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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zu den Wurzeln
Eingestellt am 10. 12. 2010 18:32


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Am liebsten wĂŒrde ich nur ZufĂ€llen begegnen. Doch ich treffe auf Menschen, die glauben, ihre Zukunft berechnen zu können.
Werner Heysing, der Vorstadtphilosoph, zum Beispiel. Ich wusste nichts von ihm, nur dass er tĂ€glich meditierte. Und obwohl er einen gelassenen Eindruck machte, wich er stĂ€ndig meinen Blicken aus. Wegen seiner trĂŒben tiefblau umrĂ€nderten Augen hĂ€tte ich Verdacht schöpfen mĂŒssen.
Heysing lebte allein und wohnte in einem Kölner Vorort, um am Stadtrand jene ruhige Geborgenheit zu finden, die er fĂŒr seinen inneren Frieden brauchte. Er wolle einen Lebenslauf als Spaziergang. Doch der werde immer mehr zu einem Rennen, beklagte er sich, als ich ihn das erste Mal in seinem schmalen Reihenendhaus besuchte.
Wenn ich zu ihm auf dem Plattenweg durch den gepflegten Vorgarten seines schmalen Reihenendhauses ging, streckte mir aus einem mit Rindenmulch bestreuten Kreis ein weißer, leicht bemooster steinerner Buddha seinen Kugelbauch entgegen. Mit gekreuzten Beinen saß er zwischen KrĂŒppeltrauerweiden, LebensbĂ€umen und StiefmĂŒtterchen. Und sein LĂ€cheln war dem Bildhauer zu einem verdĂ€chtig breiten Grinsen geraten.
Am Donnerstag der vorletzten Wochen blieb ich unwillkĂŒrlich in seinem Vorgarten stehen, drehte mich, einem Reflex folgend, um und verzichtete auf den Besuch bei Heysink. DafĂŒr ging ich in den nahe gelegenen verwilderten Wald, verließ den breiten Weg, um zunĂ€chst auf einem schmalen Pfad und schließlich quer waldeinwĂ€rts zu gehen.
Ich setzte mich unterhalb der Wurzeln eines umgestĂŒrzten Baumes auf den Boden, lehnte mich an die feuchte Erde zwischen den Wurzelgeflechten, sog den Modergeruch alten Laubs ein und genoss es, dass feine Wurzeln auf meinem Kopf lagen und in mein Blickfeld hingen. Es war mir, als wĂŒrde mich eine Erdhöhle aufnehmen und sich um mich schließen. Ameisen und anderes Kleingetier krabbelten mir ĂŒber Gesicht und HĂ€nde. Ich ließ sie und wischte mir die Insekten erst nach einer ganzen Zeit vorsichtig von der Haut.
Vor drei Tagen schaffte ich es ungehindert durch Heysings Vorgarten. LĂ€chelnd empfing er mich an der TĂŒr. Sein Gesicht war sehr blass. Er kraulte sich den Vollbart, hielt meinem Blick ungewohnt lange stand und fĂŒhrte mich in sein Meditationszimmer.
Durch helle SeidenvorhÀnge drang gedÀmpftes Licht. Die gelbbraun gestrichene WÀnde schienen alle Aufmerksamkeit auf die Konsole mit dem schwarzen Buddha-Kopf zu lenken. Im Schneidersitz hockten wir uns nebeneinander auf je ein rotes Sitzkissen.
Heysink trug zur Meditation immer einen weißen Kittel. Er zog ihn glatt und wollte wissen, wie es mir geht. „ZufĂ€llig recht gut.“ AusfĂŒhrlich erzĂ€hlte ich ihm von meinem Erlebnis an den Wurzeln des umgestĂŒrzten Baumes.
„Hört sich an, als wĂ€rst du auf der Suche nach deinem Grab!?“
„Erstens will ich keine Ganzkörperbestattung. Ich lass mich verbrennen. Und zweites weiß ich noch gar nicht, was ich da in den Baumwurzeln suche. Allerdings als ich zwischen Wurzeln und Erde saß, fĂŒhlte ich mich nicht mehr allein. Nein, ich gehörte dazu, ohne zu wissen, wozu.“
Heysing vergaß seine Gelassenheit und begann, gestenreich auf mich einzureden. Ich mĂŒsse lernen, das Nichts zu akzeptieren. Nur wer mit dem Nichts angstfrei allein sein könne, sei vollkommen bei sich und dadurch ein Vollkommener.
Genervt starrte ich auf den beigen Teppichboden vor meinen Beinen.
„Wenn du richtig meditieren willst, musst du dich aufrichten!“ zischte Heysing und bediente einen MP3-Player neben sich, der leise Meditationsmusik aus Tibet ĂŒber zwei kleine Lautsprecher in den Raum strömen ließ.
„Es ist wichtig, frei aus- und einzuatmen
 .“ Seine Stimme bekam einen sanft verzeihenden Klang, den ich besonders hasste.
„Du hĂ€ltst mich wohl fĂŒr absolut unbelehrbar?“
„Nein, nein. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Der Mensch balanciert am Abgrund, schwebt zwischen Leben und Tod.“
Vergeblich bemĂŒhte ich mich, ruhig zu antworten. „Weißt du, deine klugen SprĂŒche kannst du dir sparen. Ich hab keine Angst vorm Tod.“
BedĂ€chtig schĂŒttelte er den Kopf mit den langen grauen Haaren. „Der Tod gehört zum Leben. Wenn, dann hast du Angst vorm Leben. Aber wen das Nichts nicht erschĂŒttert, dem kann auch das Leben nichts anhaben.“

Heysing begegnete ich bei einem Anti-Stress-Seminar. Vor gut einem Jahr. Unter dem Titel „Entschleunigen Sie!“ hofften elf der zwölf Teilnehmer bei ihm zu lernen, mit ihrem beruflichen Stress umzugehen. Ich hingegen war schon seit einem Jahr Rentner, fĂŒhlte mich dennoch innerlich getrieben und konnte nachts kaum schlafen. Es gelang mir nicht, die endlose Flut meiner sich widersprechenden Gedanken zu bĂ€ndigen. Mein Hirn dachte und dachte dagegen. Ununterbrochen. Ich war gezwungen, nach innen zu hören und daher nicht in der Lage mitzubekommen, was andere Leute mir sagen wollten.
Unter dem Wurzelwerk des umgestĂŒrzten Baums wurde ich ruhig. Mein Hirn vergaß plötzlich zu denken.
„In der Natur hat die Kultur Pause!“ behauptete ich und selbst Heysink fiel nicht etwas dagegen ein.
Vorsichtig schielte ich zu ihm. Er hatte die Augen geschlossen. Schweigend hockten wir eine Weile nebeneinander. Ich hörte ihn tief und regelmĂ€ĂŸig atmen und stellte mir vor, feine Baumwurzeln vor mir zu sehen.
„Der Tod kann erlösen.“ murmelte ich leise.
Im Brustton tiefster Überzeugung ergĂ€nzte Heysing: „
denn er ist das Tor zum Nichts.“
„Das Nichts ist fĂŒr mich alles das, was ich mit meinen ErkenntnisfĂ€higkeiten nicht erreichen kann. So wie ich ZufĂ€lle nicht vorhersehen kann.“
Heysing neben mir öffnet nicht einmal seine Augen. „ZufĂ€lle sind leere Hoffnungen.“
Gern hĂ€tte ich ihm widersprochen, wusste aber, er wĂŒrde sich nicht auf andere Erkenntnisse einlassen. Und schon gar nicht zufĂ€llig.
Mir schlief das linke Bein ein. Vorsichtig streckte ich es aus und versuchte mich vom Kissen zu erheben. Heysing blieb mit geschlossenen Augen sitzen.
„Kannst ja mal mit zu dem umgestĂŒrzten Baum kommen.“ Schlug ich ihm vor.
Heysing ließ sich Zeit. Schließlich sah er mich kurz von der Seite an. „Warum nicht?“
Ich ging auf dem schmalen Pfad vor ihm her. Die Stelle, von der es durch das Unterholz geradewegs zum umgestĂŒrzten Baum ging, hatte ich mir gemerkt. Hinter einer dicken von Efeu umrankten Buche, musste ich vom Pfad abbiegen.
„Ist es noch weit?“ wollte Heysink wissen und wirkte auf mich kurzatmig.
Ich fand den Baum auf Anhieb. Heysink lehnte sich neben mir an die Wurzeln und die feuchte Erde und stöhnte auf. Er habe immer einen Spaziergang gewollt. Keinen Lebenslauf. Doch der sei ihm zum ziellosen Rennen geworden.
Sein Gesicht war blass. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Vorsichtig legte ich meinen Arm um seine Schulter. Doch er griff sich an die Brust. „Hier
, hier tut es verdammt weh.“ Er sog noch einmal Luft ein, atmete aus und sackte in sich zusammen.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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