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Zeitverluste
Eingestellt am 12. 10. 2007 17:46


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Gino Pilfert bescheinigt den Deutschen ein gestörtes Verhältnis zur Zeit, ansonsten würde es nach seiner Ansicht in der deutschen Sprache nicht jenes grässliche Wort Zeitvertreib geben. Vermutlich will er warnen, denn es ist menschlichem Kontaktverhalten höchst abträglich, Zeit in die Flucht zu schlagen. Wenn der „homo sapiens“ etwas nötig für seine gegenseitigen Beziehungen braucht, dann doch wohl ausreichend Zeit dazu.
Zeitverluste können ihn verdammt einsam machen.

Nun treten aber gerade in der Population gemäßigter Breiten – also in deutschen Landen – fleißige Macher und Exportweltmeister, die noch nicht einmal Zeit für sich haben, unverhältnismäßig häufig auf. Der gelassen in der Sonne dösende Dolce-vita-Zeitgenosse verbringt sein von unnötigen Machenschaften freies Dasein eher in Gebieten, die dem Äquator unseres Planeten ein Stück näher liegen.
Möglicher Weise ist deswegen in mediterranen Ländern Gastfreundschaft wesentlich häufiger anzutreffen, denn hier nimmt sich man und frau offenbar erheblich mehr Zeit für sich und seine Zeitgenossinnen und –genossen.
Immerhin ist es für deutsche Touristen unglaublich zu beobachten, wie etwa in Italien oder Griechenland zwei in jeweils die andere Richtung fahrende Autos plötzlich nebeneinander halten und dadurch die Straße versperren, nur, damit sich ihre Fahrer angeregt und Zeit nehmend unterhalten können.
Stehen mediterrane Fahrer hingegen unmittelbar vor einer Verkehrsampel, die gerade auf grün springt und geben nicht umgehend Gas, haben sie hinter sich ein Ohren betäubendes Hupkonzert zu erwarten.
Den beiden ins Gespräch vertieften Autoinsassen hingegen gewähren alle Fahrer nachfolgender Autos ungewöhnlich lange huptonfreie Zeiten.
Gemeinschaftsstiftende fundamentale Bedürfnisse wie Essen und Trinken bekommen in mediterranen Gefilden den Charakter ausufernder Feiern, während in den eher gemäßigten Breiten der USA ein „fast food“-Mahl allenfalls den Anschein einer notwendig-lästigen Verrichtung erweckt.
Ein allgemeiner Geschwindigkeitsrausch (in Deutschland gibt es natürlich auch bis auf weiteres keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung für Kraftfahrtzeuge) steht offenbar jenen entgegen, die sich Zeit lassen wollen. Der Eindruck von Geschäftig-, Unentbehrlich- und Wichtigkeit, übervolle elektronische Terminplaner und jenes „Es tut mir Leid, hab’ keine Zeit“ erhöht die persönliche Bedeutung ungemein. Der „Eigentlich-brauche-ich-endlich-einmal-Zeit-für-mich“- Stoßseufzer einer Karrierefrau zeugt von ihrer einzigartigen Nützlichkeit für die Aufgabe, die außer ihr selbstverständlich keine/r erledigen könnte. Und der lapidar geäußerte männliche Glaube, die Familie kenne ihn vermutlich kaum noch, erhöht das Prestige des gehobenen sich vollkommen für die Firma aufopfernden Managers, der zudem den Verdacht Workoholiker zu sein, lächelnd, aber entschieden von sich weist. Wahre Aufgaben erfordern halt den ganzen Mann….
Bei sexuellen Kurzzeitbeziehungen gehört der Quicky inzwischen längst zur gebräuchlichen Begegnungs- und (siehe Boris Beckers Besenkammer) möglichen Begattungsform.
Auch die asexuelle Begegnung, die häufig mit der inzwischen weit verbreiteten Abschiedsfloskel „Man sieht sich“ endet, beweist, man wolle allenfalls für Augenblicke beisammen sein.
Und selbstverständlich bevorzugt unser individualistischer Single-Freiheitskult schnell vorübergehende Beziehungen. Immer häufiger wechselnde Lebensabschnittspartner und –partnerinnen ersetzen die Frau oder den Mann fürs Leben. Und selbst ein Mitglied der bayrisch-konservativ und vorwiegend katholisch geprägten CSU, zudem Landrätin und vorübergehend Mitbewerberin für den Parteivorsitz, schlägt vor, die Ehe auf nur noch sieben Jahre zu begrenzen.
Kaum Zeit also für Beziehungen und schon gar nicht für länger andauernde… ?

Dem „global player“, der sich nirgendwo auf Dauer niederlassen kann und will, weil ihn ständig neue und scheinbar spannende Aufgaben auf einem immer wieder anderen Kontinent erwarten, muss fortwährend Kollegen, Nachbarn, Bekannte, Geliebte oder beginnende Freundschaften verlassen können. Den „homo sapiens“ löst ein „homo peregrinator“ (lat.: im Ausland reisenden) ab, dem offenbar bereits ein Teil der Gegenwart und vor allem die Zukunft gehört.
Nun gut, ganz ohne Kontakte ist er auch nicht. Allerdings stellt er sie virtuell oder per Telefon, Handy und Fax her. Und muss er tatsächlich einmal länger einem richtigen Menschen begegnen, wird er dafür einen Volkshochschulkurs mit Selbsterfahrung, einen Psychotherapeuten oder einen Coach finden, aber nicht unbedingt einen Menschen an sich und vollkommen privat.
Doch selbst jene professionellen Kommunikationsexperten müssen ihre Beziehungserfahrungen irgendwo machen. Aus dem Internet werden sie allenfalls theoretische Erfahrungsberichte herunterladen oder sich über Computersimulationen kundig machen können. Reale Privatpersonen, die sich wirklich Zeit für sie nehmen wollen, gibt es nur noch in sogenannten Entwicklungsländern. Seine Frau weiß das längst, ist „global player“ auf ihre Art, fährt allein in Urlaub und lässt sich an irgendeinem tropischen Strand von einem liebenswerten Einheimischen verführen.

Integrationsexperten warnen ständig vor Parallelgesellschaften in deutschen Landen. Ihre Mitglieder gehen sich möglichst aus dem Weg. Nachweisbar führe das zu Vorurteilen und Feindbildern, zu Entfremdung und Gewalt und befördere möglicher Weise Kriege auslösende Missverständnisse und Terrorismus.
Integration brauche vor allem Zeit, las ich neulich in einem Aufsatz einer unzweifelhaft wohl meinenden Politikerin mit sogenanntem Migrationshintergrund.
Recht hat sie! Ganz sicher! Obwohl gerade sie als international agierende Politikerin zu den unter Zeitmangel agierenden „global players“ gehört, die längst im Zeitalter des geschwindigkeitsberauschten „homo peregrinator“ angekommen sind.

Wirtschaftsunternehmen handeln nach dem Grundsatz „Zeit ist Geld“ und sparen Arbeitszeiten und Menschen ein. Nicht von ungefähr teilen sich in der Politik vor allem Finanz- und Wirtschaftspolitiker (und damit Banken und Wirtschaftsunternehmen) die Macht.

Viele Mütter und Väter müssen oder wollen für das Ein– und Auskommen einer Familie inzwischen beide arbeiten. Zwangsläufig haben sie nicht genügend Zeit, die sie ihren Kindern widmen könnten. Die wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf familienpolitisch bejubelte Kinderbetreuung in Kindertagesstätten litt in den letzten Jahren wegen angeblich notwendiger Sparmaßnahmen unter personellen Einschränkungen und der Erweiterung der Kinderzahlen pro Erzieherin. So haben Erzieherinnen immer weniger Zeit für das einzelne Kind. Und in dem auch so ungeheuer wichtigen deutschen Bildungswesen führen große Schulklassen und Lehrermangel zu den gleichen Problemen.

Wer nicht mit Zeit fĂĽr sich und seine Mitmenschen Zeit investiert, wird in Zukunft nicht nur Zeit sondern auch Menschliches vertreiben.
Somit droht in unseren gemäßigten Breiten nicht nur jene Klimakatastrophe durch Erderwärmung sondern auch eine des zwischenmenschlichen Klimas. Die allerdings nicht wegen Erwärmung sondern wegen zunehmender Gefühlskälte.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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