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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zeugnis der Reife
Eingestellt am 17. 04. 2017 20:01


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Rehcambrok
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Zeugnis der Reife

Welch eine Mischung. Die leise Musik aus der Soundbox ließ mich aufhorchen, mein Blick löste sich von den Zeilen des dicken WĂ€lzers. Tic Tac Toe, nicht dieses neuner Gitter mit X und O, die Girlband trĂ€llerte 'Ich find dich Scheiße'. Eine bizarre Situation, las ich doch gerade 'Archipel Gulag'. Der Songtitel passte wie die berĂŒhmte Faust, die beschriebenen stalinistischen SĂ€uberungen, auf den ehemaligen KP Diktator. Aus der Literaturliste unseres SoWi – Lehrers, jeder musste ein Referat zu einem politisch geprĂ€gten Thema erarbeiten, war mir Solschenizyn zugelost worden.
Der Song war Ă€lter als ich, das beschriebene Leid in der Sowjetunion fast viermal solange her. MĂŒhsam quĂ€lte ich mich weitere zwei Stunden durch die Weltliteratur, erst der Klingelton meines Handys versprach Abwechslung. Kein Name eines Kumpels war im Display zu sehen, es war eine mir völlig unbekannte Nummer. Desillusioniert meldete ich mich trotzdem.
„Hallo Theo, mein Name ist Annika Kramer. Ich bin neu in eurem Leistungskurs. Mir wurde in Abwesenheit die Kubakrise zugelost. Herr Fingerhut hat mir den Rat gegeben, mich an dich zu wenden. WĂŒrdest du mir helfen?“ Ihre Stimme war angenehm warm, nicht dieser versuchte Befehlston, den die wandelnden Schminktaschen sonst so an sich hatten.
„Montag habe ich die zweite und dritte Stunde frei, da bin ich in der Mensa.“
„Schade, aber da bin ich noch nicht in der Schule. TschĂŒss.“ Hatte sie sofort aufgelegt. Obwohl ich ein wenig irritiert war, dieses abrupte Ende des GesprĂ€chs passte eigentlich nicht, las ich mich weiter durch die finsteren Lager Kasastans. Gerade als ich auf Seite 523 umblĂ€tterte, klopfte es an meiner ZimmertĂŒr.
„Herein!“, sprach ich laut in den Raum. WĂ€hrend sich die TĂŒr öffnete, blickte ich zur Uhr. Mutter wĂŒrde mich wohl zum Mittagessen bitten, weit gefehlt. Sie hielt das Mobilteil unseres Festnetztelefons in HĂ€nden, aufgeregt fuchtelte sie mit den HĂ€nden. Herr Fingerhut wĂ€re am anderen Ende der Leitung, essen könnten wir gleich auch. Wenn meine Böcke sich auch in Grenzen hielten, meldete ich mich trotzdem freundlich.
„Hallo Theo. Ich möchte ihnen Annika Kramer ans Herz legen,“ redete mein Lehrer wie ein Wasserfall auf mich ein. Nur gelegentliches Luftholen unterbrach ihn in seinem Schwall. Fragen brauchte ich nicht, alles Wissenswerte teilte er mir mit. Den Appell an meine soziale Ader hĂ€tte er sich allerdings sparen können, wusste er doch wie ich dazu eingestellt bin.
WĂ€hrend ich mich in Richtung Esszimmer bewegte, hatte ich ein tiefer gehendes Warum in meinem Hirn. Die sich hinter jeder Schilderung des Autos verbergende Frage, nun einhergehend mit dem Schicksal der Neuen in meinem Leistungskurs. Mutter gefiel meine Essweise nicht, stocherte ich, nach ein paar Gabeln voll, nur noch lustlos herum.
Begleitet von einer Packung Zigaretten samt Feuerzeug, einem PĂ€ckchen Kaugummi und der Taschenbuchausgabe meines Schmökers, verließ ich das Haus. Die Tram war pĂŒnktlich, so konnte ich in der nĂ€chsten halben Stunde weiter den Gulag studieren. Auf Schusters Rappen lief ich durch die alten Gassen der FußgĂ€ngerzone. Mit Umsteigen in den Bus hĂ€tte ich die Uniklinik auch in fĂŒnfzehn Minuten erreicht gehabt, aber dann wĂ€re ich nicht am Shop der Schweizer Chocolatier vorbei gekommen. Schon immer hatte mich das Glöckchen gelockt, den Goldhasen in Zartbitter hatte es viele Jahre nur in dem FachgeschĂ€ft gegeben.
Bewaffnet mit einem Klarsichtbeutel, achtzehn verschiedene Lindor-Kugeln hatten darin Platz gefunden, betrat ich, nachdem ich noch schnell eine Kippe gepieft hatte, die onkologische Klinik. Auf Nachfragen erhielt ich die Zimmernummer an der Rezeption. Meine Neugier war groß, Ă€hnlich meinem Willen zur Hilfsbereitschaft, in diesem Fall potenzierte sich die Neugier.
An der angegebenen TĂŒr angekommen, klopfte ich an, wartete einen Augenblick. Die Klinke runter gedrĂŒckt, öffnete ich die TĂŒr einen Spalt weit. Es war ein Einbettzimmer, zumindest eine peinliche Verwechslung ließ sich so vermeiden. Als die TĂŒr ganz geöffnet war, konnte ich sie in ihrem Bett sehen. Sie schlief. Leise schloss ich die TĂŒr, nĂ€herte mich ihrem Bett.
Da lag sie nun, die ungeschminkte Wahrheit. Ruhig atmend, die Bettdecke bewegte sich leicht auf und ab, waren ihrem Gesicht die Qualen anzusehen. Unter der blassen Haut zeichneten sich die Adern, und alles hier roch krank. Die blonde PerĂŒcke war ihr ein wenig vom Kopf gerutscht, gab den Blick auf den haarlosen Kopf frei. Kein HĂ€rchen, keine Wimper, ein nackter Kopf wurde offenbar. Diese nach Außen dokumentierte Schutzlosigkeit, der Sensenmann hatte den Raum scheinbar schon betreten, trieb mir die TrĂ€nen in die Augen. Alles widerwĂ€rtige, zuvor gelesene, war nichts gegen den Effekt des Live erleben. Ich schluckte noch einige male.
Unvermittelt brach es aus mir heraus, der Anblick hatte sich bei mir eingebrannt, heulte ich einfach los. Alle DĂ€mme waren gebrochen, tief beschĂ€mt, ob meines GefĂŒhlsausbruch, wollte ich das Zimmer verlassen. Nur verschwommen konnte ich eine Regung bei ihr wahrnehmen, war fast an der TĂŒr angelangt.
„Theo, bitte bleib!“, sprach sie mit schwacher Stimme. Woher wusste sie dass ich es bin?
„Woher weißt du wer ich bin?“, fragte ich mit einem Kloß im Hals.
„Herr Fingerhut hat es mir heute Morgen vorhergesagt. Er scheint dich wirklich gut zu kennen.“ Ein LĂ€cheln zog in ihr blasses Gesicht. Einladend winkte Annika mich heran. BedĂ€chtig, ohne Eile, rĂŒckte sie die PerĂŒcke zurecht und schaute in einen Taschenspiegel. „Das Ding sieht aus wie notgelandet!“ Dann zog sie die PerĂŒcke ganz vom Kopf.
Schweigend, nach Worten ringend, hatte ich die Szenerie beobachtet. „Die Glatze steht dir. Wenn Wimpern und Augenbrauen wieder nachgewachsen sind, sieht das bestimmt Megageil aus!“ Es war nicht um sie zu Trösten, ich meinte es genauso wie ich es gesagt hatte. Annikas Gesicht bekam Farbe, meine Worte trieben ihr so etwas wie Schamesröte auf die Wangen. Vorsichtig, die Angst ihr mit einer BerĂŒhrung weh zu tun spielte mit, reichte ich ihr den Beutel mit den Lindor-Kugeln. Ihre blauen Augen sagten scheinbar Danke, bekamen dabei einen seltsamen Glanz. Es waren TrĂ€nen. TrĂ€nen der Freude, wie sie mir, nachdem sie sich wieder gefasst hatte, gestand.
An diesen Beginn einer innigen Zusammenarbeit, genau vor einem Jahr und neun Monaten hatte ich den Krankenbesuch gemacht, hatte ich gedacht als mich unser Direktor aus meinen Gedanken riss.
„Zum Abschluss ĂŒberreichte ich bisher immer dem oder der Jahrgangsbesten das Zeugnis der Reife. In diesem Jahr trennen die beiden mit Abstand Besten, die LĂ€cherlichkeit von einem Hundertstel. So möchte ich auch die Zweitplatzierte Annika Kramer ehren. Nebenbei bemerkt, sie hat die bis Dato höchste Punktzahl der letzten zehn Jahre erreicht, in allen anderen JahrgĂ€ngen wĂ€re sie die Beste gewesen. Treten sie bitte vor, Annika!“ Unter Beifall begab sie sich auf das Podium, nahm ihr Zeugnis entgegen.
„Und nun bitte ich Theo Leander zu mir. Mit Stolz darf ich verkĂŒnden, Theo hat das Beste Abitur aller Schulen des Landes abgelegt. Herzlichen GlĂŒckwunsch!“
Meine Schulzeit war beendet, ein Lebensabschnitt der mir viel Freude bereitet hatte. Der abendliche Abschlussball, nur meine Mutter hatte Zeit mich zu begleiten, begann mit einem Fauxpas. Herr und Frau Professor Kramer waren der Meinung, Annika solle den Eröffnungstanz mit einem angemessenen Partner machen, aus ihren Kreisen.
Ich hatte mich schon gewundert, zu ihrem aufregenden Kleid mit tiefem RĂŒckenausschnitt, hatte sie heute Abend wieder ihre PerĂŒcke auf dem Kopf. Dabei waren ihre Haare erst vor zwei Wochen auf einen modischen Kurzhaarschnitt getrimmt worden. Vor ihren Eltern riss sie sich die PerĂŒcke vom Kopf, zum Vorschein kam eine frisch rasierte Glatze. Annika zwinkerte mir zu, bevor sie ihre Eltern, die hatten wĂ€hrend ihrer Leidenszeit kaum Zeit fĂŒr sie, öffentlich zur Sau machte.

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Wer Frieden auf der Welt will muss bei den Kindern anfangen .

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