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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 06. 09. 2011 22:35


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Martin GK Meyer
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Registriert: Aug 2011

Werke: 7
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Herbert betrat das Amt stets fĂĽnf vor halb acht und grĂĽĂźte dabei den Mann an der Pforte, der den GruĂź mit einem "PĂĽnktlich wie immer" erwiderte.
Doch an diesem Montag schwieg der Pförtner.
UnwillkĂĽrlich schaute Herbert auf seine Armbanduhr, doch die Uhr fehlte.
Betroffen hielt er sich an der Aktentasche fest. Die Treppe schien kein Ende zu nehmen. Vor seinem Büro hielt er inne. Er rang nach Atem – oder war er nur müde?

Herbert hatte sich seinen Job nicht ausgesucht, man hatte ihm den Job aufgedrängt, als Arbeit für den Menschen, als Dienst am Nächsten. Doch der Wind hatte sich gedreht. Publikumsverkehr nur noch dienstags und donnerstags, Bescheide über Ölbeihilfe oder Unterhaltsvorschuss, dreimal jährlich neue Software mit Updates, die sich ständig verschluckten, kein Ja ohne Aber, nach Maßgabe von Vorschriften ohne Zahl, die wie Gestrüpp im Wald alles unter sich erstickten.

Dagegen half nur die Verlässlichkeit der Zeit. Schon als Kind faszinierten ihn der Perpendikel der alten Standuhr im Wohnzimmer der Eltern und die offene Unruh in seiner Kienzle, die er zur Konfirmation bekam. Heute besaß er sechs Armbanduhren, und im Dienstzimmer stand eine Pendeluhr, die bereits seinem Vater, der Oberamtsrat der Justiz gewesen war, den Takt geschlagen hatte.

Herbert setzte sich an den Schreibtisch und erschrak, denn er saß dort einer Uhr gegenüber, die am Wochenende kurz vor zwölf stehengeblieben war.

Noch nie hatte er vergessen, sie zu Dienstschluss aufzuziehen, ja er hatte sich jeden Tag darauf gefreut wie ein Kind auf Weihnachten – und nun würde ihm ihr Schlagen fehlen, derweil er über Heizungszuschüsse und Umzugsbeihilfe entschied?

Im Dienst rechnete er damit, dass man etwas von ihm wollte, er bat kaum andere um einen Gefallen – und nach der Zeit zu fragen, gliche geradezu einer Schmach: Besaß er nicht genug Uhren, von denen wenigstens eine funktionieren sollte? Wenn nur die Zeit überhaupt weiterging. Oder führte die abgelaufene Uhr jene Stunde vor Augen, die ihm und der Welt geschlagen hatte?

Herbert griff sich an die Schläfen und fand seinen Puls, der so oft dem Schlag des Pendels enteilt und vor Angst aus dem Takt geraten war.
Sollte er die Uhr aufziehen?

Mit dem Uhrenschlüssel lief er in seinem Büro auf und ab, und da ihm die Wände immer näher kamen, trat er ans Fenster.
Draußen zeigten die Kastanien ihre ersten Knospen, und von ferne hörte er die Vögel zwitschern, zum ersten Mal seit unvordenklicher Zeit.
Zurück am Schreibtisch, legte Herbert den Uhrenschlüssel beiseite und atmete tief durch, und plötzlich klopfte er mit seinen Fingern auf den Tisch, zaghaft zunächst, dann immer kräftiger, unversehens fiel ihm eine Melodie dazu ein, As Time Goes By, und er begann, sie zum Takt seiner Finger zu summen; er nahm eine Akte zur Hand, und mit der rechten Hand schreibend, mit der linken Hand den Takt klopfend und dazu summend, gewann er Vorgang um Vorgang, und allmählich kam die linke Hand zur Ruhe, doch er summte weiter und spürte, dass sein Puls langsamer wurde und sich dem Takt der Melodie anzupassen schien.

Irgendwann besann er sich alter Tonbänder, auf denen er als Teenager die Charts mitgeschnitten hatte, sowie einer Schuhschachtel daheim auf dem Speicher, deren Geheimnis er schon lange hatte lüften wollen – und als es ihm über seinem Sinnen und Summen Zeit geworden schien, legte er die Akten beiseite, verließ das Büro und schloss ab.

Auf der Treppe begann sein Herz wieder zu klopfen, denn es nahte der Pförtner.
Sollte er ihn nach der Uhrzeit fragen?
Der Pförtner nickte ihm freundlich zu.
Herbert fragte:
„Verzeihung, wie spät ist es jetzt?“
„Aber das muss ich Ihnen doch nicht sagen – es ist halb fünf, wie immer.“

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