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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zielpublikum
Eingestellt am 13. 07. 2015 13:14


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He de Be
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2013

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Marmor bricht Liebe nicht.

"Wen stellen Sie sich denn als Zielpublikum vor?" fragte der junge Mann, der mir in seinem literatur-Büro gegenüber saß. Ich hatte ihm vor Wochen schon ein Manuskript zugesandt, das er zugeschlagen vor sich liegen hatte.

"Zielpublikum?" fragte ich.

"Ja, Zielpublikum. Wer soll ihr Buch lesen? Männer? Frauen? - sowieso sind fast alle Leser -innen, Frauen also, das ist bekannt - Kinder über dreißig, Kinder unter dreißig, Bäcker, Raucher, was auch immer. Wer, meinen Sie, soll ihr Buch lesen?"

"Hm", mümmelte ich. "Tatsächlich hatte ich immer nur an so etwas gedacht wie: 'Kommet zu mir, die ihr mühsam und geladen seid'."

"Be-laden!“ schnaubte er.

„Wie man’s nimmt“, sagte ich, „’mühsam sein’ macht ja auch keinen Sinn.“

"Deshalb wird es heutzutage ja auch mit ‚mühsam arbeitet’ übersetzt“, fuhr er fort, „’die ihr mühsam arbeitet und beladen seid’! Sie wollen also Jesus Konkurrenz machen? So etwas hatte ich mir schon gedacht. Ihr Zielpublikum wären demnach Versager, Zukurzgekommene, Depressive, Außenseiter oder Loser, um es zeitgemäß auszudrücken. Sehe ich das richtig?"

"Ja," sagte ich, "Leute wie ich. Ich habe mühsam gearbeitet."

Jetzt fiel ihm die Kinnlade herunter. "Das", stieß er mit einem tiefen Atemzug hervor, "das kann man wohl sagen! Ich fürchte, dass sie sogar zu mühsam daran gearbeitet haben. Es ist unleserlich, wirres Zeug von Anfang bis Ende." Er versuchte erst gar nicht, mit mir freundlich verständnisvoll zu reden, wie man es tut, wenn man sich vielleicht später noch etwas erwartet von seinem Gegenüber. "Wir brauchen gar nicht drumherum zu reden, Frau Jauchy, Sie sind ja eine strenge Verfechterin der offenherzigen Sprache, oder habe ich sie da missverstanden?"

"Nein", sagte ich, "mir ist die harte Wahrheit lieber als die weiche Lüge. Wenn ich jedoch vorher gewusst hätte, dass ich so hart landen würde, hätte ich mir eine Matratze untergelegt."

'So was Blödes habe ich noch nie getroffen', stand in seinem Gesicht zu lesen, und dann so etwas wie: 'Wer redet denn heutzutage noch so? Und wer soll das verstehen?' Aber er riss sich zusammen. "Lesen Sie doch mal ihren ersten Satz!" forderte er mich auf.

Ich langte mit einer Hand über seinen Schreibtisch, nahm das Manuskript zur Hand, merkte, dass er dabei jede meiner Bewegungen genauestens verfolgte, zog das Unding unter seinen Augen näher unter meine, schlug die erste Seite auf und las laut vor: "Sowieso diese Art von Pärchen, die nur noch zusammen sind, damit sie sich nicht als Single outen müssen. Susanne, die unter Freunden Suse hieß, wollte auf keinen Fall Single-Suse genannt werden."

"Nun?" fragte er, als ich mit Lesen fertig war.

"Nun was?" fragte ich zurück.

"Man kann doch einen Satz und erst Recht kein Buch mit dem Wort 'sowieso' anfangen!" rief er.

"Kann man doch", sagte ich, "hier ist das doch der Fall. Muss ja auch mal was Neues geben in der Literatur, genauso wie unter der Sonne."

"Nur will hier keiner weiter lesen nach dem ersten Satz, das ist der Punkt!" rief er.

"Naja", sagte ich kleinlaut. "Dann ist dies halt ein Buch, das nach dem ersten Satz weggelegt wird, weil in dem ersten Satz schon alles steht." Ich seufzte.

"Genau", sagte er, "den Rest kann man sich sparen." Wir schwiegen beide.

"Ich habe zuviel weg geklopft", sagte ich.

"Was?!" stöhnte er auf.

"Na ja," sagte ich, "ist es beim Schreiben nicht genauso wie bei der Bildhauerei? Wie Michelangelo gesagt haben soll, dass er den David nicht erschaffen habe, sondern nur das weg gehauen, was um ihn herum zu viel an Marmor war. Ich habe halt den ganzen Rest von der Geschichte weggeschrammt mit diesem einen Satz."

"Dann ist es keine gute Geschichte", sagte er.

'Was weißt denn du', knirschte ich in meinem Kopf mit den Zähnen und sagte halblaut: "Es ist halt die Geschichte von Tusnelda, die sich mit Susanne, dieser sowieso-Suse, um einen Klaus streitet."

"Tusnelda!", ächzte er, "jetzt wird es aber spannend!" Dabei warf er mir einen spöttischen Blick zu und rollte mit den Augen. "Ich glaube, sie machen besser erst mal eine .." - hier stockte er - ".. einen Schreibkurs."

"Sie hatten sagen wollen, eine Therapie", sagte ich. Er sagte nichts.

"Ich weiß", seufzte ich, "ich habe lauter Probleme." - hier rollten vier Augen - "Wenn ich das Buch verkaufen will, muss es eine schöne Geschichte sein mit einem schönen Titel und der Protagonist muss einen schönen Namen tragen. Eine schöne Lüge ist den Leuten lieber als die hässliche Wahrheit, hat Cäsar ja schon gesagt."
Ich sah ihm in die Augen und er mir. Wir sagten beide nichts.
Dann machte ich weiter: "Aber bin ich Cäsar? Und was, wenn es nun mal keine schöne Geschichte ist und der Protagonist keinen schönen Namen hat und sowieso nicht mal eine gute Figur macht? Was dann? Was, wenn es um lauter hässliche Lügen geht?! Sowieso sieht für Tusnelda alles anders aus als für einen Harry Potter: Bei ihr sind die richtigen Eltern böse und zaubern können wünscht sie sich nur!" - hier nahm ich Luft - "Und sowieso sind nur an den Haaren herbeigezogene Figuren so großartig wie Harry Potter. Außerdem heißt Tusnelda mit Nachnamen auch noch Kackstein, was ein echt hässlicher Name ist, aber die Wahrheit."

"Aha!" rief er, "und ihr Zielpublikum sind die mit den doofen Namen?!"

"Ja!" rief ich. "Ja! Denen hatte ich ein Denkmal setzen wollen!"

"Na dann viel Glück!" rief er, wobei er sich aus dem Sessel schwang, zur Tür ging, diese am Griff packte und aufriss. "Und tschüss!" rief er mir zu. Ich seufzte, nahm meinen Rucksack und stand auf.

"Das Manuskript können Sie auch gleich mitnehmen!" rief er.

"Ach ja," sagte ich, "hätte ich beinahe vergessen", packte es, knurrte: "Auch tschüss!" und ging zur Tür. Da blieb ich stehen. "Haben Sie denn wenigstens verstanden, warum Tusnelda am Ende den Mann Susanne überlässt?"

"Etwa, damit die nicht auch noch einen doofen Namen kriegt?!" rief er laut.

"Ja!" rief ich freudestrahlend.

"Sehen sie", sagte er, "das ist der Grund, warum ich ihnen eine T.. äh, einen Schreibkurs empfehlen würde. Und einen Titel sollten sie sich auch einfallen lassen."

Das tat ich gerade: Die mit den doofen Namen

Das mit dem Denkmal wird schon. Sowieso gibt es noch so viel an Marmor weg zu hauen.
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Je ernster die Lage desto komischer die Leute

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