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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zeitgewinn
Eingestellt am 21. 09. 2007 17:48


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Gerade hat er in den Spiegel gesehen und hinter sich den Schatten einer Frau erkannt. „Noch nie“, sagt sie, „noch nie habe ich einen SĂ€ugling gesehen, der den Kopf eines so alten Greises hat.“ Aus dem Spiegel sieht ihn aus trĂŒben Augen ein alter Mann an, der ihm mit kurzen Kinderarmen zuwinkt.
Helmut Rasande liegt weder in seinem Schlafzimmer noch in seinem Doppelbett, das er mit Karin teilte. An einem Montagmorgen im vergangenen Jahr lag sie tot neben ihm. Die Herbstsonne scheint wie damals. Durch den Spalt im Fenstervorhang auf ihr blÀulich blasses Gesicht. Karin atmete einfach nicht mehr.
Erika – sie zogen vor ein paar Wochen zusammen - bewegt sich, lĂ€chelt ihn an. Vorsichtig wagt er sich zu strecken.
„Bleib ruhig liegen.“ Ihre Stimme klingt betont sanft.
Seit Monaten schlĂ€ft er schlecht, grĂŒbelt, schlĂ€ft ein/zwei Stunden, grĂŒbelt weiter. Wird er wach, ist er nie sicher, ob er nur vom Erwachen trĂ€umt.

Helmut verabscheut enge FahrstĂŒhle.
Die TĂŒr schließt sich unmittelbar, nachdem die junge Mutter den Kinderwagen mit ihrem lauthals schreienden kahlköpfigen Kind hinein schob. Helmut kann nicht entkommen.
Zudem bleibt der Fahrstuhl des wenig Vertrauen erweckenden, weil lange nicht mehr renovierten Wohnhochhauses genau zwischen dem 12. und 13. Stockwerk stecken. Der Telefonapparat im Lift, der dazu dienen soll, Hilfe herbeizurufen, ist tot und weder durch SchĂŒtteln noch durch Klopfen zum Leben zu erwecken. Ein roter Alarmknopf lĂ€sst sich drĂŒcken, löst aber keine Warnsignale aus.

Einer Kirche oder Sekte, die ihn zum unerschĂŒtterlichen GlĂ€ubigen machen könnten, hĂ€ngt Helmut nicht an. Er versucht zu glauben. Zum Beispiel an das Göttliche des AllmĂ€chtigen, fĂŒr ihn ein stĂ€ndiger Geschwindigkeitsmachtrausch. Gott kann in unglaublicher Geschwindigkeit machen, was er will.
Helmut sucht zwischen GefĂŒhl und Vernunft Kompromisse, Altersweisheit, die ihn davor bewahren soll zu altern.
Obwohl beinahe siebenundsechzig, mag er es weder langsam noch lauwarm. Seinen Fahrstil passte er seinem Alter an. Hut trĂ€gt er beim Fahren selbstverstĂ€ndlich nicht. Doch kaum entdecken jĂŒngere Verkehrsteilnehmer seinen silbergrauen Haarschopf hinter dem Lenkrad, bedienen sie die Lichthupe, fahren nah auf und versuchen, selbst in heikelsten Situationen ihn möglichst noch rechts zu ĂŒberholen.

Die Mutter, KopftuchtrĂ€gerin, klein, dunkelĂ€ugig, offenbar TĂŒrkin, sieht zu Boden und schaukelt schweigend Kinderwagen und schreiendes Kind.
Er versucht es mit tolerierendem LĂ€cheln. Zu seinem Erstaunen erwidert es die Mutter.
Auf die brĂŒllende Göre hat ihr gemeinsames LĂ€cheln keinerlei beruhigenden Einfluss. Verzweifelt drĂŒckt Helmut Rasande auf alle Knöpfe, die er im Fahrstuhl findet. Der Lift bewegt sich nicht. Der kleine Dunkelhaarige mit dem kreisrunden Schallloch in mitten seines hochroten Kopfes strampelt, rudert mit beiden Armen, windet sich wild in seinem schaukelnden Wagen hin und her.
Noch einmal drĂŒckt Rasande auf den roten Knopf, sieht auf die Uhr und stellt fest, bereits mindestens fĂŒnf Minuten zu spĂ€t zu Erika zu kommen, mit der er im 15. Stock des wenig Vertrauen erweckenden Hochhauses wohnt. Wut sticht ihn in die Magengegend. Er hebt die rechte Faust, lĂ€sst sie sinken, tritt mit dem Fuß gegen den Kinderwagen. Der Schreihals hĂ€lt inne, kreischt danach noch lauter. Seine Mutter lĂ€chelt vor sich hin.
WĂŒtend sieht Helmut auf ihr rot geblĂŒmtes Kopftuch herab.
Sie ĂŒberlĂ€sst dem Kleinen ihren Zeigefinger, an dem der gierig zu saugen beginnt.
Helmut Rasande ballt beide FÀuste, vergrÀbt sie in den Taschen seines Anoraks. Die Mutter sieht einen Moment lang lÀchelnd zu ihm auf.
In dem Augenblick lĂ€sst der Kleine von ihrem Zeigefinger ab und beginnt wieder zu brĂŒllen.

Helmut weiß nicht mehr ganz genau, was er tat. Wahrscheinlich nahm er das Kind hoch und warf es in den Wagen zurĂŒck. Die Mutter wollte ihn daran hindern. Er stieß sie zurĂŒck, sie rutschte aus. Der Fahrstuhl setze sich in Bewegung.
Als die FahrstuhltĂŒr sich öffnete, floh die Mutter schreiend in den langen Flur des 15. Stockwerks. WohnungstĂŒren öffneten sich spaltweit, dahinter erkannte er verschreckte Gesichter.
Eine TĂŒr wurde aufgerissen.
Der breitschultrige dunkelhaarige Kerl schlug sofort zu. Ein paar Mal. In sein Gesicht.
Als Helmut aufwachte, lag er in ihrem schmalen Doppelbett. Erika neben ihm richtete sich auf. „Bleib ruhig liegen“. Sie lĂ€chelte. „Du hast alle Zeit der Welt.“ Vorsichtig streichelte sie seinen nackten Oberarm und er spĂŒrte die Zeit.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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