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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zerrissen
Eingestellt am 09. 09. 2011 15:51


Autor
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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Entsetzt starre ich aus dem Fenster. Wo gestern noch die Finsternis den Friedhof asphaltierte, die Stadt brombeergebl├Ąut erwuchs aus heiterem Himmel, die B├╝hnenlampe der Sonne Gespenster zu Bl├╝ten verkehrte, das hoffnungsvolle Glimmen ├╝ber dem Boden in fette Gl├╝hw├╝rmchen tauchte, brechen die Zellverb├Ąnde der Lebewesen einfach auseinander und fliegen verstreut im Sonnenwind. Wenn der ÔÇ×VerfallÔÇť weiter so um sich greift, d├╝rfte bis zu dem K├╝nstlertreffen an der Ostsee in dem beschaulichen Ahrenshoop, in dem ich einst aufwuchs, alles demontiert sein. Die Halbwertzeit habe ich ├╝berschlagen.

Auf dem Monitor im Internet geht es seinen ├╝blichen Gang; die selbsternannten Kritiker sind wie eh und je am Umschichten in den Literaturforen, an diesen Scheiterhaufen der Gescheiterten; das Volk am├╝siert sich; heuer wird Schreibentleins luftiger Vers ganz nach unten gelegt, ein leicht brennbarer Scheit. Rettbar vorm Entz├╝nden vielleicht nur, indem man die Foren umtaufte in gemeine Volksguthaufen. Der Dichter zieht Hoffnung stolz hinter sich her, kompostierte Mistk├╝gelchen, darin noch ungelegte M├Âchtegerneier, Abfallprodukte der Kritiker, welche man dem Poeten unter den F├╝├čen wegziehen m├Âchte, damit sie ihn nicht ├╝berrollen.

Gebannt betrachte ich meine sonst ├╝beraus zugekn├Âpfte Nachbarin Elke Pilokat, wie sie in ihrem Garten wie ein junger Derwisch tanzt. Mein Fenster erlaubt mir zudem eine Sicht schr├Ąg in die Konrad-Adenauer-Allee. Einige B├Ąume haben bereits einen Gro├čteil ihrer Substanz verloren. Die Kraft, oder ist es keine Kraft?, welche den Dingen ihre Formen erhalten hatte, scheint aus irgendeinem Grund zu versagen. Meine Brille habe ich ├╝berpr├╝ft, an ihr liegt es nicht.

Mir kommt das Meer in den Sinn, unser Strandhaus in Ahrenshoop, meine unbeschwerte Kinderzeit, bevor ich mit den Eltern hierher nach Berlin gezogen bin. Wie mochte es um das Meer stehen, dessen N├Ąhe ich so oft vermisste? Versickern seine Geheimnisse mit der Aufl├Âsung, wird es seine Wahrheit preisgeben, ├╝ber die ich bereits als Zw├Âlfj├Ąhriger spekulierte?

Und ich erinnere mich an meinen Vater, den Chirurgen, als er operierte nahe den Langerhansschen Inseln*, w├Ąhrend ich narkotisiert auf Trauminseln wandelte, im verstrahlten Bikiniatoll, geb├Ąrende Frauen aufsp├╝rte mit Kindern wie Geschw├╝re, als Vater nach einem Inselkarzinom Ausschau hielt, nach meinem Krebs, und als wir uns nach der OP aussprachen, er mich beruhigte und sagte, dass alles okay sei, nur eine harmlose Geschwulst, die er entfernt habe. In der Zeit vor dem Eingriff hatte ich mich einer Aufkl├Ąrung entzogen, beherrscht von dieser latenten Angst, das Aufdecken der Wahrheit k├Ânne mich in den Abgrund st├╝rzen oder schmerzlich schlummernde Illusionen freilegen.

Vater ging im letzten Herbst fort, streifte nun auf den Bikinis herum, ein Forschungsauftrag. Ich war mir nun selbst ├╝berlassen. Und da erwischt es mich auch schon, und einen Fu├čg├Ąnger in der Konrad-Adenauer-Allee, w├Ąhrend Elke Pilokat immer noch ihren Blick magisch in einen Handspiegel richtet und es scheint, sie wolle unendlich so weiter tanzen. Ihr h├Ąsslicher Buckel, an dem sie wie an einem Zentnersack Kartoffeln all die Jahre schwer getragen hatte, hatte sich aufgel├Âst und war einfach so verschwunden. Mein linker Fu├č indessen ist nur noch ein flimmerndes Scheingewebe. Dann verlieren meine Beine g├Ąnzlich ihre Form, liegen vor mir am Boden wie Zuckersand, den kein Backf├Ârmchen halten wird. Gerade jetzt w├Ąre ich gern davongelaufen.

Und mir f├Ąllt ein, dass ich mich einmal als Jugendlicher danach sehnte, frei zu sein wie ein Vogel und wegfliegen zu k├Ânnen von den sich h├Ąufenden Pflichten und Sorgen. Aber dann stellte ich mir vor, wie in einem Zugvogel unausweichlich Fernweh aus innerem Schattenreich emporsteigt, sp├╝re das unruhig Blut und Ged├Ąrm, am Aug vorbei die Vorhut, seine Fl├╝gel im gepressten Raum, und wie er bei Nacht auf und davon fliegt gefangen im Pulk, im Gep├Ąck seine Last, an den alten Ort zur├╝ckzukehren; ein Geschoss durch fedrigfiebrige Brust w├╝rde ihn sterbend herausrei├čen und alle Fesseln w├Ąren gel├Âst; welch Ironie eines Vogelfreiseins. Damals zerbrachen so viele Utopien, die nur in einem besch├╝tzten Raum existieren konnten.

Nun rei├čt es die Kleidung von der Pilokat und mich fast in ein Endzeitgl├╝ck. Doch ihre K├Ârperoberfl├Ąche, die gesamte Peripherie erscheint verschwommen. Meine Augen sind raus ..............., glaube ich. Am Ahrenshoop-Termin, oder nach meiner jetzigen Berechnung genau am 29. Februar 2013 gibt es diese Welt nicht mehrÔÇŽ und mein Meer, seine Tiefe, sie werde ich mir bis dahin erhalten, denke ich. - Dann fallen die Kritiker auch dar├╝ber her, nicht ohne unserem Protagonisten noch die Arme demontiert und anschlie├čend den Kopf zerrissen zu haben. Zuvor hatte sich selbstverst├Ąndlich jeder von ihnen geh├Ârig den eigenen zerbrochen.


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*Die ÔÇ×Langerhansschen InselnÔÇť sind Zellagglomerate in der Bauchspeicheldr├╝se.

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Einen Roman zu lesen ist wie eine Kreuzfahrt, und jede abgestandene Floskel l├Âst sofort eine Flaute aus. (Epiklord)

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