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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zahnlücke
Eingestellt am 05. 01. 2015 13:46


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sajo
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Zahnlücke

Licht und Wärme hätten den Lauf der Dinge vielleicht noch hinauszögern können. Nebelgrau aber legte sich wie ein durchnässter Mullverband um die Tage. Letzte Blätter, gelb und löcherig geworden, segelten in kleinen Spiralen dem Boden entgegen. Ohne Aufprall, geräuschlos.
Sie hatte die Anfänge nicht bemerkt. Alles war so gewußt und verstanden gewesen wie immer, kleine Veränderungen natürlich, daran war sie gewöhnt, eine Falte mehr am Mundwinkel, ein stärkeres Ziehen im Knie beim Treppensteigen, weniger gemeinsam durchatmete Nächte, weniger Worte beim Frühstück…das alles war zwangsläufig so, das Altern, so ging es doch allen, beständig sei nur die Veränderung versicherten sie und ihre Freundinnen sich gegenseitig. Und es hatten sich Möglichkeiten finden lassen, damit umzugehen. Sie benutzte jetzt eine revitalisierende Hautcreme und besuchte ein von der Krankenkasse bezahltes Funktionstraining, wo sie unter den noch älteren Frauen und fettleibigen Jungen sogar eine recht ansprechende Figur machte. Und mit ihrem Mann gab es wortlose Agreements, was man von einander erwarten könne und was nicht. Was nicht mehr.
Schon Anfang des Jahres hatte es sich angekündigt, als ein leichtes Ziehen. Bei körperlicher Anstrengung, wenn sie voller Energie und Verbesserungswillen durch den Wald vor ihrer Haustür walkte, die Stöcke stark aufsetzte, sich kräftig abdrückte, tief ein und aus atmete. Dann machte es sich als leichtes Pochen bemerkbar. Es zog vom linken Unterkiefer Richtung Ohr, beunruhigend, legte sich dann aber auch wieder, wenn sie ausruhte. Es machte dann allerdings einen baldigen Besuch bei der Zahnärztin nötig. Das Röntgen ergab einen entzündeten Bereich an der Wurzelspitze, man könne noch abwarten. Aber eigentlich sei eine Wurzelspitzenresektion anzuraten.
Im sicheren Gefühl, dass man so etwas lieber nicht vor sich her schieben sollte vereinbarte sie einen Operationstermin bei einer Kieferchirurgin in der Stadt und fragte ihren Mann, ob er sie nach der Operation abholen könnte, nach den Betäubungsspritzen solle sie nicht selbst Auto fahren. Er bedauerte, hatte einen Termin, sie solle sich doch ein Taxi nehmen. Die Operation war unschön, aber auszuhalten. Mit einem an die geschwollene Wange gedrückten Gummihandschuh voller Eisstücke setzte sie sich danach in ein Cafe, bestellte eine kalte Cola, die sie durch einen Strohhalm trinken konnte. Sie lächelte schief, aber tapfer den Kellner an, der sein Erschrecken über ihr entstelltes Aussehen nicht versteckte. Als das Schummerige langsam aus ihrem Kopf verschwand fuhr sie nach Haus.
Der Frühling brachte Ruhe und schönes Wetter. In ihren freien Stunden freute sie sich mit den Händen in der Erde auf neues Aufblühen, auf Düfte und Farben. An einem Samstag trug ihr Mann mit ihr die Gartenmöbel aus dem Schuppen, reinigte sie für zu erwartende Schönwettertage. Sie brachte eine Kanne Tee heraus. Bei erster Wärme verbrachten sie einen gemeinsamen Nachmittag im Garten.
Als der Sommer nahte machten sie, wie in jedem Jahr ziemlich spät, Urlaubspläne. Er fand ein Zeitfenster, in dem nicht allzu viel passieren würde, in dem er weg sein konnte. Sie war einverstanden, freute sich auf diese Reise, auf das gemeinsame Erleben von Neuem. Auf die Bereicherung, das Auffüllen leer gewordener Zellen.
Dann meldete sich der Zahn wieder. Drei Monate nach dem Eingriff war nichts wirklich verheilt, nichts gut geworden. Die Entzündung bestand nach wie vor, der betroffene Bereich sah sogar im Röntgenbild noch ein wenig größer aus. Aber es bestand Hoffnung. Man könne eine zweite Operation probieren, meinte die Kieferchirurgin. Und diesmal mehr vom Erkrankten entfernen und die Stelle dann mit Knochenmaterial auffüllen.
Damit der kranke Zahn nicht den Urlaub verdürbe wurde also im Juli noch einmal aufgeschnitten, herausgesägt, aufgefüllt und zugenäht. Diesmal hatte sie eine Flasche eiskalte Cola dabei und Strohhalme. So konnte sie im Auto ohne mitleidige Kellnerblicke das Nachlassen der Betäubung und das Einsickern des Coffeins abwarten, bevor sie sich ans Steuer setzte.
Die Operation brachte Verbesserung, während des Urlaubs war kein Ziehen oder Pochen zu spüren. Die Wochen verliefen ganz und gar schmerzfrei, und es gab nur wenige Konfliktsituationen zwischen ihr und ihrem Mann, schöne Momente und gemeinsam verbrachter Zeit waren in der Mehrzahl. Erfrischt kehrten sie zurück in ihren Alltag. Bald wurden die gemeinsamen Mahlzeiten wieder stiller.
Etwa drei Monate nach dem zweiten Eingriff begann das Ziehen und Pochen erneut, diesmal begleitet von einem Augenzucken auf der Seite des erkrankten Zahns, das sich auch durch Magnesium nicht beruhigen ließ. Die Zahnärztin spritzte ein entzündungshemmendes Mittel, was eine kurze Linderung brachte. Auch ein zweites Mal wurde dieser Rettungsversuch unternommen. Dann war klar, dass der Zahn sich nicht halten ließ.
Eher pragmatisch veranlagt ließ sie Gedanken der Art, dass Zähne ganz tief mit dem ICH einer Person verbunden seien und ein fehlender Zahn immer auch eine Kränkung der Persönlichkeit bedeute, bei sich gar nicht erst aufkommen. Sie vereinbarte einen Termin zum Extrahieren, es war die letzte Möglichkeit, mit dem Krankheitsherd umzugehen. Dies sollte auch besser nicht lange hinausgeschoben werden, sondern möglichst bald stattfinden, um dann irgendwann auch vorbei zu sein. Über einen Ersatz könne man anschließend nachdenken, sagte die Zahnärztin, Implantat oder Brücke, beides sei möglich. Aber erst einmal müsse die Wunde mindestens ein Vierteljahr verheilen.
Ihr Mann, der selbst große Angst vor Zahnarztbesuchen hatte, erschrak, als sie ihm dies berichtete, erinnerte sich an eigene Zahnentzündungen, an Antibiotika-Einnahme und ihre Nebenwirkungen.
An dem für das Entfernen festgesetzten Morgen Mitte November sagte sie ihrem Mann beim Frühstück, dass sie nach dem Zahnarzttermin wohl nichts kochen, sondern sich erst einmal hinlegen würde und fuhr auf dem Fahrrad in den Ort.
Der Schmerz des Herausziehens war unter der Betäubung erstaunlich gut auszuhalten. Sie radelte nach Haus, noch benommen, aber froh, es hinter sich zu haben. Ihr Mann war noch im Haus, sie hörte ihn im Badezimmer. Sie legte sich in ihr Bett, versuchte zu lesen. Irgendwann klappte die Haustür, ihr Mann war gegangen, ohne nach ihr geschaut zu haben. Er musste wohl vergessen haben, was sie ihm vor einer Stunde erzählt hatte.
Von ihrem Bett aus sah sie draußen vor dem Fenster die gelben Blätter der Linde abwärts taumeln. Mit der Zunge fühlte sie immer wieder nach, ihre Mundhöhle kam ihr fremd vor. Sie war immer vollständig gewesen, intakt. Und jetzt war da diese Lücke.

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DocSchneider
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aligaga
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Das ist eine durch und durch gelungene Herbstgeschichte, @sajo, und man wundert sich, warum dich (außer unserer unermüdlichen Frau Doktor am Empfang) noch niemand aus dem Wartezimmer geholt hat.

Herbstgeschichten leben von den langen Schatten, dem langsamer Werden und vom Verlust, der sich auch dann manifestiert, wenn es Äpfel, Birnen und Zwetschgen regnet. Irgendwann wird eine Lücke sein.

Eigentlich, sollte man meinen, sind Berichte über kranke Zähne, die Beschreibung ihrer zunächst konservative Behandlung bis hin zur finalen Exstirpation, etwas Ekliges und deshalb als Sinnbild für etwas, das mit Liebe und Erotik in Verbindung zu bringen wäre, wenig oder gar nicht geeignet.

Aber du bleibst bei deiner Geschichte buchstäblich so im Indirekten, dass man gar nicht auf die Idee kommen muss, sich den Eiter oder das kranke Zahnfleisch bildlich vorstellen zu müssen. Man langt gleich an, wo du den Leser haben willst: Dort, wo seine Gefühle aus den vielen kleinen Zeichen, die du ihm gibst, ein Gesamtbild formen. Ein Herbstbild, wie schon gesagt. Keines, in dem der Sturm fegt und die Blätter fliegen, dass es eine Art hat, sondern ein stilles, von der Melancholie gedimmtes.

Wie schön, das hier zu finden und nachempfinden zu können, obwohl die Zeit schon so weit fortgeschritten ist.

Gruß

aligaga


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