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Leselupe.de > Kurzprosa
Zerbrochen
Eingestellt am 04. 02. 2008 21:08


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Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

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ZERBROCHEN

As the world falls away
And I can’t find a reason, as the world turns to grey

Seether, “World falls away”



Ich sitze auf einem Balkon, ein paar hundert Meter ĂŒber dem Erdboden. Es ist heiß. Die Sonne brennt von einem völlig ausgewaschenen, gelblichen Himmel herab. Die Luft riecht nach Staub, verrostetem Metall und alten Leinen, die unter mir aus dem Boden wachsen wie verzerrte BĂ€ume. Sie hĂ€ngen an dunklen Streben und Masten und flattern im böigen Wind wie Segel, die man aufgehĂ€ngt und wieder vergessen hat. Ein bisschen sieht es so aus, als wĂ€re eine ganze Flotte winziger Spielzeugschiffe hier gestrandet, hierher verdammt, hier verloren.
Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin oder wohin es mich verschlagen hat.Vielleicht ist es die Hölle. Das GebĂ€ude rund um den Balkon ist mir völlig fremd. Es hat Erker und Zinnen, an die hundert Stockwerke und ist aus einem sandfarbenen Stein gebaut der aussieht, als könnte er jeden Moment zu Staub zerfallen. Der geflieste Boden des Balkons ist mit Sand und den Überresten zerbrochener SĂ€ulen ĂŒbersĂ€ht, verdorrte BlĂ€tter rascheln leise, ansonsten ist es still. Totenstill. Ich höre kein Lachen, und kein Zetern. Niemand rennt hastig durch den Flur hinter den SĂ€ulen. Die Welt ist wie ausgestorben.
Ein paar Kilometer von dem Balkon entfernt erhebt sich die Silhouette einer furturistischen Stadt aus den vergessenen Leinen in den bleichen Himmel. Wolkenkratzer strecken sich dem Firmament wie elende Bittsteller entgegen. LĂ€ngliche, auf hohen Pondern verlegte Straßen- und Eisenbahnlinien winden sich in den Irrgarten der Stadtsilhouette. Der Anblick erinnert mich an Aufnahmen aus alten Filmen und an verletzliche, nackte Menschen, die in ReagenzglĂ€sern schlafen und nur ĂŒber ein Gewirr aus Kabeln mit der Außenwelt verbunden sind.
Der Wind frischt auf. Er ist heiß und trocken und wirft Sandwehen gegen den Balkon. Das GerĂ€usch der feinen Körner auf der Fassade des Hausers klingt wie das Rauschen des Meeres. Ich frage mich, ob die Menschen dort drĂŒben in der Stadt das Meer je gesehen haben. Im nĂ€chsten Moment frage ich mich, ob es in der Stadt ĂŒberhaupt so etwas wie Menschen gibt. Mir kommt der Gedanke, dass ich der einzige bin. Diese ganze Welt ist leer. Sie ist tot und jetzt gehört sie mir.
Die Vorstellung erfĂŒllt mich mit einem seltsamen GefĂŒhl. Ich denke, dass ich traurig sein mĂŒsste, aber ich bin es nicht. Viel mehr bin ich ... zufrieden, ja, das ist das richtige Wort. Ich bin zufrieden mit meinem Schicksal. Endlich verschmelzen meine Umwelt und mein Innerstes miteinander. Ich bin ganz.
Ich schließe die Augen. Der Wind reißt an meinen Kleidern und brĂŒllt in den verlassenen Korridoren des Hauses. Meine Haut ist wund gerieben von dem unabĂ€nderlichen Strom feiner Sandkörner, die auf mich einstĂŒrmen und mich in die Flucht schlagen wollen. Ich könnte ewig hier sitzen und das apokalyptische, abstoßende und doch so vertraute Schweigen der toten Welt genießen.
Ein Ruck geht durch den Balkon. Ich sehe auf. Der Anblick ĂŒberrascht mich nicht.
Ein tiefer Riss zieht sich durch den Himmel.
Er wĂ€chst aus der Silhouette der Stadt empor und klettert das gelbe Firmament hinauf, gerĂ€uschlos und endgĂŒtig. Er verzweigt sich. Er streckt sich. Er rast auf mich zu. Als die Bewegung zum Erliegen kommt, liegt der Himmel in Scherben. Nichts als helle Linien und kleine Fetzen Himmel, die nicht mehr richtig zusammen passen. Der Wind reißt abrupt ab. Es ist still. Die Welt schöpft ein letztes Mal Atem.
Ich lehne das Kinn auf die Balustrade des Balkons, falte die HĂ€nde im Schoß und warte auf den Moment, in dem sie endgĂŒltig zerbricht.

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