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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Zwei Leben
Eingestellt am 25. 11. 2016 14:18


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Johnny Hem
Hobbydichter
Registriert: Nov 2016

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Zwei Leben

Der Regen trommelte gegen die frisch geputzten Fenster. Tagsüber wirkte der dezent eingerichtete Raum dank der Fensterfront hell und einladend. Jetzt wurde er von mehreren Spots ausgeleuchtet. Mitten im Raum stand ein Flügel, der aus der moderne Einrichtung hervorstach. Der schwarze Lack blätterte an vielen Stellen ab. Durch den Verlust des Glanzes wirkte er immer ein bisschen staubig. Die elfenbeinernen Tasten, ehemals weiß, wirkten eher wie ein ausgetretener Tanzboden, der nicht der Feinfühligkeit von Fingern, sondern den plumpen Angriffen stampfender Füße ausgesetzt war.

Auf einem Hocker sitzend, spielte ein schmaler Junge, tief über die Tasten gebeugt eine Sonate
Das schwarze, lockige Haar hing ihm in Strähnen wirr ins Gesicht. Seinen Fingern allerdings wohnte eine Spannung inne, welche so gar nicht zu seiner schlaffen Erscheinung passen wollte.
Die Hände bewegten sich souverän und doch vollkommen unabhängig voneinander über die Tasten. Als hätten beide einen eigenen Willen, der sie quer über das Elfenbein-Parkett führte, hin und wieder aber auch in überraschender Harmonie vereinte.
Dieses Stück hatte er schon oft gespielt, doch heute gefiel es ihm nicht. Es fehlte diese gewisse Atmosphäre. Vielleicht spielte er es aber auch einfach nur zu schnell.

Die Haustür öffnete sich. Quietschenden Schrittes marschierten zwei braune Plastiktüten, bis oben gefüllt mit Lebensmitteln, auf langen Beinen durch den Raum in die Wohnküche. Die gesamte untere Etage kam beinahe komplett ohne Türen aus.

Der Junge hatte sogleich das Stück abgebrochen und war aufgestanden. Nun stand er schon im Regen, am offenen Kofferraum des Autos und belud sich mit Tüten.
„Ein grauenhaftes Wetter“, sagte er als die letzte Tüte in der Küche abgestellt war.
„Da sagst du was. Und so viel Verkehr“.
Der Junge verschwand, um kurz darauf mit einem Handtuch wiederzukommen.
„Danke“, sagte seine Mutter, „wie war's in der Schule?“
„Ich bin seit März fertig.“
Seine Mutter trocknete sich gerade die langen blonden Haare ab. Trotz des Trenchcoats, war der Regen bis zu ihrer schwarzen Bluse durchgedrungen.
„Willst du auch einen Kaffee?“, fragte sie und drückte auf einen Knopf am Vollautomaten.
„Ja, gerne. Espresso macchiato, bitte.“
„Es ist schon fast sieben Uhr.“,sagte sie mit Blick auf die Wanduhr.
Als könnte die richtige Dosis Kaffee irgendwas an seinen Schlafgewohnheiten ändern. Er hatte sich abgewöhnt, vor zwölf auch nur auf die Idee zu kommen, ins Bett zu gehen. Man kann seine Zeit besser nutzen, als sich im Minutentakt von links nach rechts zu wälzen.
„Acht. Die Uhr wurde letzte Woche umgestellt.“
„Ich sag Agatha Bescheid, dass sie die Uhren vorstellen soll. Zum Glück machen das die Handys mittlerweile von allein. Wo wären wir nur ohne die Technik?“, sagte sie während sie versuchte, für ihre Einkäufe noch freie Lücken im doppeltürigen Kühlschrank zu finden.
„Was nicht passt, kann ich in den Keller bringen?!“
„Danke, das passt schon. Was hast du geübt?“
„... Name des Stücks...“
Seine Mutter reichte ihm eine Tasse und trug ihre rüber zur Hausbar, um ihren Kaffee mit Baileys zu verfeinern.
„Das mag ich sehr. Könntest du uns bald nochmal vorspielen.“
„Der Kaffee ist gut.“
„Mit Baileys ist er noch besser.“
„Also gibt's nichts Neues?“
„Nein.“
Seine Mutter hatte sich an den großen Tisch aus dunklem Holz gesetzt und starrte nun über den Flügel hinweg aus dem Fenster in die Dunkelheit. Der Regen hämmerte in einem unaufhörlichen Staccato gegen die großen Fenster.
„Wir wussten, dass die Chancen schlecht stehen.“, sagte er, während er sich seiner Mutter gegenüber hinsetzte. Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, nickte sie,
„das Warten ist das Schlimmste.“
„Ist ja auch nichts Neues.“
Ein leichtes Lächeln zuckte über ihre Lippen, bevor die Mundwinkel wie von unsichtbaren Gewichten wieder heruntergezogen wurden. Das kurze Flackern in ihren Augen verschwand genauso schnell, wie es gekommen war. Für den Bruchteil eines Augenblicks hatte ihr Gesicht wieder den Ausdruck, der es früher so attraktiv gemacht hatte.
Ein leises Grummeln kündigte ein Gewitter an.
„Allerdings wussten wir sonst immer, dass er wieder kommen würde“.
Und trotzdem. Seine Kindheit und Jugend verband er vor allem mit seiner Mutter. In seiner Erinnerung, war sie nicht immer so traurig gewesen.
„Er hat das alles für uns getan.“
Bei diesen Worten musste er kurz an all das Denken, was ihm ermöglicht wurde. Geld war tatsächlich nie ein Problem gewesen.
„Ja.“, sagte sie, während sie ihre Tasse wieder füllte. Diesmal kam der Mix ohne Kaffee aus, „aber auch für sich. Er wollte es so. Vielleicht ging es ihm auch nur um sich. Er wollte immer alles auf einmal, zwei Leben führen.“
„Mama, das Thema hatten wir doch schon. Man hat nicht immer die Wahl.“
„Er hatte sie oft genug. Aber er konnte sich nicht entscheiden. Das war die schlimmste Entscheidung, die er hätte Treffen können.“
„Wenn er aufwacht, kann er gar nicht anders. Wir werden Zeit haben. Alle Zeit der Welt! Wir machen Urlaub, besuchen Oma?“
„Das wäre schön“, da war das Lächeln wieder. Vielleicht für ein paar Sekunden länger als vorher, „ich hab ihm so oft gesagt, dass es zu viel für ihn ist. Das schafft kein Mensch.“
Er machte sich zu einer Konversation bereit, die sie in letzter Zeit schon unzählige Male geführt hatten. Seine Mutter brauchte das. Sonst würde sie noch durchdrehen. Doch diesmal blieb sie überraschend ruhig. Kein Aufbrausen, keine Tränen.
Der Donner wurde lauter.
„Soll ich dir vielleicht noch einen Kaffee machen?“, fragte er, nachdem seine Mutter dazu übergegangen war, ihre Tasse statt mit Bailys nun mit Cognac zu füllen.
„Ja, vielleicht ist es zu früh, um sich zu betrinken.“
Seine Mutter starrte ihn an. Ein Blitz erhellte den ohnehin gut beleuchteten Raum.Vielleicht starrte sie auch durch ihn hindurch. Sie stand auf, ging zur Glasfront und blieb kurz vor ihr stehen und wandte ihm den Rücken zu.
„All das“, sagte sie plötzlich, drehte sich um und deutete fahrig auf das Wohnzimmer, mit seinen modernen Gemälden, fernöstlichen Skulpturen und den Regalen voller antiker Bücher, „all das und trotzdem kann ihm keiner helfen?“
Der Donner folgte dem Blitz.
„Er hat die besten Ärzte. Mama, er wird wieder gesund“, er ging auf seine Mutter zu.
„Das ist das einzige, das ich seit Wochen höre. Von den Ärzten, von den Kollegen, von dir. Er wird wieder.“
Er sah sie verwirrt an.
„Aber du sagst das doch auch?“
„Ich bin es satt. Das Warten, das Hoffen. Ich bin es so satt.“
„Wir schaffen das. Er schafft das.“
„Er lässt mich im Stich. Er lässt uns im Stich. Eigentlich hat er das immer schon gemacht. Vielleicht wurde es Zeit, dass ihm mal so was passiert.“
Sie stand jetzt am Flügel, strich über den matten Lack.
„Der ist ja ganz staubig.“ Sie blickte auf ihre makellosen Fingerkuppen, „Agatha könnte den ruhig mal wieder sauber machen.“ Wieder blitzte es. Diesmal ließ der Donner nicht lange auf sich warten, „Weißt du was?“, fragte seine Mutter nach einer Weile, „spiel mir was vor. Aber nichts anstrengendes, bitte.“
Er ging zum Flügel, setzte sich und spielte eine Sonate, die, gleichsam einer Fantasie, dem Unwetter trotzte. Für einen kurzen Moment war da kein Donner, kein Blitz, sondern nur der Mondschein, der sich, halb versteckt hinter den schwarzen Wolken, kurz zu erkennen gab.
Vielleicht haben die Momente, an die man sich am längsten erinnert, den Preis, dass sie dafür in der Wirklichkeit umso kürzer sind. Oder diese ersten Takte waren nicht mehr als die Schönheit auf der anderen Seite eines Abgrundes, die man nicht erreichen kann. Man betrachtet diese Schönheit, genießt sie, versucht, sie nie mehr zu vergessen, bevor man sich für immer abwendet, wodurch sie doch nicht mehr als eine Illusion bleibt.
Ihr Handy klingelte.
Es blitzte.
Sie nahm ab.
Es donnerte und sie rannte aus dem Haus.
Da war noch ein anderer Knall.
Wie oft reißen Saiten bei einem Flügel? Der Frage drängte sich so unauffällig in seinen Kopf, dass er dabei ganz vergaß, dass er noch spielte.
Immer, wenn er das cis spielte, entstand eine unbeabsichtigte Pause.
Am Ende des Satzes stand er auf und verließ das hell erleuchtete Wohnzimmer.

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DocSchneider
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