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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zum Ententeich
Eingestellt am 19. 02. 2004 22:40


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Aqualung
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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Im Februar liegen die Tage nur da und haben nichts vor mit Denen, die in ihrer Stille herumirren. Weiße Tage mit viel Schnee und wenigen Worten. In den Straßen ist es gespenstisch leise und hinter den Bergen vor der Stadt sammeln sich hungrige KrĂ€hen. Der Winter versucht seine KrĂ€fte an den Tannen, reibt sich an den Hochspannungsleitungen, den Dachgiebeln, den Autoantennen. An den Herzen derer, die nicht weiterkönnen, weiterwollen, so weitermachen wollen. Wer will schon einsam sein und wessen Idee war das mit dem vielen Schnee? Gut, dass nichts von Dauer ist.
Programmwechsel. Wie im Film und doch so echt.
Bitte jetzt aufpassen. Es ist nur ein Kippschalter, der umgelegt werden muss. Es ist nur der Untergang der Wintersonne.
Das steht am Programm: Der Kalbstrick, die Rasierklinge, die Schlaftablette, die Nabelschnur, die Ungeduld. Irgendwas ist danach. Davor versinkt die Welt. Eine Welt, die vieles hat, das sie nicht braucht und der vieles fehlt, das sie brÀuchte.
In dieser Welt ist Oskar, doch die seine ist sie nicht. Die WĂ€rme unter der Decke trĂŒgt. Ihr Atem ist kalt und fĂ€rbt das Fleisch zu Tode. Ein vergilbender Porensalat. Mahlzeit will man da nicht sagen. Kein Klopfen an der TĂŒre, kein Kratzen am Fensterglas. Fußstapfen, die sich zwischen toten AhornbĂ€umen verlieren. Ein paar Gesichter treiben im Schnee. Am Ententeich liegen Autoreifen, festgefroren, zwei verlorene schwarze Gummiseelen. Alles nĂ€hert sich dem Muss so sein, dem Wird schon irgendwie enden, dem Kann gar nicht anders. Manchmal ist das Ende vor dem Anfang da.

Welch ein Fest der Liebe war das gewesen. Klingeling. Wieder punktgenau daneben. Oskar hatte das Meiste umtauschen mĂŒssen. Die Sportjacke, die Hose und sogar das Videospiel. Die Jacke hatte die falsche Farbe, die Hose war um die HĂŒften viel zu weit und das Videospiel hatte er schon von Freunden geliehen bekommen. Kein Volltreffer. Keine Liebe. Alles in allem war es mĂŒhsam, darĂŒber nachzudenken.
Vor dem Eingang zu P & C hatte Oskar einem obdachlosen Menschen gegen die Kniescheibe getreten. Es war nichts zu machen. Manchmal geht es durch mit Oskar. Der spitze Schrei des Getretenen klang nach der Stimme einer Frau. Oskar hatte gestutzt, dann noch einmal die Stiefelspitze in das vermummte Gesicht der kauernden Gestalt krachen lassen. Er spĂŒrte, dass irgendetwas brach. Nasenbein, Zahnspange, Glaube. Niemand schien sich darum zu kĂŒmmern. Der entsetzte Blick einer Frau trieb zwischen aufgestellten MantelkrĂ€gen davon. Es war egal, was er tat und noch tun wĂŒrde. Einmal hatte er an etwas geglaubt. Das ist lange her. Was es war, hat Oskar vergessen.
Er hÀtte die Jacke nicht gebraucht, die Hose schon gar nicht.
Bei genauer Betrachtung ist es so simpel und wahrscheinlich deshalb unerfĂŒllbar.
Oskar braucht einen Job.
Das Rauchen, das Kino und die Cheeseburger kosten Geld. Dann die MÀdchen. Die MÀdchen trinken gerne diese MixgetrÀnke, lassen sich bei jeder Gelegenheit dazu einladen. Jedoch: Wenn es um auf die Matte danach geht, streichen sie ihre Röcke glatt und schicken Oskar in die zweite Reihe. In der ersten nÀmlich stehen Andere. In der ersten stehen die mit Job, Zukunft und Mut. Die Sonntagskinder. Oskar hat nichts von alldem und das ist sein Dilemma.

Auf der Toilette von Virgin Megastore hantiert Oskar manchmal mit kalten Fingern an seinem Glied, liest dabei die Telefonnummern auf den Wandfliesen und denkt an den Sommer mit Benjamin, seinem strohblonden Freund.
Mit Benjamin war es einfach gewesen. Er machte, was Oskar wollte. Aber das blieb nicht so. Als Benjamin ein MĂ€dchen kennen lernte, das sich noch dazu vom BĂŒcherlesen begeistern ließ, war es damit vorbei. Oskar wollte auch eine Freundin. Im Chat war zwar der Teufel los, aber die Richtige war nicht dabei. Wie die auszusehen hĂ€tte, war nicht ganz klar. Genau betrachtet muss sie die Frau meines Lebens sein, glaube ich, hatte Oskar einmal gesagt. Was er damit meinte, konnte Oskar nicht erklĂ€ren.

Das neue Jahr hat seit Wochen schon die alte Monotonie auf Lager. Und den vielen Schnee. Dann trudelt ein Brief bei Oskar ein, dessen Inhalt neu ist. Benjamin hatte sich mit einem Kalbstrick aufgehĂ€ngt. Es ging um ein MĂ€dchen, um ein Klopfen an der falschen TĂŒre, um ein aussichtsloses Studium, um den brĂŒllenden Vater.
Scheißweiber, Scheißleben, hatte Oskar dazu gemeint und liegt seitdem jeden Tag bis Mittag im Bett. Die Welt ist zu hell und der Schnee macht trĂ€ge und leer. Wenn er frĂŒher aufstĂŒnde, wĂŒrde sich nichts Ă€ndern. Es wĂ€re egal, so wie auch alles Gewesene nunmehr egal ist.
Er hat damit aufgehört, neue Bewerbungen abzuschicken. Er ertrÀgt die Absagen nicht mehr. Es ist besser, die Augen nicht zu öffnen, unter der Decke zu bleiben. Gestern ist er ein letztes Mal losgegangen. Dann hat er den Spiegel in der Aufzugskabine zerschlagen. Er hÀtte lieber das Gesicht des Beamten zerschlagen sollen. Nur so. Denn: Es ist egal, was er tut. Genau darum geht er jetzt nicht mehr zum Arbeitsmarktservice.
Gestern war gestern und heute ist ein völlig anderer Tag. Heute ist alles rot unter der Decke. Auf dem Bauch verlaufen feine Muster, die sich zwischen den Genitalien verlieren. Die Rasierklinge sucht die Nabelschnur, wildert bis in den krausen Flaum des Schamhaares. Es tut nicht weh, ist nichts Besonderes, ist nur oberflĂ€chlich. Ein Spiel eben. Schauen, was geht, bis sich GefĂŒhle auftun. Die einfache Übung vor dem großen Finale. Ein Bild entsteht.
Das Wasserglas. Das ganz normale Wasserglas bitte.

Das Zischen, wenn die kleinen weißen Scheibenwelten untertauchen. Chemie in Auflösung. KrĂ€henflĂŒgel kratzen ans Fensterglas. Die Ungeduld weckt alle Sinne. Ist es soweit? VorhĂ€nge glitzern entlang aufgetĂŒrmter Wohnungen und das Eis schiebt sich knackend ĂŒber den TĂŒrstaffel. Niemand ist da und niemand sagt nein. Niemand ist zustĂ€ndig fĂŒr Oskar.
Überall konnte er nachlesen, dass es ziemlich schnell gehen wĂŒrde.
Oskar will den MĂ€rz nicht erwarten wollen. Wozu warten, wenn es dann doch nicht anders werden wird. Das Jahr ist ein gigantischer Beschiss. Die Wahrheit taugt nichts. Die Wahrheit ist ein Luder, eine grell bemalte Schlampe, ein Geisterfahrer gegen die Zeit, ein schwarzes Loch. Die MĂ€dchen bleiben wieder aus, weil nur die Sonntagskinder in der ersten Reihe TrĂ€ume versprechen und wahr machen. Im Zeugnis steht das Wort bestanden. Was er bestanden hat, nĂ€mlich die ReifeprĂŒfung, empfindet Oskar als Schlamassel. Bestanden ist keine Eintrittskarte. Die ist auch nicht nötig, weil es einem frei steht, zu leben, wie man möchte, aber doch alles bezahlt werden will. Bei Oskar ist es schon so: Wenn es nicht um den Notendurchschnitt ginge, wĂ€re es noch schlimmer, weil die UnfĂ€higkeit dann offensichtlich wĂ€re. Aber: Dann hĂ€tte er dem hinter dem Schalter ohne wenn und aber den Kiefer gebrochen.
Es ist wie Wiederkauen fĂŒr Oskar. Oskar kaut an Vergangenem, das hochkommt, mahlt mit den BackenzĂ€hnen an der Vorhaut seines Geistes, zerrt am unsichtbaren Fleischerhaken, bis irgendetwas reißt und er zu Boden fĂ€llt. Oskar am Boden. Eine dampfende Innerei. Die ausgeweidete Gesellschaft vergibt blutleere Bonuspunkte.

Benjamin hatte die Festigkeit seiner Halswirbel unterschĂ€tzt. Darum zog sich das, was schnell vonstatten gehen sollte, ĂŒber schmerzhafte Minuten. Wie dick da schon die Zunge war. Oskar hingegen gleitet in einen Korallengarten.
Benjamin wĂŒrde lachen, wenn er wĂŒsste, was sich schön langsam ĂŒber dem Bett von Oskar tut. Karettschildkröten haken ihre SchnĂ€bel in die leeren Augenhöhlen verloren gegangener Sporttaucher. Pottwale versenken in Zeitlupe ein norwegisches Fangschiff. Das Riff ist rot. Ein Schlachthaus. Die Großmutter hĂ€ngt darĂŒber und blubbert ohne Unterlass in der Sprache der Älpler.
,Der Speck muss hart sein und dĂŒnn geschnitten. DĂŒhĂŒnn geschnitten. Brot und Speck mit auf die Reise. Mihit auf die Reise. Weil der Schnee drĂŒckt schon das HĂŒttendach in die Stube. Wer jetzt nicht schneller tut, Oskar!
Wer’s jetzt nicht tut, tut’s nimmermehr!’

Es kann gar nicht schnell genug gehen.
Der Raum ist ein donnernder Zug auf endlosen SchienenstrĂ€ngen. Im Stranggewirr liegt Oskar und bettelt das Regal mit den Videospielen um Vergebung an. Gedanken an MixgetrĂ€nke und MĂ€dchen, an die Matte danach und den Rock hoch. Keine zweite Reihe mehr. Die erste Reihe macht tatsĂ€chlich Platz fĂŒr ihn, hat mitten drinnen eine LĂŒcke fĂŒr ihn aufgehoben. War das dort Benjamin? Perlen tummeln sich im Korallengarten, jede davon ein Delphin auf dem steilen Weg nach oben. Was Oskar noch gemacht hat, war die Musik anstellen. Oskar, die Karettschildkröte. Nein, das Sonntagskind. Fast schon ausgestorben, wenn man es genau betrachtet. Der Subwoofer dirigiert die innere Einkehr. Das Dickicht lichtet sich. Ein paar abgebrochene KorallentĂŒrme und ein paar Meter weiter weg vom Riff geht es links oder rechts.
Ein schwarzer Pfeil, gleich einer Sporttaucherhand im Gneis des ZimmerdÀmmers:
Zum Ententeich.
Nach dem zweiten Glas spĂŒrt Oskar das Blei im Hinterkopf. Viele kleine KĂŒgelchen, die gegeneinander schlagen. Was fĂŒr ein Fest. Klingeling will Oskar singen, weil er jetzt viel besser sehen kann, was los ist.
So ist es recht, kreischt eine aufgebrachte Horde Schimpansen und schlÀgt ihre ZÀhne in den Wams eines glattrasierten Versuchsmenschen. Bush meat, bush meat, kann Oskar ihre Schreie hören. Und: Wir sind die Letzten in den Virungas!
Alles geht so schnell. Das Riff ist verschwunden. Oskar wirft den Schildpatt ab und wird zur goldblinkenden Reiterschwadron, die der König zur Parade antanzen lÀsst. Ein apokalyptischer FahnentrÀger im Zeichen der Adoleszenz. Wer da alles dazu klatscht und heftig mit den Armen winkt. Na also: Dort steht ja auch der Vater! SpÀt ist er dran.
Mit erigiertem Glied und kalten Fingern zieht Oskar durch sonst gespenstisch leise Straßen. Eine Handvoll KrĂ€hen sitzt ihm auf den Schultern. Wappentiere, die ihm die rote Spinne vom Bauch gepickt haben.
Wer ist das, fragt der König und deutet mit einem seiner ArmstĂŒmpfe zu Oskar.
Ein Neuer, kann der Hofnarr dem König antworten, bevor ihm, im allgemeinen Durcheinander und zum GelÀchter Oskars, doch noch der Kopf abgeschlagen wird.
Jetzt muss Oskar nur noch an den toten AhornbĂ€umen vorbei, an den im Schnee treibenden Gesichtern. Eines davon ist vermummt und irgendwas darin scheint gebrochen zu sein. Am Ententeich schmilzt das Eis. Wer seine Seele dorthin trĂ€gt, hat GlĂŒck, denn jetzt kann er sie versenken. Die Weiden am Ufer flĂŒstern unverstĂ€ndliche Worte und ein abstĂŒrzendes Vogelhaus schlĂ€gt krachend auf die dĂŒnne Eisdecke.
,Handarbeit aus der LĂŒneburger Heide’, schreit die schrille Stimme der Großmutter.

Es ist einsam hier, so ganz ohne Enten. Ein Teich ohne Enten ist wie die leere Schlinge eines Kalbstricks. Der Himmel ist candy apple grey, singt ein schlittschuhlaufender Troubadour und stemmt seinen Brustkorb gegen den aschgrauen Wind. Schwarze Gummiseelen treiben schlĂ€frig gegen brĂŒchiges Schilf, wie Tabletten, in mystischer Auflösung. Ganz so, wie Oskar immer schon gedacht hatte, dass es so sein mĂŒsse.
Die ersten schwachen Wellen haben die Karnickelhöhlen an der Uferböschung erreicht.
Es kann sein, dass alles vorbei ist, kaum dass es begonnen hat.
Ein StĂŒck Speck zur StĂ€rkung, Oskar. Wieder die Großmutter. Ihr Gesicht versinkt glucksend mit dem Vogelhaus.
Der Spiegel im Aufzug fĂ€llt ihm noch ein. War das schon das brĂŒchige Teichsilber gewesen, in dem er jetzt untergeht?
Gut möglich. Aber egal.

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lapismont
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Hallo Aqualung,

eine verstörende Geschichte.
Mir gefÀllt aber Deine Sprache.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
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Hallo Aqualung

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Teilweise erinnert es mich (von der Stimmung) an den Steppenwolf, teilweise (vom ErzÀhlstil) an Ulysses. Aber in Erinnerung bleibt vor allem die Wortgewalt deiner Sprache.
Die Geschichte habe ich beim ersten Durchlesen nicht verstanden.
FĂŒr mich einer der besten Texte, die ich bisher in der Lupe gefunden habe.

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Aqualung
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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Guten Morgen, lapismont und Nicolas,

ich freue mich, dass mein Text bei euch gut angekommen ist. Ich habe versucht, das Thema Jugendarbeitslosigkeit irgendwie anders zu verpacken, surrealistischer, abstrakter vielleicht. Mein BemĂŒhen dabei war, den Text möglichst kalt zu verfassen, eher aufzĂ€hlend und endgĂŒltig.

Liebe GrĂŒĂŸe an euch - Aqualung

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