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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zauberstimme
Eingestellt am 10. 03. 2015 10:28


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adrianoeljero
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2015

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Zauberstimme

“Wie kannst du jetzt nur aufgeben. Wie kannst du nur.”, der Zauberer starrte ihn mit seinen alten, müden Augen an, als sähe er einen Schwächling vor sich, eine arme Gazelle, die glücklich darüber war, für immer ein armes Opfer zu bleiben.

“Was weißt du schon, du mit deinen Zauberkräften, mit deiner Magie… dir wurde doch alles schon von Geburt an in die Wiege gelegt! Großartiges zu vollbringen liegt dir in den Genen, aber nicht mir! Ich bin nur ein Mensch, schwach und unbedeutend, lass’ mich einfach in Ruhe.”, er schaute weg, drehte sich um und lief in eine Richtung, die ihm selbst noch nicht ganz klar war, ganz egal, er hatte keine Lust mehr, einem Ziel nachzujagen, das er sowieso nicht erreichen würde.

Der knochige, weißbärtige Magier wurde zornig, erhob sich, wuchs über sich hinaus und sprach mit fester, alles durchdringender Stimme zu ihm herab:”Lauf’, du Wicht, lauf’. Renn’ davon, nur weil es schwer geworden ist, weil du böse hingefallen bist und dir die Knie aufgeschürft hast. Weißt du was, rennen ist sogar viel zu anstrengend für dich, trotte lieber davon, in die einsame Höhle, die du suchst, in der du dein Leid pflegen und gießen kannst. Sieh’ es wachsen, dort, wo die Nässe des feuchten Steines dir auf die Nase tropft und dich aus deinen unruhigen Träumen weckt. Dort, wo die Finsternis tagein, tagaus über dein Gemüt fährt und eins mit dir wird. Wage dich nicht, mich noch einmal um Rat zu fragen, oder auch nur ansatzweise einen mickrigen Hügel hinaufzuklettern. Wage es nicht, du lächerlicher Wicht.”, damit verschwand der Zauberer und wehte mit dem brausenden Wind davon in die Gezeiten.

Doch er, der kleine Mann blieb stehen, traute sich zunächst nicht, einen weiteren Schritt zu gehen. Er spürte, wie sich die Dunkelheit schon um seine Adern krallte und sich hinein in sein Fleisch biss, ein Widerhaken, der so leicht nicht mehr loslassen würde. Mit all seiner Kraft fasste er sich wieder, verfluchte die Worte des Zauberers, der ihm in seinem Leben immer als Ratgeber und Helfer zur Stelle gewesen war, und zwang seine bleibeschwerten Beine wieder zum Laufen. Ich werde dich nie wieder aufsuchen, verlass’ dich drauf. Zur Hölle mit dem Traum, der niemals wahr werden wird. Ja, ich suche mir meine Höhle und lebe darin, glücklich und ohne je wieder Leid zu erfahren.

Und dies tat er auch.

Es vergingen Monate, die er damit zubrachte, Fische im Meer zu fangen, in den Wäldern nahe des Strandes nach Essbarem zu suchen, Kaninchen zu jagen und abends am Lagerfeuer inmitten der Einsiedlerhöhle sein kleines erbeutetes Festmahl zu verspeisen. Nachts fielen oft kleine Wassertropfen auf seine Nase und weckten ihn aus seinem Schlaf, dessen Träume voller dämonischer, widerlicher Gestalten, die ihn heimsuchten und seiner eigenen, brennenden Schreie erfüllt war. Ich bin glücklich. Ich bin glücklich. Ich bin glücklich. Du hast mich nur verflucht, alter Mann... alter Zauberer... du bist Schuld an meinem Leid.

Er häutete gerade einen der kleinen Fische, die er gefangen hatte. Es wurden immer weniger, von Tag zu Tag. Aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund dachte er auf einmal an den Moment zurück, als ihn der Magier verspottet hatte und sie getrennte Wege gegangen waren. Er erinnerte sich daran, das sie so weit gekommen und Ziel schon in greifbare Nähe gerückt war. Aber das Leben hatte ihn zu Boden geschmettert, kraftvoll und erbarumungslos, sodass selbst die ausgestreckten Hände und gut gemeinten Worte des Zauberers ihn nicht mehr bekräftigen konnten. Genug war genug. Er war am Ende seiner Kräfte und sah keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit, sah keinen Sinn mehr in diesem sinnlosen Ersteigen eines Gipfels, der glatter war, als die silberne Haut dieses Fisches. Aber sie waren sooo nah dran gewesen…

“Ach, zur Hölle mit dir. Niemals werde ich Ruhe vor dir haben, selbst jetzt in deiner Abwesenheit suchst du mich noch auf, Magier. Selbst jetzt.”, fluchte er und warf wütend den Fisch gegen die steinerne Wand der Höhle, da er sich beim Häuten den Finger geschnitten hatte. Er vergrub den Kopf in den Händen und ließ alles heraus, die Trauer, die Wut, die Angst und die Verzweiflung, alles vermischt in den nassen Tränen, die ihm nun von der Nase tropften. Sie hinterließen dunkle Stellen im feinen, hellbraunen Sand des Strandes und versickerten schnell zwischen den winzigen Körnern.

Dieses Leben war auch nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Der Zauberer hatte Recht behalten, die Finsternis war schon längst zu einem festen Bestandteil seines Selbst geworden. Hatte ihn stets im Griff und ließ ihn hier in der Einsamkeit verweilen, aus die er einfach nicht mehr ausbrechen konnte. So lange hatte er das alles in seinem inneren Gefängnis eingesperrt gehabt, sich stur der eigenen Wahrheit gegenüber stur gestellt.
"Sooo langeee." Eine Stimme meldete sich plötzlich wieder, eine, die ihm zuerst unbekannt und fremd vorkam. Aber dann erinnerte er sich an ihren Klang, an ihre Melodie, ihr feines Flüstern, das ihn vor langer Zeit immer wieder dazu gebracht hatte, erneut aufzustehen und die eigenen Dämonen zu bekämpfen, “Du weißt doch, manchmal schafft man es nicht mehr alleine aus der Grube, in die man gefallen ist. Manchmal braucht man jemanden, der einem die Hand ausstreckt und mit seiner ganzen Kraft herauszieht. Dir hoch hilft und dir Stück für Stück wieder beibringt, einen Schritt vor den anderen zu setzen, dich erneut lehrt, zu gehen. Einer, der dir zeigt, wie man schwimmt und dir bald darauf die Schwimmflügel von den Schultern nimmt. Einer der anfangs wirkt, wie die Stützräder am Fahrad, bis du ihn nicht mehr benötigst und an den Punkt kommst, an dem du ganz allein den restlichen Teil des Berges besteigen kannst. An den Punkt, an dem du genug gelernt hast, um dich von deinem Meister des Lebens zu verabschieden und deinen Träumen nachzujagen, mit dem klaren Wissen, das alles Fallen und alles Umstürzen dich nicht davon abhalten kann, immer weiter zu schreiten, immer weiter zu klettern, bis du die Spitze erreicht hast. Das weißt du doch, wie konntest du es nur so tief in deiner Seele verstecken… wie konntest du nur mich so tief in deinem inneren, selbst erbauten Gefängnis verstecken. Ich bin doch das Leben, bin doch ein Teil von dir!”

Langsam blickte er auf, hob seinen Kopf und starrte in die ständig aufeinander brechenden Wellen des großen, weiten Meeres. Sah, wie sich die Sonnenstrahlen auf dem hervortretenden Weiß des schwimmenden Salzes spiegelten und glaubte zu sehen, wie sie förmlich auf der Oberfläche des grünblauen Wassers tanzten. Wie hatte er sie nur vergessen können, diese Stimme, die ihm jahrelang die Hand gereicht hatte, wenn er hingefallen war.

Er stand auf, packte seine Sachen und ließ die Höhle hinter sich, befreite sich mit jedem Schritt aus dem Griff der betäubenden Dunkelheit, die ihn umklammert hatte. Jeder Meter, der ihn weiter von diesem Ort entfernte, durchbrach Stück für Stück die schwarzen Ketten, die um seine Seele geschlungen waren. Bis er vollständig ausbrach und an den Platz zurückkam, an dem er zum letzten Mal mit dem Zauberer geredet hatte. Doch die Stelle an der Wegkreuzung war leer, kein weißbärtiger, alter Magier, dessen Tränensäcke tief hingen und dessen Weisheit und Geduld ihn immer fasziniert hatten, war hier anzutreffen. Nur der Wind umgab ihn nun und ließ seine langen, zotteligen Haare um sein Gesicht flattern.

“Verstehst du es denn nicht. Es gibt gar keinen Magier. Das hast du dir immer nur ausgedacht. Der weise Zauberer, den du suchst, ist in dir, er steckt in deinem Herzen. Das bin ich, die liebliche Stimme, die dir immer wieder aufgeholfen hat. Das bin ich, der Teil deines Herzens, den du eingesperrt hast. Ich hatte versucht an dein Herz zu appellieren, an den Trotz, den du mir entgegen werfen würdest, um meinen Worten zu widersprechen, als ich dich einen Wicht genannt hatte… aber du hast dich von der Dunkelheit einlullen lassen, hast dich ihr angenommen und mich verbannt… Verstehst du es jetzt endlich?”

Seine Augen wurden ganz groĂź und er wiederholte die Worte der vertrauten Stimme in seinen Gedanken. Es gibt gar keinen Magier. Das bin ich, der Teil deines Herzens, den du eingesperrt hast.

Ein immer größer werdendes Lächeln umstreichelte seine faden Lippen nun, bis er nicht mehr aufhören konnte der Sonne entgegen zu grinsen. Natürlich... Der Zauberer steckt doch schon lange in mir, in uns allen... Wie konnte ich das nur vergessen… wie konnte ich nur vergessen, dass die Magie, die mich antreibt, schon immer ein Teil von mir gewesen ist…


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///Kommentare, Kritik mehr als erwĂĽnscht - Egal, wie negativ sie ist, ich werde sie mir durchlesen und darĂĽber nachdenken. Man kann nur aus Fehlern lernen.///
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Träumer zu sein, heißt nicht, perspektivlos und naiv die Welt zu betrachten. Es bedeutet, an Wunder zu glauben.

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