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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zugfahrt in die Vergangenheit
Eingestellt am 02. 08. 2014 13:36


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Maribu
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Zugfahrt in die Vergangenheit

Als er vor sechs Monaten sein Arbeitsverh├Ąltnis gek├╝ndigt hatte, wollte er endlich das nachholen, wovon er als junger Mann getr├Ąumt hatte.
Von Afrika hatte er genug, obwohl es ja auch sichere L├Ąnder und viele Sehensw├╝rdigkeiten gab. Aber die Rivalit├Ąt und Gewalt zwischen den verschiedenen St├Ąmmen schreckten ihn davor zur├╝ck.
Au├čerdem hatte er in den vielen Jahren seiner T├Ątigkeit immer noch Rassismus gesp├╝rt.
Er bereiste Brasilien und Argentinien und aus beruflichem Interesse Venezuela. Danach flog er nach Nordamerika, wo er fast alle Nationalparks besuchte. Auch Alaska und Kanada lie├č er nicht aus. Am besten gefiel ihm die raue K├╝ste von Oregon mit den gewaltigen, bizarren Felsen, die ihn in "Hollywoodfilmen" schon fasziniert hatten. Zwei Monate hielt er sich in Kalifornien auf, wo ihm das Klima sehr gut bekam.
Nun war es an der Zeit, sein Land kennen zu lernen. Zuerst zog es ihn in das Heimatdorf, in dem er bis zum Abitur bei seinen Eltern gewohnt hatte. Nachdem er meistens geflogen und mit Mietwagen unterwegs gewesen war, gefiel ihm die Fahrt mit der Bahn au├čerordentlich gut. Abgesehen vom Speisewagen, wo er sich morgens und mittags mit Essen und Trinken versorgte, konnte er die Landschaft vom Fensterplatz aus genie├čen.
Nach dem Fahrplan musste sein Zielbahnhof bald erreicht sein.
Er zog sein Jackett ├╝ber und schlenderte zum Gep├Ąckstand, an dem bereits Gedr├Ąnge herrschte. Kurz vor dem Einlaufen erwischte er seinen Trolly und war einer der ersten, der ausstieg. Er blieb vorm Ausgang stehen, um die Menschen an sich vorbeigehen zu lassen. Unter den ungef├Ąhr drei├čig Personen war nicht ein bekanntes Gesicht.
Vor neunundzwanzig Jahren hielt ein sogenannter Personenzug nur zweimal am Tag, und eine Handvoll Menschen stieg ein oder aus. Der Ort mit dem damals zutreffenden Namen Schwandorf hatte sich zu einer Stadt entwickelt. - Nicht verwunderlich, dass ihm alles fremd erschien. Der Wald, der sich in der N├Ąhe des Bahnhofs ausgebreitet hatte, war abgeholzt worden.
Eine Reihenhaus-Siedlung pr├Ąsentierte sich und am Ende wurde sie sogar von Hochh├Ąusern ├╝berragt. Jetzt wunderte er sich, dass er im Internet noch das 'Waldhotel' gefunden hatte.
Es hatte aber nur den Namen ├╝bernommen. Der graue Vorkriegsbau war einem modernen Geb├Ąude in Turmform und einem gro├čen Parkplatz gewichen. An der Rezeption sa├č anstelle des damaligen Inhabers eine junge Frau, die ihm den Schl├╝ssel aush├Ąndigte.
Er duschte, zog sich frische W├Ąsche an und stellte den Koffer in den Schrank, ohne den Rest auszupacken. Jetzt war er doch ungeduldig, was ihn erwartete. Ob es den Block mit der Elternwohnung noch gab? Oder hatte man auch ihn abgerissen?
Sein halbes Leben lang war er nicht mehr hier gewesen. Zuerst die Jahre auf der Bohrinsel und dann als leitender Ingenieur in einer Nigeranischen Raffinerie.
Er hatte zwar schriftlichen Kontakt zu seinen Eltern gehalten, zu Geburtstagen auch angerufen, schaffte eine kurze R├╝ckkehr aber nur zu ihren Beerdigungen.
Jetzt mit sechsundf├╝nfzig Jahren hatte er genug Geld verdient, um sich aus dem Berufsleben zu verabschieden.
An die Stra├čennamen konnte er sich noch erinnern und trotz baulicher Ver├Ąnderungen und Gesch├Ąften und Ampelanlagen, die es damals nicht gab, stand er nach einigen Minuten vor dem Mehrfamilienhaus. Die Bausubstanz muss wohl noch gut gewesen sein, denn es war ged├Ąmmt und durch vorgesetzte gelbe Klinker aufgewertet worden. Au├čerdem war das Dachgeschoss ausgebaut und zus├Ątzliche Balkons geschaffen worden.
Voller Spannung sah er auf die Klingelschilder. Tats├Ąchlich! Im dritten Stock gab es noch den Namen Hildebrandt.
Er hatte mit seinen Eltern im ersten Stock, und seine Freundin, mit der er schon im Kindergarten gespielt hatte, zwei Etagen h├Âher gewohnt. Nachdem er in eine WG mit anderen Studenten gezogen war, bestand das freundschaftliche Verh├Ąltnis weiter. Sie trafen sich ein bis zweimal in der Woche und gingen ins Kino oder zum Tanzen. Er konnte aber ihre tieferen Gef├╝hle nicht erwidern, war aber zu feige, es zu gestehen. Deshalb vertr├Âstete er sie w├Ąhrend der letzten Semester ├Âfter und entschuldigte es mit wichtigen Klausuren.
Trotzdem hatte sie sich nach dem Ende seines Studiums Hoffnung auf eine Heirat gemacht. Und auch ihre Mutter sah in ihm den zuk├╝nftigen Schwiegersohn ihrer einzigen Tochter. Ihr Mann war an der Ostfront gefallen.
Aber sie war ihm zu vertraut und er wollte es als Nachbarschaftsverh├Ąltnis in Erinnerung behalten. Seine Abenteuerlust war st├Ąrker!
├ťber viele Monate bestand noch ein Briefwechsel, bis sie nicht mehr antwortete. Manchmal hatte er noch an sie gedacht und einen Brief formuliert, ihn aber nicht abgeschickt.
Sie hatte sich bestimmt mit einem anderen Mann getr├Âstet.
Wenn er Urlaub hatte, kannte er Frauen nur aus Bordellen.
In Nigeria lebte er mit einer Afrikanerin zusammen, die ihn nicht liebte, aber auf sein Geld angewiesen war. Er wollte sie weiterhin finanziell unterst├╝tzen.
Er dr├╝ckte den Klingelknopf. Nach einem kurzen Moment h├Ârte er den Summer und dr├╝ckte die T├╝r auf. Wie fr├╝her sprang er die Treppe hoch und stand tief Luft holend, vor Frau Hildebrandt.
Sie hatte sich kaum ver├Ąndert, als w├Ąre die Zeit spurlos an ihr vorbei gegangen. Sie lachte und sagte: "Na, Sie haben das aber eilig! Was wollen Sie mir denn aufschwatzen? Ich kaufe nichts an der T├╝r!"
Er lachte auch, es war aber mehr Verlegenheit. "Entschuldigen Sie bitte Frau Hildebrandt, dass ich Sie so ├╝berfalle! Sie erkennen mich bestimmt nicht mehr. Ich bin Ewald Hoyer. Ich habe hier vor vielen Jahren gewohnt und war mit Ihrer Tochter Margot befreundet."
Das eben noch lachende Gesicht wurde ernst, fast versteinert, und sie schloss die T├╝r sofort und erwiderte: "Nach drei├čig Jahren kommst du hier unangemeldet raufgehetzt als k├Ânntest du das Wiedersehen nicht erwarten, und hast nichts als eine versch├Ąmte Entschuldigung! Geh weg! Hau wieder ab, du Abenteurer und Traumt├Ąnzer!" Pl├Âtzliche Stille.
Er hatte das Gef├╝hl, dass sie weinte. Betroffen setzte er sich auf eine Stufe. Er wollte nicht sofort gehen, vielleicht w├╝rde sie noch etwas sagen. Er h├Ârte ihre jetzt leise und traurige Stimme: "Meine Mutter wohnt hier nicht mehr. Die neue Adresse ist Reihe 41, Grabnummer 3167 neben deinen Eltern!"












































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