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Leselupe.de > Kurzprosa
Zeitreise
Eingestellt am 29. 03. 2011 12:21


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ThomasStefan
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Zeitreise



Wie lange ist es eigentlich her, dass ich mit dieser Buslinie, der A4, fuhr? Vierzig Jahre, oder doch eher f├╝nfzig? Jedenfalls war ich ein Schulkind in Berlin und musste quer durch die Stadt von Neuk├Âlln bis in den Tiergarten fahren, um diese verdammte Elitenschule besuchen zu k├Ânnen. Zum Gl├╝ck nicht lange, wir haben die Stadt alsbald verlassen, wegen der vielen politischen Krisen, damals, in den Sechzigern.

Seinerzeit hatte ich eine Monatskarte, mit Wertmarken freigemacht, sie baumelte um den Hals. Heute st├╝rzen mit mir viele in den Bus, durch alle T├╝ren. M├╝ssen die nicht zahlen? Nur ich Bl├Âdmann bleche vorn beim Fahrer. Haben die anderen alle schon Karten, oder fahren sie schwarz?

Diese Doppeldecker gibt es immer noch, und auch der Geruch ist der gleiche geblieben, ich habe ihn wieder in der Nase. Doch alles andere hat sich ver├Ąndert: Die meisten Menschen, die ein- und aussteigen, haben, wie man heute sagt, einen Migrationshintergrund, deutlich mehr als bei uns in der Provinz. Vielleicht t├Ąusche ich mich diesbez├╝glich. Einige der Frauen tragen Kopftuch, aber die meisten auf eine recht flotte Weise, nur wenige sind sittsam-streng gekleidet. Man sp├╝rt, diese Gruppen sind einander v├Âllig gleichg├╝ltig, auch schwingt ein klein bi├čchen Verachtung mit. Und dann diese blutjungen, grell geschminkten M├Ądchen, 12 oder 13 sind sie h├Âchstens. Alle bewacht von flotten Jungs, dunkle Typen, Basecap, Goldkettchen. Sind es die Br├╝der oder schon die Freunde? Gab es das damals schon, zu unserer Zeit? Tja, wer so fragt, ist alt, ich mu├č es mir eingestehen.

Einige steigen mit dem Handy am Ohr ein und sp├Ąter wieder aus, quatschen unaufh├Ârlich. Das Leben - eine einzige Flatrate. Mir gegen├╝ber knutscht ein P├Ąrchen ganz heftig, beide ziemlich jung. Alle sollen es sehen. Das erinnert mich an meinen ersten Ku├č, hier in solch einem Bus.
Sieben oder acht Jahre alt war ich, und er kam urpl├Âtzlich zustande, nat├╝rlich nur auf die Wange. Ein richtiger Schmatz, von einer Schulkameradin. Die strahlte danach wie nach einem gelungenen Streich. Ich dagegen bin ganz schnell ausgestiegen. Nat├╝rlich habe ich keinem davon erz├Ąhlt. Und ich bin nie wieder mit ihr Bus gefahren.

Ich schaue nach drau├čen, wir fahren den Columbiadamm entlang. Links das Schwimmbad, in dem ist oft mit meinem gro├čen Bruder gewesen bin. In den Schwimmpausen lagen wir auf breiten Betonstufen in der prallen Sonne, und manchmal genehmigte er sich eine gro├če Konservendose mit Pfirsichen - Peaches, original aus Amerika. Erst wurde sie mit dem Taschenmesser aufgesto├čen, der Zuckersaft ausgetrunken, dann die Dose ganz ge├Âffnet und die Pfirsiche verspeist/verschlungen. Das mu├č er sich dort von anderen abgeguckt haben. Heute wird mir schlecht bei dem Gedanken.

Auf der rechten Seite gab es damals einen Tennisclub, in dem ich B├Ąlle gesammelt habe, entweder nur zum Spa├č, oder f├╝r eine kleine Tafel Schokolade oder einen F├╝nfziger - gemeint ist nat├╝rlich die geriffelte M├╝nze, die mit er knieenden Frau. Ein St├╝ck weiter kommt der Flughafen Tempelhof. Das Luftbr├╝ckendenkmal streckt immer noch seinen Krallen in den Himmel. Und etwas weiter, Mehringdamm. Hier habe ich den kleinen, batteriebetriebenen Roboter bekommen, mein Abschiedsgeschenk aus Berlin. Ich, zehn Jahre alt, war so unendlich traurig, diese Stadt verlassen zu m├╝ssen.

Die Strecke dahinter sagt mir nichts mehr, die Erinnerung ist inzwischen weg. Endlich erreichen wir den Tiergarten, ich steige aus. Es ist nicht mehr meine Stadt. Ich f├╝hle mich wie ein entfernter Verwandter aus Amerika, der ÔÇ×HelloÔÇť sagt - doch niemand guckt.

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