Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5471
Themen:   93014
Momentan online:
320 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Theoretisches
Zeitwahrnehmung und Lyrik
Eingestellt am 30. 06. 2016 19:23


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
HerbertH
???
Registriert: May 2007

Werke: 866
Kommentare: 6489
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HerbertH eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

quote:
"Bei drei Vierteln aller Gedichte besteht eine Verszeile aus zehn bis vierzehn Silben - gesprochen dauert das zwei oder drei Sekunden."

So steht zu lesen in einem Beitrag der Berliner Zeitung, der auf einer Untersuchung von Ernst Pöppel basiert.

Grund fĂŒr dies erstaunliche Ergebnis ist eine Taktung unseres Gehirns, wie auch in obigem Beitrag nachzulesen ist:

quote:
Doch was empfinden wir als "Gegenwart" - wie lange dauert ein mit Sinn erfĂŒllter Augenblick? Pöppel zufolge sind es zwei bis drei Sekunden.

Dieses neurophysiologische Untersuchungsergebnis hat Einfluß auf die Lyrik:

quote:
Offenbar, so Pöppel, benutzten Dichter unbewusst einen festgelegten Rhythmus, um sich auszudrĂŒcken."Auch beim ,normalen Sprechen macht der Redende alle zwei bis drei Sekunden eine Pause, um die darauf folgenden Worte zu wĂ€hlen", sagt der Forscher. Da das GegenĂŒber im gleichen Rhythmus zuhöre, seien zwei Menschen, die miteinander sprechen, im Normalfall perfekt aufeinander abgestimmt.

Dies erklÀrt auch, dass sich viele Gedichte besser erschliessen, wenn man sie laut liest. Oft wird ein scheinbar schwieriges Gedicht dadurch viel verstÀndlicher, weil man sich beim Vorlesen auf die Taktung intuitiv einlÀsst, die auch den Dichter beim Schreiben geleitet haben mag.

Das wirft eine interessante Frage auf:

In welchem Zusammenhang steht der Zeilenumbruch zu dieser Taktung?

Beim lauten Lesen gibt es eine Art Kontrapunkt zwischen den ZeilenumbrĂŒchen und der zeitlichen Taktung: Die ZeilenumbrĂŒche entfalten in Zusammenhang mit der Taktung eine neue QualitĂ€t.





__________________
© herberth - all rights reserved

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

Werke: 2256
Kommentare: 11123
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Bernd eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Es gibt dabei auch die Frage, ob der Zeilenumbruch synchron lĂ€uft oder den "natĂŒrlichen" Rhythmus unterbricht.
Und wie liest man es dann? Übergeht man den Zeilenumbruch oder betont man ihn?
Das wird durchaus unterschiedlich gemacht.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

Bearbeiten/Löschen    


HerbertH
???
Registriert: May 2007

Werke: 866
Kommentare: 6489
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HerbertH eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vermutlich liest jeder so, dass er das Zeitintervall fĂŒr den Sinnzusammenhang beachtet. Allerdings kann man auch kĂŒrzere SinnzusammenhĂ€nge verwenden, z.B., wenn man inhaltlich ĂŒber eine Zeile stolpert. Dadurch fĂ€ngt man dann mit dem Zeitintervall mitten in der Zeile an, was bei Emjambements hĂ€ufiger auftauchen dĂŒrfte.

Gerade bei moderner Lyrik sind die ZeilenumbrĂŒche oft "gegen den natĂŒrlichen Rhythmus" gewĂ€hlt, um den Leser auf andere Deutungsebenen zu bringen.

Wenn ich solche Gedichte lese, erschließt sich mir der - fĂŒr mich - hauptsĂ€chlich gemeinte Sinn fast nur beim lauten Lesen.
__________________
© herberth - all rights reserved

Bearbeiten/Löschen    


Mondnein
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2014

Werke: 520
Kommentare: 3520
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mondnein eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
synÀsthetischer PrÀsens-Knoten

Hochinteressant!
Mir geht es so, daß ich mit dem Schreiben und Lesen von Versen auch ein in mir nachhallendes Schriftbild verbinde, vergleichbar einer Schlagzeile, einem GeschĂ€ftsnamen, einem Propaganda- oder mittelalterlichen Engel-Spruchband.
Dieser Imaginations-Nachhall oder -Nachklang entspricht wahrscheinlich auch dem, was ein musikalisches Motiv in der facultas imaginandi (Einbildungskraft, ein von Kant in der Kritik der reinen Vernunft gern gebrauchter Begriff) anrichtet.

Ja, so weit reicht die "Gegenwart".
Es ergibt sich - zumindest ahne ich es - ein Zusammenhang zwischen der SynĂ€sthesie von gelesenem Vers (vor allem wĂ€hrend des Schreibens, wenn ich ihn mir erst "vorstelle"), akustischer Versmelodie, gestischer Ausdrucks-Bewegung und zeitlicher VerfĂŒgung, fast noch "Unmittelbarkeit" solcher Einheiten.
Und - das ist der Clou: die Bedeutung der Reime und aller anderen Stilmittel, die Entsprechungen knĂŒpfen (wie Parallelismen, Chiasmen, Antithetische Polarisierungen usw.), bekommt ein ganz neues Gewicht.
Zu dieser SynÀsthesie der Sinnesdimensionen des Verses selbst kommen noch die SynÀsthesie
1. des inneren Films (FĂŒllung der Vers-Imagination mit Phantasie)
2. der Musik, in der es ĂŒber die Satzmelodie hinaus melodisch fließt, bis hin zu Vertonungen
und 3. der personalen Rollen (Lyri usw.), die sich in den Versen ausdrĂŒcken.


__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Theoretisches Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!