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Züge im Nebel
Eingestellt am 01. 05. 2007 18:27


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memo
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Züge im Nebel


Zufällig trifft Emil Patoka bei einem nächtlichen Diebeszug in einem Güterwagen seinen jüngeren Bruder, der bei der Bahnpolizei arbeitet. Seit Kriegsanfang waren sie getrennt. Betroffen erfährt Emil, dass sein Vater, den er schon seit Jahren nicht mehr sehen konnte, in seiner Heimat (Polen) verhungert ist. Gleichzeitig muss er erkennen, wie sehr er seinen „kleinen“ Bruder, dem er immer ein Vorbild war, enttäuscht hatte.
Durch den inneren Monolog entführt Emil in seine Welt. Er plaudert in einem lockeren Ton dahin und lässt dadurch gleichzeitig auf direkte Art erspüren, in welcher Realität er existieren muss.
Die Kurzgeschichte kommt so typisch unpolitisch daher, auch wenn vieles in ihr eine verborgene Anklage verbirgt. Die Natur beispielsweise wird nicht beschrieben. Sie kann nur durch die „…jämmerliche Kälte…“, den“…ekelhaften Nebel“ und die Dunkelheit wahrgenommen werden. Nichts scheint unwichtiger, als eine Umwelt wiederzugeben, die zerbombt oder von Kämpfen zerstört ist. Vor allen dann, wenn so vieles im Innern danach schreit, sich zu befreien.
Die Sprache verliert die Kraft für romantische Beschreibungen. Nichts bleibt, als ein Bruchteil dessen, was geschehen ist. Das „Furchtbare“, steht irgendwo zwischen den einfachen Sätzen und bedeutet viel mehr als eine verlorene Bruderliebe.

So wie Emil sich als Kind das Leben erträumte, ist die Wirklichkeit nicht.
Die Abenteuer der „Räuber und Banditen“ ließen ihn aus seinem traurigen Kinderleben entfliehen. Ein kleiner Bub, der seine Mutter bei der Geburt des Bruders verliert, der früh lernen muss allein zu recht zu kommen.„…ich war ja ´schon´ acht…“ Emil kümmert sich um seinen Bruder, in einem Alter, in dem er selbst noch eine Mutter gebraucht hätte. Er hat „…ein wenig Mama gespielt.“
Er ist ein vom Schicksal geprägter Mensch, jedoch erstaunlich offen und von einer gutmütigen Einfachheit. Mit einer Selbstverständlichkeit glaubt er, dass „…einwenig betrügen…“, „…ein jeder schwindelt ein bisschen…“ nichts Schlimmes bedeutet.
Gustav, sein jüngerer Bruder, ist entsetzt darüber.
„..da gibt es also gar keine Unterschied zwischen gut und schlecht?“
Wie kann er Emil danach fragen, den großen Bruder, der ihn in seiner Kindheit liebevoll versorgte und von dem er hungrig vielleicht so manch gestohlenes Stück Brot entgegen nahm? Dem er nun gegenübertritt und ihn anklagt, ihn aufs Tiefste verletzt.„Halts Maul“, oder „Hau ab, sag ich dir!“
Gustav drückt ihm einen Revolver in den Rücken und durchsucht ihn wie einen Fremden.
Doch Emil trägt keine Waffe.
„…so was nehmen wir nicht mit, unser einer ist friedlich…“
Ist es ehrenhafter, in einer Zeit wo Not und Hunger herrscht, jeden kleinen Dieb zu stellen?
Gustav jedoch ist enttäuscht und wütend.
Anstatt seinen großen Bruder nach dem unerwarteten Wiedersehen glücklich in die Arme zu nehmen, stößt Gustav ihn zurück. Es ist Emil, der in seiner Verzweiflung heimlich am Rücksitz des Autos heult. Er hat nicht gewusst, dass er jemals für jemanden wichtig war. Von Selbstvorwürfen gequält, glaubt er immer noch für seinen Bruder verantwortlich zu sein.
Er, Emil Patoka, der ohne Mutter aufwachsen musste, dessen Vater verhungert ist und dessen Bruder ihn nun verachtet.

Irgendwann wird uns niemand mehr erzählen können, was er selbst vor mehr als einem halben Jahrhundert erlebt hat. –Um uns ein Stück der Wirklichkeit näher zu bringen. Von den Jahren, die große Veränderungen mit sich brachten und die sich in der Sprache der Literatur widerspiegeln. Was uns bleibt, ist vielleicht „nur“ ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte, als einzig wahrhaftiges Zeugnis der Vergangenheit. Ich hoffe, dass unsere Zukunft einmal nur wenige, unbedeutende Seiten der Geschichtsbücher ausfüllt. Denn das sind meist die friedlichsten Jahre.


Günter Eich
Züge im Nebel (1947)
Die Geschichte ist mir zufällig- durch eine Freundschaft - in die Hände gefallen.

„Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit den heißen Gefühlen, die zu Baum Baum sagen und zu Weib Weib und ja sagen und nein sagen – laut und deutlich und ohne Konjunktiv.“
Wolfgang Borchart. 1921 -1947




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