Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5624
Themen:   97219
Momentan online:
322 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Zufallsbekanntschaft
Eingestellt am 27. 10. 2002 13:52


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
mod
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 13
Kommentare: 65
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Zufallsbekanntschaft

Immer wenn sie nachts in die Straßenbahn steigt huschen unsere Blicke fĂŒr Sekunden fast zufĂ€llig ineinander. Aus dunklen Augen lĂ€chelt sie lieb und gleichzeitig provokant. Fast ist es wie eine liebe Gewohnheit und dennoch voll soviel Resignation. TĂ€glich wirkt ihr Blick ein wenig gehetzter ein bisschen weniger hoffnungsvoll.

Heute wirft sie ihre lange, gelockte, rostrote MĂ€hne mit einer energischen Kopfbewegung schwungvoll ĂŒber die linke Schulter und flĂ€zt sich dann lĂ€ssig in die Sitzreihe vor mir.

Wir hĂ€ngen beide mehr quer als lĂ€ngs, mehr lustlos als wach in unseren ungemĂŒtlich harten drachengrĂŒnen Plastiksitzen. Die ganze Fahrt ĂŒber schauen wir uns nicht wieder an, versuchen aber hier und da das alte Spiel Augen-die-sich-in-GlastĂŒren- spiegeln.

Draußen rinnt ein heftiger Regenschauer gemĂŒtlich prasselnd in ellenlangen FĂ€den vom Himmel und kullert weiter, in dicken Tropfen die Fensterscheiben hinunter auf den nassglĂ€nzend schwimmenden Asphalt. Am Chlodwigplatz öffnen sich die TĂŒren. ein Schwall frischer neblig kalter Novemberluft flutet mir entgegen.

Plötzlich springt mich die Lust auf einen Nachtspaziergang an. Ich steige aus. Staunend stelle ich fest, dass sie mir nachkommt. Stundenlang schlendert sie zehn oder zwölf Schritt hinter mir durch die herbstliche Kölner Regennacht. Ich werde nervös. Ich will Klarheit, warum ich verfolgt werde. Überraschend und ruckartig drehe ich mich um und frage, doch auch sie bleibt stehen, nĂ€hert sich nicht.

Ich geh nun schneller als zuvor. - Sie folgt mir schneller. - Demonstrativ verlangsame ich meinen Schritt wieder. - Sie bleibt in bedeutsam bequemer Entfernung.

Als ich an der HaustĂŒr ankomme und aufschließe kommt sie endlich nĂ€her. Ihr warmer Schatten schmiegt sich an meinen Körper. Sie lĂ€sst die glitschnassen StrĂ€hnen meines Haares zĂ€rtlich durch ihre langen schlanken Finger gleiten, streichelt mir den Nacken und bittet mehr als sie fragt: "Nimmst du mich noch mit zu Dir? Bitte!"

"Nach dir", lĂ€chle ich, erleichtert, dass es nur das ist und stoße die HaustĂŒr sperrangelweit auf. Bei einer Flasche Weißwein geraten wir ins Plaudern. Sie erzĂ€hlt viel, doch nichts von sich. StĂ€ndig weicht sie aus, sagt nicht mal wie sei heißt. Sie redet ĂŒber FreundInnen, MĂ€nner und Bekannte. Und obwohl ich glaube, dass sie mich nicht kennen kann, spricht sie viel von denen die mir lieb sind. Ich wage nicht zu fragen woher sie weiß...

SpĂ€ter setzt sie sich vielleicht ein wenig zu cool, zu lĂ€ssig auf meinen Schoß. Wir kĂŒssen uns zunĂ€chst vorsichtig und zĂ€rtlich, sind aber schon betrunken genug, um schnell die nötige NĂ€he und Vertrautheit zu finden. SpĂ€ter bemerkt sie beilĂ€ufig, dass sie mĂŒde sei.

Nur Minuten aber tausend KĂŒsse spĂ€ter steht sie auf und sagt energisch "Also ich gehÂŽ jetzt ins Bett". Sie zieht sich aus, blickt mir, wie zur BekrĂ€ftigung unserer Vertrautheit nochmals tief in die Augen. Dabei steht sie in rosa getupfter weißer SpitzenwĂ€sche mitten in der KĂŒche, die auch das Wohnzimmer meiner Zweizimmerbude ist und wirkt ein wenig verloren, ja sogar ein bisschen hilflos.

Doch dann blitzt ein selbstsicheres, liebes Funkeln in ihren Augenwinkeln und sie entlarvt bewusst ihre Provokation. Ich mag jetzt noch nicht bei ihr, mit ihr im Bett liegen. Nicht weil ich irgendwelchen pietistischen Moralvorstellungen anhinge, nicht auf Frauen "stĂŒnde" oder mir als Mann-fĂŒr-eine-Nacht zu schade sei. Doch diese Nacht verbringe ich, einem eher unbestimmten GefĂŒhl folgend lieber zusammengekauert im Sessel.

Als ich spĂ€t am Morgen erwache, suche ich sie vergebens. Das Bett gĂ€hnt mir leer seine KĂ€lte entgegen. Sie ist schon lange fort. Auf dem Schreibtisch mit dem Jugendstilmuster liegt ein kleiner grauer Schmierzettel, in lila mit meinem LieblingsfĂŒller geschrieben:

"Guten Morgen du Langweiler!" steht da und noch: "ich liebe dich.

Ciao und bis bald Deine Einsamkeit".

__________________
Lebe einsam wild und gefÀhrlich

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung


Ausschreibung