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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Zur Mitte, zur Titte...
Eingestellt am 19. 06. 2003 13:37


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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Zur Mitte, zur Titte...
Oder: Neulich im Prater


Am Nebentisch geht es hoch her. Morgen ist Feiertag und der Kellner hat gerade die neue Runde gebracht. Wohlsein, Kameraden, der neue Tag soll uns nicht nĂŒchtern sehen. Einen Tisch weiter besiegt die Frau um die FĂŒnfzig gerade einen JĂŒngling beim ArmdrĂŒcken. Er ist peinlich berĂŒhrt. Unter den rund zwanzig GĂ€sten um die Holzplatte sitzen drei kichernde Japanerinnen, die das Geschehen mit ihren Digitalkameras einfangen wollen. Ein MĂ€dchen mit Armverband kreischt schrill auf. Hat ihr jemand an den Gips gefasst oder gar sonst wohin? Ihr spitzer Schrei durchschneidet das Stimmengeflecht in der Gaststube.

Noch einen Tisch weiter sitzen schneidige Burschen, mit Durchschnittsgesichtern. Auch ihnen schmeckt das Budweiser Bier. Und nach alter VĂ€ter Sitte bedarf es eines Trinkspruchs, wenn die neue Runde kommt. Also, Burschen. Zur Mitte. Zur Titte. Zum Sack. Zack. Den Kellnern ist es egal, wenn das Bier ĂŒberschwappt. Aber nun haben sie sich entdeckt, die TrinksprĂŒchler und die Kameraden. Der Wettbewerb, wer lauter und lĂ€nger kann, ist eröffnet.

Mutig wirft sich einer der JungmÀnner in den Kampf.
„OOOOOOOOOOOOÖööööööööööö, un aans, zwoa, draaaaaaaaa, jööööö, PUDERN!“
Sein ĂŒberforderter Kehlkopf lĂ€sst fĂŒr Sekundenbruchteile Spuren des Jahre zurĂŒckliegenden Stimmbruchs ahnen. Die Kameraden lĂ€cheln nachsichtig und prosten sich zu. Auch die Burschenschafter widmen sich wieder dem Bier. Der LĂ€rmpegel sinkt um entscheidende Dezibel.

Leselupentreffen Wien. Stresa bleibt verschollen und auch tsunami taucht nicht auf. Aber sekers wartete schon auf uns, als kaffeehausintellektuelle und ich an dem fĂŒr „Rilke“ reservierten Tisch eintrafen. Violetta hatte es kurz nach neun auch geschafft. Irgendwann wurde es uns draußen zu kalt. Eilfertig besorgte der Kellner einen freien Tisch in einer der Gaststuben, zum MissvergnĂŒgen des Kollegen, in dessen Revier gewildert wurde. Nun sitzen wir hier, umtost von Juchzen und Grölen, könnten volkskundliche Studien treiben, zum Thema „JungmĂ€nner bei der ritualisierten Alkoholaufnahme“.

Aber uns interessiert anderes. Und die Stimmung ist auch bei uns hoch. ÜbermĂŒtig wetten wir darauf, wie viel Eismarillenknödel der Kellner nun bringen wird. Violetta gewinnt. Mit einem LĂ€cheln kassiert sie. Und schon wieder gewinnt sie. Oder hat sie den MĂŒnzentscheid, wer den Lesereigen eröffnen wird, vielleicht doch verloren?

Das Gejohle an den Nachbartischen macht diese Lesung zu einem Erlebnis besonderer Art. Aber schon sind wir nicht mehr im Schweizerhaus, abends beim Bier oder Radler. Wir sitzen in einer KĂŒche, morgens, vor acht, der Kaffee reicht auch fĂŒr uns vier. Eine Geschichte von Liebe und Betrug hat Violetta mitgebracht, mit einem Schluss, der die ErzĂ€hlung beendet und ihren Ausgang weit offen lĂ€sst. Lea, das Opfer. Lea, die KĂ€mpferin. Lea, die uns zu denken gibt. Da können die JungmĂ€nner noch so schreien.

Wer sich nicht produziert, ist der Mann in unserer Runde. Sekers zieht keinen eigenen Text aus dem Jackett. Wir sind geneigt, sein Angebot anzunehmen, stattdessen aus dem „Faust“ vorzulesen. Warum haben wir dann eigentlich doch darauf verzichtet. Nicht nur die Stimme am Nebentisch zeigt starke SchwĂ€chen. Faust verschwindet wieder in der Tasche.

Der kaffeehausintellektuelle Beitrag entfĂŒhrt in eine Buchhandlung. Auch hier erwartet uns eine dunkle Schlusspointe: Hat er, hat er nicht? „Alles inklusive“ ist Etikettenschwindel: So viel bleibt angedeutet oder gar ungesagt. Unsere Fantasie macht Überstunden. Wir vergleichen, bedenken, und freuen uns, dass dieses Mal keine anonymen Wertungen das Gesamtbild verzerren können.

Mein Auftritt. Aber der Kellner stiehlt mir die Show.
„Sperrstunde, Herrschaften!“
FĂŒnf Minuten noch. Das reicht fĂŒr einen Text ohne KĂŒche, ohne BĂŒcher, ohne Dialog. Mein Name ist Nobody. Aber er ist ohnehin egal. Du wirst ihn nicht nennen. Was soll man dazu noch sagen? Vielleicht fiele uns manches ein, aber die Kellner wollen heim. Wir nicht. Noch nicht.

Wenige Schritte nur. Schon sitzen wir in der nĂ€chsten Beiz. Kurze Zeit spĂ€ter treffen auch die Kameraden vom Nebentisch ein, mit ein paar Burschenschaftern im Schlepptau. Aber ihre Stimmen haben gelitten, sie sind leiser geworden. Ich nicht. Ich habe BĂŒhnenluft geschnuppert. Und ich lese. Violetta, sekers, kaffeehausintellektuelle, sie wehren mir nicht, sind mit konstruktiver Kritik, mit Anerkennung und ihrem LĂ€cheln bei mir.

Im MĂ€rz loggte ich durch Zufall in der Leselupe ein. Jetzt ist es Juni, gegen eins, frĂŒhmorgens, am 19. Wir halten uns nicht auf mit albernen TrinksprĂŒchen. Texte können lustig sein, ohne albern zu wirken. Und beim nĂ€chsten Treffen liest sekers den Faust vor. Oder eigenes. Endlich.

__________________
DafĂŒr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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tsunami
???
Registriert: May 2003

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liebe blaustrumpf...
es sieht ja fast so aus, als hĂ€tte ich doch einiges verpasst. aber deine beschreibungen bringe einem das ganze wirklich nahe und lassen ganz schön viele bunte bilder entstehen. und so, war ich ja jetzt auch ein ganz kleines bißchen dabei.
danke.
gruß
tsunami

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sekers
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die handelnden Personen und ihre Darsteller; ergÀnzend

die handelnden Personen und ihre Darsteller; ergÀnzend

keine bunten Bilder, dafĂŒr nackte Tatsachen


B., Tochter einer Zirkusdirektrice, der Vater wurde in einen Vaterschaftstest verwickelt und ist seither nicht wieder aufgetaucht, entwickelte kurz nachdem sie ihre Zöpfe losgeworden den Trick der Dame ohne Unterleib weiter: auch der Kopf verschwindet. Die Nummer hieß dann >Rumpf plauscht<, weil sie erzĂ€hlte bereits damals die Geschichte vom Nobody. Aber B. liebte schon immer, zu reden und zu spielen, also plauschte Rumpf zunĂ€chst, dann wurde daraus Blaustrumpf, neuer Name, neuer Beruf, B.wurde BankrĂ€uberin, entwickelte die spĂ€ter in den einschlĂ€gigen Kreisen sehr beliebte Technik desStrumpf-ĂŒber-das-Gesicht Ziehens. Bei ihrem letzten Raub ließ sie nur MĂŒnzen mitgehen. Die 50-Cent MĂŒnzen davon zeigte sie uns stolz und breitete sie auf dem Tisch aus, doch mehr davon spĂ€ter.
B. trug den geheimnisvollen Blaustrumpf beim LL-Treffen nicht mehr am Kopf, zeigt ihn aber trotzdem her. Sie machte dazu den rechten Unterschenkel frei, legte sich auf den RĂŒcken und hob das Bein, quiekte extrem laut und hoch ... keine weiteren Details sollen verraten sein, außer der wirklich entzĂŒckenden Kniekehle, auf die sie sehr stolz zu sein schien. (B. wurde auch nicht mĂŒde zu betonen, dass diese quasi jungfrĂ€ulich unzerkratzt sei.) Den Aufruhr, den ihr Verhalten im Lokal erregte, beschrieb B. bereits selbst (die Stelle mit den Burschen am Nachbartisch, die sichtlich erregt waren und inspiriert vom Pudern sangen.)

K. gab endlich eine ErklĂ€rung fĂŒr ihren Nick. Sie musste im Kindergarten immer Elfen spielen, hasste aber alles Magische und UnerklĂ€rliche. Seit sie erwachsen ist betont sie daher unermĂŒdlich 'ka Fee' zu sein. das 'Haus' ist eine Metapher fĂŒr ihre kulinarischen Vorlieben, Hausmannskost, gestern waren's Krautfleckerln. Ansonsten ist sie Tonmeisterin, war auf dem Treffen fĂŒr die Technik zustĂ€ndig, hielt die germanische Fangemeinde auf dem Laufenden mit einer mit amerikanischem Mikro-Prozessor ausgestatteten SMS-Maschine, sozusagen eine Intel-actuelle Übertragung.

S. entpuppte sich als fremdlĂ€ndischer Bauarbeiter mit extrem undeutlicher Aussprache, der sich in der hochliterarischen Runde nur sehr schwerverstĂ€ndlich machen konnte. Er hatte in einem Holz-verarbeitenden Betrieb ("SĂ€g-er's" wurde ihm dort oft bedeutet) gearbeitet, bis er den BaggerfĂŒhrerschein machte. Trotz des FĂŒhrerscheins war ihm der Begriff >Anbaggern< nicht gelĂ€ufig. B. versuchte den ganzen Abend, ihm die Technik dafĂŒr zu erklĂ€ren und es ihm ĂŒberhaupt schmackhaft zu machen, aber S. konnte und wollte ihr - wie wir noch sehen werden zurecht - nicht folgen.

Die grĂ¶ĂŸte Überraschung war ohne Zweifel V.. Sie arbeitet derzeit als Kriegsberichterstatterin in einer auflagenstarken Monatszeitschrift ist aber in Wirklichkeit Operetten-Soubrette, die mit allen großen SĂ€ngerInnen und DirigentInnen der Wiener aber auch der New Yorker Oper gespielt und gesungen hat. S. bat sie den ganzen Abend um ein Autokram, aber nur nach langem KopfschĂŒtteln, Weh und Ach, Hin und Her gab sie ihm dann ein paar benĂŒtzte Parkscheine sowie das Service-Heft ihres Mercedes. Sie hat den schĂ€rfsten Blick und an einer kleinen Begebenheit sei dies aufgezeigt.

B. versuchte S. wieder einmal, das Anbaggern zu demonstrieren. Sie lĂ€chelte einen Kellner umwerfend an, bis der nicht mehr ein noch aus wusste, und fragte: >Sie wĂŒnschen, gnĂ€dige Frau?< Ohne ihr LĂ€cheln zu unterbrechen funkelte sie ihn vieldeutig an und sagte: >Könnte ich ihre zwei<, da machte sie eine bedeutsame Pause und eine eindeutige Handbewegung, >na, ihre zwei Knödel, nein Marillen oder Kerne? wie sagt man dazu in Österreich? Ă€h vernaschen?< Dem Kellner schoß das Blut in die Wangen, er sah schließlich an sich hinunter, fasste sich und fragte: >Sie meinen, eine Portion?< >Jaahaa<, sĂ€uselte B. und der Kellner machte sich tatsĂ€chlich festen Schrittes auf den Weg Richtung KĂŒche, Motto: unsere GĂ€ste wollen wir nicht enttĂ€uschen.
Und hier setzte V. an, die seit sie von der Oper gefeuert wurde, unter starker Spielsucht leidet. >Der bringt nicht zwei, nur einen, der hat nicht mehr.< brachte sie ihre Beobachtungen auf eben einen Punkt. Großes Erstaunen bei den Anwesenden, nicht so sehr wegen der Bestellung, oder der Beflissenheit des Kellners, sondern weil – nur einen? >Das gibt's nicht<, meinte schließlich die K., die vorsorglich eine SMS nach Deutschland geschickt hatte, dort hatte sich ein medizinisch gebildeter Fan, wenn auch kein Urologe, zu der Fragestellung geĂ€ußert, >das sind schon zwei.< S. fĂŒhlte in seinen Hosentaschen, >jjjja, mĂŒssten eigentlich zwei sein<, sagte er nach kurzer Kontrolle.
B. hatte nur im Sinn, den Gewinn, den sie von dem Raub lukriert hatte, zu vermehren. >Wetten wir?<, sagte sie, >es werden zwei sein.< Drei, B., K. und S. hielten gegen V., die nur schamlos grinste. Und als der Kellner besagtes Gericht mit noch schmerzverzerrtem Gesicht brachte, und mit einem gequĂ€lten >Bitt’schön< auf den Tisch stellte, war nur ein einziges, als >Knödel< tituliertes Ding auf dem Teller. V. hatte gewonnen und streifte einen Tisch voller 50 Cent MĂŒnzen ein. >Woher wusstest Du das?< wurde sie unglĂ€ubig gefragt.>Das<, und das das war betont, >sehe ich<, meinte sie nur sehr knapp.S. fragte dann noch, ob Anbaggern nicht zu sehr hohen Stimmlagen fĂŒhren könnte. B. meinte eher sphinxhaft, nachdem sie genussvoll gespeist hatte, sie habe ihre Stimme ja auch hochgearbeitet...

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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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auch wieder wahr.

__________________
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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Schön!

Schön beschrieben und dem Leser hier die Zunge lang werden lassen. Schade, wÀre ich gerne dabei gewesen. Das war sicher ein ergiebiger und lustiger Treff.

Weiter so!

Socke

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Violetta
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Apr 2003

Werke: 2
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Genau so war's!

Liebe BlaustrĂŒmpfin, Deiner Beschreibung ist praktisch nichts mehr hinzuzufĂŒgen, außer: ich war schon kurz vor acht Uhr da! Jawoll!!
Und dann wĂ€re noch zu erwĂ€hnen, dass die Örtlichkeiten des Schweizerhauses ĂŒber wandgroße Spiegel verfĂŒgen, in denen man sich selbst wĂ€hrend der Verrichtung des einen oder anderen GeschĂ€fts beobachten kann. Und wo sonst ist das schon möglich?
Meine StimmbÀnder sind noch angeschlagen. Merke: Hast Du bei einer Lesung gegen grölende Horden betrunkener Burschenschafter anzuschreien, wÀhle einen kurzen Text. Doch einen solchen hatte ich nicht mit. AnfÀngerfehler.
Frau Blaustrumpf hatte. Und er war auch noch gut! Nachdem Madame KHI und ich uns bereits heiser geschrien hatten, und Herr Sekers sich in geheimnisvolles Schweigen hĂŒllte, zĂŒckte sie ihre Elaborate, nahm mit nonchalantem Blick wahr, dass die brĂŒllende Horde sich verzogen hatte und las ihren Text, ausdrucksvoll und ohne leiseste Anstrengung in der Stimme. Und dann, nach dem Lokalwechsel, noch einen - wieder nur begleitet vom Klimpern der Löffel in unseren Kaffeetassen.
Fair ist das nicht wollte ich hier einmal kursiv anmerken! Aber schön wars! Und schreit nach Wiederholung!

findet
Violetta
__________________
Es genĂŒgt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muß auch unfĂ€hig sein, sie auszudrĂŒcken.
(Karl Kraus)

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