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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zu Besuch bei der Oma
Eingestellt am 30. 07. 2002 20:58


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Chris
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

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Er hat sie schon lange nicht mehr besucht, seine Oma.
"Eigentlich zu lange" denkt er, als er die letzten Stufen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinaufsteigt.
Dann schließt er mit dem SchlĂŒssel, den sie ihm schon vor Jahren gegeben hat die TĂŒr auf und stolpert in ihre Wohnung.
Sein Ruf "Hallo Oma" bleibt ungehört, ĂŒberhaupt ist es totenstill in der Wohnung, nur der alte Regulator tickt ruhig und laut hörbar.
"Ob sie ĂŒberhaupt da ist" ĂŒberlegt er und geht zunĂ€chst einmal in die KĂŒche.
So wie immer.
Sein erster Blick fÀllt auf das Leintuch, das schon seit er denken kann am Esstisch an der Wand hÀngt und auf dem neben zwei Rosen der Spruch "Alle Morgen ohne Sorgen" aufgestickt ist.
Eine Arbeit aus ihrer Schulzeit erklÀrt sie oft und winkt dabei mit der linken Hand ab.
Geschirr ist nicht zu erkennen, es ist bestimmt ordentlich wie immer in ihrer Anrichte verrÀumt.
Nur eine benutzte Tasse und ein kleiner Teller stehen auf dem Esstisch, daneben liegt die Zeitung; „Sie hat wohl vorhin Kaffee getrunken und ein StĂŒck Kuchen gegessen“, denkt er.
Jetzt geht er die wenigen Schritte in ihr Wohnzimmer, vorbei an der alten NÀhmaschine mit dem Gusseisernem Tisch, an der sie oft etwas nÀht.
Wann immer ein Rock zu eng oder zu weit, eine Hose zu lang oder aber VorhÀnge zu nÀhen sind, seine Oma erledigt das prompt und in Windeseile.
FrĂŒher, als Opa noch lebte hat sie ihm auf dieser Maschine auch seine HemdkrĂ€gen genĂ€ht.
Davon erzÀhlt sie oft.
„Wir sollten ihr bald einmal eine moderne NĂ€hmaschine besorgen“ nimmt er sich fest vor.
Als er das Wohnzimmer betritt, sieht er endlich seine Oma: Sie sitzt auf einem Stuhl im Wohnzimmer (Ihrem Arbeitsstuhl, wie sie immer sagt) und strickt.
"Einen dicken Schal" sagt sie.
"Jetzt, im Sommer?" fragt er erstaunt.
"Das wird ein strenger Winter, so was hab ich im GefĂŒhl" sagt sie und wendet sich wieder ihrer Arbeit zu.
In ihrem gedrechselten Wohnzimmerschrank steht neben ein paar alten BĂŒchern auf einem Brokat-Deckchen ein schwarzes Telefon aus den FĂŒnfziger Jahren, eines mit einer Drehscheibe und einem schweren Telefonhörer.
"Was, hast du das alte Ding immer noch?" fragt er entsetzt, doch sie antwortet nur leise: "Das erinnert mich doch so an frĂŒher".
Er versteht sie einfach nicht, wie so oft; haben er und seine Geschwister ihr doch erst kĂŒrzlich ein modernes Telefon mit großen Tasten geschenkt, damit sie sich leichter tut.
Er lÀsst sich auf ihr Sofa fallen, nein er versinkt richtig darin und sieht ihr interessiert bei der Arbeit zu.
Nie hatte er jemals ein so gemĂŒtliches Sofa erlebt wie das bei seiner Oma.
Er dreht den Kopf und lÀsst seinen Blick noch einmal schweifen: Alles steht an seinem Platz, wie schon seit Jahren.
Das alte Telefon auf dem kleinen Deckchen, daneben das alte Radio.
Dieses Radio war schon immer ihr ganzer Stolz.
Es ist groß und unhandlich, in einem dunklen HolzgehĂ€use untergebracht und trĂ€gt den Namen „Rheinperle“ von „Löwe-Opta“.
Oft beobachtet er sie lĂ€chelnd dabei, wie sie mit dem Drehknopf langsam einen Sender sucht und dabei das grĂŒne Pfauenauge genau im Blick behĂ€lt um den Sender auch wirklich scharf einzustellen.
Einen Fernseher besitzt seine Oma allerdings nicht.
“Immer noch nicht!“ denkt er und schĂŒttelt den Kopf.
Das ist ihr zu modern und kompliziert sagt sie immer und alle seine Versuche, ihr zu erklÀren wie einfach so ein Fernseher zu bedienen ist waren immer ohne Erfolg.
Seit Jahren schon.
„Naja“ denkt er, „wenn sie lieber Radio hört, was soll`s“.
LĂ€chelnd wendet er sich wieder seiner Oma zu.
Wie er sie so sitzen sieht mit ihren schneeweißen, langen Haaren und dem Zopf denkt er: „Meine Oma war in ihrer Jugend bestimmt sehr hĂŒbsch“ und schließt fĂŒr einen kurzen Moment zufrieden die Augen.
Als er die Augen wieder aufschlĂ€gt findet er sich zuhause auf seiner Couch wieder. Verwirrt sieht er sich um und entdeckt die alte NĂ€hmaschine in der Ecke und ihr Radio im Regal stehen. „Schade,“ denkt er und weiß, dass er alles nur getrĂ€umt hat. Seine Oma war schon vor ĂŒber einem Jahr verstorben.
Er hatte sie so sehr geliebt.
*** ***

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hallo chris,

deine geschichte gefĂ€llt mir. sie ist anrĂŒhrend und schlicht, gut erzĂ€hlt. n paar tippfehler wĂ€ren zu beseitigen und n paar komma - ach, was solls, schreib weiter so schöne sachen! ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Calistra
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Registriert: Aug 2002

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Wunderschön....

... ist Deine Geschichte. Das alles hat mich sehr an meine eigene Oma erinnert und genau so muss es sein: JEDER Leser wird sich mit dieser Geschichte identifizieren können!

Den Schluß allerdings hĂ€tte man noch etwas herauszögern können, ich finde, die Erkenntnis, dass Großmama tot ist, kommt dem Leser zu plötzlich.

Alles Liebe,

Calistra

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Guest
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Hallo Chris,

ein Thema, dass die meisten Menschen bewegt. Oft werden Großeltern nach ihrem Tod gar nicht mehr erwĂ€hnt. Ein Grund mehr, sie in Geschichten zu verewigen!

Gruß,
GUIDO

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