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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Zunft oder nicht Sein
Eingestellt am 30. 05. 2006 14:23


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Janosch
???
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Zunft oder Nichtsein

Ich bin kein Casanova. Man weiß ja nie, aber mich verfolgt die Idee, dass ich auch nie ein solcher sein werde. Ein SchĂŒrzenjĂ€ger. Wer die FĂ€higkeiten fĂŒr diese Kunstform mit sich bringt, labt sich auf direktem Wege an den höchsten ErgĂŒssen. Die Betreiber anderer KĂŒnste kommen da eher durch die HintertĂŒr. FĂŒr sie steht erst einmal im Vordergrund, ihrem drĂ€ngelnden Talent Freilauf zu gewĂ€hrleisten, damit es sich tanzend auf einer „TrĂ€gerform“ verwirklichen kann; sei es ein Instrument, ein StĂŒck Ton oder ein Blatt Papier. Und spĂ€testens, wenn der Plattenvertrag unterschrieben, die Kunstwerke ausgestellt und das Buch in den Bibliotheken platziert ist, zĂ€hlt man zu den stolzen Besitzern des „Frauen-Frei-Scheins“. Durch den Erwerb des FĂŒhrerScheins darf man sich, mit einer sinnvollen Ausrede auf den Lippen, auf einen Sprung in die Scheiben des Kleinstadtkonsums freuen. Mittels eines GeschenkgutScheins ist man mĂŒhelos in der Lage mangelnden Ideenreichtum zu kaschieren. Und der „Frauen-Frei-Schein“ wird dem erfolgreichen KĂŒnstler kurzerhand einverleibt und zieht hĂŒbsche „Keine-UnterwĂ€sche-TrĂ€gerinnen“ magnetisch an.
Man mĂŒsste hierbei allerdings ergĂ€nzen, dass die relative Frauenausbeute, von Kunst zu Kunst Schwankungen aufzuweisen hat. Betrachtet man z.B. einen Schriftsteller, so hat er es im Vergleich zum Musiker um einiges „schwerer“. Denn ein einigermaßen anspruchsvolles Buch stĂ¶ĂŸt wahrscheinlich lediglich bei intellektuelleren Frauen auf Sympathie. Und ehe die sich auf eine simple Liebelei einlassen, muss erst einmal, mittels Kosinussatz, die Luftlinie zwischen unaufgerĂ€umten Schreibtisch und eingegangenem DunkelkammerpflĂ€nzchen errechnet werden. Aber das stupide Ausgeharre muss man eben einfach mal ĂŒber sich ergehen lassen; da hilft kein Strampeln und kein Schreien. Doch scheint der lang ersehnte „Holter-die-Polter“-Status dann endlich in greifbarer NĂ€he, knallt dir das Objekt der Begierde tatsĂ€chlich ihr Schachbrett auf den Tisch. Und dann werden Bauern geschlachtet und Pferde bestiegen, bis Schwarz und Weiß ineinander ĂŒbergehen! In dieser Hinsicht ist man als Musiker auf jeden Fall deutlich besser dran, denn selbst mit anspruchsvoller Musik deckt man bereits ein recht breites „Frauenspektrum“ ab. (Denn sogar Analphabeten können mit Ton und Rhythmus was anfangen) Mir erscheint es jedenfalls mehr als einleuchtend, warum die Jugend, ganz klar, die Gitarre dem Kugelschreiber vorzieht.
Was mich allerdings wirklich beschĂ€ftigt, ist die Tatsache, dass ich ebenso wenig „Frauen-Frei-Schein“-Besitzer, wie Casanova bin. Ich gehöre zur Zunft der „mutlos Vereinsamenden“. Unser schmales Mitgliederfeld stĂ¶ĂŸt hier und da durchaus auf positive Resonanz beim anderen Geschlecht. Doch sobald sich unsere Sinne auf ein wirklich außergewöhnliches Geschöpf dieser Erde prĂ€gen, bĂ€umen sich im entscheidenden Moment mĂ€chtige DĂ€monen vor uns auf und unser sensibles Herz wĂ€chst ĂŒber sich hinaus. Gierig trinken wir den Kelch der Flucht, mit dessen Hilfe wir uns in die vertraute Einsamkeit „retten“ können. Doch dann beginnt die Welt um uns herum zusammenzubrechen, weil uns wieder einmal klar wird, dass wir dem Potenzial zum wahren Leben einen Arschtritt verpasst haben. Sicher, die Angst auf Abneigung zu stoßen ist ein UrgefĂŒhl und sei jedem vergönnt, doch es wird Zeit, dass man die ZĂ€hne zusammenbeißt und auch mal seinen Hintern herhĂ€lt, statt stĂ€ndig wild um sich zu treten, GefĂŒhle zu verschleiern, Möglichkeiten mit Seelengift zu verwechseln, dem Leben einen Laufpass zu geben.
Dummerweise kann man sich so tief wie man auch nur will in einen solchen Erkenntnisprozess reinwurschteln, doch den Kopf wird man tatsĂ€chlich erst beim Sprung ĂŒber den eignen Schatten aus der Schlinge ziehen können. Und der Schatten wĂ€chst, wenn man ihn mit Gedanken fĂŒttert. Doch wer vermag das schon zu verhindern? GefĂŒhle sind extrem kommunikationsfreudig. Und wenn man ihnen bereits verboten hat, sich in zielgerichteten Handlungen auszudrĂŒcken, muss man wenigstens den Verstand als Kommunikationsplattform bereitstellen, denn einfach so abschĂŒtteln kann man dies rege Gesindel eben nicht. Na ja, was bleibt mir auch als Mitglied der „mutlos Vereinsamenden“ anderes ĂŒbrig, als mich gedanklich auf jedes noch so kleine FĂŒnkchen Erfahrung zu fixieren und es gegebenenfalls als Quantensprung aussehen zu lassen? Auf diese Weise kann ich mir wenigstens einen Schritt in die richtige Richtung simulieren

Aber wo treibt sich eigentlich der Rest meiner mutlosen Zunftkumpane herum?
Einige dĂŒrften wohl bereits im Himmel verweilen. Ein Sprung? Ein Schuss? Ein Schnitt? All den Mut aufgespart fĂŒr den einen erlösenden Moment?
Andere wiederum haben es vielleicht tatsÀchlich in den siebten Himmel geschafft; es soll ja die Möglichkeit bestehen, sich seinen Schatten klein zu saufen.
Vielleicht muss man aber auch erst mit sechs Himmeln Bekanntschaft schließen, bevor man den siebten zu Gesicht bekommt. Doch ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich die bis dahin anfallende Zeit, schachspielend zu bringen will. Bei allem Respekt vor der Wiedergeburtlerei, aber da mache ich nicht mit!
Na ja, jedenfalls rage ich hier ganz allein aus diesem TrĂŒmmerhaufen. Weit und breit keine Spur, kein Lebenszeichen von irgendeinem ZunftgefĂ€hrten. Der allerletzte „Überlebende“ kann ich jedoch nicht sein oder? Mit wem soll ich mich sonst noch austauschen? Von wem soll ich sonst Tipps zum Versagen beziehen?

„Die Zunft der mutlos Vereinsamenden beschwert sich öffentlich ĂŒber Mangel an Mitgliedern! Das wahrlich ĂŒberschaubare Mitgliederfeld beschrĂ€nkt sich auf ein einziges vereinsamendes Mitglied, das an Einsamkeit vereinsamt und in geraumer Zeit eine Unterredung mit sich selbst einberufen wird, um ĂŒber die erwĂ€hnten MissstĂ€nde zu debattieren und demokratisch ĂŒber mögliche Entlassungen abzustimmen.“

Bin ich Zunft?

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HFleiss
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Registriert: Jan 2006

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Zunft oder Nichtsein

Ich finde es nicht ganz leicht, zu deinem Text etwas Originelles beisteuern zu können. Er selbst ist sehr originell, es sind wirklich gescheite Stellen darin, mitunter auch skurril - mir gefĂ€llt das einfach. Mehr wĂŒsste ich dazu gar nicht zu sagen. Oder vielleicht doch: Der Einsamkeit die Betriebsamkeit der Mehrsamkeit entgegenstellen und so ihre VorzĂŒge herausarbeiten. Obwohl du auch dazu etwas sagst. Hat mir gut gefallen, wirklich gut.

Lieben Gruß
Hanna

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Janosch
???
Registriert: Feb 2005

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Dank dir HFLeiss! Dacht irgendwie, der Text wĂ€r n STĂŒckl zu jugendlich geschrieben und desterwegen fĂŒr "Ă€ltere" Semester uninteressant. Umso mehr freu ich mich jetzt natĂŒrlich! Schön, dass mein (wie du sagst) skurriler STil auf Sympathien stĂ¶ĂŸt. Das zeigt mir, dass ich auf einem guten Weg bin.

Viele GrĂŒĂŸe
Janosch

PS: Danke fĂŒr den versteckten Hinweis. Zunft oder "Nichtsein" klingt auf jeden Fall "hamletischer" . Werde das Ă€ndern.

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