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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Züge
Eingestellt am 30. 06. 2001 15:07


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doktordigitalis
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Registriert: Jun 2001

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Züge


Jeder Satz ist ein Zug. Worte bilden die Waggons. Wie lang die Lok - die Idee - die Wagen ziehen kann, hängt davon ab, wie schwer diese mit Bedeutungen befrachtet sind, und ob es bergauf oder bergab geht. Bergauf: man schreibt gegen etwas an, eine Zeitströmung, Glaubenssätze, Tendenzen, Geschmack usw. Bergab: Z.B. ein zum Zeilenknecht degradierter Philosoph. Jedes Wort ist an seinem Erscheinungsplatz tendenziell -Love me tender- oder tendentiös und vermag den Leser in jede gewünschte Ecke zu drängen. Personen oder Zustände, die negativ dargestellt werden sollen, lassen sich leicht mit negativen Adjektiven behängen wie aufsässig, provokant, schludrig usw. Bei dem Erscheinungsbild einer Frau kann die Beschreibung der Haartracht auf ihre Wirkung schließen lassen: war ihr Haar stumpf und wirr, oder eher aufgleißend und wild?

Die Regeln der Sprache bilden die Geleise - einschließlich umgangsprachlicher Unworte. Angeheizt durch neue Ideen tuckerte die Lok munter drauflos. Der Weichensteller - der Supervisor im Schreiber, der ihn davon abhält, sich in die falsche Richtung zu verrennen - hatte auf Schleichwegen Schlechtwettergeld erwartet und stattdessen kalte Füße bekommen. Er war verschlafen genug, den Zug auf´s falsche Gleis zu lenken. Die eingleisige Strecke war durch Signale geregelt und von beiden Seiten befahrbar. Die Bremskraft der Lok reichte gerade für ihr eigenes Gewicht. Der Bremser schwitzte, wenn es galt, den Zug auf abschüssigen Strecken zu verlangsamen. Keuchend Kurbeln drehend, hielt er der Lok die schwere Fracht vom Puffer.

Personenzüge sind Personenbezüge, Verwicklungen in Freundschaft, Verwandtschaft, Liebschaft, Knechtschaft, Stiefelschaft usw. Die Güterzüge sind beladen mit dem alltäglichen Kram, den wir alle zu Markte tragen müssen.

Manchmal landete der Zug in Sackbahnhöfen, wo dann jeder Sack fragen konnte, was das denn solle. Das Thema hatte sich festgefahren! Was tun? Kehrtwenden und wieder Fahrt aufnehmen, oder entladen und mit neuer Fracht anderswohin aufbrechen?

Am schönsten war es, wenn der Zug durch weites grünes Land fuhr,der Pfiff der Lok die blaue Luft durchschnitt und alle sich an der Fahrt erfreuten.

Ein Kontrolleur durchschlenderte den Personenzug in unregelmäßigen Abständen. Er achtete darauf, dass niemand zu weit oder ohne Ticket fuhr, oder gar im falschen Zug saß. Auf seiner Dienstmütze stand Litera-Tour.

Wohin bringt uns der Gedankenzug? Wohin haben wir das Ticket gelöst? Aus welcher Situation sind wir herausgegangen, und in welche neue kommen wir? Wird man uns erwarten, oder stehen wir an windigen Bahnhöfen, ziehen den Mantelkragen hoch und stapfen im Takt der im Wind schwingenden Bogenlampen in eine ungewisse Düsternis, umheult von inneren und äußeren Eisstürmen?

Dann wieder umsteigen. Zwischenstationen, Gespräche auf dem Gang. Wir stehen an Zugfenstern und erzählen emphatisch von anderen Zügen, mit anderen Ausblicken und anderen Fahrgästen.

In einem der Waggons konnte man sogar heiraten. Die Abgegrenztheit dieses Abteils sorgte förderlich für ein exklusives Besitzdenken. Der Scheidungswaggon am Ende des Zuges wurde bei Bedarf abgehängt.

Leute, die keine Platzreservierung hatten, wurden herumgeschubst. So bekamen sie früh ein Gespür dafür, wann es Zeit wurde, die wohlige Situiertheit eines Sessels mit dem Stehplatz im Gang zu tauschen. Eigentlich waren sie die besser Trainierten. Die Vorgebuchten blieben in der Komfort-Zone des Herkömmlichen. Sie verweichlichten sich so gegen die Härten der Prärie des Lebens mit seinen Wüstenfüchsen, Oasen, Schlangen.....oh.... ich verliere mich. Wo ist der Zug?



Der Zug zog den Schreiber zurück auf´s Hauptgleis, das Mother-Gleis. Im Raucherabteil sitzend, fragte ihn jemand: „Haste noch´n Zug?“ Er trank seinen Champus aus und öffnete die Dachluke. Er musste dringend raus. Die frische Luft bescherte ihm einen klaren Kopf, als er den Oberkörper aus dem Dach schob. Er sprang ängstlich die zwei Schritt von Waggon zu Waggon und trommelte sich gegen den Fahrtwind nach vorn durch. Jetzt kletterte er schon über den Kohlen-Wagen, sprang über den schlafenden Bremser, dabei dessen Kappe streifend und landete schließlich mit ausgestoßenem Atem und abgespreizten Armen im Führerhaus der Lok. Welches war der richtige Hebel?


Die Pokerpartien im Spielsalon standen unter dem Motto: Du hast keine Chance, nutze sie! Die Zugleitung war darauf bedacht, die Gäste bei Laune zu halten und dem inzwischen gefräßig gewordenen Konsumenten noch mehr lecker Vorgekautes zu servieren.

Verantwortungsscheue Kandidaten versuchten schwarzzufahren, und trieben den Adrenalinpegel gegen 180, indem sie auf die schwere Hand des Kontrolleurs auf ihrer Schulter warteten.

Wie oft hatte er die Züge schon gewechselt? Und immer auf das Gepäck acht geben müssen, dass er verschleppte, Zug um Zug. Mancher geriet in Zugzwang. Das war eine Phobie gegen Entscheidungen ohne RückZUGs-Klausel.

Er stand am Fenster und spürte einen großen Freiheitsdrang in seiner Brust. Er sah nun alle die vergeblich beschriebenen Blätter seiner Vergangenheit und wünschte sich stark hinaus aus diesem Zug der Gleichförmigkeiten. Er schrieb: „Diese Geschichte könnte unendlich werden! - Allerdings müssten dazu die Schienen weit genug ausgebaut sein!“


doktordigitalis - 4/2001


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