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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zurück in die Vergangenheit
Eingestellt am 02. 07. 2005 16:48


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Cynthia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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Zurück in die Vergangenheit

Johanna, 75 Jahre alt lebt in Essen. Als ihr Mann Karl vor sieben Jahren gestorben war, zog sie in eine kleine Zweizimmerwohnung ganz in der Nähe ihrer Tochter Nora.
Nora kam oft vorbei oder Johanna besuchte Nora und deren Familie. Tom, den Ehemann und Tim und Pia die beiden Kinder.
Vor einigen Jahren trat eine unerwartete Wendung ein. Danach war nichts mehr so wie vorher.
Sie beginnt damit, dass Johanna wie immer loszieht um ihren Einkauf fürs Wochenende zu erledigen. Den Einkaufszettel ins Portemonnaie gesteckt, Einkaufstasche über den Arm und los zum ersten Geschäft. Ein Weg den sie schon so viele Male gegangen ist. Doch plötzlich... Wo geht es denn noch mal zum Bäcker? Das muss doch hier um die Ecke sein?
Johanna erkennt die Häuserreihen nicht. Sie geht weiter. Da... „Fleischerei Peters“ ! Ja, aber hier muss es doch sein!
Johanna ist verwirrt: „Aber ich brauche doch Brot und keine Wurst!“
Dennoch. Sie geht in die Metzgerei. Freundlich wird sie von der Verkäuferin begrüßt: „Guten Morgen Frau Lehmann! Haben sie noch etwas vergessen?“ – Vergessen? Ja, sie hat den Weg zum Bäcker vergessen! Schnell nimmt sie ein Viertel Fleischsalat, bezahlt und wünscht noch einen guten Tag. Dann raus auf die Strasse.
Zum Glück kommt eine junge Frau mit einem Kinderwagen an ihr vorbei. „Entschuldigung, wo ist der nächste Bäcker?“
„Dort hinten links um die Ecke.“
Johanna findet das Geschäft. Für den Weg nach Hause hält sie sich ein vorbeifahrendes Taxi an.
Diese Begebenheit wird sie niemandem erzählen, beschließt Johanna. Ich bin doch nicht verrückt! Wie peinlich! Ich vergesse wo meine Bäckerei ist! Das darf mir nie wieder passieren!
Zu Hause nimmt sie den Stadtplan aus dem Schrank. Alle wichtigen Punkte und Adressen sucht sie heraus und kennzeichnet sie.
Den nächsten Einkauf erledigt sie ohne Schwierigkeiten. Dank des Planes.
Ein paar Wochen später zieht sie wieder los mit Plan und Handtasche. Doch sie findet nicht, was sie sucht. Der Plan ist für sie keine Hilfe, im Gegenteil! Sie weiß nicht in welche Richtung sie gehen muss.
Schließlich steht sie statt vor dem ihr so vertrautem Supermarkt vor einer KFZ Werkstatt.
Was ist nur los?
Sie irrt durch die Strassen. Doch trotz Stadtplan findet sie nicht den Weg nach Hause.
Dort... ein Taxi! Sie steigt ein und sagt: „Ich will nach Hause“.
„Jaa, gute Frau. Da müssen sie mir aber auch sagen wo ihr zu Hause ist, ich kann das doch nicht wissen.“
Lessingstrasse oder Lerchenstrasse? Johanna kann sich nicht erinnern.
Zum Glück ist der Taxifahrer ein schlaues Köpfchen. „Haben sie ihren Personalausweis dabei?“
Ja, Johanna hat ihn in ihrem Portemonnaie stecken. So kommt auch diese Einkauftour zu einem guten Ende.
Von diesem Tag an wagt Johann es nicht mehr alleine hinaus auf die Strassen zu gehen und ihre Einkäufe zu erledigen.
Sie erzählt Nora wie schwer es doch für sie inzwischen ist die Einkaufstaschen zu schleppen und dass sie deshalb beim letzen Einkauf ein Taxi genommen habe.
Nora verabredet mit Johanna zukünftig gemeinsam mit ihr den Wochenendeinkauf zu erledigen. Johanna ist sehr froh darüber und kann an diesem Abend schnell einschlafen.
Irgendwann in der Nacht wacht sie auf. – Einkaufen – Daran erinnert sie sich.
Johanna nimmt Einkaufstasche und Portemonnaie und dann... raus auf die Strasse.
Sie läuft und läuft. Sie hat noch nicht einmal den Mantel angezogen.
Im Nachthemd irrt sie durch die dunklen Strassen. Zu allem Übel beginnt es auch noch zu regnen. Johanna beginnt zu rufen: „Nora, wo bist du?“ Keine Antwort – Kurze Zeit später taucht aus der Dunkelheit ein Krankenwagen auf. Sanitäter steigen aus. Reden beruhigend auf Johanna ein. Sie transportieren sie ins nächste Krankenhaus. Johanna schläft ein.
Am nächsten Morgen. - Nora! Sie steht vor ihrem Bett. „Mama, was machst du denn für Sachen, wir wollten doch zusammen einkaufen?“
Der Arzt verordnet Johanna noch ein Medikament. Dann kann sie wieder nach Hause gehen.
Dieser Vorfall hat Nora sehr beunruhigt. Sie informiert die Geschwister.
Sie sind ja so sehr beschäftigt. Von der Schwester in Freiburg bekommt sie den Rat doch mal einen Neurologen zu Rate zu ziehen. Schließlich sei Mama ja nicht mehr die Jüngste!
Nora macht einen Termin. Ein sehr bekannter Arzt, der von vielen Seiten gelobt wird.
Er untersucht Johanna sehr gründlich.
Anschließend fragt er Johanna nach ihrem Geburtsdatum. „Winter“, antwortet sie.
Der Arzt hält einen Kugelschreiber in der Hand und fragt Johanna: “Was ist das, Frau Lehmann?“ Johanna windet sich hin und her aber sie kommt einfach nicht drauf. Schließlich platzt es aus ihr heraus, “Zahnbürste“ schreit sie dem Arzt halb wütend und halb verzweifelt entgegen.

„Und? Was sagen sie Herr Doktor?“
„Ich vermute den Beginn eines altersbedingten Abbaus der geistigen Fähigkeiten“.
„Was bedeutet das?“ Johanna hat eine Ahnung aber zugleich spürt sie den Willen dagegen anzukämpfen. Sie will auf jeden Fall in ihrer kleinen Wohnung wohnen bleiben.
Nora sagt zu täglich vorbeizukommen und sich um sie zu kümmern.
Die Geschwister winken ab. „Das kannst du nicht lange durchhalten.
Was, wenn es noch schlimmer wird?“

Und es wurde „schlimmer“!

Eines Morgens kommt Nora in die Wohnung und findet Johanna im Bett. Die Decke bis über den Kopf gezogen. Nora hört nur ein gedämpftes Wimmern.
„Mam, was hast du denn?“
Da, da ist sie wieder!
Wer denn Mam?
Die fremde Frau! Sie versteckt meinen Schlüssel im Kühlschrank, steckt mein Geld in den Herd und heute hat sie mir meine Brille in den Abfall geworfen!“
Nora schaut.. An der Stelle, auf welche Johanna zeigt hängt ein großer Spiegel.
Johanna denkt von ihrem eigenen Spiegelbild, es sei eine fremde Frau?

Ratlosigkeit.
Wieder ein Besuch beim Arzt. Johanna erinnert sich nicht mehr an ihn und will sich nicht von ihm untersuchen lassen. Als Nora ihr gut zureden will raunzt Johanna sie an“ was wollen sie denn von mir? Ich kenne sie nicht.“
Der Arzt überweist sie in die Klinik. Geriatrische Abteilung.
Das Pflegepersonal und die Ärzte hier sind sehr nett. Sie müssen Nora aber sagen, dass es besser sein wird, wenn Johanna nicht mehr alleine in ihrer Wohnung ist.
Nach vielen Gesprächen mit der Familie steht die Entscheidung fest. Johanna wird bei Nora wohnen. Tims Zimmer ist vor kurzer Zeit frei geworden. Er studiert jetzt in Bonn.
Nora konnte nicht wissen wie es sein würde.
Johanna braucht ständige Betreuung. Nachts steht sie oft auf. Sie läuft in der Wohnung umher. Tagsüber ist sie auch von Unruhe getrieben. So macht Nora häufig Spaziergänge mit ihr. Johanna will Wolfgang (eine Puppe, die von nun an immer mit dabei ist) mit nach draußen nehmen. Kleine Kinder brauchen viel frische Luft! Mittags bekommt Wolfgang auch immer etwas von Johannas Essen.

Nora hat begonnen wieder in ihr altes Tagebuch zu schreiben.
Sie schreibt: „Mutter, es ist so schwer zu verstehen. Einst so stark und mutig. Jetzt so schwach und zerbrechlich. Mein drittes Kind!“

Der tägliche Umgang mit Johanna wird immer beschwerlicher. Sie schimpft mit Nora ohne ersichtlichen Grund. Dann gibt es Tage an denen sie die meiste Zeit aus dem Fenster starrt und immer wieder sagt: „Gleich kommt Papa nach Hause!“
Oder sie wimmert: „ Die sollen endlich mit den Bomben aufhören. Ich will nicht mehr in den Keller!“
Sehr wichtig scheint für sie das liebevolle Versorgen von „Wolfgang“ zu sein. Er wird gewickelt, gebadet und in den Schlaf gesungen.
Für Nora wird es immer schwieriger mit Johanna umzugehen. Sie versteht nicht wie sie auf all das reagieren soll.
Der Rettungsanker ist eine Beratungsstelle, von einer Freundin empfohlen.
Hier erfährt Nora wie wichtig es ist Johanna einfach nur zu begleiten.
Nicht ändern wollen oder auf Unvermögen hinweisen.
Stattdessen dort abholen wo sie gerade ist.
Das bedeutet unter Umständen stundenlanges Singen, Laufen , spielen der Mutter für die Mutter .
Sie wird wieder zum ganz kleinen Kind werden.
Ein Abbau der nicht zu stoppen ist. „Eine fortschreitende rückbildende Gestaltveränderung des Gehirns!“
Die pflegerischen Aufgaben wachsen zusehends.
Johanna lässt aber keine Damen des Pflegedienstes an sich heran.
Also übernimmt Nora auch diese Aufgabe.
Es kommt der Tag, an dem Johanna nicht mehr weiß, was sie mit dem Besteck neben ihrem Teller anfangen soll.
Also nimmt sie die Finger und schiebt das Essen in den Mund.
Hauptsache sie isst und nimmt nicht noch mehr ab, denkt Nora.
Immer öfter stürzt Johanna . Möbelstücke in der Wohnung sind für sie unüberwindbare Hindernisse. Sie weiß nicht mehr, dass sie um diese herumgehen muss. Stattdessen steht sie davor und schreit und schreit...
Nora scheint am Ende ihrer Kräfte zu sein.
In größter Not entschließt sie sich dazu die Memoryklinik aufzusuchen.
Johanna hat inzwischen stark abgenommen. Sie redet nur noch wenig. Ist aber von einer Unruhe getrieben, die sich auf Nora überträgt.
In den letzten Jahren hat Nora vergessen, dass sie auch noch eine Familie hat. Tom, Tim und Pia.
Tom geht mit in die Memoryklinik. Ein Gespräch mit einer Ärztin öffnet Nora die Augen. – Es geht nicht mehr!!!
Wenn sie nicht will, dass mit Johannas Krankheit alles zerbricht muss sie loslassen!
Für Johanna, für die eigene Familie! Sie kann es nicht zulassen, dass die Krankheit auch sie umschlingt und ihren Weg in die Zukunft versperrt.
Die Ärztin erzählt von einem Pflegeheim, welches für Menschen wie Johanna konzipiert ist.
Hier kann sie ihre Bedürfnisse leben. Hier hat sie professionelle Rundumbetreuung. Es muss sein.
Der Umzug wird von Johanna kaum registriert. Der Abschied aus der alten Umgebung fällt ihr weder leicht noch schwer. Sie darf ihre Möbel mitnehmen. Das neue Zimmer ist schön hell. Johanna scheint sich wohl zu fühlen. Sie singt.
In der ersten Zeit besucht Nora ihre Mutter täglich. Bald bemerkt sie, dass Johanna der Abschied nie schwer fällt. Wenn sie kommt fragt Johanna, ob sie auch hier Urlaub mache.
Sie ist in einer anderen Welt. Es geht ihr gut.

Einige Monate später. Ein Anruf des Heimes.
Johanna hat sich äußerst gefährlich beim Essen verschluckt. Ihr Schluckreflex scheint nicht mehr wie gewohnt zu funktionieren.
Essen wird für sie zum Risiko.
Nora bespricht mit der Leiterin des Heimes und dem Arzt was zu tun ist. Künstliche Ernährung?
Johannas Beine wollen auch nicht mehr. Der automatische Ablauf des Gehens funktioniert nicht mehr. Sie kann das Gleichgewicht nicht mehr halten. Sie wird bettlägerig.
Künstliche Ernährung? Eine Gewissensentscheidung!
Entscheidet hier jemand über Tod und Leben? Tod? Ist Johanna nicht schon längst tot? Welches Leben? Wer will so ein Leben?
Nora hat Glück an diesen Arzt geraten zu sein. Er stellt nicht seinen Eid in den Vordergrund sondern die nüchterne Betrachtung der Tatsachen.
Künstliche Ernährung kann Johanna nicht gesund machen. Im Gegenteil. Ihr Gehirn gibt keine Impulse weiter, die den Körper veranlassen zugefügte Nährstoffe zu verarbeiten und zu nutzen. Sie werden ungenutzt wieder ausgeschieden.
Nora entscheidet.
Keine künstliche Ernährung.
Johanna bekommt zu trinken.
Nach ein paar Tagen ist sie sichtlich schwächer geworden
Nora sitzt täglich an ihrem Bett.
Erzählt von früher. Liest Märchen vor. Liest aus der Bibel vor. Streichelt Johannas Hände, ihr Haar.

Der Tag.
Nora hat das Gefühl heute Abend länger bleiben zu wollen.
Sie bleibt. Sie befeuchtet Johannas Lippen mit einem Tuch. Trinken ist nicht mehr möglich.
Nora erkennt in ihrer Körperhaltung die Haltung eines Embryos im Mutterleib. Die Beine angezogen, den Oberkörper nach vorne gekrümmt.
Als es so weit ist öffnet Johanna noch einmal die Augen und nimmt Noras Hand. „Nora.“
Der Kreis hat sich geschlossen.
An diesem Tag schreibt Johanna noch einen Satz in ihr altes Tagebuch: „Heute hat die Ewigkeit die Vergangenheit besiegt...“
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