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Zwei Geheimnisse
Eingestellt am 01. 04. 2007 08:46


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Zwei Geheimnisse

Beim Lesen des Romans Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann gerade mal auf Seite 92 angelangt, soll die Frage aufgeworfen werden: Wie h├Ąlt uns der Autor weiterhin bei Laune?

Der 16-j├Ąhrige Gymnasiast Baron Etzel von Andergast aus Frankfurt am Main ist zwei Geheimnissen auf der Spur. Das erste ist umschreibbar mit der Doppelfrage:
Wo ist Etzels Mutter Sophia von Andergast? Was hat sie mit dem Kriminalfall zu tun?
Ihr letzter Aufenthaltsort soll Paris sein, und sie wolle unter Umst├Ąnden bald mal im Rheinland vorbeikommen.
Das zweite Geheimnis ist umschreibbar mit der Frage: Wo ist Waremme?
Waremme soll sich als Privatlehrer Georg Warschauer in Berlin in der Usedomstra├če, Ecke Jasmunder Stra├če, versteckt halten. Waremme ist Kronzeuge im Fall Maurizius gewesen. Dozent Dr. Otto Leonhart Maurizius sitzt seit achtzehn Jahren im Zuchthaus zu Kressa, weil er 1905 seine Gattin erschossen haben soll. Peter Paul Maurizius, ehemaliger ├ľkonom und Gutsbesitzer, wohnhaft in Hanau, Markstra├če 17, ist von der Unschuld seines Sohnes Leonhart ├╝berzeugt, hat mit Etzel Kontakt aufgenommen und so die Nachforschungen des Gymnasiasten ausgel├Âst.
Etzel mu├č den Kriminalfall Maurizius selbst├Ąndig untersuchen. Von seinem Vater, im Volk der blutige Andergast gehei├čen, kann er keinerlei Hilfe erwarten. Dabei war der Aufstieg des Vaters zum Oberstaatsanwalt doch mit dem Fall Maurizius verbunden gewesen. Herr Staatsanwalt Wolf Freiherr von Andergast hatte seinerzeit, als Etzel noch gar nicht auf der Welt war, Leonhart hinter Schlo├č und Riegel gebracht. Etzels Vater ist so unnahbar, unzug├Ąnglich, streng und abweisend, da├č der Junge von Anfang an die Nachforschungen mit viel List und "krimineller Energie" hinter dem R├╝cken seines Erzeugers vorantreibt. Dabei achtet Etzel den Vater wohl und wei├č es zu sch├Ątzen, da├č dieser f├╝r ihn sorgt, mit ihm ├Âfter Konversation macht, ihm h├Âhere Bildung und ein geordnetes Zuhause bietet. Einerlei - die obigen Fragen nach der Wahrheit d├╝rfen in Gegenwart des Vaters ├╝berhaupt nicht gestellt werden.
Warum also lesen wir ab Seite 93 weiter?
Nun, weil ein klar denkender Junge den verj├Ąhrten Gattenmordproze├č umsichtig und kritisch neu aufrollt. Eine kurzweilige Lekt├╝re - wie Etzel hinter die Fassade der verlogenen Erwachsenen schaut und sich sein Bestes denkt. Bei allem zahlreichen Romanpersonal, das auseinander gehalten werden mu├č, k├Ânnte der Leser auf die Idee kommen, da├č die beiden Fragen nach der Mutter und dem Mordfall etwas miteinander zu tun haben k├Ânnten. Denn ein Roman ist - so meint der Leser - kein Abbild der Wirklichkeit, sondern vielmehr zur Unterhaltung geschrieben.

Auf Seite 488 am Romanende angelangt ergibt sich,
* erstens hat Etzels Mutter ├╝berhaupt nichts mit dem Fall Maurizius zu tun. Sophia von Andergast konnte den Gatten nicht ertragen, ging fremd und mu├čte nach der Scheidung im Ausland getrennt von Etzel leben. Ein Zugest├Ąndnis macht der Autor dem aufs Happy End erpichten Leser zum Schlu├č immerhin. Der selbsts├╝chtige Vater mu├č in eine Anstalt eingeliefert werden, und die Trennung Etzels von seiner geliebten Mutter wird h├Âchstwahrscheinlich ein Ende nehmen. Es gibt eine Fortsetzung - den Roman Etzel Andergast aus dem Jahre 1931. Allerdings will darin Etzel ├╝ber weite Strecken nichts von der Mutter wissen. Er nimmt ihr ernstlich ├╝bel, da├č sie mindestens einmal mit dem nicht gemochten Vater geschlafen hat. Der ausdauernde Leser bekommt in Etzel Andergast seinen vers├Âhnlichen Schlu├č.
* zweitens, Etzel ermittelt beileibe nicht solo. Vater und Sohn teilen sich die Ermittlungsarbeit. Der Vater vertieft sich nach reichlich 18 Jahren noch einmal in den Mordproze├č und sucht Leonhart Maurizius mehrfach im Zuchthaus auf.

M├Ąkelstunde: Der Roman hat entscheidende Schw├Ąchen. Beispiel: Etzel spielt in Berlin den Kommissar und forscht Waremme aus; entlockt ihm das Gest├Ąndnis seines Meineids, entlockt ihm den Bericht ├╝ber die Vorg├Ąnge am Tatort. Doch dabei gibt Waremme Details aus seiner Lebensgeschichte zum Besten, die uns mit der Zeit nicht mehr interessieren, weil die Spannung futsch ist.
Desweiteren hatte Wassermann das Dreieck "Ehemann liebt Schw├Ągerin" schon einmal ausf├╝hrlichst 1915 in seinem Roman "Das G├Ąnsem├Ąnnchen" durchgespielt.
Trotzdem Gro├čes Lob: Der Autor malt uns Nachgeborenen ein plastisches Bild vom Deutschland unmittelbar vor und nach dem kaiserlichen Reichs-Kollaps anno 1918.

Jakob Wassermann wurde am 10. M├Ąrz 1873 in F├╝rth geboren und starb am 1. Januar 1934 in Altaussee (Steiermark).

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius.
Roman (1928)

Quelle: Berlin 1976. 488 Seiten
Neuere Ausgabe: dtv 10839, 576 Seiten, ISBN 3-423-10839-8

Hedwig Storch 4/2007

__________________
Hedwig

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