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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Zum letzten Mal mit Reisegruppe
Eingestellt am 02. 05. 2018 16:37


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Robert Werner
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2018

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Der Mensch, der in der Gruppe reist, ist beschĂŒtzt, fĂŒhlt sich geborgen und ist unter seinesgleichen. Aber oft ist es einfach nur peinlich. Kennen Sie fremdschĂ€men? Teil einer lauten Meute sein, welcher man, so man sie sonst sieht, schleunigst aus dem Weg geht, ob ihres raumgreifenden Gebarens. Nun ist man Teil davon und doch nicht wirklich, denn es findet sich mit diesen Leuten nicht viel Gemeinsames. Allerdings sucht man auch nicht danach.

Eine Reise durch Nordspanien: Navarra, Rioja, Kastilien, Asturien, Galizien bis nach Santiago de Compostela, jeder kann im ReisefĂŒhrer nachlesen, was ihn dort erwartet. Es gibt zweifelsohne etliches Schöne und Interessante zu sehen, doch unser Thema ist begrenzt. 36 Personen im Gesamtalter von etwa 2.700 Jahren nehmen nach Ankunft am Flughafen im Bus wahllos PlĂ€tze ein, die sie bis zum Reiseschluss nach 8 Tagen mit ihrem Leben verteidigen werden. Es ist dem Einzelnen nicht klar zu machen, dass die Sitzreihe dahinter zum gleichen Ziel unterwegs ist und dort auch gleichzeitig mit dem geliebten Sitz ankommen wird. Am ersten Busfahrtag ist dies zwar weiter ungeklĂ€rt, aber der Bus rollt trotzdem bei herrlichem Wetter durch die schöne Rioja. WeingĂŒter, RebenhĂŒgel, liebliche Landschaft, SchĂ€fchenwolken, wirklich schön. Dazu der Kommentar der hinter mir sitzenden Dame: „Keen Boom, keen Strauch, is det laaangweilig!. Ja, so etwas baut einen als Mitteilnehmer richtig auf. Von einer anderen Mitreisenden, die ihrer Sitznachbarin dringend viel berichten musste, erfuhr ich zwangsweise binnen Minuten: Dass ihr geschiedener Mann Karl hieß, Karl sich wieder „berappelt“ habe, nachdem er mit einer neuen Frau und 4 Promille irgendwo gegen gefahren sei, was ihm gar nicht schade, und dem freundlichen Vorschlag eines Polizisten dann doch Folge leistete und seine Fahrt hier beendete. Auch sei wohl die Wiedererlangung des FĂŒhrerscheines fraglich, da Karl sich einem „Idiotentest“ unterziehen mĂŒsse, den er kaum bestehen könne, da er unzweifelhaft einer sei. Es folgten lĂ€ngere Abhandlungen ĂŒber Nichten und Neffen, mit begrabenen und am Horizont aufziehenden Berufs- und Parter/innen Möglichkeiten, Chancen und WĂŒnschen. Auch kenne ich die VermögensumstĂ€nde dieser mir unbekannten Herrschaften jetzt gut.

Mir ist schleierhaft, wozu Leute verreisen, denen es nur auf die Nichtwahrnehmung des Reisezieles ankommt. Das einzige, das Interesse hervorruft, ist Essen und Trinken. Ich stelle mir vor, wie viele Kilo Tabletten tĂ€glich von so einer Gruppe eingeworfen werden, mit den dazu konsumierten Alkoholmengen und Speisen entsteht eine Biomasse, die nach erfolgter Verdauung in jeder Bio- KlĂ€ranlage jegliches „Bio“ zum „Morto“ macht. Ja, so etwas geht einem im Bus dann durch den Kopf. Ziemlich abtörnend ist auch, zum Höhepunkt des Pilgergottesdienstes in der Kathedrale von Santiago de Compostela, der riesige Weihrauchkessel rauscht durch die Luft, der Priester spricht ĂŒber der Pilgerschar den Segen und auch der Protestant hat einen Kloß im Hals, die Bemerkung aus der Nachbarbank: „Heute isses aba wĂ€rma als jestern!“. Habe ich schon erwĂ€hnt, dass es sich um eine reinblĂŒtige Berliner Gruppe handelt?

Auch der gemeinsame Restaurantbesuch in der Gruppe, eine durchgegangene Rinderherde im Wilden Westen, Stampede genannt, lĂ€dt hier zum Vergleich ein, ist angenehm und festlich. Damit der deutsche Gruppenteilnehmer sich nicht mit ihm Fremdem vermischt, wird immer ein großer Gruppentisch vorbereitet. Der zeichnet sich durch intime NĂ€he zum Sitznachbarn aus, wie im Bus auch. Ich fand einen leeren Stuhl und setzte mich hin, da hörte ich gleich den rasselnden Bass einer alten Kettenraucherin: „Na, prima, jetzt sitzt da och schon eener!“. Schuldbewusst und Verzeihung heischend starrte ich wie ein Hund mit schlechtem Gewissen auf einen unsichtbaren Punkt auf der Wand, blieb aber trotzdem sitzen und murmelte leise: „Na, irgendwo muss ich ja auch hin..“. Nun kann die Dame nicht neben ihrer Freundin sitzen und erwĂ€gt kurz Selbsttötung, doch Hunger und Durst und das GefĂŒhl, schon alles bezahlt zu haben, sind stĂ€rker. Leider. Die Gruppe ist eigentlich keine, sondern besteht aus mehreren kleinen und mittleren Gruppen, die zwar locker so und so gehen und fotografieren und gucken, aber immer, sobald man irgendwo sitzen soll, blitzschnell zusammenfinden und dann unmöglich zu trennen sind. Ein bisschen wie die „Reise nach Jerusalem“. Der Kampf um Wein und Wasser, bereits auf dem Tisch befindlich, blieb hingegen harmlos und ich bekam zum GlĂŒck viel ab.

Erfreulicherweise gab es dieses Mal keinen Gruppenclown, der stĂ€ndig laut so genannte Witze und humoristische Bemerkungen macht, ohne einen Funken Humor zu haben. Sonst ist immer einer dabei. Heuer war nur ein vielen Reiseteilnehmern bereits bekannter WelterklĂ€rer und Alleswisser mit, der mit seinem Geschwurbel, verbrĂ€mt als „Wortspiele“ und Fingergesten wie „GĂ€nsefĂŒĂŸchen“ und „Gurkenglasaufschrauben“, allen auf den Keks ging. Der einzige Akademiker an Bord taufte ihn „Konfuzius“.

Der Reiseleiter, eine Frohnatur und noch vergleichsweise jung, gab kryptische Antworten auf einfache Fragen, wie: “Wo soll ich denn nun sitzen?!“. “Im Reisebus kann jeder auf einem festen Platz sitzen, aber setzen Sie sich ruhig hin, wo Sie wollen“. Die Zielsuche bei StadtgĂ€ngen bewĂ€ltigte er mit „Google- Earth“ und „Google“ fand auch wackelige Übersetzungen fĂŒr seine Fragen an das einheimische Personal. Was hĂ€tte der bloß frĂŒher gemacht? Es gab sogar StadtfĂŒhrungen in der die spanische FĂŒhrerin unseren Reiseleiter in Englisch fĂŒhrte und dieser dann fĂŒr die Gruppe ĂŒbersetzte. Sie sprach einige SĂ€tze, er ĂŒbersetzte mit wenigen Worten, ich wusste gar nicht, dass die deutsche Sprache so komplex ist. Wo ein Bus schön gewesen wĂ€re, gab es U-Bahn- und Straßenbahnfahrten, mit riesigen FußmĂ€rschen unter glĂŒhender Sonne zwischen den Stationen, umwandern statt umsteigen, hatte doch „Google“ nichts Besseres auf dem Schirm.

Aber es war nicht immer heiß. Auch nicht auf der 6 km langen Wanderung auf dem Jakobsweg, die, laut Programm, hĂŒgelauf und hĂŒgelab, zu absolvieren war. Leider teilte der zuweilen mit Informationen geizende Reiseleiter vorab nicht den Ausgangspunkt, ein Pass in 1500 m Höhe, mit. Letzte Schneewehen grĂŒĂŸten den Wanderaspiranten noch rau. So fand sich die Gruppe im T-Shirt und Sandalen am Straßenrand neben einem alten SteinhĂ€user- und Schieferplattendorf frierend im Sturmwind ein. Der kleine Ort bot historische Rundbauten aus keltischer Zeit, mir war nicht klar, dass die Kelten so gerne im Kalten waren. Der Reiseleiter hatte seine warme Jacke an. Nach berechtigtem Gemurre öffnete der Busfahrer alle Kofferklappen des Busses und es begann ein wildes Gezerre und Gewerke, zwecks Auslösung warmer KleidungsstĂŒcke aus dem jeweils (hoffentlich!) eigenen GepĂ€ck. Das Bild, das ich sah, nannte ich „Flucht und Vertreibung“. Die folgende Wanderung war ganz schön, nur wurde die sich zaghaft einstellende SpiritualitĂ€t gleich eliminiert, da mein Wandernachbar die ganze Zeit von seinem Garten sprach. Es war nur die Rede von Moos, MĂ€usen, MaulwĂŒrfen, Wildwuchs, Insekten, SchĂ€dlingen und anderen Dingen, die es auszurotten galt. Viel pflanzen und pflegen tat er wohl nicht. Beschleunigen und Verzögern meines Tempos halfen mir nicht und irgendwann kam ich uninspiriert ans Ziel. Dort gab es „Gruppenessen“, siehe oben.

Da es hier nur um die „Reisegruppe“ ging, bleibt leider jeder positive Aspekt unbehandelt. Hotels, Essen, PĂŒnktlichkeit (auch die der Gruppe) waren bemerkenswert gut, und das hochinteressante Reiseziel spricht fĂŒr sich selbst. Dank auch an IBERIA, der Fluglinie, die sich mit großem Engagement den körperlich Gehandicapten unter uns verbunden fĂŒhlt. Besonders den Beinamputierten. Nie wird einer bei stĂŒrmischem Flug vom Sitz auf den Boden gleiten, da die RĂŒckenlehne der Vorderreihe fast direkt die eigene Sitzkante berĂŒhrt.

Das ist der versöhnliche Abschluss einer doch schönen Reise, die nichts desto Trotz meine letzte Gruppenreise in diesem Leben gewesen war, aber das sage ich schon seit Jahren.

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jon
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