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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Zum 500. Reformationstag
Eingestellt am 30. 10. 2016 12:14


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aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

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Ginge es nach den Wehrufen selbsternannter Fachleute und nach der mit ihnen verbandelten Sensationspresse, dann wäre Deutschland längst menschenleer: Aids, der radioaktive Fallout von Tschernobyl, die Creutzfeld-Jacob-Krankheit („BSE“), die Vogel- und danach die Schweinegrippe oder eine Salmonellose hätten uns unweigerlich dahingerafft.

Gottlob hatten wir aber eine Verwaltung, die immer sofort reagierte – und wie tüchtig! Sie schaffte die offenen Senftöpfchen in den Münchner Wurstbratereien ab und erklärte unseren Kindern, was ein Kondom ist; sie empfahl, auf den täglichen Verzehr von Fischen, Wild und Pilzen zu verzichten und den Sand in den Sandkisten auszutauschen; sie legte jeden Kuhstall in Trümmer, in dem auch nur ein einziges Kalb scheinbar auffällige Prionen enthielt; sie schuf die Freilandhaltung des Geflügels ab, kaufte Grippe-Impfstoff in Mengen, wie sie für ganz Europa gereicht hätten und verdarb die gesamte Gurkenproduktion eines EU-Mitgliedsstaates.

All diesen „Jahrhundertereignissen“ ist eines gemeinsam: Sie sind hochpolitisch – und sie zahlen sich aus.

Im Zeitalter der Kirchenaustritte ängstigen wir uns nicht mehr vor der ewigen Verdammnis. Die heilige Messe wird nur noch den Gestrigen gehalten; der moderne Weltbürger dagegen verbringt Weihnachten am Strand von Hurghada und Ostern auf dem Jungfraujoch. Das von der Kanzel gepredigte schlechte Gewissen wurde abgeschafft und ersetzt durch die Furcht vor Arbeitslosigkeit, vor Überfremdung, einem weich werdenden Euro und vor immer neu drohenden Seuchen – bis hin zum glühheißen Weltuntergang.

Der Ablasshandel, den Martin Luther 1517 in seinen Thesen als ein brutales Geschäft mit der Furcht kritisierte, ließ sich indes nicht wirklich abschaffen. Wer genau hinsieht, erkennt das im täglichen Leben: Die auf den Ringstraßen der deutschen Städte im Stau qualmenden Autos tragen grüne Plaketten an der Frontscheibe; Massentierhalter bekommen einen „Pass“, das Benzin einen Öko-Zusatz; mit Quecksilberdampf gefüllte Glühbirnen werden zur zertifizierten Pflicht. Wer Treibhausgase in die Umwelt blasen möchte, darf es – er muss im Emissionshandel nur einen Erlaubnisschein lösen.

Das Volk steht Begriffen, die im Pico- und Nanogrammbereich angesiedelt sind, hilflos gegenüber. Der Bürger wird von einer Presse kopfscheu gemacht, deren Auflage im Verhältnis zu den Ängsten steht, die sie erzeugt, und die Politik wird mit zum Spielball. Die Minister stehen mehr oder weniger hilflos vor einer Stampede, die von den Redakteuren der Zeitschriften und der Sender gezielt ausgelöst wird, und versuchen sich in allerlei Aktionismen zu retten. Die sollen helfen, die Sau gefahrlos durchs Dorf zu treiben.

Wie schade, dass die vielen Treiber, die man dafür anstellt, nicht mitsamt ihrer Schimäre verschwinden, wenn sie sich endlich ausgetobt hat. Sie bleiben uns erhalten und wollen auch in der Folge beköstigt werden. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als gleich den nächsten, fetten Skandal. Bis der kommt, müssen sie sich mit Notnahrung begnügen. Die holen sie sich bei den kleinen Leuten. Wer heute einen Familienbetrieb führt, weiß ein Lied davon zu singen: Die Flut der Ablasszettel, die er ausfüllen muss, um nicht zur Hölle zu fahren, ist inflationär. Doktor Luther würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er es.

Die mildere Form der Revolution ist die Reformation. Es wäre an der Zeit, dass sich mal wieder jemand etwas an eine Tür nageln traut.

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Eike Leickart
???
Registriert: Nov 2015

Werke: 32
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Hallo Aligaga,

dass die Presse Skandale braucht und oft genug auch aufbläht, steht so sehr außer Frage, dass man es als Binsenwahrheit bezeichnen darf. Aber sie produziert deren Ursachen nicht und trägt oft gerade durch ihre Übertreibungen dazu bei, dass wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Das Folgende liegt verdammt nah am Vorwurf "LĂĽgenpresse":

quote:
Der Bürger wird von einer Presse kopfscheu gemacht, deren Auflage im Verhältnis zu den Ängsten steht, die sie erzeugt, und die Politik wird mit zum Spielball. Die Minister stehen mehr oder weniger hilflos vor einer Stampede, die von den Redakteuren der Zeitschriften und der Sender gezielt ausgelöst wird, und versuchen sich in allerlei Aktionismen zu retten. Die sollen helfen, die Sau gefahrlos durchs Dorf zu treiben.

Wie schade, dass die vielen Treiber, die man dafür anstellt, nicht mitsamt ihrer Schimäre verschwinden, wenn sie sich endlich ausgetobt hat. Sie bleiben uns erhalten und wollen auch in der Folge beköstigt werden. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als gleich den nächsten, fetten Skandal.


Wie man die Treiber mitsamt ihrer Schimäre zum Verschwinden bringt, macht Erdogan uns gerade vor.

Populistischer Magerquark, nicht mehr!

GruĂź
E. L.
__________________
fama crescit eundo

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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Auf den ersten Blick ist der Text durchaus effektvoll formuliert. Bei genauerem Hinsehen stechen dann zunächst merkwürdig verschrobene Begriffe hervor, die wohl aus Bereichen hervorgeholt wurden, die nicht jedem Normalo zugänglich sind, ich denke hier z.B. an den erwähnten "Pico- und Nanogrammbereich": Was soll das sein? Hattest Du, o weiser Ali, vielleicht das hochkomplizierte Steuerrecht im Auge?
Wenn man sich weiterhin die offerierten Thesen durch den Kopf gehen lässt, kommt einem manches bekannt, vieles diffus unscharf vor: Ablasshandel ist gewiss ein altes und vermutlich ewiges Prinzip; man tauscht dies gegen das mit dem Ziel, sein Guthaben zu vergrößern, sein Gewissen zu beruhigen und bohrende Ängste zu tilgen.
Dass die Presse an allem eine Hauptschuld trägt, habe ich, glaube ich, öfter aus der Dresdener Richtung gehört, warum also nicht nochmal vom werten Verfasser dieses Textes, der im Duktus schon ein wenig an einen "hammerschwingenden Thesennagler" erinnert...







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jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

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Jetzt wird es mir zu bunt. Ich schlieĂźe den Thread. Keift anderswo weiter!
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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