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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zeitnebel
Eingestellt am 28. 12. 2007 19:25


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moehrle
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Zeitnebel

I.
Sie kamen. Immer n├Ąher. Er konnte sie sp├╝ren. Irgendwo im Nebel zwischen den B├Ąumen, oder auf den B├Ąumen selbst lauerten sie. Suchten sie nach ihm. Er duckte sich und robbte vorw├Ąrts. Der Nebel und der dichte Bodenbewuchs gaben ihm so die beste Deckung. Dornen brachten die Haut an seinen Handfl├Ąchen zum Platzen und sein Blut zum Flie├čen. Er sp├╝rte keinen Schmerz, noch nicht, und schleppte sich weiter.
Stimmen. Von irgendwoher. Durch den Nebel und die dicht zusammenstehenden B├Ąume war es unm├Âglich ihre Position zu bestimmen. Sie schienen ihm vertraut und gleichzeitig aus einer anderen Welt zu kommen. Ihm war, als k├Ąmen sie von ├╝berall. Vielleicht kamen sie es auch.
Er sprang auf, von pl├Âtzlicher Panik erfasst, und rannte los, obwohl er kaum seine blutigen H├Ąnde vor Augen h├Ątte sehen k├Ânnen. Nach ein paar Metern stolperte er ├╝ber eine aus dem Boden herausragende Wurzel und schlug der L├Ąnge nach hin. Ein bohrender Schmerz durchzuckte seine H├╝fte. Diesmal sp├╝rte er den Schmerz mit unbarmherziger Klarheit. Sekundenlang war er nicht in der Lage irgendetwas anderes zu sp├╝ren.
Mit dem Gesicht im Waldboden lag er da und wollte liegen bleiben, doch diesen Luxus konnte er sich nicht leisten. Ein atavistischer Trieb befahl ihm aufzustehen und weiterzulaufen. Er tat es, doch er kam nicht weit. Nach zwei oder drei Metern gaben seine Beine nach und er kippte zur Seite, landete unsanft auf der ohnehin schmerzenden H├╝fte. Der Schmerz war noch schrecklicher als zuvor. Er konnte sich nicht erinnern jemals solche Schmerzen gehabt zu haben. Angestrengt versuchte er sich umzudrehen, um wenigstens etwas Druck von seiner H├╝fte zu nehmen. Er sah hoch zu den Baumwipfeln, die im tiefen Nebel lagen. Der Wald, der schon manches kommen und gehen gesehen hatte, nahm keinerlei Notiz von ihm.

II.
Er sagte sich, dass dies alles nur ein Traum sein k├Ânnte. Sein m├╝sste. Gleich w├╝rde er aufwachen und dann... Und dann !? Mit Schrecken wurde ihm klar, dass er weder wusste wo er war, noch wie er hierher gekommen war. Er wusste nichteinmal mehr, wer er war.
Hatte er dies vorhin noch gewusst ?
Der urzeitliche Trieb tief in ihm schrie ihn an, er solle endlich aufstehen und weiterlaufen, doch er weigerte sich ihm zu gehorchen. Solange seine Fragen unbeantwortet blieben, machte es f├╝r ihn keinen Sinn zu laufen. Warum sollte er laufen, wenn er nicht einmal wusste wovor er weglief und wer er selbst eigentlich war?
All diese, ach so menschliche Logik, wurde von dem Reptilienteil seines Hirnes niedergebr├╝llt. Ohne es zu wollen richtete er sich auf und setzte sich in Bewegung. Langsamer als zuvor zwar, aber stetig weiter durch den Nebel
Er wusste nicht ob er in dieselbe Richtung lief wie zuvor und der Stimme in ihm war es egal. Hauptsache du bleibst in Bewegung, mach dir um den Rest keine Gedanken, schien ihm diese Stimme zu sagen. So lief er immer weiter in den Wald hinein. Oder aus ihm hinaus. Nicht einmal die Sonne, oder die Sterne konnten ihm als Orientierungspunkt dienen. Er taumelte. Wie ein betrunkener Blinder, mit sch├╝tzend erhobenen H├Ąnden, irrte er durch den Nebel.
Pl├Âtzlich zerrte etwas an ihm, riss ihn zur├╝ck und holte ihn fast von den Beinen. Panische Angst packte ihn. Seine Verfolger, wer immer sie waren, hatten ihn gefasst.
Er drehte sich nicht um, sondern versuchte sich loszurei├čen, mit aller Kraft. Wie ein Hund an der Leine. Doch seine Kraft war beschr├Ąnkt, die Schmerzen in seiner H├╝fte hinderten ihn. Es war aus, er hatte keine Chance.
Ohne Hoffnung und ohne Neugier drehte er sich um, um seinem Tod entgegenzutreten. Es war niemand da. Es dauerte ein paar verwirrte Sekunden, bis er feststellte, dass niemand ihn festgehalten hatte. Er war an einem Ast h├Ąngen geblieben. Eigentlich war er es nicht einmal selbst, sondern etwas was um seine Schultern hing. Etwas was er zuvor nicht bemerkt hatte. Ein schmaler Gurt, an dem ein zierliches, aber schweres Pr├Ązisionsgewehr hing.
Wieder versp├╝rte er sprachloses Entsetzen. Geh├Ârte es ihm ? F├╝r welchen Zweck war es gedacht ? Und vor allem: Wer war er ? Wer zur H├Âlle war er ??
Er blieb stehen, minutenlang, ohne es zu merken. Ein Gef├╝hl von Deplatziertheit hatte ihn eingeh├╝llt wie der Nebel selbst. All das konnte nicht real sein, sagte er sich immer wieder. Es war nur ein Alptraum. Doch die Stimmen, die er h├Ârte schienen so echt.
Alptraum oder nicht, er musste weiter. Allein schon um den atavistischen Trieb in sich zu befriedigen. Und um die kalte, bet├Ąubende N├Ąsse zu vertreiben, die an seinem K├Ârper nagte.
Er schleppte sich weiter, bald lief er sogar wieder. Sogar die Schmerzen in der H├╝fte schienen einen Moment lang verschwunden. Er sp├╝rte nur K├Ąlte. Erbarmungslos und einschneidend. Das Gewehr hatte er abgeschnallt und hielt es sch├╝tzend vor sich. Wenn seine Feinde, wer oder was sie auch immer waren, kommen w├╝rden, w├╝rde er versuchen sich so teuer wie m├Âglich zu verkaufen.

III.
Der Nebel schien lichter zu werden. Immerhin konnte er jetzt sogar den Boden unter seinen F├╝├čen erkennen, was das Laufen deutlich vereinfachte. Ihm kam eine Idee. Er hielt an, sah sich kurz um, und inspizierte seine Jacken- und Hosentaschen. Zu seinem Erstaunen fand er ein Taschenmesser, Munition und was er gehofft hatte zu finden. Ein Handy.
Er ├Âffnete das Klapphandy, wie er Verhungernder eine T├╝te Kekse ├Âffnen w├╝rde und starrte das Display an. Auch wenn es augenscheinlich sein Handy war, kam ihm nichts an diesem Ger├Ąt bekannt vor. Er suchte und fand das Nummernverzeichnis und bl├Ątterte darin herum. All die Namen, die darin gespeichert waren riefen in ihm nur Ratlosigkeit hervor. Er w├Ąhlte den ersten Namen, Adams, an und dr├╝ckte die W├Ąhltaste. Er lauschte.
Nichts geschah. Kein Freizeichen, keine Bandansage, nichts. Er beendete den W├Ąhlversuch und sah noch einmal auf das Display. Kein Empfang. Nicht einmal ein einziger Balken. W├╝tend warf er das Ger├Ąt auf den Waldboden und lief weiter, aus dem Nebel hinaus.
Von irgendwoher h├Ârte er leise Musik. Er war sich fast sicher sie w├╝rde nur in seinem Kopf existieren, doch je weiter er den Nebel hinter sich lie├č, desto lauter und klarer wurde die Musik. Es war eindeutig Musik. Er konnte Blasinstrumente und Pauken raush├Âren, sie schienen einen Marsch zu spielen. Nur kurz fragte er sich, warum mitten im Wald, in einer Ein├Âde in der es nichteinmal Handyempfang gab, Musik gespielt wurde. Die Frage wurde in seinem Kopf ersetzt durch den Drang so schnell wie m├Âglich die Quelle der Musik zu erreichen.
Dann sah er die Sonne. Zwischen den B├Ąumen funkelte sie in den Nebel hinein. Er erkannte, das ein St├╝ck vor ihm der Waldrand lag, oder zumindest eine Lichtung. Von dort schien auch die Musik zu kommen.
Jetzt wo er ein Ziel hatte, beschleunigte er seinen Schritt nochmals und wurde auch nicht langsamer, als die Schmerzen in seiner H├╝fte wieder zu pochen begannen. Er glaubte dort Antworten finden zu k├Ânnen. Irgendetwas sagte ihm, dass er das w├╝rde. In der Ferne, dort wo er den Waldrand vermutete, entdeckte er eine Stelle die ihm seltsam vertraut vorkam. Ein Platz zwischen zwei gro├čen, alten B├Ąumen, auf dem eine dichte Hecke wuchs.
Irgendetwas an dieser Stelle wirkte wie ein Magnet auf ihn. Mit dem erhobenen Pr├Ązisionsgewehr lief er darauf zu und blendete alles andere aus. Die B├Ąume, die lauter werdende Musik, die Stimmen um ihn herum, die K├Ąlte und die Schmerzen. Dort zwischen den B├Ąumen w├╝rde er Antworten finden, dort w├╝rde er sich selbst finden.

IV.
Er stand vor dieser wild gewucherten Hecke, die er schon einmal gesehen zu haben glaubte. Ihm war als h├Ątte er sie in seinen Tr├Ąumen gesehen. Erlebte er hier gerade ein Deja-vu ? Ohne es selbst zu merken hatte er sein Gewehr in Schussstellung gebracht. Das Geb├╝sch war zu hoch, als das er h├Ątte sehen k├Ânnen, was dahinter lag. Er z├Âgerte kurz, dann versuchte er sich durch das Ge├Ąst zu k├Ąmpfen. Die d├╝nnen, festen ├äste zerkratzten sein Gesicht, doch er sp├╝rte die Schmerzen nicht, denn in wenigen Sekunden w├╝rde er...
Er sah es. Er sah alles mit erschreckender Klarheit vor sich. Die Musik, die Stimmen, nun machte alles Sinn und trotzdem war das Szenario vor ihm so widernat├╝rlich, dass er fast in Ohnmacht gefallen w├Ąre.
Vor ihm, etwa hundert, vielleicht auch zweihundert Meter, lag eine Autobahn. Die Rasenfl├Ąchen um die Fahrbahnen herum waren von hunderten Menschen bev├Âlkert. Einige standen johlend und klatschend in unmittelbarer N├Ąhe zu ihm. Auf den Standstreifen waren Blaskapellen aufgereiht, die pomp├Âse Marschmusik spielten. Und Soldaten, unz├Ąhlige Soldaten. Viele von ihnen schwenkten Fahnen. Er erkannte nicht sofort das Symbol auf diesen Fahnen, aber als er es tat, wurden seine Knie weich und er musste sich niederknien.
Es waren Hakenkreuze. ├ťberall Hakenkreuze.
Die Menschen jubelten einer Fahrzeugkolonne zu, die sich gem├Ąchlich die Stra├če entlangschob. Die Autos waren fast identisch. Altert├╝mliche, schwarze Ungeheuer, die wie b├Âsartige Rieseninsekten aussahen. Nur das vorderste Auto stach hervor, es war ein Cabrio. Auf H├Âhe der R├╝ckbank stand der Mann, dem alle Menschen zujubelten. Adolf Hitler. Mit angewinkeltem, rechtem Unterarm gr├╝├čte er in die Menge.

V.
Er sp├╝rte etwas, was sich wie ein Schlag in die Hoden anf├╝hlte. Ihm blieb die Luft weg, denn er wusste, dass er nicht das sehen konnte, was er zu sehen glaubte. Die Nazis und ihr F├╝hrer waren seit ├╝ber siebzig Jahren vernichtet, soviel war klar. Trotzdem glaubte er sie hier und jetzt vor sich zu sehen, was absolut unm├Âglich und verr├╝ckt war.
Die Autobahn, die Menschenmassen, die Autos, die Fahnen, all das verschwamm vor seinen Augen zu einer einzigen tr├╝ben Masse. Erst als sein Blick wieder klarer wurde, bemerkte er, dass er das Gewehr angelegt und das Zielfernrohr justiert hatte. Klar und deutlich konnte er jetzt den gr├╝├čenden Hitler in seinem Fadenkreuz sehen.
Etwas befahl ihm abzudr├╝cken. Jetzt, genau jetzt. Doch der F├╝hrer war bereits tot, und seine Genitalien wurden in irgendeinem russischen Milit├Ąrarchiv aufbewahrt. Der F├╝hrer war tot und das Dritte Reich ebenso. Nebel der Geschichte, unwiederbringlich.
Der Drang abzudr├╝cken wurde trotzdem fast unmenschlich. Gerade in dem Moment als er den Abzugshebel so weit gedr├╝ckt hatte, dass es ein paar Millisekunden sp├Ąter kein Zur├╝ck mehr gegeben h├Ątte, platzte etwas in seinem Kopf. Ein Nebelvorhang verschloss seinen Blick und lie├č Hitler verschwinden. Er st├╝rzte nach vorne in eine tiefe Ohnmacht, aus der er nie mehr erwachte.

ENDE

__________________
moehrle

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