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Leselupe.de > Humor und Satire
Zum Abendbrot bei Elli F.
Eingestellt am 12. 03. 2011 20:24


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a.lipschitz
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Zum Abendbrot bei Elli F.


Elli F. wohnt im selben Haus wie ich. Ein paar Mal sind wir uns schon kurz im Flur begegnet, allerdings ohne nennenswerte Folgen. Dann eines Abends traf ich sie, als sie gerade nach Hause kam. Sie war von oben bis unten mit wei├čer Farbe verschmiert. Ein besonders sch├Âner Klecks zierte ihre Nasenspitze. Ich lachte und sie erkl├Ąrte ihren Anblick damit, dass sie gerade aus dem Atelier kommt.
Und so fing alles an. Was sie denn eigentlich arbeitet, fragte ich und sie erz├Ąhlte, dass sie Skulpturen macht. Tats├Ąchlich geraten wir ins Plaudern. Vor kurzem habe sie sich selbst├Ąndig gemacht und alles liefe auch ganz gut, nur der ganze Formularkram sei so l├Ąstig und sie m├╝sse unbedingt bis sp├Ątestens ├╝bermorgen das steuerliche Anmeldeformular abgeben, aber habe gar keine Ahnung, was man da eigentlich ankreuzen muss.
Es war, als ob ich mein Leben lang auf dieses Stichwort gewartet h├Ątte. Der Trumpf, den man seit ungez├Ąhlten Runden auf der Hand h├Ąlt, und von dem man schon nicht mehr geglaubt hat, dass er noch stechen w├╝rde.
Ich bot ihr an, das Formular für das Finanzamt mit ihr gemeinsam auszufüllen. Das kann ich, denn da arbeite ich: Mittlerer Dienst, Veranlagungsbezirk 4, Umsatzsteuerabteilung, Stempel, Locher, Aktenordner, Ärmelschoner auf Strickjacke. Mein Beruf in Stichworten. Und sie nimmt mein Angebot an und fragt zum Glück nicht weiter nach, denn den Finanzamtjob und die damit verbundenen Assoziationen behalte ich lieber für mich.
Nur etwa eine Stunde sp├Ąter bin ich in ihrer Wohnung und werde gleich an den gro├čen K├╝chentisch geleitet, wo das Formular bereit liegt. Ich frage ihr Geburtsdatum, ihren Familienstand und ihre finanzielle Situation ab. Sie ist ledig und hat keine Kinder. Ich frage, ob sie in naher Zukunft eine Heirat oder den Eingang in eine ehe├Ąhnliche Lebensgemeinschaft plant. Sie verneint die Frage mit einer reizenden Ernsthaftigkeit, so als gelte es, eine eidesstattliche Versicherung bei Gericht zu machen.
Schlie├člich muss sie noch in ihrer sauberen, sch├Ân geschwungenen Handschrift unterschreiben und dann ist es an ihr, zu zeigen, was sie drauf hat. Sie hat die knappe Stunde von unserer Begegnung im Flur bis zu meinem Eintreffen in ihrer Wohnung genutzt und was zu Essen vorbereitet. Selbstgemachte Ravioli mit Ricottaf├╝llung. Ich esse zwei Portionen und nehme die Reste in einer Tupperdose mit. Elli kocht wirklich ausgezeichnet.
Beim Abschied erinnere ich sie an die p├╝nktliche Abgabe der Umsatzsteuer-Voranmeldung, die sie nat├╝rlich nicht alleine, sondern mit meiner Hilfe machen wird, jeweils bis zum 10. eines jeden Monats. Meine Dauereintrittskarte f├╝r ein Abendbrot bei Elli F. Au├čerdem schlage ich ihr vor, die steuerlichen Buchf├╝hrungsarbeiten regelm├Ą├čig f├╝r sie zu ├╝bernehmen. Was ich denn koste, fragt sie.
Ich: "Ach komm, wir sind doch Nachbarn, da esse ich halt mal wieder mit." Sie freut sich und ich bin im Gesch├Ąft.
Das geschah am 25.5. des letzten Jahres.

26.5.
Am n├Ąchsten Morgen im Amt pr├╝fe ich zuerst, wer in der Umsatzsteuerstelle f├╝r sie zust├Ąndig ist. Nat├╝rlich Schr├Âder, dieser Psycho. Er soll blo├č die Finger von ihr lassen! Weg von meiner Elli F.!
Ihre Tupperdose steht auf meinem Schreibtisch. Die restlichen Ravioli sind auch kalt noch k├Âstlich und ich verspeise sie hinter einem Aktenstapel.

8.6.
Unsere fiskalisch-kulinarische Beziehung verl├Ąuft derweil in reibungslosen Bahnen. Ihre erste Umsatzsteuervoranmeldung festigt meine Stellung in ihrem Leben in einem nie geahnten Ausma├č: Sie nennt mich scherzhaft "ihr Finanzgenie"! Da sie im Mai noch keine Skulptur verkauft hat, muss sie demnach auch keine Steuer bezahlen. Im Gegenzug setze ich alles m├Âgliche als Betriebsausgaben ab. Ergebnis: 121,55 Euro Vorsteuererstattungsanspruch f├╝r Elli, was mit einem ausgiebigen Essen gefeiert wird.

10.6.
Ich bin auf dem Amt, diesmal leider ohne Tupperdose, denn es gab keine Reste beim letzten Essen. Ich bin n├Ąmlich den gesamten Tag ├╝ber n├╝chtern geblieben, bevor ich zum Abendbrot zu Elli F. gegangen bin.
Ich ├╝berlege, ihr noch was Gutes zu tun und das Komma bei den zu erstattenden 121,55 Euro zu ihren Gunsten ein kleines St├╝ck nach rechts zu verschieben, damit sie etwas mehr Geld zum Leben hat. Geld, um sich was zu Essen zu kaufen. Ich muss Elli um jeden Preis lebendig erhalten.

17.6.
Nur noch 22 Tage bis zur n├Ąchsten Umsatzsteuer-Voranmeldung bei Elli!

20.6.
Nur noch 19 Tage bis zur n├Ąchsten Umsatzsteuer-Voranmeldung bei Elli!
Mittlerweile verfluche ich das deutsche Steuergesetz, das die Abgabe der USt-Voranmeldung bei Existenzgr├╝ndern nur monatlich und nicht t├Ąglich verlangt. Nur einmal im Monat, welcher Mann kann das auf Dauer aushalten? Aber zum Gl├╝ck gibt es auch noch den regelm├Ą├čigen Schriftverkehr mit dem Finanzamt, der genau so wichtig ist und von einem Fachmann erledigt werden sollte. So zum Beispiel, als tags darauf das Amt von Elli eine Erkl├Ąrung zum Bilanzansatz des zum Teilwert eingelegten Anlageverm├Âgens nach der 2/3-Regelung und der daraus resultierenden degressiven Abschreibungsmethode gem├Ą├č ┬ž 7, Absatz 2 EStG anforderte. Solche Anfragen des Finanzamtes k├Ânnen ja durchaus vorkommen.

23.6.
Meine Elli! Sie ist so zuverl├Ąssig wie eine Schweizer Uhr. Gleich am n├Ąchsten Abend, nachdem ich diesen v├Âllig absurden Nonsens verfasst, mit dem Namen eines anderen Sachbearbeiters (Schr├Âder) unterzeichnet und an sie losgeschickt habe, steht die kleine blonde Steuernummer 208/0104/1759 vor meiner T├╝r.
Elli ist K├╝nstlerin, keine Steuerexpertin. Und sie wei├č nat├╝rlich immer noch nicht, dass ich beim Finanzamt arbeite. M├Âge ihr seliger Schlummer noch lange fortw├Ąhren.
Ich erkl├Ąre ihr, dass alles in Ordnung ist, ganz normale Formalit├Ąten, ich komme nur kurz mit runter, muss was in ihren Unterlagen nachsehen, kann dann gleich an ihrem PC das Schreiben f├╝rs Amt aufsetzen, sie br├Ąuchte sich gar keine Sorgen zu machen, solche Anfragen k├Ânnen bei Selbst├Ąndigen durchaus ├Âfter mal vorkommen. Daran k├Ânne sie sich jetzt ruhig schon mal gew├Âhnen.
Anschlie├čend Abendbrot bei ihr: Vorspeise griechischer Salat, dann Lasagne, zum Nachtisch Tiramisu. Ich ├╝berlege, wie ich sie dazu bringen k├Ânnte, mit mir zusammenzuziehen. Wir h├Ątten getrennte Schlafzimmer, aber eine gemeinsame K├╝che. Eine gro├če K├╝che.
Um 23:51 Uhr verabschiede ich mich an diesem Abend von der schon leicht ├╝bern├Ąchtigt wirkenden Elli mit der festen Zusage, dass sie mich jederzeit holen kann, wenn irgendwelche Post vom Amt kommt.
Zwei Tage darauf beantrage ich f├╝r sie auf verschlungenen Amtswegen beim Bundesamt f├╝r Finanzen in Saarlouis im Eilverfahren achtmal eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer.
"Brauche ich die wirklich alle?" fragt sie mich eine knappe Woche sp├Ąter bei einem Makkaroniauflauf und bl├Ąttert tragisch-belustigt durch den Papier- und Formularstapel, der mittlerweile ihren gesamten Schreibtisch ├╝berschwemmt.
"Ja, wenn du mal was von deinen Sachen ins europ├Ąische Ausland verkaufst", erkl├Ąre ich ihr.
Sie: "Aber gleich acht verschiedene Steuernummern?"
Ich: "Nein, da ist wohl beim Amt was schiefgelaufen, das kann schon mal vorkommen. Die sind da eh alle bekloppt. Kann ich noch ein Duplo als Nachtisch haben?"

7.8.
Seit Elli selbst├Ąndig ist, habe ich drei Kilo zugenommen. Elli hingegen kommt mir so vor, als habe sie seitdem sichtbar an Gewicht verloren. Auch ist sie viel blasser als sonst.
Der Schriftverkehr Finanzamt-Nord versus Elli F. f├╝llt mittlerweile sechs Ordner und ich hoffe inst├Ąndig, da schaut niemals irgendjemand rein - irgendjemand, der was davon versteht.
Ich habe ein paar von ihren B├╝chern und ihren anderen Krimskrams im Wohnzimmer beiseite ger├Ąumt und die Ordner so auf ihrem Regal platziert, dass sie sie von fast jeder Stelle im Zimmer auf Augenh├Âhe vor sich hat. Die Ordner stehen perfekt und fl├Â├čen ihr jederzeit den n├Âtigen Respekt ein. Und abends, wenn sie allein ist, fl├╝stern die Ordner: ┬┤Elli, das hier ist wichtig! Du bist jetzt eine richtige Gesch├Ąftsfrau und das hier ist f├╝r das Finanzamt!┬┤
Ich habe zu ihr gesagt: ÔÇŁWenn du es dir mit dem Finanzamt verscherzt, dann...ÔÇŁ, und dann habe ich mit der flachen Hand eine schnelle Bewegung an meiner Kehle entlang gemacht. Ein ├Ąhnlicher Trick wie damals in der 2. Klasse. Ich wollte den gro├čen Pelikan-Malkasten mit 24 Farben. "Der kleine mit 12 gen├╝gt doch", sagt Mutter. Und ich sage: "Aber Mutter, das ist doch f├╝r die Schule! Ich brauch das Ding doch f├╝r die Schule!" Und Mutter kaufte.
Aber auch Elli hat mich heute nerv├Âs gemacht. Sie hatte Parf├╝m aufgelegt, als ich das ELSTER-Update installiert habe, so als erwarte sie noch Besuch. Anderen Besuch als mich.
Ich bin nicht eifers├╝chtig, wieso auch? Meine Position ist so gut wie unangreifbar. Soll sie doch einen Freund haben. Es gibt immer irgendeinen Psycho, der sich was einbildet. Er kann mir sowieso nicht gef├Ąhrlich werden, au├čer in dem h├Âchst unwahrscheinlichen Fall, dass er etwas von Buchf├╝hrung und Steuern verst├╝nde. W├╝rde er allerdings auch nur einen einzigen qualifizierten Blick in die sechs Nonsens-Ordner werfen, w├Ąre ich geliefert.

9.8.
Der heutige Morgen war ein strahlender und vom azurblauen Himmel zwitscherten die V├Âgel auf mich hinab. Mir h├Ątte gleich klar sein m├╝ssen, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Ich h├Ątte misstrauisch werden m├╝ssen.
Im Amt haben sich dann auch schon p├╝nktlich die dunkelsten aller Gewitterwolken ├╝ber meinem Haupte zusammengebraut. Der Postverteiler ist gerade durch und aus dem angrenzenden B├╝ro des Kollegen Schr├Âder ist etwas zu vernehmen, das sich auf einige Fl├╝che und die Kernaussage ÔÇŁWas der Mist soll und ob die eigentlich total bekloppt istÔÇŁ reduzieren l├Ąsst.
Eine grausame Ahnung ├╝berf├Ąllt mich und mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. Ich gehe r├╝ber. Tats├Ąchlich liegt da die 16 Seiten umfassende Betriebspr├╝fungsaufstellung einer gewissen Elli F. (nat├╝rlich blanker Unsinn), die ich an drei aufeinander folgenden Abenden jeweils nach dem Essen mit ihr erarbeitet habe, vor Schr├Âder auf dem Tisch. Mein Hemdkragen scheint drei Nummern enger als sonst. Gott steh uns bei, sie hat den Brief abgeschickt! Habe ich dieses Mal etwa vergessen, ihr zu sagen, dass ich den wie ├╝blich mitnehme? Daran ist nur das verdammte Parf├╝m Schuld. Elli hat mich irritiert und ich habe den Brief nicht mitgenommen, sondern auf ihrem K├╝chentisch liegen lassen und sie muss ihn abgeschickt haben.
Die Briefe, die wir gemeinsam ans Finanzamt schreiben, kommen nat├╝rlich niemals dort an, sondern landen regelm├Ą├čig im Altpapier. Daf├╝r sorge ich. Was kann denn alles passieren, wenn hier wirklich mal jemand diesen Quatsch in die Finger bekommt, den ich gemeinsam mit meiner kleinen nichtsahnenden Elli allw├Âchentlich produziere!
"Was gibt┬┤s?" frage ich m├╝hsam und suche verzweifelten Halt in Schr├Âders B├╝rot├╝rrahmen.
"Nur Schei├če. Kuck dir das mal an!" Er wedelt mit den mir nur allzu bekannt vorkommenden Bl├Ąttern vor mir in der Luft herum.
"Also wenn ich das hier richtig verstehe, dann bilanziert die doch tats├Ąchlich ihre komplette Wohnungseinrichtung als betriebliches Anlageverm├Âgen: Stehlampe, Bettkasten, Raclette-Set f├╝r 6 Personen, K├╝chenh├Ąngeschrank, K├╝chenunterschrank mit integrierter Sp├╝le und so weiter und so weiter... Ist das eine hohle Frucht!" Er erschaudert vor Verachtung.
"Vielleicht ist sie ja sonst ganz nettÔÇŁ, gebe ich zu bedenken. Ich h├Ątte besser die Klappe halten sollen, aber Schr├Âder ahnt nichts von dem brisanten Umstand, dass meine Adresse die selbe ist, wie die von Elli F., die da auf dem Briefkopf prangt, und falls doch, er h├Ątte die erforderlichen Schl├╝sse wohl kaum gezogen.
"So, ich ruf die jetzt an und schei├č die zusammen."
Er krallt sich den Telefonh├Ârer.
"Ach schreib ihr doch lieber, ist viel weniger Stress!"
Aber er w├Ąhlt schon.
Bitte, Elli, bitte sei nicht zu Hause. Nicht wahr, du bist im Atelier um diese Zeit, du musst jetzt im Atelier sein, oder einkaufen, oder spazieren gehen, oder, oder, oder...
Schr├Âder ist zu ungeduldig und knallt nach dem dritten Klingeln den H├Ârer auf. Gelobt sei der Herr.
"Schreib doch ┬┤ne Kurzmitteilung. Ich kann die dann gleich f├╝r dich mit runter zum Postversand nehmen!"
Er glotzt mich zwar komisch an, aber irgendwie komme ich dann doch in den Besitz des Schreibens, das ich auf der Toilette in kleine Fetzen zerrei├če, unter dem laufenden Wasserhahn zu Brei verreibe und im Klo runtersp├╝le.
Ich muss in Zukunft besser auf Elli aufpassen. Ich muss sie sch├╝tzen, sie abschotten von dieser bedrohlichen Welt, die dem zarten Pfl├Ąnzchen unserer aufkeimenden Zweckbeziehung so gef├Ąhrlich werden und die mich um meine regelm├Ą├čige Dosis Elli und um das dazugeh├Ârige Abendessen bringen kann. Sie darf nie und nimmer wieder einen Brief an das Finanzamt abschicken! Sonst ist der Ofen f├╝r mich aus. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Nach Feierabend muss ich mir heute nach langer Zeit mal wieder was von meinem Beruhigungszeug reinschmei├čen, um wieder runter zu kommen.

13.8.
Meine Sorgen mit Elli F. werden indessen nicht weniger. Seit f├╝nf Tagen habe ich nun schon nichts mehr von ihr geh├Ârt. Was um alles in der Welt treibt diese Frau? Seit mit Schr├Âder ein Dritter in unsere kleine beschauliche Wirklichkeit eingedrungen ist, gibt es nur noch Probleme. Dabei ist sie f├╝r ihn nicht mehr als eine Nummer im Computer. Eine Nummer, die ich angelegt habe.
Wom├Âglich hat sie sich einen Steuerberater genommen. Das w├Ąre der Super-GAU und ich w├Ąre raus aus dem Gesch├Ąft. Ich muss im Amt unbedingt alle Spuren verwischen. Die Nonsens-Briefe muss ich Schr├Âder unterjubeln. Mit seinem Namen habe ich n├Ąmlich auch die meisten unterschrieben. Auf eine Schriftprobe wird es wohl nicht hinauslaufen, der verwendet eh nur ein K├╝rzel.
Was wirklich Schlimmes kann mir eigentlich nicht passieren, au├čer dass ich den Finanzamtjob verliere wegen Amtsmissbrauch. Betrogen hab ich niemanden um irgendwas, keinem ist ein Schaden entstanden, die ganze Angelegenheit ist nichts weiter als ein Lausbubenstreich.

15.8.
Immer noch kein Lebenszeichen von Elli F. Vielleicht bin ich ├╝ber┬┤s Ziel hinaus geschossen. Meinen letzten anonymen fiskalischen Liebesbrief, in dem ich ihr die Einleitung eines Steuerstrafverfahrens und eine zweij├Ąhrige Freiheitsstrafe auf Bew├Ąhrung in Aussicht stelle, wenn sie nicht unverz├╝glich zu der Anklage der schweren, bandenm├Ą├čigen Steuerhinterziehung im Sinne des ┬ž 370a AO ausf├╝hrlich schriftlich Stellung bezieht, m├╝sste sie eigentlich schon l├Ąngst erhalten haben. Aber warum meldet sie sich nicht? Sollte ich zu weit gegangen sein und sie ist zum Anwalt damit? Aber wo steckt sie dann?
Ich komme von der Arbeit nach Hause und klingle bei ihr. Keiner da. Eine Stunde sp├Ąter gehe ich in die Offensive. Ich schreibe mit Kuli auf ein abgerissenes Kalenderblatt ┬┤Hi Elli alles klar? Wollen wir noch mal zusammen kochen? Viele Gr├╝├če dein ...┬┤, und werfe ihr den Zettel durch den Briefkastenschlitz in ihre Wohnung. Ich warte auf ihren Anruf. Es kommt kein Anruf. Ich warte bis 21:37 Uhr, dann nehme ich mein Abendessen ein: Cornflakes mit zimmerwarmer H-Milch, belegtes Brot, Erdnussflips vom Vortag.
Ich w├╝nschte, ich w├Ąre tot.

18.8.
Weitere zwei Tage geschieht nichts. In der Mittagspause durchw├╝hle ich heute Schr├Âders B├╝ro, ob bei ihm irgendwas in Sachen Elli F. gelandet ist, wovon ich nichts wei├č.
Weil ich in seinen Akten nicht f├╝ndig werde, st├╝lpe ich den Papierkorb um und versuche die Schnipsel zusammenzusetzen. Es ergibt alles keinen Sinn.
Ich nehme die beiden Bilder von der Wand. Auch hier Fehlanzeige. Keine Spur von gar nichts.

25.8.
Ich bef├╝rchte, sie hat es irgendwie durchschaut, ist stinksauer auf mich und geht mir gezielt aus dem Weg. Aber eigentlich ist sie nicht der Typ, der schmollt. Eher h├Ątte sie mir die sechs Ordner vor die T├╝r geknallt.
Sie muss kurzfristig weggefahren sein. Ein pl├Âtzlicher Todesfall in der Familie. Aber das h├Ątte sie mir eigentlich gesagt. Sie h├Ątte mir ihren Schl├╝ssel da gelassen, zum Blumengie├čen und Briefeschreiben. Sie wei├č doch, dass ich mindestens einmal pro Woche ihre Steuern machen muss. Unsere regelm├Ą├čigen Treffen, die ich mit so viel Sorgfalt und Geschick inszeniere. Ich alleine war es, der all das ├╝berhaupt erst m├Âglich gemacht hat! Was w├Ąre sie ohne mich? Und warum wei├č ich eigentlich nichts ├╝ber ihre Familie? Hat sie etwa Geheimnisse vor mir?
Ich google nach ihrem Namen, ihrer Telefonnummer und ihrem Geburtsdatum. Wenn das Internet Recht beh├Ąlt, dann gibt es keine Person, die alle diese Kriterien erf├╝llt.

27.8.
Ihr Namensschild am Briefkasten ist verschwunden. Oder hatte sie etwa gar keins? Aber meine Briefe sind doch immer angekommen. Ansonsten scheint sie auch keine Post zu bekommen.
Ich starre gebannt auf ihr Klingelschild. Ich buchstabiere ihren Namen langsam wie ein Erstkl├Ąssler, der gerade Lesen lernt. Ganz sicher ist das ihr Name, diese drei Silben mit dem F am Anfang. Es kann ja auch nicht sein, dass Elli all die Jahre nur in meiner Einbildung existiert haben soll.

4.9.
Heute bin ich um 6:00 Uhr in der Fr├╝h aufgestanden und habe lange und erfolglos bei ihr geklingelt. Ich darf nicht zulassen, dass Elli mir entgleitet!
Abends stehe ich noch mindestens eine halbe Stunde am Treppenabsatz und lausche. In der Wohnung rechts klappert Geschirr, links dr├Âhnt ein Fernseher. Nur in Ellis Wohnung ist es still wie im Weltall. Grabesstille. So als w├╝rden die Ger├Ąusche einen Bogen um ihre Wohnung machen.

6.9.
Diese Nacht bin ich davon aufgewacht, dass ich Ellis Wohnungst├╝r zuschlagen h├Ârte. Ich st├╝rze runter zu ihr, fast Hals ├╝ber Kopf, denn das Licht im Treppenhaus ist schon wieder ausgegangen. Mit dem letzten Schritt stolpere ich gegen ihre T├╝r. Ich stecke die Nase durch ihren Briefkastenschlitz und inhaliere den lieblich s├╝├čen Duft, der aus ihrer Wohnung str├Âmt. Drinnen ist alles stockdunkel und totenstill. Ich klingle einmal, ich klingle zweimal, ich klingle Sturm, ich trommle mit den F├Ąusten an ihre T├╝r. Die T├╝r ├Âffnet sich, dahinter eine fremde alte Frau mit glasigen Augen, fleckigem Nachthemd, Lockenwicklern in den strohigen Haaren. Wer ist das? Was soll das? F├╝r einen Moment schie├čt mir durch den Kopf: Elli in 80 Jahren. Ich fl├╝stere: "Elli, bist du┬┤s?"
Die Alte grunzt etwas Unverst├Ąndliches und zieht dabei die Oberlippe hoch. Nicht einen einzigen Zahn hat sie mehr im Mund. Was macht diese h├Ąssliche fremde Frau nur in Ellis Wohnung? Ich komme nicht mehr dazu, sie danach zu fragen, denn ihr Gesicht beginnt sich zu ver├Ąndern und als ich noch einmal hinsehe, ist sie mir gar nicht mehr so fremd. Es ist nur Ellis Nachbarin. Ich muss die T├╝r im Dunkeln verwechselt haben. Ich stehe vor ihr, sie steht vor mir, wir glotzen uns an, ich habe geklingelt, also bin ich in Zugzwang. Mir f├Ąllt keine passende Erkl├Ąrung ein f├╝r das, was ich mitten in der Nacht hier treibe und so br├╝lle ich einfach aus vollem Hals: "Feuer! Feuer!"
Dann erst wache ich richtig auf.

9.9.
Morgens. Ich habe mich beim Amt krankgemeldet. Ich bin krank.
Nachmittags. Ich gehe runter zu Elli. Mit einem flachen Schraubenzieher und einem kleinen Hammer. Was soll┬┤s, ich bin ihr Nachbar, ihr Sachbearbeiter, ihr Freund. Ich will wissen, was mit ihr los ist.
Ich knacke die T├╝r auf, die nicht abgeschlossen ist. Die K├╝che liegt aufger├Ąumt und steril da, wie ein Operationssaal. Ich sehe im K├╝hlschrank nach. Und im Backofen. Dann in der restlichen Wohnung.
Im Schlafzimmer auf dem Bett liegt ganz friedlich Elli F. Die orangefarbenen Vorh├Ąnge wehen im Wind des gekippten Fensters. Um sie herum summen Fliegen. Viele Fliegen.

21.9.
Ich komme von der Arbeit nach Hause und im Flur treffe ich auf Elli F., die vor ihrem Briefkasten steht. Erst kann ich es nicht fassen, aber sie ist es wirklich und es war alles nur eine dumme Einbildung, dass sie verschwunden ist und der ganze andere Mist. Alles nur ein b├Âser Traum. Sie war immer da und wird auch immer da sein. Wir sind uns ja auch schon ├Âfter begegnet, ich wei├č gar nicht mehr, wie oft.
Ich lache mir befreit herunter, alles was ├╝ber die letzten Tage und Wochen auf mir lastete. Auch sie lacht, denn sie ist von oben bis unten mit wei├čer Farbe verkleistert. Sie kommt gerade aus dem Atelier. Wir geraten ins Plaudern.
Sie hat eben einen Brief vom Finanzamt erhalten und erz├Ąhlt mir, dass sie unbedingt noch bis ├╝bermorgen das Anmeldeformular ausf├╝llen muss, denn sie hat sich erst vor kurzem selbst├Ąndig gemacht.
Es war, als ob ich mein Leben lang auf dieses Stichwort gewartet h├Ątte. Der Trumpf, den man seit ungez├Ąhlten Runden auf der Hand h├Ąlt und von dem man schon nicht mehr geglaubt hat, dass er noch stechen w├╝rde.
Ich biete an, ihr mit dem Formular und dem ganzen anderen Finanzamtkram behilflich zu sein. Das kann ich, denn da arbeite ich. Aber das wei├č sie nicht. Sie freut sich und ich bin im Gesch├Ąft.

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Ofterdingen
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Am├╝sante und spannende Lekt├╝re, nur schade, dass der Fresstrieb sich nicht wenigstens mit ein klein wenig Erotik verbindet. Oder passt das nicht zu einem Finanzbeamten?

Den Schluss verstehe ich nicht. Zuerst frisst er sich bei der Dame drei Kilo an. Eines Tages liegt sie offenbar mausetot auf ihrem Bett, von Fliegen umsummt, dann ist sie pl├Âtzlich wieder genau am Beginn der Geschichte. Lieferst du noch eine Erkl├Ąrung f├╝r Dumme?

├ťbrigens: Kann es sein, dass irgendwer dir erz├Ąhlt hat, dass man in der w├Ârtlichen Rede keinen Konjunktiv mehr setzen muss und die Zeiten wie Kraut und R├╝ben durcheinander werfen darf? Falls ja, war das ein schlechter Rat, denn er hat zu einem unsch├Ânen Ergebnis gef├╝hrt. Ich w├╝rde mir an deiner Stelle die entsprechenden S├Ątze noch einmal vornehmen. Das betrifft vor allem den ersten Teil, der noch nicht tagebuchartig ist.

Sonst: Kompliment, gelungener Text.

Gru├č,

Ofterdingen
__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schlie├člich gro├č genug. J. P. Sartre

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a.lipschitz
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Hallo Ofterdingen,

danke f├╝r deine Anmerkungen.

Zu dem Chaos mit den Zeiten und der teilweise unkorrekten indirekten Rede m├Âchte ich dir sp├Ąter noch was schreiben, nachdem du den Sinn des Endes erraten hast (Ich ├╝berlege auch, ob es evtl. gar keinen Konjunktiv mehr geben sollte, weil es auch keine M├Âglichkeiten gibt). Der Anfang ist in dieser Hinsicht in der Tat noch alles andere als perfekt.

Ich denke, ich habe ein paar faire Hinweise gegeben, worauf das Ganze am Schluss hinausl├Ąuft:

- "Ich muss Elli um jeden Preis lebendig erhalten"

- "Ich alleine war es, der all das ├╝berhaupt erst m├Âglich gemacht hat! Was w├Ąre sie ohne mich?"

- "Es gibt immer irgendeinen Psycho, der sich was einbildet"

- "Es kann ja auch nicht sein, dass Elli all die Jahre nur in meiner Einbildung existiert haben soll."

- Das vermeintliche erste Aufwachen am 6.9., das doch keins war. Die scheinbare Wirklichkeit mit der Nachbarin war nur ein Traum.

- Schr├Âder wei├č von Elli nur durch die Briefe. Am Telefon nimmt keiner ab. Am Ende dieses Tages merkt der Erz├Ąhler, dass er (mal wieder) Medikamente braucht.

- Nachdem er sich sein "Beruhigungszeug" reingeschmissen hat, ist Elli pl├Âtzlich verschwunden und taucht erst Tage sp├Ąter (wir vermuten, nachdem die Wirkung von dem "Zeug" nachgelassen hat) "langsam" wieder auf, n├Ąmlich zun├Ąchst so, dass es f├╝r ihre Abwesenheit im Nachhinein eine plausible Erkl├Ąrung gibt.
Und dann: Auf ein Neues...

Na, jetzt klar? Wie viel ist innerhalb der ganzen Geschichte ├╝berhaupt "real"?


Die Erkl├Ąrung f├╝r die fehlende Erotik ist hingegen sehr einfach: Er darf nur das tun, was ich beschreiben kann. Und erotische Szenen, die nicht innerhalb k├╝rzester Zeit in unfreiwillige Komik abgleiten, geh├Âren leider nicht dazu.

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Ofterdingen
Routinierter Autor
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Hi A. Lipschitz,

Ich halte dich f├╝r jemanden, der schreiben kann, sogar sehr gut schreiben kann, aber nicht immer die gebotene sprachliche Disziplin aufbringt.

Genau deswegen habe ich darauf verzichtet, dir im Detail sprachliche Korrekturen vorzuschlagen. Ich denke, du schaffst das auch alleine, wenn man dir nur sagt: Mein lieber A. Lipschitz, so geht das nicht, schau dir alles noch einmal an und mach┬┤s besser oder ich trete dich in den Hintern, und zwar richtig.

Ich habe inzwischen auch deine Geschichte vom preu├čischen Reiter gelesen und denke, dass ich vielleicht vom einen auf den anderen Text schlie├čen oder zumindest gewisse Verbindungen entdecken k├Ânnen sollte.

Wie auch immer: Dein Text war anregend und ich danke dir daf├╝r.

Gru├č,

Ofterdingen
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Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schlie├člich gro├č genug. J. P. Sartre

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Vera S
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Lieber A. Lipschitz,
f├╝r mich ist es unerheblich, ob es auch/nur eine B├╝rokratie-Satire ist oder in erster Linie das Psychogramm eines Verr├╝ckten oder eines verr├╝ckten B├╝rokraten. Ich habe deine Geschichte mit Begeisterung gelesen und denke, dass du sie gar nicht erkl├Ąren musst!
Ich w├╝rde ein Detail ├Ąndern: Ich lache mir alles befreit herunter, was ├╝ber die letzten Tage und Wochen auf mir gelastet hatte.

Viele Gr├╝├če
Vera
__________________
Kat

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Vera S
Hobbydichter
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sorry, "gelastet hat"!
LG
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Kat

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