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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zahnlose Zukunft
Eingestellt am 03. 12. 2013 17:36


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Gewisse Zeiten kommen immer zu Unzeiten. Ewald Niedermann wiederholte seinen ständigen Spruch auch zu Unzeiten.
Ganz ehrlich, jetzt gut vier Jahre jenseits der Rentengrenze – kann er eine gewisse Feigheit sowie Müdig- und Gleichgültigkeit nicht verhehlen. Allerdings gibt er die gern als Altersmilde und Toleranz aus.
Obwohl er sein Gebiss nachts nicht im Glas aufbewahrt, da er väterlichen Genen folgend mit gesunden Zähnen gesegnet ist, kommt er sich öfter wie ein zahnloser Tiger vor, der sich nicht mehr traut, auf Jagd zu gehen. Oder besser noch als ungetigerter Zähnefletscher. Fletscht er, dann meistens zwecks eines verlegenen Lächelns, das von Peinlichkeiten ablenken soll.
Am liebsten aber würde er vor dem Ende seiner Tage mit viel Mut und großer Entschlossenheit ein wenig die Welt verändern, auf dass sie menschlicher, liebevoller und friedlicher werde. Vor allem würde er, nachdem Annemarie vor acht Jahren an einer heimtückischen Grippe starb, gern wieder mit einer Frau zusammen leben. Doch er meidet Orte, an denen er gleichaltrige oder gar jüngere Frauen treffen könnte.
Seine besondere Bewunderung gehört älteren Menschen, die an Sitzblockaden vor Atommülltransporten ihren Protest so lange aussitzen, bis Polizisten sie wegtragen.
Ewald würde erst gar nicht hingehen, oder wenn, dann schnellstens die Uniformierten kurz vor dem Zupacken anlächeln und verschwinden, bevor sie ihn wegtragen könnten.
In jüngeren Jahren verschaffte er sich – schlagfertig, wie er war – einen fragwürdigen Heldenstatus. So war er in der Schule reichlich frech und lästerte mit Vorliebe in deren Beisein über unbegabte Lehrer, die sich nicht zu wehren wussten. Und da es derart Hilflose nicht nur unter Schulpädagogen gab, wurden immer wieder Mitmenschen zum Opfer seiner Schlagfertigkeit.
Ewalds Lästereien setzte er gegen leicht Hilflose ein, um sie kurzfristig zu jenen schwer Hilflosen zu machen, zu denen er keineswegs gehören wollte.
Irgendwann entschied er sich, Geschichten zu schreiben, Geschichten, in denen er sich die Welt so zurecht rĂĽckte, dass sie vor allem zu ihm passen wollte. In dieser Welt waren nicht selten kleine Feiglinge groĂźe Helden.
Sein Therapeut hatte ihn unglaublich schnell durchschaut. Eine verschleppte Vater-Sohn-Problematik habe er, analysierte der Psychologe und empfahl ihm, damit zu leben, denn sein alter Herr hätte es nie und nimmer ertragen, wenn Sohn Ewald in seiner Familie der bessere und mutigere von ihnen Beiden geworden wäre. Wenn sein Vater überhaupt etwas an seinem Sohn liebte, dann seine braunen Augen, die stets bewundernd zu ihm aufsahen.
Also räumte Ewald ihm die Rolle des bewunderten unbesiegbaren Könners ein. Und die hat der Alte immer noch, obwohl er bereits vor über 20 Jahren an einem stressbedingten Herzinfarkt verstarb. Können-Müssen erzeugt offenbar auch ungesunden, ja, tödlichen Stress. Und gewisse Zeiten kommen immer zu Unzeiten.
Ewald leidet noch immer unter der Neigung, sich neue Meister suchen zu mĂĽssen, ohne je selbst einer sein zu dĂĽrfen.
Vor gut einem Monat lief ihm Hans-Werner Hagen vor seiner Stammkneipe über den Weg. Der, kaum jünger als Ewald, ging mit in die Gaststätte „Zum alten Braumeister“ und setzte sich, ohne zu fragen, mit an Ewalds Tisch.
Ausschweifend erzählte Hans-Werner von seinen reichlichen Erfahrungen als weit gereister Kaufmann. Und jetzt, da er eigentlich im Ruhestand sei, könne er es längst noch immer nicht lassen und mache häufig noch einmal ein besonders gutes Geschäft. Bewundernd hing Ewald an Hans-Werners dicken, etwas aufgeworfenen Lippen, in deren Winkeln sich schäumend Speichel absetzte.
Als sie sich verabschiedeten, gab Ewald ihm zu verstehen, dass er ihn unbedingt wiedertreffen mĂĽsse, da er schon lange nicht mehr einen derart interessanten Mann getroffen habe.
Heute waren sie erneut verabredet.
Schon zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit ging Ewald vor dem „alten Braumeister“ auf und ab, um zu signalisieren, wie sehr er auf ihn wartete. Hans-Werner kam zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit und entschuldigte sich damit, durch einen Termin mit äußerst wichtigen Geschäftspartnern aufgehalten worden zu sein.
Gönnerhaft hielt er Ewald die Kneipentür auf. Doch Ewald gelang es geschickt ausweichend, Hans-Werner als Ersten eintreten zu lassen.
Der bestellte ein groĂźes Pils. Ewald ein kleines.
Am Nebentisch saß eine rothaarige Frau mit jenen in einen ausgeschnittenen engen Pullover gepressten Kurven, die alternde Männerhände so gern noch einmal streichelnd umrunden würden.
Die üppige Dame machte sofort einen entscheidenden Fehler: Sie lächelte Ewald an.
„Gewisse Zeiten kommen immer zu Unzeiten“ knurrte Ewald, neigte sich vertrauensvoll zu ihr hinüber und raunte ihr zu: „Mein Freund hier, der ist ein ziemlich hohes Tier. Möchte aber anonym bleiben. Wollen Sie sich nicht zu uns an den Tisch setzen.“
Sie zögerte, kam dann aber an ihren Tisch und wandte sich umgehend mit strahlendstem Lächeln an Hans-Werner.
Der fuhr sich ein paar Mal mit den Fingern durch die langen grauen Schläfenhaare an und genoss den bewundernden Blick der Rothaarigen.
Irgendwann konnte er auch sein gewohntes Kompliment absetzen. „Habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, wie bezaubernd Sie aussehen?“
Sie schĂĽttelte den Kopf, nickte dann bejahend und strahlte ihn unvermindert an.
Hans-Werner wandte sich nun endgültig von Ewald ab und legte einen zwar leicht gehemmten, aber insgesamt für ihn großartigen Flirt hin, den Ewald immer wieder durch anerkennende Urlaute unterstütze. Von lautem Ausatmen bis zu vorsichtig lüsternem Grunzen reichte sein Repertoire, das er mit Bemerkungen unterbrach, wie „Das wäre mir jetzt wirklich nicht eingefallen“ oder schlichter „Großartig!“ und „Genial!“
In der Nacht zuvor hatte Ewald so tief geschlafen, dass er am heutigen Morgen wegen deutlicher Überenergien ungewöhnlich lang brauchte, sich einem Zustand zu nähern, der ihn in die Lage versetzte, die ersten Stunden des Tages unbeschadet zu überstehen.
Überall eckte er an, rannte gegen die Glastür der häuslichen Diele und griff nach dem Rasierapparat, um damit die Zähne zu reinigen und schnitt schließlich ein paar unansehnliche Ecken in seinen imposanten Schnauzbart.
Von solchen Ă„rgernissen geplagt, spĂĽrte Ewald die unstillbare Sehnsucht nach jener Geschicklichkeit, die ihm schon fehlte, als er seinem Vater zum ersten Mal begegnete.
Der trat in der Schwangerschaft von Ewalds Mutter zunächst die Flucht an, kehrte aber nach vier Jahren reumütig zurück, um sich Frau und Kind zu widmen..
Wenn Ewald sich vorstellte, seine Kneipenbekanntschaft Hans-Werner würde so erfolgreich weiterflirten, um das rothaarige Busenwunder für sich oder gar für die Ehe zu gewinnen, dann könnte aus dieser Verbindung wieder nur so ein unterwürfiger Knabe seiner Machart hervorgehen.
Doch Hans-Werner war alt und jene Frau sicherlich ein paar Jahre ĂĽber ihre Fruchtbarkeit hinaus. Gewisse Zeiten kommen immer zu Unzeiten.
Und da Ewald fĂĽr die vielleicht kommende Not dieses nicht Geborenen keine Verantwortung ĂĽbernehmen mochte, meinte er, sich umgehend etwas einfallen lassen zu mĂĽssen.
Immerhin hatte jene Rothaarige ihn zuerst angelächelt.
In der Zwischenzeit rang Hans-Werner ihr das Du ab und sie ließ sich von ihm Monika nennen. Dabei war Ewald ziemlich sicher, dass sie auf einen ganz anderen Vornamen hörte.
„Also, wenn ich mich jetzt einmal kurz einmischen darf…“ versuchte Ewald es mit aller ihm möglichen Unterwürfigkeit.
Hans-Werner runzelte die Stirn und erteilte ihm mit der rechten Hand gönnerhaft das Wort.
„Liebe Frau Monika…“, versuchte Ewald es, „mein Freund ist als Liebhaber kaum zu überbieten. Da können Sie gern alle seine bisherigen Frauen und Freundinnen fragen. Keine konnte ihm widerstehen.“
Für einen Moment vergaß sie ihren Mund zu ihrem Lächeln entgleiten zu lassen . Dann sah sie Ewald mit ihren betörend braunen Augen an, wischte sich mit der linken Hand eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht, legte Ewald die rechte Hand auf den Oberschenkel und raunte: „Ich stehe sowieso mehr auf treuen Männern.“
Hans-Werner nahm missbilligend die Hand auf Ewalds Oberschenkel zur Kenntnis. „Was, was hat sie gesagt?“
Monika lehnte sich zurück, schob ihr nicht mehr ganz faltenfreies Decollteé zurecht und lachte.
„Ich heiße übrigens nicht Monika. Und deine Aufreißer-Methoden sind durchaus…“ sie machte eine Kunstpause, „…weniger gelungen, mein Lieber. Ich hab’s gern bescheidener. Kannst du mal den Platz neben deinem Freund räumen?“
Hans-Werner stand widerwillig auf, nahm seine Jacke von der Garderobe und fragte mich wĂĽtend nach dem Weg zur Toilette.
Monika zeigte mit spitzem Zeigefinger auf ein unĂĽbersehbares Schild, das den Weg zum WC wies.
Der Meister des schnellen Flirts trollte sich.
Umgehend rückte Monika zu Ewald heran, roch nach Pfefferminze und frischem Heu, stieß ihm sanft ihren Ellenbogen in die Seite und murmelte: „Der kommt nicht zurück.“
Ewald zuckte mit den Schultern, holte Luft, atmete ihren Duft ein, der jetzt eher von einem schweren Parfüm herzurühren schien, und murmelte: „Gewisse Zeiten kommen immer zu Unzeiten.“


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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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