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Leselupe.de > Kurzgeschichten
ZUgzwang
Eingestellt am 02. 01. 2013 17:06


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IDee
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2009

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Er sa├č da, auf einer sch├Ąbigen Holzbank, den Instrumentenkoffer auf seinen Knien. Beide H├Ąnde umklammerten das Gep├Ąckst├╝ck derart, dass seine Fingerkn├Âchel wei├č hervor traten. Der Hut auf seinem Kopf schien merkw├╝rdig verrutsch, das stand in einem krassen Gegensatz zu seinem ebenm├Ą├čigem Gesicht. So starrte er vor sich hin. Ein seltsames Ger├Ąusch erregte sein Interesse, dennoch blieb sein Blick nach vorn gerichtet. Es h├Ârte sich an wie Z├Ąhneklappern.
┬╗Befanden Sie sich auch in diesem Zug?┬ź, fragte er, ohne seine Haltung zu ver├Ąndern. Ein kurzes, ┬╗Ja┬ź, kam als Antwort. Das Klappern setzte sich fort.
┬╗Sie werden ja wohl einen Ersatzzug schicken!┬ź Jetzt wandte er sich um. Eine Schramme prangte mitten auf ihrer Stirn, ihr helles Kleid wirkte durch die schmutzigen Flecken geradezu sch├Ąbig. Sie sah ihn an. ┬╗Sie sa├čen mir gegen├╝ber. Ich erkenne Sie an Ihrem Hut.┬ź
┬╗Dieser Dreck, dieser ungeheuerliche Dreck! Wo kommt nur ein solcher Staub her? Es ist eine Zumutung, dass man so reisen muss. Sehen Sie sich nur an! Ihre Kleidung ist vollkommen befleckt! Damit nicht genug┬ź, er griff in seine Anzugtasche, zog ein Papiertuch hervor, er reichte es ihr, ┬╗Ihr Kopf blutet.┬ź Er deutete mit dem Finger die Richtung. Ungl├Ąubig tastete sie danach. Nahm das dargebotene Tuch an, um es gegen die Stirn zu pressen. ┬╗Scheint nicht so schlimm zu sein, tut gar nicht weh.┬ź Sie betrachtet das Taschentuch. Er sah sie an. ┬╗Frieren Sie?┬ź
┬╗Ich wei├č nicht. Mir fehlt jegliches Gef├╝hl. Sie verstehen, die Kopfwunde, ich m├╝sste was sp├╝ren.┬ź Bewegungslos starrte er sie an, senkte schlie├člich seinen Blick zu Boden, drehte seine F├╝├če die in staubigen Schuhen steckten hin und her, sodann sah er sie erneut an.
┬╗Sie haben Recht! Schauen Sie, mein linker Fu├č steht seitlich ab. Ich vermute er ist gebrochen. Dennoch f├╝hle ich keinen Schmerz. Seltsam.┬ź
Das helle Blau des Himmels wich einem faden Grau. Wolken zogen vorbei, gem├Ąchlich, ohne Eile, als s├Ąhen sie hinab auf eine B├╝hne.
Sie wandte sich ihm zu. ┬╗Wo wollten Sie denn hin?┬ź
┬╗Frankfurt, nur nach Frankfurt.┬ź
┬╗Das sollte auch mein Ziel sein. Ob es wohl irgendwo ein Taxi gibt? Wir k├Ânnten es uns teilen.┬ź
┬╗Sehen Sie hier vielleicht eins? Sehen Sie au├čer diesem Dreck etwas?┬ź
┬╗Nein tu ich nicht.┬ź Sie senkte den Kopf. Mit dem Zeigefinger wischte sie fl├╝chtig ├╝ber die Augen. ┬╗Ist da ein Instrument drin?┬ź Sie tippte kurz auf den Instrumentenkoffer.
┬╗Ja, meine Geige. Es ist ein sehr kostbares Musikinstrument.┬ź
┬╗Wenn ich Sie darum Bitte, spielen Sie mir dann ein St├╝ck vor?┬ź
┬╗Was m├Âchten Sie h├Âren?┬ź
┬╗Ich wei├č nicht. Was immer Sie wollen, nur kein trauriges Lied.┬ź
Umst├Ąndlich ├Âffnete er den Koffer, griff nach der Violine, setzte sie an sein Kinn, nahm den Bogen sodann entlockte er der Geige eine Melodie. Die T├Âne verlie├čen das Instrument, erhoben sich in die Luft um fr├Âhlich tanzend zum Firmament zu schweben.


┬╗├ťberpr├╝ft alles noch einmal. Hebt jedes St├╝ck Blech an! Nicht, dass wir was ├╝bersehen. Beeilung! Bringt besser Scheinwerfer mit, wir m├╝ssen s├Ąmtliche L├╝cken ausleuchten. Lasst die Hunde vorgehen. Verhaltet Euch leise, damit wir keinen Hinweis ├╝berh├Âren.┬ź Der Trupp setzte sich in Bewegung, behutsam, die Sch├Ąferhunde schn├╝ffelnd voran. Bei├čender Rauch lag in der Atemluft. Staub lag auf den Blechteilen. Sie durchk├Ąmmten vorsichtig den Platz, leuchteten mit ihren Taschenlampen eifrig alle Zwischenr├Ąume aus. Sie hoben Einzelteile langsam an, mit sch├╝ttelndem Kopf lie├čen sie die herab. Kleine Staubwolken stiegen nach oben.


┬╗Bravo!┬ź, sie schlug ihre H├Ąnde gegeneinander, ┬╗es ist wundersch├Ân. Ich k├Ânnte Ihnen ewig zuh├Âren. Treten Sie ├Âffentlich auf? Wie hei├čen Sie? Ich m├Âchte Sie gerne nochmals h├Âren┬ź
┬╗Moriani, Leander Moriani.┬ź Er verbeugte sich ein wenig, l├╝ftete den Hut. ┬╗ Damit kann ich leider noch nicht dienen. Doch mit etwas Gl├╝ck fange ich als erster Geiger beim Kammerorchester an┬ź
.┬╗Wer wagt es, Sie abzulehnen? Ich w├╝nsche Ihnen, dass Sie eine Ber├╝hmtheit werden! ├ťbrigens, mein Name ist Ellen, Ellen Perl.┬ź
Sie reichten sich die H├Ąnde. Ihre Blicke trafen sich. Schmolzen dahin, wie das Eis auf das die Flamme trifft. Ein lauer Wind wehte durch ihr Haar, er nahm ihren Geruch wahr, der Duft von Fr├╝hling Sie l├Ąchelten. ┬╗Ich tr├Ąumte immer davon, jemanden zu treffen dem meine Musik so sehr gef├Ąllt.┬ź
Er sah auf das Instrument, das jetzt auf dem Kasten ruhte.
┬╗Du scherzt Leander, wer findet diese nicht wunderbar?┬ź
┬╗Oh, du kennst meine Nachbarn nicht!┬ź Er lachte ein wenig, sie schloss sich an.
┬╗Kl├Ąnge, sie erheben sich so fl├╝chtig in die Luft, fast wie Seifenblasen, ich w├╝nschte ich k├Ânnte sie festhalten.┬ź
┬╗Behalte sie in deinem Herzen, dort klingen bis in alle Ewigkeit.┬ź
Die Sonne senkte sich am Horizont. Blutrot f├Ąrbte sich der Himmel, mit letzter Kraft streckte sie ihre sterbenden Strahlen nach ihnen aus, als w├Ąre sie im Stande die Beiden mit sich hinabzuziehen in das unsterbliche Licht. Er packte die Violine wieder in den Kasten. Sie blickten vertr├Ąumt in den Sonnenuntergang. Leander lehnte sich zur├╝ck, legte einen Arm um sie, Ellen schmiegte ihren Kopf an seine Schulter.



┬╗Ich glaub die Hunde nehmen eine Spur auf!┬ź Der F├╝hrer folgte aufmerksam den Suchtieren, die schn├╝ffelnd, an einer massigen Metallwand, die schr├Ąg auf dem Boden lag verharrten. Helfer kamen eilig hinzugelaufen. ┬╗Den Kranwagen! Der Kranwagen muss kommen! So schaffen wir die Wand nicht weg! Beeilt euch!┬ź Ein Motor sprang laut an. Langsam, vorsichtig rollte das wuchtige Fahrzeug ├╝ber die holprigen Tr├╝mmer.
┬╗Richtet die Scheinwerfer hier hin! Wir brauchen mehr Licht!┬ź Eifrig hetzten einige Leute durch die Bruchst├╝cke. Taghell erschien der Platz. Der Staub tanzte in den grellen Strahlen. Gem├Ąchlich lief der Haken von der Rolle, schleunigst verankert an dem Metall, danach sachte angezogen.


┬╗Du bist so still Ellen, man k├Ânnte fast meinen, dass du schl├Ąfst.┬ź Z├Ąrtlich strich er ├╝ber ihren Arm. ┬╗Nein, nein ich schlafe nicht. Nur schau ist nicht alles wie im Nebel?┬ź
┬╗Es ist dunkel geworden, das ist wahr. Einzig der Mond leuchtet noch f├╝r uns.┬ź Er sah sie an. ┬╗F├╝hlst du dich nicht wohl? Du wirkst so blass, beinahe schon durchscheinend.┬ź
┬╗Ach Leander, ich f├╝rchte es Zeit, f├╝r mich zu gehen.┬ź
┬╗Wo willst du hin? Ich bin nicht einmal im Bilde dar├╝ber, wo wir uns befinden.┬ź Er nahm den Instrumentenkoffer von seinem Scho├č, setzte ihn neben sich auf der Bank ab, sodann umarmte er sie mit beiden Armen. ┬╗Ich wei├č es nicht, doch bleiben kann ich auch nicht.Wo wohl die Anderen geblieben sind? Waren wir allein in diesem Waggon?┬ź
Nebelfetzen trieben wild umher, als wollten sie die Welt verschlingen.



┬╗Leuchtet hierher, ich sehe eine Gestalt! Holt die Hunde fort, ich steig hinunter!┬ź Der Hundef├╝hrer stieg hinab, die gro├če Metallwand hing am Haken. ┬╗Es ist eine Frau!┬ź Er kniete sich auf den Boden, legte zwei Finger an ihren Hals. ┬╗Ruft die Sanit├Ąter, ruft den Arzt! Ihr Puls ist schwach!┬ź Drei M├Ąnner mit Taschen und Koffer rannten ├╝ber das Tr├╝mmerfeld, ihre Schatten eilten ihnen voraus. Kaum an der Stelle angekommen packten sie ihre Instrumente aus. Schnell doch konzentriert, mit ge├╝bten Griffen. Schon ber├╝hrte das Stethoskop ihre Brust. Das flimmernde Herz pochte im Ohr des Doktors. ┬╗Reicht mir den Defibrillator!┬ź


┬╗Ich f├╝rchte ja, wir befanden uns allein im Abteil. Das macht Sinn. Deshalb kommt niemand, uns zu holen. Dennoch bevor du gehst, m├Âchte ich dich k├╝ssen. Darf ich, oder st├Ârt es dich?┬ź
┬╗Wie kannst du nur so denken. Darauf warte ich, seit wir hier sitzen, als w├Ąr ich vor dir niemals wem begegnet.┬ź Sie lag in seinen Armen, er beugte sich hinab. Sie sahen sich in die Augen, ein letztes Mal, ehe sich ihre M├╝nder trafen. Er roch den Duft des Fr├╝hlings, sie h├Ârte das Violinenspiel. Wehm├╝tig hob sich ihre Brust, die R├Âte schoss in ihre Wangen.



┬╗Fast mit an, auf drei heben wir sie auf die Bahre! Eins- zwei- drei! Achtung, die Hand! Pass auf die steckt hinter dem Polster. Verdammter Zug!┬ź Erschrocken sah der Mann auf. Er deutete auf das, was ehemals ein Sitzpolster darstellte.
┬╗Augenblick, ich bewege es ein wenig zur├╝ck, zieh du ihre Hand heraus. - Nein stopp! Sie h├Ąlt etwas fest!┬ź
┬╗Wo? Lass sehen! Ach du meine G├╝te! Da ist noch jemand!┬ź


┬╗M├Âchtest Du nicht lieber bleiben? Ich stelle es mir einsam vor, ohne deine Anwesenheit. Nochmal und immer m├Âchte ich dich k├╝ssen, deinen Herzschlag h├Âren, als w├Ąre es mein eigener.┬ź Er strich ihr sanft durch das gewellte Haar.
┬╗Lieber Leander, wenn du mich so bittest wie k├Ânnte ich es dir abschlagen? Ich will deine Hand nehmen, um mit dir auszuharren. Wer wei├č, vielleicht finden wir morgen fr├╝h den Weg. Eventuell einen Hinweis.┬ź Ellen griff nach seiner Hand. ┬╗Sieh Leander l├Âst sich nicht alles auf? ├ťberkommt dich nicht ebenfalls das Gef├╝hl in einen Strudel gezogen zu werden?┬ź
┬╗Eher das Er dich hinfort rei├čt. Halte mich fest.┬ź



Blaulicht funkelte wie fremde Sterne ├╝ber den Platz. Mit Schmutz behaftete M├Ąnner, auf deren Stirn Schwei├čperlen prangten, liefen, langsam durch das Tr├╝mmerfeld. Ersch├Âpfung stand in ihren Augen, doch auch ein frohes Leuchten.


┬╗Leander spielst du nochmal das Wiegenlied?┬ź



Version vom 02. 01. 2013 17:06

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