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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zugzwang
Eingestellt am 07. 10. 2004 15:26


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Jasmina
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Registriert: Sep 2004

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Zugzwang

Er wacht aus kurzem DĂ€mmer auf. Ein langsamer Ruck, ein schnelles Strecken. Alles GerĂ€usch ist noch vom Nachtschlaf eingelullt. Ein Ächzen schĂŒttelt den Stillstand ab und er setzt sich leise in Bewegung. Ohne Hast, niemanden aufwecken. Doch die Bewegung wird schneller. Weg von den Schlafenden.

Eigentlich mag Anders mit dem Zug irgendwohin zu fahren. Das macht er oft. Manchmal wenn er einen Job erledigt hat oder manchmal wenn er einen hat sausen lassen. Er kauft sich dann ein LĂ€nder- oder Wochenendticket und fĂ€hrt in eine Stadt in der er noch nie gewesen war. Manchmal auch an Orte an die er mit ihr zusammen fahren wollte. Naumburg war einer dieser Orte. Der Dom. Die Stifterfiguren. Zusammen sind sie nie dorthin gefahren. Sie hatte ihm viel ĂŒber den Westchor und den Lettner erzĂ€hlt. HauptsĂ€chlich aber ĂŒber Uta, die stille Königin des Doms.
Sie lagen im Bett, dicht an die kleine Nachttischlampe gerĂŒckt, die auf einer umgedrehten Holzkiste stand. Vor ihr das aufgeschlagene Buch auf einem wackeligen Lesepult aus Kissen. Wenn sie eine Seite umblĂ€tterte, dann wandte sie sich ihm zu und lĂ€chelte ihn mit ihrem offenen Kindergesicht an. Am Liebsten malte er Kringel in ihr langes Haar, das sich wie eine weiche Schlange um seine Hand legte. „Keiner wusste wie Uta wirklich jemals ausgesehen hat,“ flĂŒsterte sie ihm ins Ohr. 250 Jahre nach Utas Tod soll ein junger Steinmetz nach Naumburg gekommen sein und einen Auftrag fĂŒr eine Skulptur angenommen haben. Am Ende war er Uta, der Figur der Uta so erlegen, dass der sich beide HĂ€nde abhackte und nie mehr als Steinmetz arbeiten konnte. „Stell dir das mal vor!“ Auf ihrem Mund lag ein Ausdruck des Entsetzens. „Was fĂŒr ein dummer Kerl“, dachte Anders. „Das ist doch nur eine Legende“, sagte er zu ihr.
Welcher der Geschichten glaubte sie? Sie hatte es ihm nie verraten. Viele Möglichkeiten gab es zu Uta. Vielleicht zu viele.
SpĂ€ter fuhr er einmal allein nach Naumburg. Als er ĂŒber den Marktplatz lief, stellte er sie sich tanzend auf dem holprigen Kopfsteinplaster vor. Die FĂŒĂŸe durften nur jeweils einen Stein berĂŒhren. Meist ging das nur auf Zehenspitzen und so hĂŒpfte sie von Stein zu Stein, von verwunderten FussgĂ€ngern beobachtet.
Als er dann in dem kalten Dom stand, verschwamm ihr Gesicht plötzlich zu etwas Fernem, nicht mehr Greifbaren. Vor ihm stand eine Skulptur aus Muschelkalk, die leblos die Zeit ĂŒberdauert hatte.
Ja, er mag es mit dem Zug zu fahren. Das beruhigt ihn. Das gleichmĂ€ĂŸige GerĂ€usch der RĂ€der, das sanfte Motorensummen. Dann macht sich immer ein wunderbares GefĂŒhl in ihm breit. Ein Dazwischen, das etwas Neues ankĂŒndigt. Wenn er dann in einer fremdem Stadt ankommt, lĂ€uft er durch die Straßen und stellt sich vor wie es wohl wĂ€re, dort zu leben. Mit den Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen. Am Abend fĂ€hrt er dann wieder mit dem letzten Zug zurĂŒck. Das spart Kosten fĂŒr eine Übernachtung und außerdem schlĂ€ft er sowieso nicht gern allein an fremden Orten.

Doch diesmal hat er sich keine RĂŒckfahrkarte gekauft. Diesmal ĂŒberkommt ihn ein GefĂŒhl, das zwischen Angst und Freude wankt, wie ein sich drehender Kreisel, der bei der kleinsten BerĂŒhrung droht umzukippen.
Vor vier Tagen hat er ihren Brief bekommen. Es war Dienstag und am Dienstag hat er als Möbelpacker gearbeitet. RĂŒcken und Arme taten ihm furchtbar weh vom Ein - und Ausladen der schweren Holzteile. Die ungewohnte Arbeit hatte ihn völlig erschöpft und er wollte sich einfach nur ein heißes Bad einlassen. Hinter Supermarktangeboten und der Telefonrechnung lag ihr Brief. Einfach so. Er erkannte ihre Schrift sofort, die verspielten Schnörkel am Ende eines jeden Buchstabens, die beinahe die anderen Worte vom Umschlag fegten. Sein Name und die Adresse waren in blauer Tinte geschrieben, er hatte ihr den FĂŒller vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt.
Er schaute lange auf den Umschlag. Fast eine halbe Stunde saß er wie versteinert mit dem Brief auf seinem Schoß auf dem grĂŒngekachelten Badewannenrand.
Er musste an eine Ausstellung denken, die er einmal besucht hatte. Den Namen des KĂŒnstlers hatte er schnell vergessen, obwohl es ein sehr berĂŒhmter Maler gewesen war. In einer Glasvitrine lagen Briefe, die er an Freunde, Förderer und seine Familie geschrieben hatte. GeschĂŒtzt vom Licht und dem Staub der VergĂ€nglichkeit lagen die ĂŒber hundert Jahre alten Papierbögen in diesem glĂ€sernen Sarg und erzĂ€hlten von lĂ€ngst vergangenen Dingen.
Dieser Brief mit der verschnörkelten Schrift kam aus einer anderen Zeit.

Die AutomatiktĂŒr öffnet sich, plötzlich steht eine Traube Menschen in dem Zugabteil. Wo wollen die nur hin? Normalerweise schlĂ€ft man doch noch um diese Uhrzeit, gerade an einem Wochenende. Eine Stimme fragt ihn ob der Platz neben ihm noch frei sei. Die Frau sagt guten Morgen und setzt sich neben ihn ohne seine Antwort abzuwarten. Anders schaut auf die KopfstĂŒtze vor ihm. Blaue Quadrate auf hellem Untergrund.
Sie schrieb ihm, dass sie nie verstanden hĂ€tte warum er vor vier Monaten weggegangen war. Ja, es hĂ€tte schwere Zeiten gegeben, das Geld drĂŒckte an allen Ecken und Enden und er hatte sich die Dinge auch anders vorgestellt, aber wenn er ein wenig Geduld gehabt hĂ€tte, wĂ€re es bestimmt nicht so weit gekommen. Jetzt lĂ€gen die Dinge aber wohl einmal so und nichts war mehr zu Ă€ndern, obwohl ihr das alles immer noch unbegreiflich sei. Vor drei Wochen war sie zu Otto gezogen, das hĂ€tte sich so ergeben und eigentlich sei sie auch recht glĂŒcklich mit Otto und der neuen Wohnung. Sie hĂ€tte nach seinem Weggehen viel nachgedacht und einiges nun verstanden. Naja, nun beginne wohl etwas Neues.
Sie hĂ€tte noch ein paar seiner BĂŒcher und CDs beim Umzug gefunden, sie wisse nicht so recht was sie mit ihnen machen solle, er könne sie natĂŒrlich jederzeit abholen.
Er saß immer noch auf dem Badewannenrand, das eingelassene Wasser war mittlerweile lauwarm. Otto Otto. Die Eltern hatten wirklich Humor. So einfach ist das. Otto, mein Name. Hinten wie vorne. Raffiniert seinen Sohn mit einem solchen Namen in die Welt zu werfen. Mit so einem Namen musste ja alles glatt gehen. Otto, der ein glĂ€nzende Promotion hinter sich hatte und glĂ€nzende Berufsaussichten vor sich. Er musste an den Ausspruch Das Beste zum Schluss denken. Ein gluckenderes GerĂ€usch war zu hören, der Abguss saugte gierig an einem StĂŒck verschmierten Papier.
Ein junges Paar setzt sich vor ihn. Ein blonder Pferdeschwanz ergießt sich ĂŒber die KopfstĂŒtze, die Quadrate liegen nun zur HĂ€lfte unter dem dichten Haar begraben. Die blauen KĂ€stchen verschwimmen fĂŒr einen Moment zu einem Kreis vor seinen Augen. Keine RegelmĂ€ĂŸigkeit in den Reihen, der Stoff wurde einfach abgeschnitten und zugenĂ€ht ohne auf die RegelmĂ€ĂŸigkeit zu achten.
Sie konnte es nicht verstehen. Er wollte so nicht weiterleben. Immer nur die stĂ€ndige Sorge genug Geld zusammenkratzen zu mĂŒssen, das konnte es ja wohl nicht gewesen sein. Was halfen da alle guten VorsĂ€tze, wenn nicht mal Geld fĂŒr die Miete da war? Gedanken zahlten keine Rechnungen. Das war nicht mehr sein Leben gewesen, nein wirklich nicht. Tausend Mal hat er sie gebeten mit ihm wegzugehen, aber sie wollte nicht. Sie wollte ihn festhalten wie einen Hund, der hinter ihr hertrottet. Nein, das wollte er nicht. Er hatte zum GlĂŒck rechtzeitig verstanden, dass es so nicht weitergehen konnte. Wozu sein Studium? Dass er mit ihr an diesem öden, miefigen Ort ein Dasein als Gelegenheitsarbeiter fristete? Sie fragte ihn wie er sich denn sein Leben vorstellte. Sie wollte ihn nicht verstehen.
Die meisten Menschen mögen Kreise. In einem Test der verschiedenen Probanden farbige geometrische Figuren vorlegte, entschied sich die Mehrheit fĂŒr den roten Kreis. Sie glauben, er sei eine postive Figur. Anfang und Ende. Ende und Anfang. Warm, vital und liebend. Sich im Kreis drehen. Alles dasselbe. Keine spitzen Ecken an denen man sich verletzten kann. Eine runde, zufriedene GebĂ€rmutter, die alles verschluckt, kein Wunder, dass die wenigsten sich fĂŒr das blaue Quadrat entschieden hatten. Die Farbe blau: mĂ€nnlich, dominant, rational. Aber auch:Sehnsucht.
HÀtte er wirklich so weiter machen sollen? Mit ihrer PassivitÀt war einfach nichts Neues zu beginnen, sie sperrte sich ja gegen alles, was nicht ihren Vorstellungen entsprach. Der Auszug war richtig gewesen, da gab es doch gar keinen Zweifel. Wie sie da stand, als er seine Sachen zusammenpackte! Sie sagte nichts, stand einfach so da. Nicht einmal geweint hat sie. Lautlos, unbeteiligt, als ob ihre beiden Leben nicht die letzten zwei Jahre miteinander verwoben gewesen wÀren. Wie ein dumpfer Stein an dem alles abzuprallen schien.
Er schlug die WohnungstĂŒr hinter sich zu, das GerĂ€usch klang wie ein Knall, der in der Luft stehen blieb. Hinter der weißen TĂŒr war kein GerĂ€usch zu hören, nichts, kein Weinen, kein Schreien, einfach nichts. FĂŒr einen kurzen Moment wollte er zurĂŒck gehen, ein erlösendes Lachen mit ihr teilen und ihren Geschichten lauschen wĂ€hrend er ihr Haar streichelte. „Und deine Naumburggeschichten sind sowieso absoluter Blödsinn!“
Die Frau neben ihm ist eingenickt, Anders tippt vorsichtig mit seiner Hand auf ihre Schulter. „Entschuldigen sie bitte, aber ich muss aussteigen, ich habe etwas vergessen.“

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

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hallo jasmina

meine bewertung bekommst du fĂŒr die sehr schön verdichteten stimmungen und gefĂŒhle.

an solchen beschreibungen solltest du allerdings noch arbeiten:

Er wacht aus kurzem DĂ€mmer auf. Ein langsamer Ruck, ein schnelles Strecken. Alles GerĂ€usch ist noch vom Nachtschlaf eingelullt. Ein Ächzen schĂŒttelt den Stillstand ab und er setzt sich leise in Bewegung. Ohne Hast, niemanden aufwecken. Doch die Bewegung wird schneller. Weg von den Schlafenden.

er wirkt krampfhaft und es stimmt nicht.
ein ruck ist eben ein ruck...etwas schnelles, wenns langsam ist ist es kein ruck.
- er kann eingelullt sein, seine gedanken können das - die gerÀusche nicht. die können nur ihn einlullen. oder der schlaf kann es...
welche schlafenden? das kommt zu unkommentiert.

ich denke den ganzen anfang könntest du ersatzlos streichen.

ansonsten sehr beeindruckt

gunter


__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ĂŒberraschendes

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