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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zeit und Ewigkeit
Eingestellt am 09. 02. 2004 17:30


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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2004

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Ich kann alte Menschen nicht leiden. Wie sie sich todkrank und halbtot an ihr erbĂ€rmliches, wĂŒrdeloses Leben klammern und damit auch an die Jungen, die frei leben wollten und in der Umklammerung der Alten abgehalten werden, etwas zu tun, etwas zu verĂ€ndern, etwas zu bewegen, fĂŒr sich und fĂŒr alle anderen jungen Menschen, die noch voll von TrĂ€umen und Begeisterung sind! Wie die Alten mit verfallenem Körper durch die eintönigen Tage wanken und nur noch versuchen, den labilen Zustand aufrecht zu erhalten! Wie sie mit zerfallenem Geist und einer verlorenen Persönlichkeit versuchen, andere Menschen zu beeinflussen, dass diese sich um sie kĂŒmmern, dass diese sie beachten! Wie grausam ist es zu betrachten, wie die alten Menschen verzweifelt mit leicht durchschaubarem BemĂŒhen versuchen, die Jungen auf sich aufmerksam zu machen und mit ihnen zu reden! Nichts ist grauenhafter, als den langweiligen ErzĂ€hlungen eines alten Menschen zu lauschen, der keinen eigenen Lebenssinn hat, keine Pflicht, keinen verpflichtenden Traum, sondern nur das Bestreben, irgendetwas zu tun, um nicht allein zu sein.
In vielen BĂŒchern kommen alte Menschen vor: Sie sind erfurchtgebietende, allwissende Herren oder Frauen, deren Haar in Weisheit ergraut und deren stets \"immer noch blitzende\" Augen hinter der intellektuellen Lesebrille denkerisch hervorspĂ€hen. Und wenn sie nicht von diesem Schlag sind, sind sie zerstreute Lebemenschen, die immer fĂŒr Spaß sorgen und sich mit der jungen Generation verbĂŒndet haben. NatĂŒrlich gibt es noch mehrere alte Menschen in ErzĂ€hlungen, aber keiner entspricht der Wahrheit des alten Menschen, dessen Lebensflamme schon lange niedergebrannt ist und nur dadurch erhalten wird, dass die Jungen von ihrer Kerze Wachs abgeben, das der fast erstorbenen Flamme weniger nĂŒtzt als es der jungen Flamme nĂŒtzen könnte.
Diese alten Menschen, wie sind sie starrsinnig und widerspenstig gegenĂŒber jeder neuen Meinung! Nur aus Angst, dass ihr bisheriges Leben falsch gewesen sein könnte, verweigern sie sich jeder neuen Lebenseinstellung, jeder neuentdeckten Wahrheit, jeder VerĂ€nderung, die von den jungen Menschen in die Welt gebracht wird. Ebenso wie an ihr Leben klammern sie sich an die Tradition, an das Althergebrachte, an die Religion, an die veralteten Werte ihrer Zeit!
Diese Menschen sind schwachsinnig und tot! Ich kann sie nicht leiden, ĂŒberhaupt nicht. Sie sind die TrĂ€gheit, die jede Bewegung zur Wahrheit verhindert, sie sind die BĂŒrde, die den Lauf der Zeit verlangsamt, sie sind nichts Gutes.
Ich bin jung und mein Geist und Verstand stehen in ihrer BlĂŒte, und jedes Mal, wenn sie ihren Zenit erreicht zu haben scheinen, wird dieser kurz darauf durch einen noch höheren Höhepunkt ersetzt. Meine Gedanken und TrĂ€ume und GefĂŒhle lassen mich oft selbst erschrecken. Mein Leben ist ein ungeheures donnerndes Gewitter, ein hell strahlender Mond, eine sich entfaltende BlumenblĂŒte, eine wild lodernde Flamme.
Vor einiger Zeit fand ich beim Durchstöbern des Dachbodens ein GemĂ€lde. Meine Großmutter hatte mich dazu bewegt, da sie anscheinend nicht zur Ruhe kam, solange sie den Speicher unaufgerĂ€umt wusste. Meine Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt. Vor drei Jahren hat sie einen Schlaganfall erlitten. Seitdem ist sie halbseitig gelĂ€hmt, kann nicht mehr alleine essen und trinken, kann nicht sprechen und es ist immer eine Qual, ihr zuzuhören, wenn sie unter grĂ¶ĂŸter Anstrengung auf das dringliche Zureden jemandes anderes zum Beispiel einen Blumentopf mit seinem Namen bezeichnet. Ihr ganzer Körper ist klein und zusammengeschrumpelt, verkĂŒmmert: Jede Leiche, die in einem Sarg liegt, ist schöner und lebendiger als sie. Wenn sie lacht, lache ich auch immer mit, um ihr zu zeigen, dass sie im Grunde doch noch ein normaler Mensch geblieben ist, doch innerlich weine ich ĂŒber das primitive und unlustige Lachen, das sie hervorbringt. – Wie sie vorher gewesen war, weiß ich fast nicht mehr, in meiner Vorstellung war sie schon immer in diesem Rollstuhl gesessen. Einerlei – vor kurzem fand ich beim Durchstöbern des Dachbodens ein GemĂ€lde. Es zeigte ein MĂ€dchen etwa in meinem Alter. Ich schĂ€tzte das Herstellungsdatum ungefĂ€hr auf den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein, weil es offensichtlich ein Portrait war und der Stil des GemĂ€ldes mich in irgendeiner Art an diese Epoche erinnerte. Vielleicht war es auch aus den AnfĂ€ngen der zwanziger Jahre, ich bin kein großer Kunstkenner.
Jedenfalls stellte das Portrait ein junges MĂ€dchen dar. Sie hatte den Kopf viertels zur Seite gedreht und ein wenig nach unten geneigt. Dadurch blickten ihre Augen etwas von unten und von der Seite aus dem ÖlgemĂ€lde heraus, so verfĂŒhrerisch nebenbei, und so lĂ€ssig! Die rot glĂ€nzenden Haare waren kompliziert nach hinten aufgesteckt, so dass seitlich ihr liebreizender Nacken zur Geltung kam. Es gibt nur wenige MĂ€dchen, die den gewissen – Adel in sich haben. Wenn sie die Haare aus ihrem Nacken bringen, kommt dieser noch mehr zur Geltung und alles an ihnen erscheint so wunderbar graziös, edel, so auf zĂ€rtliche Weise anmutig. Das GemĂ€lde perfektionierte dieses Ideal oder besser: ließ es in mir erst entstehen. Auch die zierliche kleine Nase, die verfĂŒhrerisch halboffenen Lippen und die sanften grĂŒnen Augen unterstrichen nur diese einzigartige Anmut. Besonders die grĂŒnen Augen und die roten Haare, dann die bezaubernd frechen Sommersprossen auf dem zierlichen, nach innen gebogenen NĂ€schen: Vollkommene Anmut! Und erst dieser Blick! Man muss sich das einmal vorstellen!
Ich hatte mich auf den ersten Blick in diesen Kopf verliebt, unsterblich verliebt, wie man sich nur in seiner Jugend verlieben kann. Zuerst wollte ich das schöne GemĂ€lde im Wohnzimmer aufhĂ€ngen, aber ich nahm es nach reiflicher Überlegung in mein eigenes Zimmer, weil ich wollte, dass es mir gehörte und ich allein darĂŒber urteilen wollte. Ich wollte nicht, dass irgendwer das GemĂ€lde mit \"schön\" oder \"gelungen\" oder Ă€hnlich unwĂŒrdigen Bezeichnungen verunglimpfen könne. Ich wollte sie allein fĂŒr mich haben und ich denke, das kann man gut verstehen, wenn man mich etwas versteht. Ich stellte es in meinem BĂŒcherregal ganz nach hinten, hinter die zehn BĂ€nde des Lexikons. Immer, wenn ich es betrachten wollte, schob ich die Lexika zur Seite und konnte es so ungestört studieren, wĂ€hrend ansonsten niemand es zu Gesicht bekam.
Ich schrieb viele Gedichte ĂŒber dieses schöne MĂ€dchen. Ich glaube, es stimmt, dass die Liebe zu einer Person mit der Entfernung von ihr zunimmt - so bleibt sie immer ein RĂ€tsel und Mysterium. Das MĂ€dchen und der Schöpfer des GemĂ€ldes waren fĂŒr mich das grĂ¶ĂŸte Mysterium meiner ganzen bisherigen Jugend. Ich ließ das MĂ€dchen in tausend Geschichten spielen und war stets unzufrieden, dass ich sie mit meinen Schilderungen nicht in ihrer ganzen Schönheit aufleben lassen konnte. Ihr Blick gab mir Hoffnung und Zuversicht, sie war fĂŒr mich eine ganze Welt. Und je lĂ€nger ich es betrachtete, desto unsterblicher verliebte ich mich in das alte GemĂ€lde.
Einige Jahre spĂ€ter saß ich in der Nacht vor meinem Schreibtisch und schrieb einen kleinen Gedanken ĂŒber Schönheit nieder. Nach einiger Zeit schob ich die Lexika zur Seite um das Bild noch einmal zu betrachten. Da klopfte es plötzlich unvermutet an meine TĂŒr und ungefragt kam meine Großmutter auf ihrem Rollstuhl hereingerollt. Sie sah jetzt noch viel Ă€lter aus als damals, als ich sie geschildert hatte. In ihren Augen war ĂŒberhaupt nichts, sie waren nur noch grau und mĂŒde und trĂ€ge. Sofort hasste ich sie wieder, weil sie mich unterbrochen hatte, weil sie die TrĂ€gheit darstellte, die meinen Weg zur Wahrheit und meinem Weg an sich im Wege stand. Sie gab mir mit unbeholfenen und angestrengten Worten zu verstehen, dass ich ihr die Medizin machen solle, was ich an diesem Abend vergessen hatte. Ich hasste es, sie mit dieser scheußlichen Medizin zu fĂŒttern, die sie am Leben hielt! Am liebsten hĂ€tte ich sie aus dem Zimmer geschoben oder wĂ€re selbst irgendwo anders hingegangen.
Doch schließlich ging ich natĂŒrlich doch in die KĂŒche und holte diese Medizin und bereitete mich darauf vor, sie selbst fĂŒttern zu mĂŒssen – wie ich es hasste, sie zu fĂŒttern, die nicht einmal gefĂŒttert werden konnte, ohne zu sabbern. So kam ich nun mit der Medizin in der Hand ins Zimmer zurĂŒck. Doch da: Meine Großmutter saß vornĂŒbergebeugt in ihrem Rollstuhl und hatte die nichtgelĂ€hmte Hand schwach erhoben: Sie deutete auf das GemĂ€lde, das sie offenbar bemerkt hatte. Minutenlang versuchte sie, mir mit Worten etwas mitzuteilen, doch – wie nicht selten – brachte sie nichts heraus und stockte nur von einem Versuch zum nĂ€chsten. Irgendwie schaffte sie es, mir verstĂ€ndlich zu machen, dass ich mir die RĂŒckseite des GemĂ€ldes ansehen solle. Also holte ich es – obwohl es mir zuwider war – aus dem Rahmen und sah mir die RĂŒckseite an. Darauf stand: \"Selbstbildnis\", dann ein Komma und dann eine schwungvolle, lebendige Signatur, die ich erst Tage spĂ€ter als die meiner Großmutter identifizierte.

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Ich bitte, die Verallgemeinerungen in Bezug auf die Alten Menschen zu verzeihen. Schließlich ist der Ich-ErzĂ€hler auch keine wirklich einsichtige Person.
Was eine Sache betrifft, bin ich mir sehr im Unklaren: Kann es sein, dass man schon lange vor dem Ende dasselbe erraten kann?

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GabiSils
???
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Lieber Nicolas,

ja, man sieht das Ende bereits beim Fund des GemÀldes kommen.

Das Thema ist brisant, und du kannst auch schreiben. Dennoch kann ich mich fĂŒr diese ErzĂ€hlung nicht so recht erwĂ€rmen; einmal tatsĂ€chlich wegen der Vorhersehbarkeit, denn ich finde, das macht eine der "Ätsch"- Stories daraus, wie ich sie nenne. Dein Thema hat das nicht verdient.
Zum Anderen ist der Anfang sehr weitschweifig geraten. Innere Monologe sind immer heikel. Mehr zeigen, weniger erklÀren wÀre hier besser.

Kannst du das Ganze mit mehr Handlung versehen, möglicherweise auch Dialog? Der Protagonist könnte mit einem Freund reden und seine Ansichten zum Besten geben (aber gestrafft, bitte! So meint man ja, du schreibst einen Essay).

Ich wĂŒrde mich freuen, wenn du die Geschichte umarbeitest, sie könnte gut werden.

Gruß,
Gabi

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Stoffel
gesperrt
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Registriert: Jun 2002

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Hallo,

mir hat die Idee sehr gut, zum grössten Teil auch die AusfĂŒhrung, gut gefallen.
Irgendwie n echter Hammer.
Denn im Grunde ist das MÀdchen..ja eine der Menschen, nÀmlich ein alter Mensch, die der Prot fast schon hasst.
Echt heftig, ich mag solch AusgÀnge.

Überarbeiten wĂ€re gut, denn diese Geschichte kann dadurch wirklich klasse werden.
Nur so ein paar spontane Gedanken intergriert...von mir. Nichts fertiges, soll nur anregen

lG
Stoffel

Ich kann alte Menschen nicht leiden. Wie sie sich todkrank und halbtot an ihr erbĂ€rmliches, wĂŒrdeloses Leben klammern.UnsJungen, die frei leben wollen, noch voller TrĂ€ume und Begeisterung sind, mit ihren Umklammerungen scheinen davon abzuhalten, etwas zu tun, zu verĂ€ndern, zu bewegen.
Ich kann es nicht leiden, wiedie Alten mit verfallenem Körper durch ihre eintönigen Tage wanken und stĂ€ndig versuchen, den labilen Zustand aufrecht zu erhalten , ihre Mitmenschen beeinflussen, sich um sie zu kĂŒmmern, sie zu beachten.

Wie sie mit zerfallenem Geist und einer verlorenen Persönlichkeit versuchen, verzweifelt, mit leicht durchschaubarem BemĂŒhen, die Jungen auf sich aufmerksam zu machen und mit ihnen zu reden.

Nichts ist grauenhafter, als den langweiligen ErzÀhlungen eines alten Menschen zu lauschen, der keinen eigenen Lebenssinn hat, keine Pflicht, keine TrÀume mehr hat und alles nur, um nicht allein zu sein.

In vielen BĂŒchern kommen alte Menschen vor: Sie sind erfurchtgebietende, allwissende Herren oder Frauen, deren Haar in Weisheit ergraut und deren stets \"immer noch blitzende\" Augen hinter der intellektuellen Lesebrille denkerisch hervorspĂ€hen. Und wenn sie nicht von diesem Schlag sind, sind sie zerstreute Lebemenschen, die immer fĂŒr Spaß sorgen und sich mit der jungen Generation verbĂŒndet haben. oder sie sind die, dich am wenigsten leiden kann. Die, die auf ihren Tod nur warten.
NatĂŒrlich gibt es noch mehrere alte Menschen in ErzĂ€hlungen, aber keiner entspricht der Wahrheit des alten Menschen, dessen Lebensflamme schon lange niedergebrannt ist und nur dadurch erhalten wird, dass die Jungen von ihrer Kerze Wachs abgeben, das der fast erstorbenen Flamme weniger nĂŒtzt als es der jungen Flamme nĂŒtzen könnte.
Diese alten Menschen, wie sind sie starrsinnig und widerspenstig gegenĂŒber jeder neuen Meinung. Ist es gar dieAngst, ihr bisheriges Leben könntefalsch gewesen sein? So
verweigern sie sich jeder neuen Lebenseinstellung, jeder neuentdeckten Wahrheit, jeder VerÀnderung, die von den jungen Menschen in die Welt gebracht wird. Ebenso wie an ihr Leben klammern sie sich an die Tradition, an das Althergebrachte, an die Religion, an die veralteten Werte ihrer Zeit!
Diese Menschen sind schwachsinnig und doch jetzt schontot! Ich kann sie nicht leiden, ĂŒberhaupt nicht. Sie sind die TrĂ€gheit, die jede Bewegung zur Wahrheit verhindert, sie sind die BĂŒrde, die den Lauf der Zeit verlangsamt, sie sind nichts Gutes.
Ich bin jung und mein Geist und Verstand stehen in ihrer BlĂŒte, und jedes Mal, wenn sie ihren Zenit erreicht zu haben scheinen, wird dieser kurz darauf durch einen noch höheren Höhepunkt ersetzt. Meine Gedanken und TrĂ€ume und GefĂŒhle lassen mich oft selbst erschrecken. Mein Leben ist ein ungeheures donnerndes Gewitter, ein hell strahlender Mond, eine sich entfaltende BlumenblĂŒte, eine wild lodernde Flamme.
Heute/Dann...fand ich beim Durchstöbern des Dachbodens ein GemĂ€lde. Meine Großmutter hatte einen Schlaganfall erlitten, ist seit dem halbseitig gelĂ€hmt, kann nicht mehr alleine essen und trinken und es ist eine Qual fĂŒr mich zuzuhören, wenn sie angestrengt versucht zu erzĂ€hlen.

Ihr ganzer Körper ist klein und zusammengeschrumpelt, verkĂŒmmert: Jede Leiche, die in einem Sarg liegt, ist schöner und lebendiger als sie. Wenn sie lacht, lache ich auch immer mit, um ihr zu zeigen, dass sie im Grunde doch noch ein normaler Mensch geblieben ist, doch innerlich weine ich ĂŒber das primitive und unlustige Lachen, das sie hervorbringt. - Wie sie vorher gewesen war, weiß ich fast nicht mehr, in meiner Erinnerungist sie schon immer in diesem Rollstuhl gesessen.

Das GemÀlde zeigte ein junges MÀdchen in meinem Alter. Es war, laut Datierung/Signierung (nicht Herstellungsdatum, ist ja keine Dose Ravioli) Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sein

Ihr Kopf war leicht zur Seite gedreht und ihr Blick nach unten gerichtet

Die rot glĂ€nzenden Haare waren kompliziert nach hinten aufgesteckt, so dass seitlich ihr liebreizender Nacken zur Geltung kam. Sie schien graziös, das was ich anmutig nennen wĂŒrde und wirkte auf wundersame Weise, ein wenig verfĂŒhrerisch auf mich. Auch schien sie einen gewissen adligen Touch zu haben. Sie war ein MĂ€dchen, wie ich es nie kennengelernt habe.

Auch die zierliche kleine Nase, die verfĂŒhrerisch halboffenen Lippen und die sanften grĂŒnen Augen unterstrichen nur diese einzigartige Anmut. Besonders die grĂŒnen Augen und die roten Haare, dann die bezaubernd frechen Sommersprossen auf dem zierlichen, nach innen gebogenen NĂ€schen: Vollkommene Anmut! Und erst dieser Blick! Man muss sich das einmal vorstellen!
Ich hatte mich auf den ersten Blick in diesen Kopf verliebt, unsterblich verliebt, wie man sich nur in seiner Jugend verlieben kann. Zuerst wollte ich das schöne GemĂ€lde im Wohnzimmer aufhĂ€ngen, aber ich nahm es nach reiflicher Überlegung in mein eigenes Zimmer, weil ich wollte, dass es mir gehörte und ich allein darĂŒber urteilen wollte. Ich wollte nicht, dass irgendwer das GemĂ€lde mit

Ich wollte sie allein fĂŒr mich haben und ich wollte sie jeden Morgen, wenn ich erwachte, bei mir haben/sie sehen
ich denke, das kann man gut verstehen, wenn man mich etwas versteht. Ich stellte es in meinem BĂŒcherregal ganz nach hinten, hinter die zehn BĂ€nde des Lexikons. Immer, wenn ich es betrachten wollte, schob ich die Lexika zur Seite und konnte es so ungestört studieren, wĂ€hrend ansonsten niemand es zu Gesicht bekam.
Ich schrieb viele Gedichte ĂŒber dieses schöne MĂ€dchen. Ich glaube, es stimmt, dass die Liebe zu einer Person mit der Entfernung von ihr zunimmt - so bleibt sie immer ein RĂ€tsel und Mysterium. Das MĂ€dchen und der Schöpfer des GemĂ€ldes waren fĂŒr mich das grĂ¶ĂŸte Mysterium meiner ganzen bisherigen Jugend. Ich ließ das MĂ€dchen in tausend Geschichten spielen und war stets unzufrieden, dass ich sie mit meinen Schilderungen nicht in ihrer ganzen Schönheit aufleben lassen konnte. Ihr Blick gab mir Hoffnung und Zuversicht, sie war fĂŒr mich eine ganze Welt. Und je lĂ€nger ich es betrachtete, desto unsterblicher verliebte ich mich in das alte GemĂ€lde.
(aber doch in das MĂ€dcvhen, mehr und mehr?)

Einige Jahre spĂ€ter saß ich in der Nacht vor meinem Schreibtisch und schrieb einen kleinen Gedanken ĂŒber Schönheit nieder. Nach einiger Zeit schob ich die Lexika zur Seite um das Bild noch einmal zu betrachten. Da klopfte es plötzlich unvermutet an meine TĂŒr und ungefragt kam meine Großmutter in ihrem Rollstuhl hereingerollt. Sie sah jetzt noch viel Ă€lter aus als damals, als ich sie geschildert hatte. In ihren Augen war ĂŒberhaupt nichts, sie waren nur noch grau und mĂŒde und trĂ€ge. Sofort hasste ich sie wieder, weil sie mich unterbrochen hatte, weil sie die TrĂ€gheit darstellte, die meinen Weg zur Wahrheit und meinem Weg an sich im Wege stand. Sie gab mir mit unbeholfenen und angestrengten Worten zu verstehen, dass ich ihr die Medizin machen solle, was ich an diesem Abend vergessen hatte. Ich hasste es, sie mit dieser scheußlichen Medizin zu fĂŒttern, die sie am Leben hielt! Am liebsten hĂ€tte ich sie aus dem Zimmer geschoben oder wĂ€re selbst irgendwo anders hingegangen.
Doch schließlich ging ich natĂŒrlich doch in die KĂŒche und holte diese Medizin und bereitete mich darauf vor, sie selbst fĂŒttern zu mĂŒssen - wie ich es hasste, sie zu fĂŒttern, die nicht einmal gefĂŒttert werden konnte, ohne zu sabbern. So kam ich nun mit der Medizin in der Hand ins Zimmer zurĂŒck. Doch da: Meine Großmutter saß vornĂŒbergebeugt in ihrem Rollstuhl und hatte die nichtgelĂ€hmte Hand schwach erhoben: Sie deutete auf das GemĂ€lde, das sie offenbar freudigbemerkt hatte. Minutenlang versuchte sie, mir mit Worten etwas mitzuteilen, doch - wie nicht selten - brachte sie nichts heraus und stockte nur von einem Versuch zum nĂ€chsten. Irgendwie schaffte sie es, mir verstĂ€ndlich zu machen, dass ich mir die RĂŒckseite des GemĂ€ldes ansehen solle. Also holte ich es - obwohl es mir zuwider war - aus dem Rahmen und sah mir die RĂŒckseite an. Darauf stand: \"Selbstbildnis\", dann ein Komma und dann eine schwungvolle, lebendige Signatur, die ich erst Tage spĂ€ter als die meiner Großmutter identifizierte.

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
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Danke euch beiden!

Lieber Stoffel,

ich werde mir deine VorschlÀge durchschauen und eventuell einbauen (falls sie in meine Vorstellung eines guten Schreibstils passen).

Liebe Gabi,

die weitgehende Weitschweifigkeit liegt wohl daran, dass ich die Geschichte nicht als Geschichte konzipiert hatte, sondern einfach aus dem spontanen (und recht provokativen) Anfangsgedanken eine ganze Geschichte gesponnen habe. Die ganzen Gedanken gehören in ihrem ganzen Umfang vermutlich nicht in eine Kurzgeschichte, weil sie meist nur Redundanzen sind.
Vielleicht wĂ€re es besser, die ganze Handlung umzustrukturieren: Beispielsweise, dass man mit der Beerdigung der Großmutter beginnt (wĂ€hrend der man durch das Verhalten der Hauptperson auf dessen Haltung gegenĂŒber Ă€lteren Menschen aufmerksam wird). Danach durchsucht die Person das Erbe und findet ein Bild von ihr. Dadurch ist der Effekt aber lĂ€ngst nicht so drastisch, wie er hĂ€tte sein können.
Allgemein glaube ich, dass man diese Geschichte mit ihrem Inhalt nicht in einer Kurzgeschichte gut zusammenfassen kann. Ich glaube, sie eignet sich mehr als Episode in einem Roman oder einer Nouvelle, weil in diesem Fall die Vorhersehbarkeit durch die KomplexitÀt sehr gering wird.
Ich werde mir den Ratschlag "mehr zeigen, weniger erklÀren" zum Herzen nehmen. (ich glaube, er ist gut)

Nicolas

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Stoffel
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Registriert: Jun 2002

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Hallo Nicolas,

sehe gerade, dass ich irgendwo vergessen habe das "b" zu schliessen und alles ist am Ende fett geschrieben, sorry.

Ja, fein. Vielleicht ist ja was dabei

lG
Frau Stoffel

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Perlentaucherin
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2003

Werke: 15
Kommentare: 36
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Hi Nicolas !
Ja , das Ende ist vorausschaubar ! Die Verallgemeinerung von alten Menschen als starrsinnige , nicht lebensfĂ€hige oder lebenswerte Geschöpfe widert mich zutiefst an. Bedenk ,mit deiner Einstellung wirste spĂ€ter auch so enden *g* , denn mit Sicherheit steckt in deinem Text ein FĂŒnkchen Wahrheit ĂŒber deine Auffassung von alten Menschen.
Werd lieber Autor von Kitschromanen , wĂŒrd dir besser stehen ! So wie du in langen schwĂŒlstigen Ausschweifungen ĂŒber deine Liebe zu dem "jungen MĂ€dchen" berichtet hast *g*


Viele GrĂŒĂŸe
Perlentaucherin
__________________
IE
"Genau in dem Moment,als die Raupe dachte,die Welt geht unter,wurde sie zum Schmetterling ."(Peter Benary)

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Gerrie
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Registriert: Not Yet

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Perlentaucherin
Hi Nicolas !
Ja , das Ende ist vorausschaubar ! Die Verallgemeinerung von alten Menschen als starrsinnige , nicht lebensfĂ€hige oder lebenswerte Geschöpfe widert mich zutiefst an. Bedenk ,mit deiner Einstellung wirste spĂ€ter auch so enden *g* , denn mit Sicherheit steckt in deinem Text ein FĂŒnkchen Wahrheit ĂŒber deine Auffassung von alten Menschen.
Werd lieber Autor von Kitschromanen , wĂŒrd dir besser stehen ! So wie du in langen schwĂŒlstigen Ausschweifungen ĂŒber deine Liebe zu dem "jungen MĂ€dchen" berichtet hast *g*


Viele GrĂŒĂŸe
Perlentaucherin

Hallo Nicolas, herzlichen GlĂŒckwunsch. Du schreibst stilistisch sehr schön, es ist ein Genuss, es so zu lesen. Gerade in dieser diametralen Bildbeschreibung erhĂ€lt deine Geschichte etwas sehr Kraftvolles, Unerhörtes, UnverschĂ€mtes, was aufhorchen lĂ€ĂŸt. Der aufmerksame Leser erkennt aber auch hinter den Zeilen deine persönliche Angst vor Alter und Tod, eine ganz natĂŒrliche Haltung, insbesondere in deiner Jugend. Das Leben, der Jugendwahn und die Erkenntnis des Sterbens. Weiter so! LG Gerrie

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