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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Zimmer 35
Eingestellt am 01. 09. 2007 17:12


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Mali
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2007

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Zimmer 35



„Bitte, bitte bring mir ein Geschwisterchen. Am liebsten eine Schwester, aber wenn es sein muss, nehme ich auch einen Bruder. Hauptsache es ist nett und gesund.“
Mit drei Jahren trug ich diese Bitte „Storch-Storch-Langbein“ vor, mit Vier wandte ich mich an den lieben Gott, und mit Fünf bat ich meine Eltern doch endlich mal aktiv zu werden.

Es sollten noch knapp zwei Jahre vergehen, bis meine Bitten endlich erhört wurden – von welcher der drei Instanzen, bleibe dahin gestellt.
Einige Monate vor meinem siebten Geburtstag eröffnete mir meine Mutter, sie sei schwanger. Ich war überglücklich und begann freudestrahlend und jubelnd durch die gesamte Wohnung zu hüpfen.
Doch mein Hochgefühl sollte nur von kurzer Dauer sein. Ab sofort verbrachten meine Eltern und ich fast täglich unsere Zeit in Babybekleidungsläden, Babyautositzläden, Babybettengeschäften, oder Kinderwagenläden. Stundenlang verbrachten meine Eltern damit zu überlegen, ob sie lieber die gebrauchte Krippe unserer Bekannten oder eine Neue nehmen sollten, welcher Kindersitz nun besser gepolstert sei und ob sie lieber den roten oder doch eher den blauen Buggy kaufen sollten. Zwischen Arztterminen und Geburtsvorbereitungskursen blieb wenig Zeit für Spielplatzbesuche und Memory über.
Als dann auch noch meine Verwandten aus England und Ă„thiopien zu Besuch kamen und bei den riesigen TĂĽten Geschenke und Babyklamotten nichts fĂĽr mich dabei war, war das Fass endgĂĽltig ĂĽbergelaufen. Ich klaute mir einen der neu gekauften Schnuller, steckte ihn mir in den Mund, verschanzte mich in meinem Zimmer und beschwerte mich beim lieben Gott, dass bei der Bestellung wohl etwas schief gelaufen sein musste.
Umso aufgeregter die Erwachsenen und umso dicker der Bauch meiner Mutter wurde, desto eifersĂĽchtiger wurde ich.

Eines Tages war es dann soweit, Mein Vater holte mich von der Schule ab und sagte mir, dass ich mich beeilen sollte. Wir würden direkt ins Krankenhaus fahren, denn meine kleine Schwester sei jetzt endlich da. Wie sie war schon da?! Und ich hatte noch nicht mal die Geburt miterleben können?! Zumindest war es ein Mädchen – wenigstens eine Sache, die der liebe Gott auf die Reihe bekommen hatte.

Wir liefen den langen, kahlen Krankenhausflur entlang. Aus mehreren Zimmern war lautes Babygebrüll zu vernehmen. Ob meine Schwester wohl auch so laut schreien könne? Und würde sie auch so rote Backen haben, wie die Babys auf den Fotos, die eingerahmt an der Wand hingen?

Endlich standen wir vor Zimmer 35 und ich bereitete mich schon innerlich darauf vor, der kleinen „Elternklauerin“ mal gehörig meine Meinung zu sagen. Mein Vater öffnete die Tür und das erste, was ich sah, waren die glücklichen, wenn auch ein wenig erschöpften Augen meiner Mutter. Ich sah das kleine Wesen in ihren Armen und all meine Wut und meine Eifersucht waren plötzlich verschwunden. Ich schaute von ihren nur spärlich vorhandenen, dunklen Haaren auf ihre winzigen, fast puppenartigen Hände, zu ihren kleinen braunen Augen. Ein wohlig warmer Schauder erfasste mich, als sie mich erwartungsvoll anschaute. Schnell setzte ich mich auf das Bett und ließ sie mir von meiner Mutter sanft in die Arme legen. Behutsam hielt ich sie fest. Es war ein unbeschreibliches Gefühl zu realisieren, dass ich nun wirklich meine so lange herbei gesehnte, kleine Schwester in den Armen wiegen konnte. Noch nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der gleichzeitig so klein und zerbrechlich wirkte, und doch so wundervoll, ja gar perfekt war. In dem Moment wusste ich – das lange Warten hatte sich gelohnt.

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