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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Zufallsbekanntschaft
Eingestellt am 27. 10. 2002 13:52


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mod
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Zufallsbekanntschaft

Immer wenn sie nachts in die Stra√üenbahn steigt huschen unsere Blicke f√ľr Sekunden fast zuf√§llig ineinander. Aus dunklen Augen l√§chelt sie lieb und gleichzeitig provokant. Fast ist es wie eine liebe Gewohnheit und dennoch voll soviel Resignation. T√§glich wirkt ihr Blick ein wenig gehetzter ein bisschen weniger hoffnungsvoll.

Heute wirft sie ihre lange, gelockte, rostrote M√§hne mit einer energischen Kopfbewegung schwungvoll √ľber die linke Schulter und fl√§zt sich dann l√§ssig in die Sitzreihe vor mir.

Wir h√§ngen beide mehr quer als l√§ngs, mehr lustlos als wach in unseren ungem√ľtlich harten drachengr√ľnen Plastiksitzen. Die ganze Fahrt √ľber schauen wir uns nicht wieder an, versuchen aber hier und da das alte Spiel Augen-die-sich-in-Glast√ľren- spiegeln.

Drau√üen rinnt ein heftiger Regenschauer gem√ľtlich prasselnd in ellenlangen F√§den vom Himmel und kullert weiter, in dicken Tropfen die Fensterscheiben hinunter auf den nassgl√§nzend schwimmenden Asphalt. Am Chlodwigplatz √∂ffnen sich die T√ľren. ein Schwall frischer neblig kalter Novemberluft flutet mir entgegen.

Plötzlich springt mich die Lust auf einen Nachtspaziergang an. Ich steige aus. Staunend stelle ich fest, dass sie mir nachkommt. Stundenlang schlendert sie zehn oder zwölf Schritt hinter mir durch die herbstliche Kölner Regennacht. Ich werde nervös. Ich will Klarheit, warum ich verfolgt werde. Überraschend und ruckartig drehe ich mich um und frage, doch auch sie bleibt stehen, nähert sich nicht.

Ich geh nun schneller als zuvor. - Sie folgt mir schneller. - Demonstrativ verlangsame ich meinen Schritt wieder. - Sie bleibt in bedeutsam bequemer Entfernung.

Als ich an der Haust√ľr ankomme und aufschlie√üe kommt sie endlich n√§her. Ihr warmer Schatten schmiegt sich an meinen K√∂rper. Sie l√§sst die glitschnassen Str√§hnen meines Haares z√§rtlich durch ihre langen schlanken Finger gleiten, streichelt mir den Nacken und bittet mehr als sie fragt: "Nimmst du mich noch mit zu Dir? Bitte!"

"Nach dir", l√§chle ich, erleichtert, dass es nur das ist und sto√üe die Haust√ľr sperrangelweit auf. Bei einer Flasche Wei√üwein geraten wir ins Plaudern. Sie erz√§hlt viel, doch nichts von sich. St√§ndig weicht sie aus, sagt nicht mal wie sei hei√üt. Sie redet √ľber FreundInnen, M√§nner und Bekannte. Und obwohl ich glaube, dass sie mich nicht kennen kann, spricht sie viel von denen die mir lieb sind. Ich wage nicht zu fragen woher sie wei√ü...

Sp√§ter setzt sie sich vielleicht ein wenig zu cool, zu l√§ssig auf meinen Scho√ü. Wir k√ľssen uns zun√§chst vorsichtig und z√§rtlich, sind aber schon betrunken genug, um schnell die n√∂tige N√§he und Vertrautheit zu finden. Sp√§ter bemerkt sie beil√§ufig, dass sie m√ľde sei.

Nur Minuten aber tausend K√ľsse sp√§ter steht sie auf und sagt energisch "Also ich geh¬ī jetzt ins Bett". Sie zieht sich aus, blickt mir, wie zur Bekr√§ftigung unserer Vertrautheit nochmals tief in die Augen. Dabei steht sie in rosa getupfter wei√üer Spitzenw√§sche mitten in der K√ľche, die auch das Wohnzimmer meiner Zweizimmerbude ist und wirkt ein wenig verloren, ja sogar ein bisschen hilflos.

Doch dann blitzt ein selbstsicheres, liebes Funkeln in ihren Augenwinkeln und sie entlarvt bewusst ihre Provokation. Ich mag jetzt noch nicht bei ihr, mit ihr im Bett liegen. Nicht weil ich irgendwelchen pietistischen Moralvorstellungen anhinge, nicht auf Frauen "st√ľnde" oder mir als Mann-f√ľr-eine-Nacht zu schade sei. Doch diese Nacht verbringe ich, einem eher unbestimmten Gef√ľhl folgend lieber zusammengekauert im Sessel.

Als ich sp√§t am Morgen erwache, suche ich sie vergebens. Das Bett g√§hnt mir leer seine K√§lte entgegen. Sie ist schon lange fort. Auf dem Schreibtisch mit dem Jugendstilmuster liegt ein kleiner grauer Schmierzettel, in lila mit meinem Lieblingsf√ľller geschrieben:

"Guten Morgen du Langweiler!" steht da und noch: "ich liebe dich.

Ciao und bis bald Deine Einsamkeit".

__________________
Lebe einsam wild und gefährlich

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