hitze des Gefechts das Handy aus der Tasche gefallen, und ein Palästinenser hatte an seiner Statt den Anruf der Ehefrau entgegen genommen. Als die Frau am anderen Ende fragte, wer dran sei, und wo ihr Mann sich befände, habe dieser Palästinenser geantwortet: Ich bin der Mörder deines Mannes und deinen Mann bringen wir gerade um. Dann habe er aufgelegt.
Ob diese Geschichte nun wahr ist oder nicht, spielt im Grunde keine Rolle. Denn das es sich im Großen und Ganzen um das grauenhafteste Ereignis handelt, dessen ich je Zeuge geworden bin, steht außer Frage. Und dass mit den Geschehnissen, die sich im Innern der Polizeistation abspielten, das Schlimmste noch nicht vorbei war, belegen die Bilder, die ich mit meiner Photokamera und die meine Kollegen mit der Filmkamera aufgenommen haben. Auch wenn Yesef Avrahami und Vadim Novesche wahrscheinlich schon tot waren, als man sie aus dem Fenster in die Menge warf, ist das, was der Mob dann mit ihnen anstellte, das Menschenunwürdigste, was man mit einem Menschen machen kann.


Als einer der beiden Soldaten, bzw. dessen lebloser Körper, aus einem kleinen Fenster der Polizeistation geworfen wurde, kam es mir vor, als lege man ein großes Holzscheit in ein fast schon erloschenes, aber immer noch glühendes Feuer. Denn kaum, dass der leblose Körper in der Menge gelandet war, sprühten die Funken wieder hervor. Das Feuer des Hasses loderte wieder auf und in einem Anfall von tierischer Rage machte sich die Menge über den Soldaten her. Jeder Einzelne in der Menge schien das Gefühl zu haben, an einem großen, geschichtlichen Ereignis teilnehmen zu dürfen, dessen absolute Krönung darin bestand, dem leblosen Soldaten einen Hieb zu versetzen. Wie eine Stoffpuppe wurde der schon tote Soldat durch die Luft geschleudert, getreten, geschlagen, verprügelt und angespuckt. Ein jeder wollte seinen Anteil am Mord dieses Mannes haben, und so drängte sich die Menge in konzentrischen Kreisen um den Leichnam herum, riss ihm an den Kleidern und trat mit der Schuhsohle in sein immer unidentifizierbarer werdendes Gesicht. Selbst aus der Entfernung konnte ich sehen, wie aus dem zerknautschten Gesicht des Leichnams Blut austrat, und zwar aus den Stellen, wo zuvor die Körperöffnungen gewesen sein mussten. Niemandem schien der grauenvolle Anblick des toten Körpers unangenehm aufzustoßen, im Gegenteil, die meisten schienen ihre Hemmungen gerade deswegen zu verlieren, weil der tote Körper sein menschliches Antlitz schon längst verloren hatte. Im Grunde schien für die Palästinenser kein großer Unterschied zwischen diesem Menschen und einer israelischen Nationalflagge oder der kurz zuvor verbrannten Ehud Barak Puppe zu bestehen. Der tote Mann da auf dem sandigen Boden war in den Augen der Palästinenser kein wirklicher Mensch (mit dem Vornamen Vadim) sondern nur ein Symbol, das stellvertretend für den Erzfeind Israel stand. Ich und meine Kollegen dürften die einzigen am Ort gewesen sein, die realisierten, dass dort ein Mensch mit einer Geschichte umkam. Jemand, der vielleicht verheiratet war, der Kinder hatte, die er am Abend zuvor noch ins Bett gebracht hatte. Jemand, der unter seinen Kollegen vielleicht als Witzbold verschrien war oder als Langweiler. Jemand mit guten Seiten, aber auch mit Fehlern, aber dennoch ein Mensch. Einer wie du und ich.
Schon bald schrieen die Männer, die vom ersten Soldaten nichts abbekommen hatten, nach dem zweiten Soldaten. Zur gleichen Zeit blickten drei Männer zu mir hinauf, und sahen mich mit meiner Kamera. Ebenso nahm ein Teil der Menge jetzt auch die beiden Kollegen mit der Fernsehkamera wahr, die während des Geschehens die Kamera wieder eingeschaltet, und einen Großteil des Gemetzels gefilmt hatten. Die palästinensischen Männer erkannten umgehend das rufschädigende Potential dieser Aufnahmen und schrieen daraufhin etwas zu mir hinauf. Zwei andere Männer beschimpften die Kollegen, und versuchten, ihnen die Kamera zu entwenden.


Im gleichen Moment erschien auch der junge Palästinenser am nun offenen Fenster der Polizeistation. Erst schien es so, als wolle er beschwichtigend auf die Menge einwirken, oder als wolle er eine Rede halten. Dann aber sah man für den Hauch einer Sekunde, wie sich ein fast schon verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht andeutete, bevor es dann wieder aus seinem Mienenspiel verschwand. Langsam und bedeutungsschwanger hob der junge Mann im weißen T-Shirt die Arme, aber eben nicht, um sich zu ergeben, sondern um der Menge seine vor Blut triefenden Handinnenflächen zu zeigen. Und kaum, dass die Menge diese blutenden Hände sah und ihre tief greifende Bedeutung erkannte, brach erneut Jubel aus, der nun den bevorstehenden oder vielleicht sogar schon vollbrachten Mord des zweiten Soldaten zelebrierte. Ich drückte in dem Moment zum letzten Mal auf den Auslöser, denn just in dem Moment griffen zwei palästinensische Männer nach mir, die mich auf meinem Logenplatz entdeckt hatten, und mich nun in gebrochenem Englisch zurück ins Hotel befahlen, während sie mir unterdessen mit der flachen Hand mehrmals auf den Hinterkopf schlugen. Ich wehrte die Schläge ab, und gab ihnen einen leeren Film, um kooperatives Verhalten vorzutäuschen.


Unten in der Straße traf ich auf meine Kollegen, die ihre Kamera ebenfalls ausgeschaltet hatten, und ebenfalls von umstehenden Palästinensern beschimpft wurden. Im Grunde retteten uns die Palästinenser im Gebäude vor weiteren Handgreiflichkeiten, denn sie warfen den zweiten, ebenfalls leblosen Körper aus dem Fenster, und lenkten damit die Aufmerksamkeit der Palästinenser auf den noch größeren Feind. Die wenigen Männer, die uns kurz zuvor noch unverhohlen bedroht hatten, wandten sich von uns ab, und drückten sich zurück in die Menge, um zum geschändeten Leichnam vorzudringen. Wir Journalisten packten jedoch unsere Sachen zusammen, und machten uns so schnell wie möglich aus dem Staub. Dabei vermieden wir aus Sicherheitsgründen den Blickkontakt mit den Augen des Lynchmobs, weil wir befürchteten, ihre Aggressionen damit auf uns zu richten. Letzten Endes waren wir nämlich froh, dass dort zwei israelische Soldaten den ganzen Hass der Menge beanspruchten, so dass für uns, die wir doch nur unbedeutende Journalisten waren, nichts mehr übrig blieb von dieser mörderischen Energie, die sich gerade, wenige Meter von uns entfernt, in einem Akt der Gewalt entlud.


Erst aus sicherer Entfernung wagte ich es noch einmal, mich umzudrehen. Und aus dieser Distanz von etwa fünfzig Metern bot sich mir der Anblick einer einzigen riesigen Kreatur, die mit Hunderten von Armen, Beinen und Gesichtern die leblosen Körper der israelischen Soldaten verschlang. Ich sah in meiner Wahrnehmung keine Individuen mehr, sondern die Fleischwerdung eines einzigen bösen Willens, der, zum größten Teil von blindem Hass angetrieben, den Staub der sandigen Straßen aufwirbelte und wie ein Ungeheuer wütete. Erst jetzt, aus der Entfernung, erkannte ich, welche Kraft durch den Zusammenschluss mehrerer Männer mit dem gleichen Willen entstehen kann, und wie machtlos ein einzelner Mann mit einem noch so starken Willen dagegen ist. Es war, als sei die Menge, die durch das Zusammenkommen dieser einzelnen Männer entstanden war, mehr als nur die Summe ihrer einzelnen Teile. Als hätten die Männer über ihre Körper und Geister hinaus noch etwas Anderes, etwas Unidentifizierbares beigesteuert, um diese Menge zu einem einzigen Geschöpf werden zu lassen. Ich war schockiert und fasziniert zugleich von dem Anblick, der sich mir bot. Ich war sicher, Zeuge einer nahezu übernatürlichen Begebenheit zu sein, so, als sei der Teufel in Person in diese Menge gefahren, und habe sich ihrer bemächtigt. Und als benötigte man einen Exorzisten, um die einzelnen Männer dieser Masse wieder von dem Fluch zu befreien, der von ihnen Besitz ergriffen hatte.
Das Energiefeld, dessem Bannkreis ich gerade entkommen war, versprühte seinen letzten Rest an tödlicher Kraft. Noch war diese Energie wie ein Magnetfeld, das alle Palästinenser aus der Umgebung wie magisch anzog. Und sobald sie erstmal in den gefährlichen Radius des Feldes geraten waren, dann gab es keine Hoffnung mehr für die Charaktereigenschaften Milde, Barmherzigkeit und Vernunft, für Werte also, über die die Palästinenser in ihrem gewöhnlichen Leben durchaus verfügten. Jetzt war die Energie zu stark, als dass sich die Palästinenser gegen ihren Willen zum Töten hätten wehren können. Wie das letzte Aufbäumen eines Pferdes, so gestaltete sich jetzt auch das Verpuffen der Energie. Sie hatte ausgereicht, zwei Männer zu töten, aber nun gab es keine Fläche mehr, auf die sich der unbändige Hass projizieren konnte. Die zwei Männer waren tot, und ihre toten Leiber blieben reglos auf dem sandigen Boden vor der Polizeistation liegen. Die Masse verwandelte sich wieder in einen Haufen einzelner Individuen. Diese Individuen erwachten aus ihrem Rausch, sahen einander an, blickten etwas verschämt umher, wischten sich den Schaum vom Mund, und kehrten zu ihren gewöhnlichen Leben zurück. Zu ihren Müttern, zu ihren Frauen, zu ihren Kindern.


Als wir zurück ins Hotel kamen, befremdete mich die dort herrschende Ruhe. Ich sah ein paar Journalisten, die in den Sesseln der Hotellobby saßen, Zeitung lasen und dabei Eiswasser schlürften. Anscheinend hatte noch niemand von dem Lynchmord, der sich gerade ein paar Straßenzüge vom Hotel entfernt ereignet hatte, etwas mitbekommen. Konsterniert lief ich an die Rezeption und verlangte nach meinem Zimmerschlüssel. Die Kollegen mit der Kamera waren unterdessen damit beschäftigt, per Handy die nötigen Anrufe zu machen, um das von ihnen gemachte Material an die Nachrichtenagenturen loszuschlagen. Ein britischer Kollege, in einem luftigen Sommeranzug gekleidet, kam zu mir an die Rezeption. „Und“ , fragte er forschend, „Erfolg gehabt?“ Ich schaute ihn eine Weile an und sagte schließlich: Nein.
Auf meinem Zimmer fiel ich erst einmal ins Bett. Ich schlief für geschlagene drei Stunden. Als ich aufwachte, sann ich lange darüber nach, wie die Palästinenser, die an dem Mord beteiligt gewesen waren, wohl den Rest des Tages zugebracht hatten und zubringen würden. Was haben sie danach getan? Der Junge mit den blutüberströmten Händen zum Beispiel? Ist er nach Hause gegangen? Hat er im Badezimmer des Familienhauses das israelische Blut an seinen Händen mit Kernseife abgewaschen? Ist er dann runter in die Küche gegangen, und hat er dort seinem kleinen Bruder bei den Hausaufgaben geholfen? Oder hat er seine Mutter auf die Stirn geküsst und dann den Abwasch für sie gemacht? Was haben diese Männer nur gemacht? Hat auch nur einer vor dem Untergang der Sonne die Bandbreite seines ganzen Tuns verstanden? Hat er verstanden, dass er jemanden umgebracht hatte? Und wie fühlte er sich, nun, da er wusste, dass er zum Töten fähig war? Hatten die Männer an diesem Tag nicht alle eine Schwelle überschritten? Eine Schwelle, die vom gewöhnlichen Leben direkt in die Illegalität und in den Untergrund führte? Hatten manche Männer vielleicht erkannt, dass sie in einem Rausch gewesen waren, als sie dem leblosen israelischen Soldaten einen Tritt ins Gesicht verpasst hatten?
Aber ich sann auch darüber nach, was die Erlebnisse des Tages für mich bedeuteten. Hatte ich richtig gehandelt? Hätte ich die beiden Soldaten retten können? Hätte ich im Hotel Verstärkung rufen müssen, und hätten die vielen Journalisten, die dann gekommen wären, die Palästinenser von ihrem Racheakt vielleicht abgehalten? Und von diesen Fragen kam ich sehr schnell zu noch essentielleren Fragen, die mich an dem Sinn meines Berufs zweifeln ließen. Ging es mir wirklich darum, die Menschen in der westlichen Hemisphäre aufzuklären? Ging es mir darum, ihnen einen Eindruck von den böswilligen Taten, zu denen Menschen fähig sind zu vermitteln? War es ein ganz gewöhnlicher Beruf, oder veränderte dieser Beruf mich auf eine Weise, die mich der Fähigkeit zu fühlen beraubte? Kann ich nach all dem grauenhaften Blutvergießen, das ich gesehen und fotografiert habe, noch an die Menschen allgemein und einen Menschen im Besonderen glauben?
Aber schließlich hörte ich mit diesen quälenden Fragen auf und ging wieder runter in die Lobby.


Das Hotel war überfüllt. Kollegen rannten umher, mit Mikrofonen, Aufnahmegeräten, Film- und Digitalkameras. Ich schaute zu einem der an der Wand befestigten Fernseher hinauf. Ein israelischer Fernsehsender zeigte über das von meinen Kollegen gefilmte Material hinaus noch den Vergeltungsschlag der Israelis. Als Ehud Barak von der Sache in Kenntnis gesetzt worden war, hatte er zwei israelische Kampfhubschrauber entsandt, die unmittelbar darauf nach Ramallah geflogen waren und dort die Polizeistation mit Raketen bombardiert hatten. Da, wo wenige Stunden zuvor zwei israelische Soldaten von einer erzürnten palästinensischen Menge ermordet worden waren, wehte nun nur noch eine große braungelbe Staubwolke, die die Trümmer der Polizeistation umnebelte. Immerhin hatte Barak der palästinensischen Autonomiebehörde vorher Bescheid gestoßen, so dass beim Raketenangriff keine oder wenige Zivilisten umgekommen war. Was jedoch in der Welt für Entsetzen sorgen sollte, war, und das sah man mit bloßem Auge, für die Männer im Hotel lediglich Arbeitsmaterial. Keiner schien bestürzt, erschüttert oder am Boden zerstört. Aufgeregt waren sie, das ja, aber zu Herzen ging es keinem von uns.
Ich ging wieder hoch ins Hotelzimmer und machte meine Anrufe. Ein Kollege von einer englischen Nachrichtenagentur bot mir eine fünfstellige Summe für das Photo. Ich sagte zu. Froh über das mir bald zukommende Geld legte ich den Hörer auf. Ich verbrachte den Rest des Abends damit, einen amerikanischen Pornofilm auf dem Hotelkanal zu gucken, und ließ mir eine Flasche Sekt aufs Zimmer bringen. Von dem Blutgeld, so dachte ich, werde ich sie bezahlen.


Sagte ich: von dem Blutgeld? Das ist albern, denn es klingt sarkastisch. Wenn ich Blutgeld sage, dann ist es, als versuchte ich, mich von meinem Beruf zu distanzieren. Als versuchte ich, sarkastisch und zynisch darauf herabzublicken, aber dieses Herabwürdigen wäre eine Farce. Ich weiß genau, dass ich diesen Job weitermachen werde, denn er ist zu meinem Lebenselixier geworden. Er ist das, was meine Identität ausmacht. Denn die Fotos, die ich geschossen habe und noch schießen werde, sind die Sichtbarmachung meiner Erfahrungen. Wenn ich meine Fotos in den Blättern dieser Welt sehe, dann denke ich, dass ich das Auge dieser Welt bin. Das klingt vermessen, ich weiß, aber es ist dennoch wahr. Ich zeige mit meinen Fotos den Menschen, wozu sie fähig sind, und ich kenne alle Schattierungen des menschlichen Gemüts. Meine Bilder sind keine ästhetisch verzärtelten Bilder, wie die von Capa, es sind reale, ungefilterte Bilder, die den Menschen einen Schlag in die Magengrube versetzen. Die Freude am Bösen, die dieser Beruf voraussetzt, ist das Arnonsmal der ganzen Menschheit. Wir alle erfreuen uns am Bösen, und wir alle sind tief im unseren Innern böse.
Wenn die Menschen mein Foto sehen, und sich über die Brutalität der Palästinenser entrüsten, dann versuchen sie damit das Böse, das in ihnen steckt, von sich fort zu weisen. Je mehr sich ein Mensch über das von mir gemachte Foto und dessen Implikationen entrüstet, desto böser ist er. Er will nur nicht wahrhaben, dass er derselben Spezies wie die Palästinenser angehört, und dass in ihm dieselbe maliziöse Energie schlummert, die an jenem Tag in Ramallah ausgebrochen war. Wir sind alle böse. Selbst ein Mensch, von dem man sagt, er könne keiner Fliege etwas zuleide tun, wird in der Masse zum mordenden Berserker. Es ist daher notwendig, in jeder Kultur ein höchstmögliches Maß an Individualität zu erreichen, denn nur so können wir sicher sein, dass geschichtliche Ereignisse wie das Dritte Reich sich nicht mehr wiederholen.


Seither versuche ich in Worte zu fassen, was mein Beruf aus mir gemacht hat, zu beschreiben, wie er mich definiert. Ich versuche zu ergründen, welche Sozialisation ich dadurch erfahren habe, dass ich die Krisenherde dieser Welt auf und abgegangen bin, immer auf der Suche nach den symbolträchtigen Fotos, die mit wenigen Mitteln die ganze Verfahrenheit einer Situation widerspiegeln. Ob es nun die vertriebene Frau mit ihren hungerndem Kind im Kosovo war oder der junge Palästinenser mit seinen blutüberströmten Händen. Im Grunde verliert für mich die Gewalt ihren spezifischen Charakter, denn auch wenn sie im Kosovo, im Irak, im Gaza-Streifen aus anderen Gründen zustande kommt, ist das Resultat immer dasselbe: Menschen töten Menschen. Und für uns Journalisten, die niemals Partei für die eine oder andere Seite greifen, kann diese Form der Gewalt letztendlich nur als Beweis für die Dummheit der Menschen dienen, die sich aufgrund so nichtiger Dinge wie Besitz, Religion oder Ethnie die Köpfe einschlagen. Mitleid empfinden wir bestenfalls für die Kinder, denn sie können nichts für die Kriege, denen ihre Eltern sich verschrieben haben. Oder die Frauen, die Männer geheiratet haben, die Rachegelüste entwickeln, ohne zu bedenken, dass ihr verletztes Ehrgefühl niemanden interessiert außer sie selbst. Solange es Männer gibt, wird es Krieg geben, und so lange es Krieg gibt, bleiben wir Menschen im Grunde schlecht.


Ich lebe losgelöst von allen menschlichen Dingen. Ich lebe losgelöst von allen, die glauben, ich sei wie sie. Und losgelöst, getrennt von dieser quälenden Banalität menschlichen Seins, habe ich einen Bewusstseinszustand erreicht, der mich den Massen und den Individuen dieser Welt erhaben macht. Ich bin ein Chronist, ich bin das Auge Gottes, das dokumentiert, was diese Welt Tag für Tag an Bösem bewerkstelligt. Und durch diese Tätigkeit der Dokumentation habe ich eine höhere Ebene erreicht. Denn wer beschreibt, wer Zeugnis gibt, ist zumindest ein Beobachter, und kein Teilnehmender. Verstehen sie: Ich nehme an dieser Welt nicht teil, ich fühle keine Sympathie, Empathie oder Hass. Ich betrachte nüchtern die Glanz- und Würdelosigkeit dieser Welt und bin deshalb besser, weil ich keine Gefühle an die Nichtigkeit dieser Welt verschwende.



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Hyazinthe
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Hallo CPMan!

Alle Achtung! Was für ein Text!

Absolut glaubwürdig durch die subjektive Erzählweise in Ich-Form, durch die dokumentarisch wirkende Berichtsform, durch die detaillierte Schilderung der Ereignisse bei gleichzeitiger reflektierender Distanz.

Du schilderst, wie aus normalen Menschen ein blindwütiger mörderischer Mob wird und greifst damit das ungesteuerte emotionale Verhalten der Masse auf, die das Individuum aufsaugt. Man kennt es in vielerlei Variationen: in harmloser Form bei Sport- oder Konzertveranstaltungen, in gefährlicher Form bei politischen Großkundgebeungen (Zitat. "Wollt ihr den totalen Krieg?")

Noch erschreckender als den Lynchmord finde ich jedoch das Fazit deines Protagonisten, der sich, von allem losgelöst und entfremdet, als objektives, nur beobachtendes "Auge Gottes" sieht und konstatiert "Wir alle erfreuen uns am Bösen, und wir alle sind tief in unserem Innern böse." Das dein Protagonist nach allem, was er erlebt hat, so denkt und fühlt, ist verständlich, aber es ist pathologisch.

Und ich, als Leserin, hoffe immer noch, dass es nicht so ist.

Gruß, Hyazinthe

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CPMan
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Gustave Le Bon

Liebe Hyazinthe,

danke für deinen Kommentar. Die Erzählung ist ein alter Text von mir und basiert auf einem echten Ereignis. Ich war zu der Zeit noch an der Uni und wir haben in einem Seminar Gustave Le Bons La Psychologie des foules (Psychologie der Massen) besprochen.

Daraufhin habe ich mehrere Kurzgeschichten geschrieben, in denen es immer um wahre Ereignisse geht, in denen Menschenmassen Verheerendes anrichten. CHICAGO BLUES z.B. gehört auch dazu.

Eine Kurzgeschichte zum Deutschen Herbst und eine zur Katastrophe vom Heysel Stadion (1985) gehören auch dazu. Ich stelle sie demnächst auch hier rein, allerdings habe ich anderenorts eher verhaltene Rückmeldungen zu den Geschichten bekommen, da sie eben recht lang und meistens als zu erzählend (also zu viel TELL und nicht genug SHOW) empfunden werden. Es gibt z.B. kaum Dialoge und immer erzählt einer aus seiner subjektiven Sicht.

Dieser Text ist für meinen Geschmack zum Ende hin etwas schwach, kann aber nicht sagen, wieso.

Aber trotzdem vielen Dank für deinen Kommentar.

Liebe Grüße,

CPMAn

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Penelopeia
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Hallo CPMan,

der Text ist natürlich recht lang, aber keinesfalls zu lang! Das Thema bleibt wohl ewig aktuell: wie verhält sich Mensch in Masse...

Ich halte den Text für gelungen, würde aber ein paar Korrekturen empfehlen: Was, z.B., soll "israelisches Blut" sein? Meinst Du jüdisches Blut? 20 % der israelischen Staatsbürger sind Araber...

Dann: was ist ein "Arnonsmal"? Ein stilistischer Neologismus? Ist vielleicht ein Kainsmal gemeint?

Schöne Grüße

P.

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CPMan
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Ergänzend ein Zitat des britischen Fotografen Mark Seager, der an jenem Tag vor Ort war:

"It [the lynching] was the most horrible thing that I have ever seen and I have reported from Congo, Kosovo, many bad places.... I know they [Palestinians] are not all like this and I'm a very forgiving person but I'll never forget this. It was murder of the most barbaric kind. When I think about it, I see that man's head, all smashed. I know that I'll have nightmares for the rest of my life."

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aligaga
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Sorry, @CPMan, aber das liest sich im Großen und Ganzen wie eine platte Beschreibung jener Bilder, die wir alle bis zum Erbrechen damals in den Nachrichtensendungen vorgeführt bekamen - bis hin zu dem Palästinenser, der nach dem Massakrieren der israelischen Soldaten dem Mob auf der Straße seine blutigen Handflächen zeigte.

Das "Auge Gottes" ruht schon längst nicht mehr im Schädel eines Journalisten, sondern blinzelt in einer Drohne, während der liebe Gott daheim im Himmel im Clubsessel sitzt, Zigarre raucht und im Feuilleton blättert.

Leider hast du aus der bestürzenden Bilderflut, die wir alle kennen, nur eine recht langweilige Wörterflut gemacht, die das eigentliche Thema - was der eine Mensch dem anderen anzutun imstande ist und warum - nicht weiter bringt, sondern nur breit tritt.

Das ist schade, denn das Sujet geht sehr tief. Wie tief, kann man in dem Film "The Green Prince" erfahren, in dem der Versuch unternommen wird, das, was geschieht, nicht bloß herzuzeigen, sondern aufzuarbeiten. Ein insgesamt leider nutzloser Film, wie sich erwies, aber immerhin ein Versuch. Du solltest ihn gucken, wenn sich dir die Möglichkeit bietet, und wirst danach die Fernsehbilder, die du beim Schreiben vor Augen hattest, bestimmmt anders betrachten.

Gruß

aligaga




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