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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Zwei Frauen am See
Eingestellt am 05. 07. 2016 21:20


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Aina
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2016

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Zwei Frauen am See
Mia setzt den Pinsel an, zögert, tritt einen Schritt zurĂŒck und verengt die Augen ein wenig. Sie legt den Kopf schief, um das gesamte GemĂ€lde in Augenschein zu nehmen. Mit sicherem Strich platziert sie das TĂŒrkisblau und gibt der WasseroberflĂ€che ihre lebendige Struktur. Der ruhige Rhythmus ihres Arbeitens zeigt, dass sie mit dem Ergebnis zunehmend zufrieden wird. Schließlich setzt sie sich auf den Hocker, verschrĂ€nkt die Arme ĂŒber der Brust, lĂ€sst den Blick lange auf dem GemĂ€lde ruhen, verliert sich darin. Es ist still.

Normalerweise herrscht hier die rege Betriebsamkeit der Kunststudenten von Professor Caspars Klasse. Doch nachts ist die Akademie ein ruhiger Ort, an dem sich Mia auf sich selbst und ihre Malerei konzentrieren kann. Das Licht ist nicht gut, aber das nimmt sie in Kauf, um ungestört arbeiten zu können. Es dauerte einige Monate bis sie herausfand, wie es ihr hier möglich ist ins Malen zu kommen. Sie musste nur an die Gegebenheiten anknĂŒpfen, die sie in ihrer Heimat gehabt hatte. Dort war es ihr nur nachts möglich, wenn alle anderen schliefen. Dann konnte sie dem ungestört nachgehen, was fĂŒr sie von essentieller Bedeutung und fĂŒr ihre Familie Anlass zu Spott und Sorge war. Bilder malen auf denen man nicht alles genau erkennen konnte, das machte in ihren Augen keinen Sinn! Und schon gar nicht fĂŒr eine junge Frau, die sich einen Mann suchen und der Hauswirtschaft zuwenden sollte.

Sofort nach Beendigung der Schule konnte sie dem UnverstĂ€ndnis und den tĂ€glichen GĂ€ngelungen entfliehen, indem sie in MĂŒnchen das Kunststudium begann. An dem Tag, an dem sie die Verantwortung fĂŒr die Vor- und Nachbereitung der Malklasse ĂŒbertragen bekam und damit den SchlĂŒssel fĂŒr die RĂ€ume erhielt, eröffnete sich ihr die Möglichkeit wieder nachts zu arbeiten.

‚Unter der fahlen Beleuchtung des Raumes wirkt der See ein wenig dĂŒster‘, sinniert Mia. ‚Aber morgen, bei Tageslicht, wird es sicher so sein, wie ich es möchte.‘ Mia nimmt ihr Werk noch einmal kritisch in Augenschein, entdeckt dabei am Ufer in der Struktur der Steine etwas, das sie noch verĂ€ndern möchte. Mit einem lichten Grau beginnt sie den Felsen an der sonnenbestrahlten Seite aufzuhellen. Ihr Blick schweift ĂŒber das gesamte Bild, um den Einfallswinkel der Sonne noch einmal zu prĂŒfen. Der Pinsel ruht auf dem Felsen, sie betrachtet die Berge im Hintergrund, ihre Gedanken fĂŒhren sie weit zurĂŒck in den unbeschwerten Sommer, in dem sie diese Aussicht genossen hatte. Versunken in den Anblick bemerkt Mia nicht, wie sich der Pinsel langsam in den Felsen senkt. Tiefer und tiefer verschwindet er in der Leinwand. Erst als ihre Finger mit der Leinwand zu verschmelzen scheinen und im Bild verschwinden, wird sie darauf aufmerksam. Erschrocken zieht sie die Hand zurĂŒck, betrachtet sie, als sei sie ein Fremdkörper. Ihre Atmung geht schnell, sie dreht und wendet ihre Hand. Ist sie so mĂŒde, dass sie schon anfĂ€ngt seltsame Sachen zu sehen? Die Neugier ĂŒberwiegt und sie probiert noch einmal aus, ob der Pinsel in der Leinwand verschwinden kann. TatsĂ€chlich! Wenn sie lange an einer Stelle verweilt, sinkt der Pinsel in die Leinwand und ihre Hand folgt ihm nahtlos. Dieses Mal zieht sie nicht zurĂŒck, sondern beobachtet wie ihr Arm bis zum Ellenbogen verschwindet. WĂ€hrenddessen streift sie der Gedanke, wie das zu erklĂ€ren ist und wo es hinfĂŒhrt, doch sie lĂ€sst ihn vorbeiziehen und sich selbst StĂŒck fĂŒr StĂŒck in das Bild sinken.

Mia findet sich am Strand des Sees wieder. Sie lehnt an dem Felsen, den sie soeben noch mit dem hellen Grau bearbeitet hatte und schaut ĂŒber das Wasser, im Hintergrund die Berge. Die Aussicht, die sie letzten Sommer so verinnerlicht hatte, um damit das Heimweh in der Großstadt lindern zu können. Sie dreht sich um, nein, sie ist nicht nur im Bild oder vor dem Bild, sie ist tatsĂ€chlich an diesem Ort. Sie tastet sich vorsichtig ab, als wĂŒrde sie nicht glauben selbst echt zu sein, reibt sich die Augen, befĂŒhlt den steinigen Boden neben sich. Alles ist echt, sie ist hier tatsĂ€chlich in ihrem Bild.

Dieses Erlebnis ist einige Wochen her. Mia hat entdeckt, dass sie sich nicht nur in ihre eigenen Bilder, sondern auch in die von anderen Malern begeben kann. Und sie hat herausgefunden, dass sie mithilfe des Pinsels jeder Zeit wieder den Ausstieg findet. ErklĂ€ren kann sie sich das PhĂ€nomen nicht. Da jedoch eine ErklĂ€rung nichts an den VorgĂ€ngen Ă€ndern wĂŒrde, ist es ihr nicht wichtig danach zu suchen. NatĂŒrlich hat sie niemand davon erzĂ€hlt. Wer sollte ihr solche verrĂŒckten Sachen glauben? Sie kennt das aus ihrer eigenen Familie: wenn sie dem Spott anderer nicht ausgesetzt werden möchte, muss sie gewisse Dinge fĂŒr sich behalten.

Auch in der Akademie scheint es wichtig zu sein, ĂŒber manche Dinge nicht zu reden. Die Diskussion um die sogenannte „entartete Kunst“ setzt allen, aber besonders ihrem Professor, stark zu. Es geht unter anderem um seine Bilder und seinen Posten als Leiter der Akademie. Einige KĂŒnstler, die vor nicht allzu langer Zeit in diesen RĂ€umen studiert hatten, werden nur noch hinter vorgehaltener Hand erwĂ€hnt und andere ganz offen kritisiert. Das Entsetzen im Gesicht ihres Professors, als sie ihm ein paar Skizzen und ein kleines Ölbild von Johann Reichinger vorlegte, war unverkennbar. Sie hatte sie vor ein paar Tagen beim AufrĂ€umen hinten in einem Regal gefunden und wollte wissen, wo solche Dinge aufbewahrt wĂŒrden. Hastig hatte er die Werke genommen, schnell angeschaut und Mia in die Kammer neben dem Klassenraum gezerrt. Er vergewisserte sich, dass sie keiner beobachtete und versteckte die Bilder hinter dem Materialschrank. “Ich kĂŒmmere mich bei Gelegenheit darum. Bis dahin kein Wort davon! An niemand!“, hatte er leise gezischt und sie mit einem warnenden Blick bedacht.
Wenige Tage nach dieser Begebenheit, herrscht helle Aufregung in der Akademie. Menschen laufen durcheinander und tragen Kisten aus dem GebĂ€ude. „Sie nehmen alles mit“, flĂŒstert ihr eine Kommilitonin zu. „Wie, alles?“. Genervt wird ihr zugeflĂŒstert: „Na, die ganzen Sachen, die sie fĂŒr entartet halten. Und jetzt tu so, als wĂ€re alles wie immer!“

Nichts ist wie immer! Professor Caspar ist nicht mehr im Haus und ein gewisser Bestelmeyer soll der neue Leiter sein. Kari hört wie ein Student dem anderen zuraunt: „Jetzt ist der Nationalsozialismus also auch bei uns angekommen.“ Sie erinnert sich an das GesprĂ€ch neulich, in dem es darum ging, wie sich die Kunst weiterentwickelt, wenn Werke von Barlach, Dix, Marc, Reichinger und vielen anderen verboten wĂŒrden. Damals war es noch eine Diskussion, heute ist es schreckliche, hautnahe RealitĂ€t.

Mia geht in ihre Klasse. Sie versucht routiniert und normal zu wirken, damit nicht auffĂ€llt wie abwehrend sie diesem Ereignis gegenĂŒbersteht. Bis heute Morgen hatte sie gehofft, dass politisches Gedankengut, und sei es noch so verdreht und abstrus, vor der Kunst haltmachen wĂŒrde und sie in der Akademie ihren sicheren RĂŒckzugsort vor einengenden Gedanken und Vorschriften behalten könnte. Dass Andersdenkende und Gegner der aktuellen Ideologie nicht geduldet werden, das weiß sie schon lĂ€nger. Dass Menschen, die anders leben und glauben, Schwierigkeiten bekommen können, hat sie als Kind schon in ihrer Dorfgemeinschaft erfahren. Doch was sie heute erlebt und welche Konsequenzen es fĂŒr sie und ihre Freunde haben wird, erscheint ihr im Moment viel zu groß und umfassend, um es zu Ende denken zu können.

Sie steht in der kleinen Kammer mit einem Glas Wasser in der Hand, zittert, versucht sich zu beruhigen. Ihr Blick fĂ€llt auf den Materialschrank und das Glas fast aus der Hand. Hatte Caspar sich um die Skizzen von Reichinger gekĂŒmmert? Oder
? Kann sie jetzt, wo das Haus voller Menschen ist, einen Blick riskieren und nachschauen? Und wenn sie noch da sind, was soll sie dann tun? Melden? Niemals! Wie ein Reflex trifft sie diese Reaktion. Eigentlich ist sie unpolitisch, sie will nur ihr eigenes Leben in Freiheit leben und hatte gehofft, dass dies in der Großstadt in der KĂŒnstlerwelt möglich sei. Aber nun ist alles anders. Nun ist verboten, was nicht zum vorgeschriebenen Gedankengut passt, weil es zu nackt, zu wenig realitĂ€tsgetreu, zu christlich geprĂ€gt, zu freiheitlich, irgendwie nicht arisch genug ist. Nein, wenn die Bilder noch da sind, wird sie versuchen sie zu retten. Ja, wenn. Nur jetzt, wo das Haus in heller Aufregung steht, Fremde durch die WerkstĂ€tten und Klassen ziehen, ist nicht daran zu denken etwas zu riskieren. Also weitermachen, als ob nichts wĂ€re.

Mia kann sich am Ende des Tages nicht mehr daran erinnern, wie sie die Stunden bis zum Abend verbracht hat. Eigentlich gab es nur eine Gedankenschleife: ‚Wirke normal, obwohl alles unnormal ist, obwohl du davonlaufen möchtest, obwohl du dir schreckliche Sorgen machst wie es mit dir und den anderen weitergehen soll!‘ Und wenn sie sich ihr Arbeitsergebnis auf der Leinwand betrachtet, könnte sie weinen. Aus dem lebendigen, tiefen Wasser von neulich, ist eine leblose, spiegelglatte Scheibe geworden, in der weder ein weiterfĂŒhrender Gedanke, noch Freude an der Natur zu entdecken ist. ‚Totgemalt‘, kommt ihr in den Sinn. Passend zu diesem Tag. Ob das Verbot des freien Ausdrucks zu einem inneren Tod fĂŒhren wird?

Mia legt den Pinsel beiseite, zieht sich in die kleine Kammer zurĂŒck, lauert auf den Moment, in dem ihre Kommilitonen den Raum verlassen. Sie löscht das Licht, schließt von innen ab und setzt sich auf den Boden. Sie schließt die Augen, zwingt sich noch eine geraume Zeit sitzen zu bleiben, um ganz sicher zu sein, dass sie alleine im Haus ist. Das Mondlicht reicht aus, um sich zurecht zu finden. Sie tastet an die Stelle wo Professor Caspar die Skizzen auf die Schnelle versteckt hatte und tatsĂ€chlich sind sie noch immer da. Ihr Herz scheint einen Sprung zu machen, es rast. Eine Mischung aus wilder Freude und Besorgnis erfasst sie.

Es sind sechs oder sieben Kohleskizzen, mehr oder weniger fertig gestellt. Das kleine Ölbild fesselt Mias Aufmerksamkeit. Sie hĂ€lt es ins Mondlicht. Es ist ein dicker Pappkarton, ungefĂ€hr so groß wie ein halber Briefbogen, auf das das GemĂ€lde aufgetragen wurde. Das Bild ist in schnellen groben Strichen gemalt, die Farben deuten auf einen warmen Sommertag hin. Zwei Frauen mit SonnenhĂŒten, in hellen langen Kleidern, verweilen auf einer grĂŒnen Wiese. Im Hintergrund sind Berge zu erkennen. Die etwas fĂŒlligere der Frauen liegt seitlich auf der Wiese, ihr Kleid ist hoch geschlossen, den Kopf hat sie auf ihre Hand gestĂŒtzt. Sie ist der anderen Frau zugewandt, die sich im Gras zu ihr hingesetzt hat. Das Kleid der Sitzenden ist tief ausgeschnitten und schmal in der Taille. Ihre Haare sind unter den Hut gesteckt und geben den Blick auf ihren schlanken Hals frei. Die Frauen sind ins GesprĂ€ch vertieft. Ihre GesichtszĂŒge sind aufgrund der breiten PinselfĂŒhrung nicht zu erkennen, aber an der Haltung der Frauen ist sichtbar, dass sie sich freundlich zugewandt sind. Mia ertappt sich, wie sie versucht die Konturen der Frauenkörper zu erahnen. Die Liegende lĂ€sst eine rundliche HĂŒfte erkennen, dazu wĂŒrde ein ĂŒppiger Busen passen, denkt Mia, aber das lĂ€sst Reichinger offen. Ebenso wie er das Alter der beiden im Unbestimmten lĂ€sst. Umso mehr kommen die sommerliche Leichtigkeit, die WĂ€rme, die Vertrautheit und das Interesse aneinander zur Geltung.
Einige Striche wirken noch ein wenig zusammenhanglos, als hĂ€tte er sie gesetzt und spĂ€ter noch integrieren wollen. ‚Fast als wĂ€re er beim Malen unterbrochen worden‘, denkt Mia. ‚Andererseits tut das dem Ganzen keinen Abbruch. Vielleicht nur eine Skizze, die er spĂ€ter grĂ¶ĂŸer und differenzierter ausarbeiten wollte?‘

Sie vergisst die Zeit, die Aufregung, die Problematik ihrer Situation. Sie ist fasziniert von den wenigen Strichen, die dem Detail keinerlei Bedeutung zukommen lassen, aber dafĂŒr der Stimmung der Szene umso mehr Raum geben. So ausdrucksstark ereignet sich der Augenblick einer ganzen Geschichte auf diesem Pappkarton. Wie diese beiden Frauen wohl zueinanderstehen? Sind es Freundinnen, Schwestern, vielleicht sogar Partnerinnen? Mia hĂ€lt den Atem an, irgendetwas an dem Bild ist besonders und berĂŒhrt sie. Ist es, weil diese beiden Frauen ein Paar sein könnten, so wie sie es fĂŒr sich selbst ersehnt? Sie muss bei dem Gedanken grinsen. ‚Nur, weil du eine Sehnsucht hast, die du noch nicht stillen konntest, musst du nicht in allen Bildern genau das sehen‘, unterbricht sie ihre verpönten TrĂ€ume.
Dieser Gedanke bringt sie gleichzeitig wieder auf den Boden der Tatsachen zurĂŒck. Sie steht in der Akademie mit einem Bild in der Hand, das bei seiner Entdeckung vermutlich in eine der Kisten gewandert und abtransportiert worden wĂ€re. Was also tun mit diesem Bild und den Skizzen? Hier, in den RĂ€umen der Akademie, kann sie sie nicht verstecken. Wer weiß, ob dieser Bestelmeyer in den kommenden Tagen das GebĂ€ude unter die Lupe nehmen wird. Auf alle FĂ€lle mĂŒssen die Werke aus der Akademie raus, was dann passiert, kann sie sich spĂ€ter ĂŒberlegen.

Kurz entschlossen nimmt Mia ihr verunglĂŒcktes Werk von der Staffelei. Die Reichinger-Arbeiten lassen sich von hinten in den Rahmen legen und das Ganze in einen großen Papierbogen einwickeln. Im Normalfall hĂ€tte sie tagelang warten mĂŒssen, bis die Farbe ihres GemĂ€ldes getrocknet ist, um es auf diese Art zu transportieren. Doch was ist schon normal in diesen Tagen. Ihr ist egal, ob das Papier an der Ölfarbe klebt oder nicht, Hauptsache sie kann die Skizzen sicher aus der Akademie bringen.





Mit wildem Herzklopfen verlĂ€sst sie das GebĂ€ude, schwingt sich auf ihr Fahrrad und tritt krĂ€ftig in die Pedale. In ihrem Zimmer ĂŒberkommt sie eine Mischung aus gelöster Anspannung und aufgeregter Freude. Hier sind sie und die Bilder erst einmal sicher. Sie setzt sich auf ihr Bett und schaut die Skizzen in Ruhe an. Mit einem GefĂŒhl der Ehrfurcht hĂ€lt sie die Papiere in der Hand, die einer der Menschen angefertigt hat, weswegen sie es nach MĂŒnchen gezogen hatte.

Mia ist fasziniert von der Eleganz und der Konzentration auf das Wesentliche, das den Ausdruck nicht begrenzt, sondern eher verstĂ€rkt. So, wie auf dem Bild mit den beiden Frauen auf der Wiese. Sie stellt es an ihr Kissen, damit sie es aus einer grĂ¶ĂŸeren Entfernung betrachten kann. An das Fußende des Bettes gelehnt, lĂ€sst sie die Farben und Formen der beiden Frauen auf sich wirken. Ihre Finger spielen selbstvergessen mit dem Pinsel, der aus der Hosentasche ragt. ‚Wen Reichinger da wohl gemalt hat? Wo könnte das sein?‘ Dunkel kann sie sich daran erinnern, dass Reichinger oft am Elbenbergsee war, zeitweise dort lebte. Ob das GrĂŒne im Hintergrund der Elbenbergsee ist? ‚Wie schade, dass ich nicht damals lebte‘, geht es ihr durch den Kopf. In einer Malergruppe zu sein, zu diskutieren, sich auszutauschen - sie stellt sich das toll vor. Ganz anders als jetzt, wo es eher still und gedĂ€mpft zugeht, keiner offen spricht, eine Meinung oder Haltung gefĂ€hrlich ist. Damals wollten sie sich von alten Ideen befreien und auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten machen. Da wĂ€re sie gerne dabei gewesen!
Mia spĂŒrt die Sehnsucht nach Neuem und nach der Möglichkeit Grenzen zu ĂŒberwinden. Ihr wird bewusst, dass heute die Freiheit aller KĂŒnstler, und damit ihre Hoffnung auf ein freies Leben in der Stadt, zunichtegemacht wurde. Den Blick fest auf die beiden Frauen am anderen Ende des Bettes gerichtet, trifft sie die Erkenntnis wie ein Faustschlag, dass nicht nur ihr KĂŒnstlerleben, sondern auch ihre Sehnsucht nach einem freieren sexuellen Leben, vermutlich keine ErfĂŒllung finden wird.

Der Pinsel drĂ€ngt sich in ihr Bewusstsein. Dass sie nicht lĂ€ngst auf die Idee gekommen ist! Was hindert sie daran in das Bild einzusteigen, um heraus zu finden, wo sie sich dann befindet und was es mit den beiden Frauen auf sich hat? Sie zögert nicht lange. Die Ereignisse des Tages waren so aufwĂŒhlend, was soll sie sich da noch mehr Gedanken um neue Schwierigkeiten machen? Die ÜbernĂ€chtigung trĂ€gt das Ihrige zu einer mutigen Entscheidung bei, so dass sie den Pinsel ohne weitere Zweifel in das Bild sinken lĂ€sst und ihm folgt.

Auf einer Anhöhe findet sie sich wieder, erkennt den See weit unten, die Berge am anderen Ufer. Es ist ein warmer Sommertag, die Wiese ist trocken und weich, die beiden Frauen in den weißen Kleidern richten sich erschrocken auf. „Äh, Entschuldigung, dass ich hier so reinplatze. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Den beiden hat es offensichtlich die Sprache verschlagen. Kein Wunder: urplötzlich, wie aus dem Nichts, taucht ein junges MĂ€dchen bei ihnen auf und bietet einen seltsamen Anblick. Die Haare sind kurz, das grobe Hemd und die Hose sind mit Farbflecken ĂŒbersĂ€ht, sie hat einen Pinsel in der Hand und sieht ĂŒbernĂ€chtigt aus. GrĂ¶ĂŸer könnte der Kontrast zu ihrer eigenen Kleidung und den Bekleidungsgewohnheiten ihrer Zeit nicht sein. Kari versucht es noch einmal: „Ich heiße Mia Talant und komme aus MĂŒnchen. Ich studiere an der Akademie und bin
.“ Sie stockt, sie kann jetzt nicht gleich mit der TĂŒr ins Haus fallen und erzĂ€hlen, dass sie gerade in ein Bild gesunken ist, das 
Moment, Johann Reichinger hat viel in der Natur gemalt, sie dreht sich um, ja, tatsĂ€chlich da sitzt er und hat wohl das Bild, in das sie soeben verschwunden ist, auf seiner Staffelei. ‚Das ist nun wohl fertig gestellt, ohne, dass er es weiß‘, schießt es Mia durch den Kopf. Aber auch das kann sie jetzt nicht erklĂ€ren, zumindest nicht auf die Schnelle. Die Pause war schon lange genug. Irgendwas muss sie tun, um die Situation in den Griff zu bekommen. Sie steht auf, geht zu Johann Reichinger und streckt ihm die Hand entgegen. „Es ist mir eine Ehre Sie kennenlernen zu dĂŒrfen. Ihre Werke faszinieren mich sehr.“ Johann Reichinger reagiert reserviert, legt den Pinsel dennoch weg und gibt ihr die Hand. „Sie waren so plötzlich da, mitten in meinem Motiv
“, sucht er Worte fĂŒr seine Überraschung. „Ja, dafĂŒr kann ich mich nur entschuldigen. Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber es ging irgendwie nicht anders.“

Die dunkelhaarige Schlanke findet als erste ihre Fassung wieder, steht auf und stellt sich neben Reichinger. „Sie sind an der Akademie? Johann ist da seit drei Jahren nicht mehr. Wie können Sie sein Werk bewundern. Wo haben Sie denn etwas von ihm gesehen?“ ‚Au wei, jetzt wird es kompliziert!‘, denkt Mia. ‚Ich kenne viele seiner Werke, die meisten sind aber wohl erst nach dem heutigen Tag entstanden und Ausstellungen hatte er vermutlich noch keine, also Vorsicht!‘ „Ich habe ein paar Skizzen und Bilder, die er in der Akademie stehen ließ, gefunden“, erklĂ€rt Mia daher wahrheitsgemĂ€ĂŸ. In Gedanken Ă€rgert sie sich darĂŒber, dass sie so unvorbereitet in das Bild gesunken ist, kann allerdings im Gesicht der Dunkelhaarigen erkennen, dass ihre ErklĂ€rung das Misstrauen lindert.
Die FĂŒlligere, jĂŒnger wirkende, hat sich inzwischen zu ihnen gesellt und streckt Mia die Hand entgegen. „Ich bin Martha, Martha Linke. Das ist Margarethe, Margarethe SchĂŒller“, und deutet auf die Schlanke. „Was denkst du Johann, ist das nicht ein witziger Zufall, dass zu uns beiden, Martha und Margarethe, noch Mia hinzukommt?“ Ihm ist dies offensichtlich noch nicht aufgefallen. Er lacht auf: „Ob das ein Zufall ist? Keine Ahnung!“ Er schaut in die Runde: „Meine Damen, das Motiv ist ruiniert und das Bild damit fertig gestellt. Ich packe zusammen. Wird sowieso Zeit, dass wir etwas essen.“ Mia ist es unangenehm die Situation so gesprengt zu haben: „Es tut mir leid, 
“

„Ach was, ist schon gut, mir war das Stillsitzen sowieso schon langweilig!“, unterbricht sie Martha rasch, hĂ€ngt sich bei ihr wie eine vertraute Freundin ein und fĂŒhrt sie zurĂŒck auf den Platz, an dem sie vorher gesessen waren. Margarethe folgt ihnen langsam, setzt sich auf Mias andere Seite und lĂ€sst den Blick ĂŒber den See schweifen. ‚Etwas SchwermĂŒtiges liegt in ihrem Blick‘, findet Mia. Der Gedanke hĂ€lt sich nicht lange auf, denn noch ist sie einfach fassungslos, dass sie aus einer furchtbaren Nacht in einen Sommertag geglitten ist. Sie hat Johann Reichinger getroffen und obendrein sitzen die beiden Frauen aus dem faszinierenden Bild neben ihr.

„Johann mag es mit mehreren Frauen“, stellt Margarethe trocken fest, ohne den Blick vom See zu wenden. Martha dreht sich erschrocken zu ihr. „Wie kannst du nur so direkt sein!“, entrĂŒstet sie sich. „Warum? Mia bewundert sein Werk aufgrund von ein paar Skizzen, die sie gefunden hat, reist extra den weiten Weg hierher. Hatte offensichtlich nicht einmal Zeit sich umzuziehen. Ich finde sie soll gleich wissen, auf was sie sich da einlĂ€sst. Martha, Margarethe, Mia: kann sein, dass es ein Zufall ist, am Ende ist es Johanns Einfall“, entgegnet sie ungerĂŒhrt. Mia will erklĂ€ren, dass sie ihn gar nicht kennt, lĂ€sst es jedoch bleiben. Egal was sie erklĂ€rend hinzufĂŒgt, es wird am Ende kompliziert werden, weil ihre Verbindung zu unerklĂ€rlich ist. ‚Zu dumm, dass ich nicht weiß in welchem Jahr ich mich befinde und wie das alles hier zusammenhĂ€ngt.‘ Martha reißt sie aus ihren Gedanken: „Wie auch immer, schön, dass du da bist und wir unsere kleine Gruppe erweitern können!“ Sie legt ihren Arm um Mia, beugt ihren Kopf, so nah es der Hut zulĂ€sst, an den ihren und deutet auf ein kleines Ruderboot draußen auf dem See: „Siehst du das kleine Boot? Mit so einem wollen wir in den nĂ€chsten Tagen auf den See fahren. Das wird sicher lustig!“ Mia genießt das Gehaltensein und die NĂ€he. Marthas sorglose, vertrauensvolle Hinwendung tut ihr gut. Sie versteht zwar Margarethes Misstrauen und Abwehr, nur ist es deutlich leichter mit Martha. Sie ist einladend und wirkt angenehm vertraut.

Die heiße Sonne, der aufregende Tag, die lange Nacht und die Schlaflosigkeit fordern ihren Tribut. Mia fĂŒhlt sich bleischwer. Einfach fallen lassen, wie kompliziert und ungewöhnlich auch immer die Situation im Moment ist. „Die Reise war lang, ich bin schrecklich mĂŒde, ein wenig in der Sonne liegen wĂŒrde mir guttun“, erklĂ€rt sie und legt sich ins Gras. Martha folgt ihr, streicht ihr kurz fĂŒrsorglich ĂŒber das Haar und wendet sich an Margarethe: „Leg dich doch zu uns, vorhin hast du dir das so sehr gewĂŒnscht.“ Und zu Mia erklĂ€rend: „Das Stillsitzen, wenn Johann malt, kann schön sein, weil wir dann Zeit haben in Ruhe zu reden, aber nach einer gewissen Zeit ist es einfach nur anstrengend.“ Margarethe legt sich mit dem RĂŒcken flach ins Gras. Mia spĂŒrt die Schwere im ganzen Körper. Rechts liegt Martha ihr zugewandt, links liegt Margarethe und schaut in den Himmel. Zwischen den beiden Frauen lĂ€sst sie sich von der MĂŒdigkeit davontragen und sinkt in einen leichten Schlaf.

„Es ist doch egal, warum sie hier ist“, hört Mia das leise FlĂŒstern von Martha, die versucht sich ĂŒber sie hinweg möglichst leise zu unterhalten. „Sie malt ganz offensichtlich, das junge Ding. Denk mal an unsere AnfĂ€nge, das war wirklich nicht leicht. Wir sollten nett zu ihr sein und sehen, ob sie zu uns passt.“ Mia kann nicht sehen was vorgeht. Sie spĂŒrt, dass sich Margarethe ebenfalls seitlich hingelegt hat. „Sie ist so jung, ob sie versteht wie wir hier leben?“ flĂŒstert Margarethe schließlich. Martha fragt zurĂŒck: „Verstehst du es? Ich nicht. FĂŒr mich ist das alles noch wie ein Traum, so unwirklich, so unkonventionell...“ Margarethe scheint nachzudenken, dann: „Wenn ich an meinen verstorbenen Mann denke, dann fĂŒhle ich die schmerzliche RealitĂ€t, wenn ich dich und Johann ansehe, also, wenn wir zusammen sind, dann bin ich in einer ganz anderen Welt, als wĂŒrde es um uns herum nichts geben als nur uns drei. Nur wie passt sie da rein?“ ‚Sie scheint mich zu meinen‘ denkt Mia und ist sehr gespannt auf Marthas Antwort. „Das werden wir rausfinden mĂŒssen“, flĂŒstert Martha und es ist ein erwartungsfrohes LĂ€cheln in ihrer Stimme zu hören.
„Sie hat etwas Besonderes, ich wĂŒrde sie gerne zeichnen.“ „Ein Portrait? Stimmt, sie ist wirklich attraktiv und hat ein besonderes Erscheinungsbild. Als Akt wĂ€re sie sicher auch sehr gut geeignet und dann
“ Margarethe lĂ€sst den Satz ausklingen ohne ihn zu beenden. „Ja, dann könnten wir schnell rausfinden, ob sie zu uns passt“, lĂ€chelt Martha und legt ihre Hand sanft auf Mias Stirn. „Mia, du bist ganz warm, du solltest nicht zu lange ohne Hut in der Sonne bleiben. Lass uns ins Haus gehen und erst einmal etwas essen und trinken.“ Sie streicht ihr ĂŒber das Gesicht, Mia öffnet die Augen und schaut in Marthas, die sanft und liebevoll auf ihr ruhen und dann in Margarethes, die sie neugierig erforschen. Sie sammelt sich und spĂŒrt Marthas Hand auf ihrer Wange nach. So, genau so, hat sie es sich unzĂ€hlige Male vorgestellt, wenn sie trĂ€umte von einer Frau liebevoll berĂŒhrt zu werden. Sie hebt ihren Kopf ein wenig und stĂŒtzt sich auf ihre Ellenbogen. Wie zufĂ€llig gleitet Marthas Hand an ihrem Hals entlang, streift ihre Brust ganz leicht und legt sich auf ihren rechten Arm. Dass das keine zufĂ€llige BerĂŒhrung war, ist Mia nach dem belauschten GesprĂ€ch klar. Sie spĂŒrt ihren Aufruhr und die Sehnsucht nach mehr.

In die gespannte Stille hinein ergreift Margarethe die Initiative und rappelt sich auf. „Na dann, lasst uns gehen. Johann wartet sicher schon.“ Sie stellt sich vor Martha, reicht ihr die Hand, zieht sie zu sich, nimmt sie in den Arm und kĂŒsst sie auf den Mund. Martha ist ĂŒberrascht, blickt schnell zu Mia, als wolle sie sehen, wie sie darauf reagiert. Der kurze Blickkontakt ist freundlich, dann schließt sie die Augen und gibt sich dem innigen Kuss hin. Mia merkt, dass sich ihre Gedanken störend in diese Szene einmischen wollen. Sie sollte wegschauen, es seltsam finden, zumindest Unbehagen dabei spĂŒren. Aber nichts dergleichen: sie schaut gerne hin und fĂŒhlt die lustvolle Unruhe in ihrem Schoß. LĂ€chelnd wenden sich ihr zwei Augenpaare zu, zwei HĂ€nde strecken sich ihr entgegen. Sie nimmt sie, zieht sich ihnen entgegen und landet in ihrer Umarmung. Hand in Hand gehen sie in Richtung des Hauses.
Mia liegt auf ihrem Bett, starrt an die Decke. Gedanklich ist sie am Elbenbergsee. Ihre dreitĂ€gige Abwesenheit könnte sie mit einer Reise in die Heimat erklĂ€ren. Nach den Ereignissen in der Akademie ist das eine glaubwĂŒrdige ErklĂ€rung. Auf jeden Fall glaubwĂŒrdiger als die Wahrheit. Ein Besuch bei Johann Reichinger am Elbenbergsee im Sommer 1906 ist zu unerklĂ€rlich und damit zu gefĂ€hrlich. In Zeiten wie diesen ist es immer ratsam mit persönlichen Informationen vorsichtig umzugehen. Zu schnell riskierte man dabei die Freiheit – offensichtlich auch in KĂŒnstlerkreisen. Um Freiheit war es am Elbenbergsee ebenfalls gegangen. Allerdings weniger lebensbedrohlich als hier in MĂŒnchen.

Martha hatte es ihr leicht gemacht in die Gruppe zu finden und sich ihrer FreizĂŒgigkeit zu öffnen. Ihre stetigen BerĂŒhrungen wĂ€hrend sie ihr erklĂ€rte, wo sich die verschiedenen RĂ€ume im Haus befanden, schafften sofort eine unkomplizierte und warme Verbindung zwischen ihnen. Mia fĂŒhlte sich an der Seite von Martha schon nach kĂŒrzester Zeit nicht mehr fremd. Bei den Vorbereitungen fĂŒr das Abendessen standen sie zusammen am Waschbecken und schĂ€lten Kartoffeln. „Schau mal!“, kicherte Martha, lehnte sich zu Mia und zeigte ihr eine Kartoffel, die wie ein verknautschtes Gesicht aussah. Mia spĂŒrte die WĂ€rme, die sofort zu einem Kribbeln wurde, als sie Marthas lachender Blick traf. SĂ€mtliche Gedanken blockierten. Sie ließ die HĂ€nde sinken und versuchte ruhig weiter zu atmen, was ihr nicht gelang. Zu ĂŒberwĂ€ltigend war die Sehnsucht diese Frau zu berĂŒhren, sie kĂŒssen zu dĂŒrfen, wie es Margarethe getan hatte. Als könne Martha ihre Gedanken lesen, nahm sie ihr sanft den SchĂ€ler aus der Hand und flĂŒsterte: „Kartoffeln sind jetzt nicht so wichtig.“ Mit einem innigen Blick betrachtete sie Mia, nahm sie sanft bei den Schultern und drehte sie zu sich. Sie sah sie freundlich suchend an, als wĂŒrde sie in ihren Augen etwas finden wollen. Ein EinverstĂ€ndnis, ein Bekenntnis vielleicht? Mia brachte kein Wort hervor. Sie konnte sich nicht einmal bewegen, sie verspĂŒrte nur den einen ĂŒberwĂ€ltigenden Wunsch nach Marthas Lippen, nach den hellroten geschwungenen Linien, die sie so verlockend anlĂ€chelten. Marthas Hand an ihrer Wange fĂŒhrte ihren Blick von den verfĂŒhrerischen Lippen zu den fröhlichen Augen, in denen der einladende Blick lag, der so typisch fĂŒr Martha war. Sie spĂŒrte Marthas warme Hand an ihrem Hals, im Nacken und folgte der Bewegung nach vorne auf die leicht geöffneten Lippen. Sie weiß noch, dass sie die Augen schloss, um ganz und gar zu fĂŒhlen, sich einfach in die Weichheit fallen zu lassen. Sie empfing Marthas Zunge, die ihre Lippen umspielte und sich zu ihrer Zunge gesellte, als seien die beiden schon immer GefĂ€hrtinnen gewesen. Martha legte den Arm um ihre Taille und zog sie nĂ€her zu sich, so dass sie an ihrer weichen Üppigkeit Halt fand. Es war als wĂŒrde der Kuss damit grĂ¶ĂŸer, als wĂŒrde er sich auf ihren ganzen Körper ausdehnen. Sie erlebte ihre Atemlosigkeit, ihre ziehenden BrĂŒste, das Kribbeln im Bauch und ihre pochende Mitte. Alle EindrĂŒcke schienen sich dort zu versammeln und die Erregung in pulsierenden Wellen in sie hinein zu spĂŒlen. Marthas HĂ€nde strichen ĂŒber ihren RĂŒcken, wanderten unter ihr Hemd und elektrisierten ihre Haut. Mia dachte kurz, dass sie gerne Marthas Haut spĂŒren wĂŒrde, nur das Kleid, hochgeschlossen wie es war, hinderte sie daran. Mit dem Moment, als Marthas Hand ihre Brust erreicht hatte, war es um jeden klaren Denkvorgang geschehen. Das war der Punkt, an dem sie ihre Gedanken, ihr ZeitgefĂŒhl, ihren eigenen Willen verlor und sich ausschließlich von Martha fĂŒhren ließ. Marthas leicht raue Hand, die ihre Brust sanft umschloss, sie drĂŒckte und rieb, an ihren Knospen spielte und sie gekonnt reizte, war aufregender als Mia es sich je ausgemalt hatte. Sie bekam das GefĂŒhl durstig zu sein, Martha trinken zu wollen. Ihre Neugier auf körperliche Erfahrungen wurde in ein drĂ€ngendes Verlangen, in die Gier nach lustvollen Erlebnissen verwandelt.

„So werden unsere Kartoffeln aber nie fertig!“, hatte Margarethe sie lachend unterbrochen, als sie in die KĂŒche kam. Johann folgte ihr und sein Schmunzeln vertrieb Mias GefĂŒhl des Ertapptseins umgehend. Nun kam Margarethes StĂ€rke zum Vorschein. Sie war die Meisterin darin ein fröhliches GesprĂ€ch zu initiieren und immer wieder mit neuen Themen Verbindungen unter allen Beteiligten zu schaffen. Auf diese Weise wurde die IntimitĂ€t, die gerade noch ausschließlich zwischen Mia und Martha bestanden hatte, in den ganzen Raum getragen. Zu dritt schĂ€lten sie die Kartoffeln, Johann öffnete eine Flasche Wein. Er saß am Tischende mit seinem Glas und beobachtete die Frauen mit liebevollem Interesse. Ob es nur sexuelles Interesse oder auch der Malerblick war, konnte Mia nicht unterscheiden, aber sie konnte deutlich erkennen, dass er von einer tiefen Freude erfĂŒllt war, die mehr als nur Zufriedenheit war. So etwas wie Bewunderung und GlĂŒck konnte sie in seinen Augen erkennen, das Funkeln, die entspannten GesichtszĂŒge, die leicht geöffneten Lippen, die Unkonzentriertheit mit der er dem GesprĂ€ch nur zeitweise folgte und dennoch seinen Blick nicht von den beiden wendete.

Mia folgte dem GesprĂ€ch ebenso lĂŒckenhaft, schĂ€lte langsam und antwortete nur, wenn sie direkt angesprochen wurde. Sie war damit beschĂ€ftigt die Situation zu erfassen, sich selbst zu sortieren, ihren GefĂŒhlen nachzuspĂŒren und den Aufruhr zu genießen.

Das einfache Essen wurde durch das GesprĂ€ch bereichert. Mia hatte sich aufs Zuhören verlegt, sie fĂŒhlte sich im Kreise der routinierten KĂŒnstler noch zu unerfahren und wollte um nichts in der Welt ein Durcheinander auslösen, indem sie von Dingen sprach, die fĂŒr die Drei in der Zukunft liegen wĂŒrden. Sie lauschte gespannt wie Goethes Farbenlehre diskutiert wurde und ob ein KĂŒnstler sich von den WĂŒnschen der KĂ€ufer einschrĂ€nken lassen sollte. Kunst als reines Handwerk, da waren sie sich alle einig, war nicht das, was sie leben wollten. Diese Freiheit hatte allerdings den Preis nicht ĂŒberall Anerkennung zu finden und an manchen Stellen sogar auf UnverstĂ€ndnis zu treffen. Ebenso wie ihr unkonventioneller Lebensstil, der in dieser lĂ€ndlichen Gegend auf offene Ablehnung stoßen wĂŒrde. Martha war der Meinung, dass man den Leuten im Dorf nicht zu offen zeigen sollte, dass sie in einer Beziehung zu dritt lebten. Margarethe hingegen gab sich kĂ€mpferischer und meinte, dass es ihr egal wĂ€re was die Leute dachten. Johann hielt sich bedeckt, er schmunzelte ĂŒber beide Positionen und schien die GegensĂ€tzlichkeit der beiden Frauen zu mögen. Er war zufrieden mit seiner Situation: herrliche Sommertage mit zwei attraktiven Frauen, die sich mit ihm um ihre kĂŒnstlerische Verwirklichung drehten und sexuell offen fĂŒr einander waren.
Ein GefĂŒhl wie in einem Traum entstand am Tisch. Das intensive GesprĂ€ch zwischen den beiden Frauen, die bewundernde Beobachtung von Johann und die neugierige Sehnsucht von Mia ergaben eine lustvolle Mischung, die wie selbstverstĂ€ndlich fĂŒr alle vier in dem Bett im Schlafzimmer endete. Mia war schnell eingeschlafen, der Tag war lang und erlebnisreich gewesen. Sie hatte sich nicht mehr an der Lust der anderen beteiligt, war nur mit erregenden Bildern von ineinander verschlungenen, nackten Leibern in einen erschöpften Schlaf gefallen.

Noch immer starrt sie an ihre Zimmerdecke, ohne sie wirklich wahrzunehmen. ‚Die ganze Wahrheit der Ereignisse liegt viel tiefer‘, denkt sie. ‚Ich war nicht nur in einer anderen Zeit, habe die Gedanken von drei bedeutenden Menschen kennengelernt, sondern mich zudem völlig neu erfahren.‘ Sie erlebte zum ersten Mal körperliche Liebe. Weit freier und spielerischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie fand in diesen Tagen heraus, dass sie sich tatsĂ€chlich nur zu Frauen hingezogen fĂŒhlt, aber die Liebe zwischen Mann und Frau ebenso ihre Reize hat. Sie entdeckte Empfindungen von denen sie vermutet hatte, dass es sie geben könnte, sie jedoch niemals in dieser Tiefe erwartet hĂ€tte.
Margarethe eröffnete ihr die tiefere Dimension der Lust. Von ihr lernte sie, dass aus Lust erfĂŒllendes GlĂŒck und eine ĂŒberwĂ€ltigende Befriedigung werden kann.

Wenn sie zurĂŒckdenkt, ist ihr besonders der letzte Nachmittag in Erinnerung, als sie mit Margarethe allein im Wohnzimmer war. Martha stand gerade fĂŒr Johann Modell im Atelier. Mia legte sich zur Mittagsruhe auf die gepolsterte Bank, Margarethe setzte sich neben sie und fragte ohne Umschweife: „Hast du den Höhepunkt schon einmal ganz tief in dir drin erlebt?“ In ihrer sehr direkten Art konnte sie verschreckend wirken. Mia hatte das in den letzten Tagen schon mehrmals erlebt, war jedoch von Marthas ausgleichenden Worten abgefangen worden. Aber jetzt waren sie unter sich und die Frage stand brutal und fordernd zwischen ihnen. „Äh, ich weiß nicht so recht was du meinst“, musste Mia gestehen. „Also, es gibt diesen sĂŒĂŸen Moment der Erlösung, der uns mit einem lustvollen Vibrieren durch und durch entspannen lĂ€sst. Aber dann gibt es noch die Erlösung, die dich in eine völlig andere Empfindung trĂ€gt. Sie liegt weiter innen, nimmt nicht nur deinen Körper, sondern auch deinen Geist, dein ganzes Wesen mit.“ Mia erinnert sich, wie sie offensichtlich völlig verstĂ€ndnislos geschaut hatte. Margarethe lĂ€chelte daraufhin und murmelte: „Wusste ich`s doch!“.
Sie ließ sich auf den Boden gleiten, kniete neben Mia, legte die Hand auf ihr DekolletĂ© und fragte: „Möchtest du spĂŒren, wie es sich anfĂŒhlt?“ Mia nahm wahr wie angenehm sich die warme Hand anfĂŒhlte, die ihre aufgeregte Atmung begleitete. Das Gefecht zwischen Anstand, gesellschaftlichen Erwartungen und der eigenen Lust war schon lĂ€ngst zugunsten ihrer körperlichen BedĂŒrfnisse entschieden. Doch offensichtlich ging es hier um einen weiteren Schritt. Es ging darum in eine neue Welt des GefĂŒhlslebens eingefĂŒhrt zu werden, die sie sich bisher noch gar nicht hatte vorstellen können. Wollte sie ĂŒber diese Schwelle treten? Mit Margarethe? Der Frau, die ihr immer ein wenig fremd geblieben war, die ihren eigenen Genuss wild und ausgelassen erlebte, dabei aber fern und abwesend wirkte? Noch wĂ€hrend Mia versuchte ihre Gedanken zu ordnen und ein inneres Bild ihrer BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche zu bekommen, glitt Margarethes Hand tiefer und fand den Weg zu ihrem Busen. „Lass es einfach geschehen“, raunte sie ihr zu und kĂŒsste sie sanft auf den Mund. Mia schloss die Augen, gab sich ihren Empfindungen hin. Margarethes Hand tastete sich tiefer, schob den Rock nach oben, fand den Weg in Mias Schoß, der ihr Eingang in alle Empfindungen gewĂ€hrte.

Margarethe fĂŒhrte sie an Orte, die ihr gĂ€nzlich unbekannt waren, zeigte ihr im Garten der Lust auch die verschwiegenen Ecken und ließ sie unter ihrer Hand am Brunnen der inneren Erlösung trinken, der ihr ein völlig neues KörpergefĂŒhl schenkte und eine unstillbare Sehnsucht nach Wiederholung einpflanzte. ‚Im Nachhinein‘, denkt Mia ‚ist es wie der SĂŒndenfall: wenn du einmal davon gekostet hast, willst du es immer und immer wieder. Das ist es, was Margarethe mitbringt: eine unstillbare Lust nach mehr. Die Lust, die zwischen Erlösung und Sehnsucht pendelt, wie eine unendliche Spirale, die nie zur Ruhe kommt.‘ Der Begriff „der Lust verfallen“, hat seit diesem Nachmittag fĂŒr Mia eine tiefere Bedeutung gewonnen. Sie hat es erlebt und spĂŒrt, dass der Keim sich in ihr entwickelt und zusammen mit der Sehnsucht nach Freiheit wachsen und gedeihen will.
Mia kehrt gedanklich zurĂŒck zu dem Nachmittag. Sie war noch nicht ganz in die Wirklichkeit zurĂŒckgekehrt, hatte Margarethes Hand in ihrem Schoß, die ruhig und weich das Ausklingen ihrer GefĂŒhle begleitete, als sie sie sagen hörte: „Das, Liebes, bist ganz du. Das kann dir keiner mehr nehmen.“ Sie öffnete die Augen und sah in Margarethes Augen die Erregung, die sie mitempfunden hatte.
Am TĂŒrrahmen bewegte sich etwas, sie drehte ihren Kopf und sah, dass Martha und Johann die Szene wohl schon lĂ€nger beobachtet hatten. Martha war nackt und er stand in seiner Malerkluft hinter ihr. Seine Hand streichelte ihre Brust, die andere Hand bewegte sich zwischen ihren Beinen. Martha schaute bereits verklĂ€rt: „Danke euch beiden“ stieß sie hervor, drehte sich zu Johann und drĂ€ngte ihn ins Atelier zurĂŒck, aus dem bald darauf zu hören war, wie sie sich das GlĂŒck der Befriedigung schenkten. Margarethe und sie verharrten noch ein wenig, bis sich ihre Atmung beruhigt hatte. Dann wandte sie sich Margarethe zu, fand ihren Blick, flĂŒsterte ein schlichtes „Danke!“ und kĂŒsste sie innig. Die Fremde zwischen ihnen war verschwunden, eine tiefe Verbindung umfing sie stattdessen.

Noch in der Nacht hatte sie sich mithilfe des Pinsels aus dem Leben der Drei geschlichen. Drei Tage waren vergangen. Drei Tage angefĂŒllt mit Erfahrungen, GesprĂ€chen und GefĂŒhlen, die sich darum drehten in Freiheit leben zu können, sich frei auszudrĂŒcken und seinen eigenen Weg zu finden. Ebenso sind hier drei Tage vergangen, in denen sich das Leben grĂŒndlich geĂ€ndert hat. Sorgenvoll blickt sie in die Zukunft nach den Ereignissen an der Akademie. Sie schaut zum Schrank, hinter dem sich die Bilder von Johann befinden. Ihr bleibt immer die Möglichkeit dorthin zurĂŒck zu kehren. Nur wer weiß, was dann aus den Bildern wird, wenn sie nicht mehr da ist? Ein sicherer Ort muss gefunden werden ehe sie sich in die andere Welt begibt. Oder in ein ganz anderes Bild?

Mia döst ein. Das letzte Wort, das sie klar denkt ist ‚Freiheit‘. Sie schwebt in einen traumlosen, erholsamen Schlaf.

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Carpe diem!

Version vom 05. 07. 2016 21:20

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Hagen
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KĂŒss' die Hand, liebe Aina!
Wieder mal ist Dir ein großer Wurf gelungen!
Eine fröhlich/erotische Geschichte, die von einer brillanten Idee lebt und in die Sachverstand und Wissen um die Kunstscene so einfließen, dass der Leser nicht merkt, um was fĂŒr eine geniale Story es sich handelt.
Ein paar AbsĂ€tze wĂ€ren wĂŒnschenswert, um sie lesbarer zu machen. Aber das tut der Story ansonsten keinen Abbruch.
Was ich mir noch wĂŒnsche, sind eine paar mehr so schöne Metaphern wie:

quote:
... zeigte ihr im Garten der Lust auch die verschwiegenen Ecken und ließ sie unter ihrer Hand am Brunnen der inneren Erlösung trinken, der ihr ein völlig neues KörpergefĂŒhl schenkte und eine unstillbare Sehnsucht nach Wiederholung einpflanzte ...

Ich wĂŒnsche mir mehr Geschichten dieser Art!

Vielleicht sollte die Protagonistin mal in ein 'abstraktes' Bild gehen?

Ganz herzliche GrĂŒĂŸe
yours Hagen


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„Eine echte Frau muss sich als erotisch-magisches Wesen verstehen!“
( Marchesa Antonietta Contenta )

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Isegrims
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Alna

Die Geschichte gefÀllt mir, is fantasievoll und in sich rund, die erotischen Stellen sind angedeutet, was aber zum Text passt, durchhaucht ihn doch eine sinnliche Stimmung.

Ist ein ziemlich langer Text, auch mit inhaltlichen LÀngen und Wiederholungen. An manchen Stellen habe ich mich durchgekÀmpft, da wÀre mehr Redundanz möglich.Zum Beispiel: was bringt es dem Text, dass Mia gleich mehrfach im Bild verschwindet.
Die Verwendung so mancher nichtssagender Adjektive sehe ich kritisch.

quote:
Margarethe eröffnete ihr die tiefere Dimension der Lust. Von ihr lernte sie, dass aus Lust erfĂŒllendes GlĂŒck und eine ĂŒberwĂ€ltigende Befriedigung werden kann.
hier zum Beispiel

In die Geschichte hast du eine ganze Menge reingepackt. Entartete Kunst, Nazu-Bedrohung einer besseren, romantischeren, sinnlicheren Welt... das geht alles knapp bis zum Klischee---- als wĂ€ren KĂŒnstler durch die Natur bevorzugte Wesen, die ihr Leben der Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit widmen...
Und noch was: du beschreibst zwar, dass der KĂŒnstler Reichinger ein VerhĂ€ltnis mit beiden Frauen hat, die körperliche Begegnung zwischen den Frauen zeigst du uns, warum nicht die mit dem Mann.

Hoffe du kannst was mit anfangen
viele GrĂŒĂŸe
Isegrims


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amor vincit omnia

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