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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Zwei Leben und ein kleiner Unterschied
Eingestellt am 11. 03. 2017 16:23


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Ruedipferd
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hier: das erste Kapitel

Manuel Magiera
Zwei Leben und ein kleiner Unterschied

Die dreißigjĂ€hrige Christiane Rieger arbeitet an einem Gymnasium in Nordfriesland. Durch ihre Psychologin, Frau Doktor Vollmer, erfĂ€hrt die Mathematik- und Physiklehrerin, dass sie Frau zu Mann Transsexuell ist. Sie entschließt sich zur Geschlechtsangleichung: Christiane entwickelt sich zu Christian.

Im Anhang erfahren Sie, wie alles begann.

Wie die meisten transsexuell geprĂ€gten Menschen, hat Christian beruflich als auch privat auf dem Weg zum Mann enorme Schwierigkeiten zu ĂŒberwinden. Dazu gehört leider auch Mobbing am Arbeitsplatz.
Christian muss, um seinen Vornamen und seinen Personenstand Ă€ndern zu dĂŒrfen, zwei Gutachten erbringen und wĂ€hrend eines einjĂ€hrigen Alltagstestes als Mann leben, ohne bereits operiert zu sein. Eine lebenslange Hormonbehandlung mit Testosteron und die große geschlechtsangleichende Operation, bei der auch mĂ€nnliche Geschlechtsorgane aufgebaut werden können, schließen sich an.
Zudem setzt eine ganz besondere, nur bei Transsexuellen mögliche, körperliche und seelische Entwicklung ein: Die zweite PubertĂ€t. Christian wird fĂŒr eine kurze Zeit wieder ganz jung und erlebt sich innerlich und Ă€ußerlich zunĂ€chst wie ein zwölf- bis dreizehnjĂ€hriger Junge.
Im Kreiskrankenhaus, wo er kranke Kinder bei den Hausaufgaben betreut, lernt er den hollĂ€ndischen Assistenzarzt Lukas van der Halen kennen. Lukas hĂ€lt Christian zunĂ€chst fĂŒr einen Jungen. Die Schwestern und Ärzte in der Klinik unterstĂŒtzen den Alltagstest und so bleibt Lukas lange Zeit unwissend.
Mit ungeahnten Folgen fĂŒr die beiden, die ein außergewöhnliches Paar werden und eine atemberaubende SexualitĂ€t ausleben.

TrĂŒgerische Wahrheiten

Wie wird man eigentlich transsexuell? Als Lehrer musste ich mir diese Frage schon allein aus wissenschaftlicher Neugier stellen. Als selbst Betroffener erlebte ich alles ungefiltert und direkt.
Ob man mit einer transsexuellen PrĂ€gung geboren wurde, welche Faktoren dafĂŒr eine Rolle spielten, ob es zufĂ€llig geschah, sozusagen als Laune der Natur: Das Leben erschien mir plötzlich wie ein Schmetterling. Ich flatterte mal hierhin und mal in die andere Richtung, fuhr in meinen GefĂŒhlen Achterbahn, drehte Loopings und staunte ĂŒber die Vielfalt an LebensentwĂŒrfen, von deren Existenz ich bis vor einigen Monaten noch nicht einmal etwas ahnte.
Eines stand fĂŒr mich fest: Ich war entgegen meines biologischen Geschlechts keine Frau, sondern ein Mann. Nicht etwa ein Rambo oder ein DraufgĂ€nger. Ich brauchte weder mir, noch anderen etwas zu beweisen und meine Abenteuerlust hielt sich ebenfalls in Grenzen.
Aber mir fehlte, seit ich vom dritten Lebensjahr an bewusst meinen Körper wahrnehmen konnte, etwas zwischen den Beinen. Etwas, das auch meiner Umgebung signalisiert hÀtte, schaut, da kommt ein kleiner Junge.
GesprĂ€che mit meiner Psychologin und Ärzten folgten, ich begann mit dem Alltagstest. Ich hatte nie eine wirklich starke weibliche Figur besessen und war schlank. Eine Kurzhaarfrisur, BrustgĂŒrtel und andere Kleidung machten einen ĂŒberraschend jung wirkenden Jungen aus mir.
Die erste Reaktion auf meinen bevorstehenden Geschlechtswechsel von meiner besten Freundin und gleichzeitigen Arbeitskollegin Henriette, die ich nur Henny nannte und ihrem Mann Frieder, der als Anwalt einen nicht unerheblichen Anteil an der Erfolgsgeschichte meines kĂŒnftigen Lebens als Mann haben sollte, fiel eher zurĂŒckhaltend aus.
In der Schule hatte ich eine Menge Querelen auszustehen.
Das Outing im Eislaufverein und im Krankenhaus, wo ich die kranken SchĂŒler bei den Hausaufgaben betreute, war im Gegensatz dazu ĂŒberraschend gut verlaufen.
Mit meiner Freundin, Schwester Gabi von der Kinderstation, und all den anderen in der Klinik war Stillschweigen ĂŒber mein wahres Alter und meinen Beruf vereinbart worden. Sie unterstĂŒtzten mich beim Alltagstest und schossen manchmal sogar weit ĂŒber das Ziel hinaus. Alle duzten mich und behandelten mich wie einen dreizehnjĂ€hrigen SchĂŒler. Mit Gabi konnte ich immer herrlich herumalbern.
Wir unterhielten uns oft ĂŒber den hollĂ€ndischen Assistenzarzt Lukas van der Halen, dessen Ankunft schon sehnsĂŒchtig in der Klinik erwartet wurde. In den Sommerferien war es soweit. Ich wollte kurz einige Kinder besuchen, die noch im Krankenhaus liegen mussten und traf mich erst einmal zum GesprĂ€ch mit Gabi.
Sie nahm mich sofort zur Seite: Lukas hatte sich endlich zum Dienst gemeldet! Wir saßen im Schwesternzimmer und Gabi schwĂ€rmte in den höchsten Tönen. „Er sieht wirklich sĂŒĂŸ aus, Christian. Der Chef hat ihn herumgefĂŒhrt und uns vorgestellt. Lukas lĂ€uft ĂŒbrigens genau wie du Schlittschuh und ich bin froh, dass du keine Frau mehr bist. Sonst wĂ€rst du mit dem Hobby meine Ă€rgste Konkurrentin!“ Sie hörte sich verliebt wie ein Teenager an.
Ihre Kollegin Claudia, die als Lernschwester seit einem Jahr im Krankenhaus arbeitete, schmunzelte und neckte sie sofort. „Gabi ĂŒberlegt bereits, Eislaufstunden zu nehmen, sobald die Schlittschuhhalle wieder aufmacht. Vielleicht wird sie ja noch Paarlaufweltmeisterin mit ihm.“
Mit meinem Kaffee in der Hand lachte ich ungezwungen auf. „Ich gebe dir Unterricht, Gabi. Wie ist er denn sonst so und warum kam er so spĂ€t?“
Sie fĂŒhlte sich in ihrem Element. „Er hatte sich tatsĂ€chlich beim Training am Fuß verletzt, nachdem er mit einem Jugendlichen zusammengestoßen war. Er interessiert sich sehr fĂŒr Musik und Literatur und spricht mit einem ganz niedlichen Akzent. Wie die meisten HollĂ€nder eben. Und er raucht auch kein Hasch!“, beeilte sie sich zu sagen und spielte damit auf unsere frĂŒheren Witzeleien an.
„Na, na, er wird dir sicher auch nichts ĂŒber seine Besuche im Coffeeshop erzĂ€hlen“, lĂ€sterte ich daraufhin. Wir prusteten los und bekamen uns kaum noch ein vor Lachen.
Gabi holte ihr Handy heraus und zeigte uns einen etwas verwackelten Schnappschuss von Lukas, den sie heimlich aufgenommen hatte.
Kurz darauf mussten die beiden ihre Runde machen. Ich ging zu den zwei MĂ€dchen, die in der Klinik behandelt wurden. Sie kamen stĂ€ndig wegen Bluterkrankungen zur Überwachung ins Krankenhaus und freuten sich sehr, dass ich sie trotz der Ferien nicht vergessen hatte. Die Zeit verging wie im Flug. Liebevoll drĂŒckte ich die beiden zum Abschied und versprach, sie bald wieder zu besuchen.
Als ich auf den Hof kam, wurde gerade eine Patientin im Rollstuhl von einem Arzt in den Park geschoben. Anhand des Handyfotos von Gabi erkannte ich ihn. Lukas van der Halen.
Oh, la, la, dachte ich. Da hatte Gabi aber einen guten Geschmack bewiesen. Er sah wirklich nicht schlecht aus, besaß eine sehr sportliche Figur und dunkelblondes Haar. Fotos tĂ€uschten oft ĂŒber kleine Unebenheiten hinweg und das Handyfoto war wirklich nicht sonderlich gut gewesen, deswegen sah ich mir das Original nun sehr genau an.
Er stellte die Frau im Rollstuhl neben einer Bank ab, entfernte sich von ihr und begann mit seinem Handy zu telefonieren. Mir fielen sofort ein weicher Schritt und ebenso weiche Bewegungen auf. Etwas wie Seelenverwandtschaft lag zwischen uns. Das konnte ich deutlich spĂŒren.
Inzwischen hatte ich nicht nur viele Transsexuelle kennengelernt, sondern auch vorsichtig Abstecher in die Schwulenszene machen dĂŒrfen. Ich war ja wegen des OperationsvorgesprĂ€chs in einer Berliner Klinik gewesen und hatte mich dort abends mit den Jungs aus der Berliner Selbsthilfegruppe getroffen. Trotz meines kindlichen Aussehens konnte ich mich mit ihnen gut in den einschlĂ€gigen Berliner Lokalen bewegen.
So hatte sich mein Erfahrungsschatz in diesem Bereich gewaltig erhöht und ich musste unwillkĂŒrlich lĂ€cheln, als ich Lukas nĂ€her betrachtete. Arme Gabi, dachte ich. Da mĂŒsste ich schon sehr falsch liegen, aber ich glaubte ziemlich sicher zu wissen, zu welcher sexuellen Ausrichtung unser HollĂ€nder gehörte.
Heute war ein herrlicher Sommertag im Juli. Ich genoss einen Moment die wĂ€rmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht und schloss wohlig die Augen. Einen Augenblick spĂ€ter öffnete ich sie wieder beunruhigt, denn ich musste unwillkĂŒrlich zu der alten Dame im Rollstuhl blicken. Die schaute sich zunĂ€chst interessiert um. Aber dann geschah etwas völlig Unerwartetes.
Sie drĂŒckte ihre HĂ€nde auf die Griffe des Stuhles, zog sich hoch und stand im nĂ€chsten Augenblick auf ihren Beinen, welche nun sehr stark zitterten. Mir schwante nichts Gutes. Sie ging zwei Schritte auf die Bank neben sich zu und brach schneller zusammen, als ihr irgendjemand zu Hilfe kommen konnte.
Ich dachte nicht mehr nach, rannte ĂŒber den Rasen, wollte sie noch auffangen und kam doch zu spĂ€t. Sie lag bereits auf dem Boden und sah mich erschrocken an. Dankbar nahm sie meine dargebotene Hand. Eine Schwester, die das UnglĂŒck beobachtet hatte, war ebenfalls zu uns geeilt und auch aus den Fenstern sahen etliche Patienten und Angehörige zu uns hinunter. Mit vereinten KrĂ€ften schoben wir sie wieder in den Rollstuhl zurĂŒck.
Der fĂŒr sie Verantwortliche, Lukas van der Halen, beendete dagegen erst einmal seelenruhig sein Telefonat. Langsam setzte er sich in Bewegung und traf bei uns ein, als sich die Patientin schon wieder außer Gefahr befand.
Ich war genauso ĂŒber ihn empört, wie die junge Krankenschwester. Er handelte sich postwendend deshalb zwei böse Blicke von uns ein. Sein Auftreten zeigte fĂŒr unseren Geschmack reichlich Arroganz. In meiner Werteskala war er deshalb augenblicklich ziemlich weit nach unten gerutscht.
„Danke“, sagte er zu mir. „Wie heißt du?“
„Christian und Sie?“ „Ich bin Lukas, du darfst gerne du sagen. Das hast du gut gemacht. Ich hĂ€tte mich nicht so weit von der Patientin entfernen dĂŒrfen. Es war meine Schuld.“
Bingo, eins zu null fĂŒr ihn. Seine weiche Stimme klang angenehm. Gabi hatte auch mit dem Akzent recht gehabt. Er hörte sich lustig an.
Entgegen meiner Absicht lĂ€chelte ich und ließ ihn wegen seiner spontanen Einsicht und Entschuldigung auf der Skala gleich wieder nach oben klettern. Die Stimme setzte noch zwei Punkte darauf.
Wir schauten einander in die Augen. Ein merkwĂŒrdiges Blitzen schien uns fĂŒr einen Moment zu verbinden. Ich sah eine andere Welt, spĂŒrte ein leises merkwĂŒrdiges Kribbeln unter meiner Haut und bemerkte einen wohligen Schauer meinen Körper durchzucken.
In Lukas Blick konnte ich Irritation lesen und gleichzeitig Zustimmung erkennen. Er versuchte augenscheinlich, seine GefĂŒhle bewusst zu lenken und zu kanalisieren.
In meinem Unterbewusstsein hatte ich ihn in weniger als sieben Sekunden analysiert und war mir sicher, er wĂŒrde der richtige Vater fĂŒr meine Kinder sein. Verflixt, dachte ich, ich bin doch jetzt ein Junge und werde mich als transsexuell geprĂ€gter Mann in KĂŒrze mĂ€nnlich weiter entwickeln. Da passte dieser verrĂŒckte Gedanke ĂŒberhaupt nicht hin!
Ich lĂ€chelte verwirrt. „Ich muss jetzt nach Hause. Hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Lukas. TschĂŒss.“ Er lĂ€chelte zurĂŒck. „TschĂŒss, Christian. Ich habe mich auch gefreut.“
Sein Ton wurde immer leiser und die letzten Worte waren kaum noch hörbar. Er zog den Rollstuhl an sich, sprach kurz mit seiner Patientin und fuhr sie wieder in Richtung Haus.
Auf dem Heimweg nahm ich ĂŒbermĂŒtig einen kleinen Ast in die Hand, warf ihn in den Schlossteich und hĂŒpfte von einem Bein auf das andere. Gott sei Dank war sonst niemand im Park. Erschrocken hielt ich inne. Dass wĂ€re schon ein peinlicher Auftritt, wenn mich jemand so herumtoben sehen wĂŒrde!
Was war bloß in mich gefahren?
Zu Hause musste ich erneut Koffer packen. Nach Berlin stand am nĂ€chsten Mittag die Reise nach MĂŒnchen an. Danach wĂŒrde es auch noch nach Frankfurt gehen. Ich wollte mich bei allen in Frage kommenden Chirurgen informieren, obgleich mir die Berliner Methode bereits sehr gefallen hatte. Lukas van der Halen geriet deshalb vorerst in den Hintergrund.
Die MĂŒnchner Operation unterschied sich durch ihre mehrmaligen Einzeleingriffe von der in Berlin. Ich bezweifelte, dass die vielen Operationen fĂŒr mich das Richtige wĂ€ren, obwohl mir auch dieser Arzt sehr sympathisch war. Auch er nahm sich viel Zeit fĂŒr mich und beantwortete geduldig alle Fragen. Am Abend traf ich mich mit der MĂŒnchner Selbsthilfegruppe.
Gleich im Anschluss an die drei Tage in Bayern saß ich im ICE nach Frankfurt. Die Operation dort war wieder etwas anders und ich hatte plötzlich die Qual der Wahl. Gottlob brauchte ich mich ja noch nicht zu entscheiden. Der Eingriff wĂŒrde erst im nĂ€chsten Jahr in den Sommerferien anstehen. Ich hatte also noch viel Zeit, die fĂŒr mich optimale Methode herauszufinden.
In Frankfurt traf ich mich ebenfalls mit der Selbsthilfegruppe. Ich lernte viele neue Freunde und Leidensgenossen kennen, so dass mein Notizbuch bald vor Anschriften, Mailadressen und Telefonnummern ĂŒberquoll.
MĂŒde und glĂŒcklich genoss ich die Heimfahrt. Im Briefkasten lagen die ersten Arztberichte. Schnell ließ ich die Koffer Koffer sein und machte ich es mir in meiner Wohnung gemĂŒtlich. Ich hatte mir von allen Untersuchungsergebnissen Kopien erbeten.
Die Berichte konnten mich nicht glĂŒcklicher stimmen. Ich war kerngesund und der Hormonbehandlung stand nichts mehr im Wege. Ein Anruf beim Urologen am nĂ€chsten Tag brachte endgĂŒltig Gewissheit. Der endokrinologische Befund war bei diesem bereits eingetroffen und gab uns grĂŒnes Licht.
Aufgeregt wartete ich ein paar Tage spĂ€ter darauf, ins Sprechzimmer aufgerufen zu werden. Im Warteraum saßen nur Ă€ltere MĂ€nner, die mich mitleidig ansahen und ĂŒberlegten, was ein Junge wie ich denn schon beim Urologen wollte.
Doktor Jaruk war Belegarzt im Krankenhaus und ich erinnerte mich daran, dass Gabi mir erzÀhlt hatte, Lukas sollte seinen Facharzt in der Urologie machen. Irgendwie war ich gar nicht so erpicht darauf, ihn als Patient dort kennenzulernen.
Nachdem Doktor Jaruk einen Blick auf die Berichte geworfen hatte, schaute er mich fragend an. „Ich wĂŒrde gerne mit der gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung beginnen“, meinte ich. „Allein schon, um erwachsener zu wirken“, setzte ich zaghaft nach.
Der Ă€ltere erfahrene Arzt lehnte sich im Stuhl zurĂŒck und sah mich aufmerksam an. „Es ist Ihre Entscheidung. Aber Sie wissen, dass sich nach etwa drei bis fĂŒnf Wochen ein irreversibler Stimmbruch einstellen wird! Bartwuchs und andere sekundĂ€re mĂ€nnliche Geschlechtsmerkmale folgen erst spĂ€ter. Ihre Eierstöcke sollten spĂ€testens im nĂ€chsten Jahr entfernt werden. Es kann andernfalls zur Tumorbildung kommen. Die Spritzen verabreiche ich Ihnen im Zeitraum von drei Wochen. Nach der Operation gibt es PrĂ€parate, die mindestens sechs, eventuell auch zehn bis zwölf Wochen halten. Ihre Libido wird sich verĂ€ndern und Sie sollten in einem Sportstudio Ihren Muskelaufbau trainieren.“
Wie gut, dass der Doktor mir ungeschönt reinen Wein einschenkte. Mein Entschluss stand fest.
„Wann darf ich die erste Spritze haben?“
Er schrieb ein Rezept aus. „Holen Sie sich das Mittel aus der Apotheke und kommen Sie wieder her. Sie brauchen keinen festen Arzttermin dafĂŒr. Die Sprechstundenhilfen notieren den Turnus und bestellen Sie zur Spritze ein. Ich gebe Ihnen die Injektion zwischendurch, wĂ€hrend des Praxisbetriebs.“
Ich bedankte mich, stand auf und nahm das Rezept.
Draußen atmete ich erst einmal tief aus. Testosteron las ich auf dem Zettel, den ich nun nach so langen Jahren des Lebens im falschen Geschlecht endlich in der Hand hielt.
Das war wie ein Befreiungsschlag fĂŒr meine Seele.
Zielgerichtet ging ich damit in die Apotheke, bat um zwei Kopien und zahlte mit der Kreditkarte. Als Privatpatient musste ich natĂŒrlich jedes Medikament erst einmal verauslagen. Das störte mich in diesem bedeutungsvollen Moment jedoch herzlich wenig.
FĂŒr mich fĂŒhlte es sich wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag an, wĂ€hrend ich die unscheinbare Packung mit den Ampullen betrachtete. Jetzt oder nie, dachte ich, machte kehrt und fuhr erneut ins obere Stockwerk des Ärztehauses zu Doktor Jaruk.
Die Sprechstundenhilfe nahm mir das PĂ€ckchen ab, zog eine Ampulle heraus und reichte mir die restlichen zur Aufbewahrung. Ich sollte mich auf die Liege in einem kleinen Nebenraum legen und den Po freimachen. Doktor Jaruk kam und meinte, es gĂ€be gleich einen kleinen Piecks. FĂŒr mich öffneten sich derweil alle Himmelspforten. Ich sah die Engel vor meinem inneren Auge tanzen und jubilieren. Den Schmerz nahm ich kaum wahr.
Als es vollbracht war, zog ich meine Jeans hoch und verabschiedete mich bis zur nÀchsten Spritze in drei Wochen.
Wow! So einfach war das gewesen und so viel Aufwand und Zeit hatte es in Anspruch genommen, dorthin zu kommen!
Wie wĂŒrde mein Körper darauf reagieren? Wann brach die Stimme? Was passierte ĂŒberhaupt, wenn ein Junge in den Stimmbruch kam?
Den Rest des Abends las ich, was ich an Informationen dazu ergattern konnte im Internet. Um kurz nach Mitternacht rauchte mir der Kopf, aber ich war immer noch unglaublich glĂŒcklich.
Die Sommerferien dauerten noch vierzehn Tage. Ich schlief tĂ€glich bis gegen Mittag. Langsam fĂŒhlte ich mich dadurch auch erholter. Den Ratschlag des Arztes befolgte ich gleich und wollte mich im Sportstudio anmelden. Der nette junge Mann am Tresen schĂŒttelte den Kopf und fragte nach meinem Alter. Ich log und sagte FĂŒnfzehn. Er lud mich zum Probetraining der Taekwondogruppe ein. FĂŒr die GerĂ€te wĂ€re ich nĂ€mlich noch etwas zu jung. Ob ich bald Sechzehn wĂŒrde? Ich bejahte. Also, wenn ich in den Stimmbruch kĂ€me, dann könnte ich mit leichtem Muskeltraining beginnen. Solange sollte ich doch beim Kampfsport schon mal Kondition aufbauen.
Mit klopfendem Herzen betrat ich am ersten Trainingsabend den Herrenumkleideraum. Zum GlĂŒck war niemand anderes dort, obwohl ich nur die Schuhe wechselte. Einen Kampfanzug besaß ich noch nicht, aber der Trainer gab mir gleich einen gebrauchten, den ich fĂŒr wenig Geld abkaufen durfte. Vorsorglich ging ich in die Toilette, um ihn anzuprobieren. Die Turnschuhe konnte ich gleich wieder auslassen. Das Training fand barfuß statt.
Die GrundĂŒbungen des Kampfsports zu erlernen, machte Spaß. Der Trainer besaß den schwarzen GĂŒrtel und zeigte uns, wie man sich in nahezu allen Lebenssituationen Angreifer vom Hals halten konnte. Ich zog nach dem Training in der Toilette wieder Jeans und T-Shirt ĂŒber und duschte bei mir zu Hause.
An den nĂ€chsten Übungstagen wiederholte ich die Prozedur, bis ich einmal so durchgeschwitzt war, dass ich nur noch unter die Dusche wollte. Ich stand wieder allein im Umkleidebereich. Schnell nahm ich mein Handtuch und das Waschmittel in die Hand und lief in den angrenzenden Duschraum. Dort drehte ich das Wasser auf, stellte mich mit dem Kopf zur Wand und beeilte mich. Das Handtuch hielt ich nach dem Waschen geschickt vor die verrĂ€terischen Stellen meines Körpers, trocknete mich ab und zog mir rasch die UnterwĂ€sche an. Ein Junge war zwischenzeitlich hereingekommen, sagte „Moin“ und verschwand zwischen den Spindreihen.
Mit meinem BrustgĂŒrtel ging ich vorsorglich in die Toilette. Geschafft! Fertig angezogen verabschiedete ich mich erleichtert von den wenigen Leuten, die am spĂ€ten Nachmittag bereits an den GerĂ€ten trainierten.
In meiner Hamburger Selbsthilfegruppe erzĂ€hlte ich den anderen von meinen Erfahrungen. Andreas, der diese sehr kompetent leitete, meinte, dass wĂ€re gar nicht ungewöhnlich. Die meisten Leute erwarteten keine Frau in einem MĂ€nnerumkleideraum und deshalb wĂŒrde ich mit meiner kleinen List auch unbeschadet durchkommen. Er erklĂ€rte, man könnte sich dieses PhĂ€nomen zu Nutzen machen. Wenn man etwas wollte, das nicht unter die Kategorie Ausweise oder Bank fiel, könnte man getrost bewusst in der gewĂŒnschten Rolle auftreten.
Sich stĂ€ndig outen oder gar Angst zu haben, brĂ€uchte niemand. Die meisten VersicherungsvertrĂ€ge waren inzwischen geschlechtsneutral abgefasst, so dass es keinerlei rechtliche Klippen gab. Auch Wohnungen durfte man im neuen Geschlecht bereits mieten. Einzig bei KaufvertrĂ€gen, die notariell zu beurkunden waren, kam der Personalausweis wieder ins Spiel. FĂŒr die gesetzlichen Regelungen zu dem Thema könnte ich mich auf etlichen gut ausgestatteten Internetseiten umsehen.
Der Ernst des Lebens begann kurz darauf auch wieder. Die Ferien gingen zu Ende und ich wĂŒrde nach den ganzen Querelen in der Schule um meine TranssexualitĂ€t eine neue Klasse ĂŒbernehmen, eine elfte.
NatĂŒrlich hatte ich mich fachlich sehr gut vorbereitet, aber der Gedanke, gleich vor fast erwachsenen jungen Menschen zu stehen, machte mich unruhig. Wie wĂŒrden die Jugendlichen auf meine Problematik reagieren?, fragte ich mich mit einem mulmigen GefĂŒhl in der Magengegend.
Henny warf mir auf dem Flur einen aufmunternden Blick zu. Entschlossen drĂŒckte ich auf die TĂŒrklinke zum Klassenraum der Elf b. Achtzehn Augenpaare sahen mich freundlich und erwartungsvoll an, als ich eintrat.
Die Vorstellung bei den Kids verlief locker und gelöst. Alle bekrĂ€ftigten ihren Wunsch, sich ernsthaft zu bemĂŒhen, um mit guten Mathe-Noten durchs Abitur zu kommen. Die Klassensprecherin Jenny meldete sich: „Herr Rieger, wir alle wissen, in welcher Situation Sie sich befinden und wir stehen geschlossen hinter Ihnen. Aber wir haben ein Problem. Es ist so, Sie sehen echt noch sehr jung aus 
 und auch mir fĂ€llt es schwer, Sie zu siezen.“
Ich lachte erleichtert. Das ließ sich regeln. „Jenny und Sie alle, wir können das Problem lösen, indem wir komplett zum du ĂŒbergehen. Was haltet ihr davon? Das einzige, was ich mir ausbitte, ist Lerndisziplin. Wenn ihr fleißig mitarbeitet, helft ihr mir am meisten und fĂŒr euch ist das mit Sicherheit ja auch nĂŒtzlich. Mir wĂ€re es am liebsten, wenn die schlechteste Note, die ich vergebe, ein Befriedigend sein wird.“
Die Klasse stimmte einhellig zu. In den Physikklassen machte ich es genauso und bot den Jugendlichen gleich zu Beginn das du an. Einige kamen nach dem Unterricht zu mir und erzĂ€hlten zĂ€hneknirschend von ihren Problemen. Mathematik und Physik ließ die meisten nun mal eben nicht gerade in BegeisterungsstĂŒrme ausbrechen.
Ich schaute mir bei jedem einzelnen den jeweiligen Wissensstand an. Gemeinsam mit den SchĂŒlern stellte ich einen individuell zugeschnitten Lehrplan auf. Die besten der Klasse beförderte ich zu Nachhilfelehrern fĂŒr die eigenen Klassenkameraden, aber auch fĂŒr die Unterstufenklassen.
Die intensive Betreuung macht sich rasch bezahlt. Die SchĂŒler verbesserten sich und dem einen oder anderen machten die naturwissenschaftlichen FĂ€cher plötzlich ein bisschen Spaß. Direktor Cornelius fand deshalb lobende Worte fĂŒr mich, die ich auf die Leistungsbereitschaft und Disziplin der Kids zurĂŒckfĂŒhrte und an sie weitergab.
Es blieb mir somit Zeit und Ruhe fĂŒr die GesprĂ€che mit Frau Doktor Vollmer und den beiden Gutachtern. Einzig meine körperliche Entwicklung bereitete mir Kummer.
Ich hatte nun schon die zweite Testosteroninjektion bekommen, aber meine StimmbĂ€nder weigerten sich, sich zu dehnen. TĂ€glich sprach ich auf meinen Anrufbeantworter, um meine Stimme zu hören, in der Hoffnung, es wĂŒrde sich bald mal etwas tun.
Aber nichts geschah. Meine Stimme blieb hoch und knabenhaft wie immer. Traurig erzĂ€hlte ich Doktor Jaruk davon. Er meinte, das wĂ€re zwar gar nicht so ungewöhnlich, nahm aber eine HNO- Ärztin mit ins Boot. Ungeduldig erwartete ich den Termin bei ihr.
Im Krankenhaus hatte ich auf Lukas van der Halen enormen Eindruck gemacht. Er fand es großartig, dass ein Junge sich so engagiert fĂŒr kranke MitschĂŒler einsetzte und ihnen bei den Hausaufgaben half.
Gabi erzĂ€hlte mir, wie nett Lukas von mir gesprochen hĂ€tte. Sie hatte ihm daraufhin mitgeteilt, dass ich auch anders konnte und manchmal sogar ziemlich ungezogen wĂ€re. Mir fehlte ihrer Meinung nach eine mĂ€nnliche Bezugsperson und zuweilen eine hĂ€rtere Erziehung. Ich tat daraufhin wĂŒtend und stellte mich hinter Gabi, geradeso, als wollte ich sie wĂŒrgen. Wir lachten uns kaputt.
Lukas fragte mich bei Gelegenheit, ob ich tatsÀchlich so gut Eislaufen könnte, wie Gabi ihm berichtet hÀtte. Ich erzÀhlte ihm von Hamburg und dem Verein, dem ich seit meinem vierten Lebensjahr angehörte. Die ersten sechs Jahre war ich in der Hansestadt zu Hause gewesen, bis wir nach Nordfriesland umzogen.
Lukas wollte gerne einmal zum Training mitkommen. Ich rief meine Freunde und den Vereinsvorsitzenden an und bat alle, mich weiterhin als einen Jungen zu betrachten und entsprechend zu behandeln, damit ich meinen Alltagstest ungestört weiter durchfĂŒhren konnte. Sie versprachen es und lachten ebenfalls ĂŒber den Spaß mit dem hollĂ€ndischen Arzt, der vielleicht auch demnĂ€chst mit ihnen trainieren wĂŒrde.
Am Wochenende trafen wir uns zum Sondereis. Lukas machte gar keine so schlechte Figur auf seinen Schlittschuhen. Er sprang sogar den Axel einfach und erzĂ€hlte, er hĂ€tte als Junge öfter an Wettbewerben teilgenommen. Überhaupt erfuhr ich wĂ€hrend der Fahrt einiges von ihm.
Er war gebĂŒrtiger HollĂ€nder und in Eindhoven aufgewachsen. Auch sein Vater war Arzt gewesen und mit der Familie nach MĂŒnster umgesiedelt, als Lukas acht Jahre alt wurde. Seine Eltern starben vor einigen Jahren nacheinander.
Ich schluckte und dachte bereits daran, ihm die Wahrheit ĂŒber mich zu sagen. Doch dann hörte ich ihm einfach weiter zu. Er machte sein Abitur in Deutschland und studierte in Heidelberg Medizin. Nun wollte er bei uns im Krankenhaus arbeiten und Facharzt fĂŒr Urologie werden. Die Doktorarbeit stĂŒnde auch noch aus. Er hĂ€tte bisher noch kein interessantes Thema gefunden.
Ich wollte ihm schon sagen, er sollte doch TranssexualitĂ€t als Grundlage fĂŒr seine Dissertation nehmen, schwieg dann aber. Er hĂ€tte sicher nachgefragt, wieso ich darauf kĂ€me. Ich wollte mich nicht verraten. Noch nicht!
Stattdessen fragte ich ihn, ob er eigentlich eine Freundin hĂ€tte. VerblĂŒfft sah er mich an. Schmunzelnd legte er mir die Hand auf den Kopf und wuschelte durch mein Haar. Seine Finger strichen unter mein Kinn. Ich erschauerte innerlich und wollte mich schon leicht an ihn schmiegen. Er musste etwas gemerkt haben und nahm die Hand erschrocken zurĂŒck. Ein seltsamer Augenausdruck lag wĂ€hrenddessen auf seinem Gesicht.
Dann lĂ€chelte er und schĂŒttelte den Kopf. „Nein, Christian. Ich habe keine Freundin. Ich erzĂ€hle dir den Grund, wenn du etwas Ă€lter bist“, antwortete er.
Ich schlug die Augen nieder. Nun hatte ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekommen. So privat wollte ich nicht zu ihm vordringen. Die Beantwortung meiner Frage schien ihm unangenehm zu sein.
Aber fĂŒr mich stand fest, dass Lukas homosexuell war.

Der Besuch bei der HNO-Ärztin verlief positiv fĂŒr mich. Sie erklĂ€rte mir die VorgĂ€nge beim Stimmbruch und meinte, durch die Testosteronzufuhr vergrĂ¶ĂŸerte sich bei einem Jungen der Kehlkopf. Die StimmbĂ€nder dehnten sich, wurden dadurch lĂ€nger und auch dicker. Die Knabenstimme sackte eine ganze Oktave hinunter. Weil sich aber nicht alle StimmbĂ€nder gleichzeitig verĂ€nderten, kĂ€me es zum berĂŒhmten Kieksen und Überschlagen der Stimme.




Sie konnte mich beruhigen. Bei mir wĂ€re alles in Ordnung und ich wĂŒrde ganz normal in den Stimmbruch kommen, sobald mein Körper eine gewisse Menge an Testosteron aufwies. Ich sollte einfach noch ein paar Wochen warten. Zufrieden besprach ich den Arztbericht mit Doktor Jaruk.
Als ich am folgenden Nachmittag gerade Kopfrechnen mit den kleinen Patienten auf der Kinderstation im Krankenhaus ĂŒbte, erschien Lukas bei uns. Er schlug mir vor, in den Herbstferien fĂŒr ein paar Tage mit ihm nach Köln zu fahren. Lukas wollte einen Ärztekongress besuchen und hatte gesehen, dass ein internationales Eishockeyturnier in der Zeit seines Aufenthalts stattfinden wĂŒrde. Wir könnten uns alles ansehen und auch die Filmstudios besuchen.
Ich war sofort hellauf begeistert und bedankte mich ĂŒberschwĂ€nglich. Das Ganze hĂ€tte aber einen Haken, meinte er. FĂŒr die vier Übernachtungen im Hotel wĂŒrde er mir ein Einzelzimmer buchen, brĂ€uchte aber die Zustimmung meiner Eltern, dass ich mitfahren durfte.
Nun hatte ich den Salat. So ein Shit! Wie sollte ich dieses Problem bloß lösen? Um kurz vor vier Uhr saß ich grĂŒbelnd im Auto und ĂŒberlegte, ihm jetzt doch endlich alles einzugestehen. Da kam plötzlich ein Anruf von Henny.
„Christian, hast Du kurz Zeit, auf Mario aufzupassen? Ich muss zum Frisör. Das dauert aber nicht lange.“
NatĂŒrlich sagte ich gleich zu. Mario war Hennys Sohn, fĂŒnf Jahre alt und ein aufgewecktes kleines Kerlchen.
Ein paar Minuten spĂ€ter drĂŒckte Henny mir ihren Lausejungen in die Hand und war schon im nĂ€chsten Augenblick verschwunden. Ich tobte erst mit Mario im Garten herum und kochte uns dann Kakao. Kuchen stand reichlich auf dem Tisch. Nach einer guten Stunde kam Henny zurĂŒck. Sie sollte am Abend mit Frieder in die Oper und hatte sich deswegen stylen lassen.
VergnĂŒgt suchten wir gemeinsam ein Abendkleid aus ihrem prall gefĂŒllten Kleiderschrank im Schlafzimmer heraus. Bei der Gelegenheit erzĂ€hlte ich ihr von meinem Problem mit der Einladung nach Köln und bat sie um Rat. Sie setzte sich neben mich aufs Bett und ĂŒberlegte einen Augenblick. Dann fragte sie mich nach meinem Handy. Verwundert gab ich es ihr. Ich dachte mir auch nichts dabei, als sie mein Adressbuch durchforstete und plötzlich auf eine Nummer drĂŒckte.
„Ja, guten Tag, Herr Doktor van der Halen. Hier ist Henriette Junge, die Tante von Christian Rieger. Er erzĂ€hlt mir gerade von Ihrer netten Einladung. Es ist so, dass ich nach dem Tod seiner Mutter das Sorgerecht fĂŒr ihn habe. Aber ich hĂ€tte nichts dagegen, wenn er in den Ferien mit Ihnen verreist. Sie sind doch Arzt hier im Krankenhaus?“
Nein! Um Gottes Willen! Ich saß wie erstarrt auf dem Bett und sperrte Mund und Augen auf. Himmel, dachte ich, Henny, wie kannst du so etwas machen? Wenn das rauskommt!
„Also dann, vielen Dank und ich glaube, er freut sich schon riesig. Auf Wiederhören, Herr Doktor“, hörte ich sie sagen, wĂ€hrend ich immer noch mit offenem Mund daneben saß.
„Wie war ich?“, fragte sie keck und gab mir ĂŒbermĂŒtig mein Handy zurĂŒck.
„Henny, bist du total verrĂŒckt geworden? Du ĂŒbergeschnappte Nudel bist meine beste Freundin und nicht meine Tante!“ Ich fand meine Sprache wieder.
„Wo ist der Unterschied, du kleiner Racker? Du darfst jetzt mit dem lieben Onkel Lukas verreisen. Nun gib der Tante brav einen Kuss, ehe ich mir das wieder anders ĂŒberlege.“
Das war typisch meine Henny. Mit solch außergewöhnlichen Aktionen musste man bei ihr immer rechnen. Frieder erzĂ€hlte mir einmal, das wĂ€re der Grund fĂŒr ihn gewesen, sie vom Fleck weg zu heiraten.
Ich musste einfach lachen. Als ich nach Hause ging, verabschiedete ich mich provokant mit: „TschĂŒss, Tante Henriette.“ Die Bezeichnung wĂŒrde sie bei mir nicht mehr loswerden, das ahnte Henny auch.
Aufgeregt wie ein kleiner Junge fieberte ich den Herbstferien entgegen. Wir wollten am Mittwoch losfahren und am Sonntag wieder nach Hause kommen. Ich durfte Lukas wĂ€hrend der zweitĂ€gigen Veranstaltung im Kongresszentrum begleiten. Er meinte, ich wĂ€re vernĂŒnftig genug, den VortrĂ€gen dort zuzuhören und vielleicht hĂ€tte ich ja nach dem Abitur Lust, Medizin zu studieren.
Ich hatte mit Henny ĂŒber alle möglichen Katastrophen gesprochen, die auf der Fahrt eintreten könnten. Der Toilettenbesuch war kein Problem, solange es Kabinen gab. Lukas hatte wie versprochen zwei Einzelzimmer in einem teuren erstklassigen Hotel gebucht. Somit hĂ€tte ich genĂŒgend PrivatsphĂ€re, zum Beispiel, um die Brustbinde umzuwickeln.
Meine Kleidung, die ich in einen kleinen Koffer gesteckt hatte, war ganz auf die BedĂŒrfnisse eines Jungen abgestimmt worden. ZusĂ€tzlich wollte ich meinen braunen Rucksack mitnehmen. Alles schien perfekt organisiert zu sein.
Plötzlich sah mich Henny erschrocken an. Ihr war etwas eingefallen, das uns zunĂ€chst gewaltiges Kopfzerbrechen bereitete. Ich mĂŒsste nĂ€mlich im Hotel wohl oder ĂŒbel meinen Ausweis vorlegen. Und darin stĂŒnde nicht nur der weibliche Name, sondern auch der Buchstabe F fĂŒr Female und natĂŒrlich mein Geburtsdatum. Außerdem hĂ€tten dreizehnjĂ€hrige Knaben in der Regel noch keinen Erwachsenen-Personalausweis.
Wir waren ratlos. Doch dann kam ich auf eine glorreiche Idee. Warum konnte ich meinen Ausweis nicht schlicht und einfach vergessen? Stattdessen wollte ich meinen uralten SchĂŒlerausweis vom Goethegymnasium einstecken. Das gute StĂŒck war nicht nur ordentlich abgegriffen, sondern auch völlig ausgeblichen. Das e fĂŒr Christiane war ebenso unleserlich, wie mein Geburtsjahr. Nur das Foto sah plötzlich wieder echt aus. Im Notfall sollte der Hotelangestellte bei ‚Tante Henriette’ anrufen. Die wĂŒrde ihm sofort meine IdentitĂ€t bestĂ€tigen, hĂ€tte aber ĂŒberhaupt keine Zeit, nach meinem Kinderausweis und einem Fax zu suchen.
Wenn Frieder in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt nur annĂ€hernd geahnt hĂ€tte, welche kriminellen und trickreichen Energien seine Frau und ich gerade entwickelten, wĂ€re er restlos schockiert gewesen und hĂ€tte uns wohl fĂŒr viele Jahre in einer Zelle in der nĂ€chstgelegenen Frauenvollzugsanstalt einsitzen gesehen.
PĂŒnktlich wartete ich am Mittwochmorgen vor dem verabredeten Treffpunkt. Ich hatte eine Bushaltestelle mit Lukas ausgemacht, weil meine ‚Tante’ bereits sehr frĂŒh zur Arbeit fahren mĂŒsste. Er schöpfte keinen Verdacht.
Wir saßen in seinem Wagen, einem gerade mal zwei Jahre alten BMW3er Touring, und ich spielte meine Rolle so ĂŒberzeugend, dass ich mich nur noch ĂŒber mich selbst wundern konnte. Am ersten Halt verschwand ich auf dem Klo in der Toilettenkabine, wĂ€hrenddessen sich Lukas ans Becken stellte.
SpĂ€ter aßen wir an einer RaststĂ€tte zu Mittag. „Du isst Salat? Das ist ja klasse. Die meisten Jungen futtern bloß Hamburger. Völlig ungesunde ErnĂ€hrung.“
Ich schmunzelte und genoss meinen gemischten Salatteller. Nur die obligatorische Tasse Kaffee begann mir zu fehlen. Wahrscheinlich war ich genau wie Millionen anderer BundesbĂŒrger bereits sĂŒchtig nach dem Koffein.
Ich beschloss, mir bei nĂ€chster Gelegenheit ein paar Beutel mit fertiger Mischung zu besorgen und heimlich in meinem Zimmer eine Kaffeeorgie zu zelebrieren. Das Hotel, in dem wir am spĂ€ten Nachmittag ankamen, lag ganz in der NĂ€he der Messehallen. Wir konnten problemlos alles zu Fuß erreichen und Lukas meinte, unsere AusflĂŒge wĂŒrden wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen. Sein Zimmer lag gleich neben meinem.
Fröhlich warf ich meinen Rucksack aufs Bett und prĂŒfte die Matratze, wie es Jugendliche in meinem Alter zu tun pflegten, indem ich kurzerhand hinterher sprang. Die Einrichtung ließ keine WĂŒnsche offen. Ich steckte die Karte fĂŒr das TĂŒrschloss sofort in meinen Brustbeutel. Als ich den Hotelprospekt las, trauerte ich etwas um das schicke Hotelschwimmbad. Meine Brust verhinderte vorerst noch öffentliches Baden als Junge.
Abends suchten wir uns ein nettes, kleines Lokal am Rheinufer, aßen etwas und schlenderten danach an der Rheinpromenade entlang. FĂŒr Oktober war es noch außergewöhnlich warm. Viele Menschen genossen wie wir einen Spaziergang am Wasser. Überall leuchteten Reklameschilder, brannten Lichter und ich saß, wie ein junger Bursche, um halb zehn Uhr noch eisschleckend auf der hohen Mauer, die mich vom langsam dahin plĂ€tschernden Vater Rhein trennte.
Aus dem herrlich klaren Himmel funkelten Abermillionen Sterne auf uns herab. Lukas erklĂ€rte mir geduldig die Sternbilder. Nur widerwillig folgte ich ihm ins Hotel. Um kurz nach zehn Uhr wĂ€re Bettzeit fĂŒr mich, hatte er beschlossen. Das hatte ich jetzt davon, dass ich wie ein Junge rĂŒberkam. Ich bat mir aus, noch einen Moment fernsehen zu dĂŒrfen. Meinen Wecker stellte ich rechtzeitig auf halb sieben Uhr, so dass ich am anderen Morgen genĂŒgend Zeit haben wĂŒrde, um mich zu duschen und anzuziehen.
Alles lief planmĂ€ĂŸig. Wir trafen uns wie verabredet um halb acht Uhr morgens vor meinem Zimmer und machten uns zum FrĂŒhstĂŒcksraum auf. Ich trank erst einmal einen schwarzen Tee, in der Hoffnung wenigstens so auf mein Quantum Suchtstoff Koffein zu kommen. Lukas merkte es nicht und ich genoss den Geschmack des GetrĂ€nks.
Den Rest des Vormittags und Teile des Nachmittags verbrachten wir im Kongresszentrum. Die VortrĂ€ge waren interessant und ich verstand mehr, als Lukas ahnte. Ich musste nur aufpassen, ihm nicht zu kluge Fragen zu stellen. Wir hatten unsere Schlittschuhe mitgenommen und am Abend drehten wir unsere Runden auf dem Eis. Lukas war von meinen FĂ€higkeiten sehr angetan und fragte mich, warum ich in meinem Alter schon so gut Eislaufen konnte. Ich schmunzelte bloß und zeigte ihm einige Schritte.
Die folgenden Tage waren mit AktivitĂ€ten angefĂŒllt und ich fĂŒhlte mich herrlich entspannt. Gerne hĂ€tte ich auch der transsexuellen Selbsthilfegruppe in Köln einen Besuch abgestattet, aber das ging ja leider nicht, ohne Lukas meine wahre IdentitĂ€t preiszugeben. Den Dom hatten wir natĂŒrlich auch besichtigt und an einer StadtfĂŒhrung teilgenommen.
Am letzten Abend saßen wir gerade in einem noblen Restaurant beim Essen, als plötzlich ein junger Mann auf Lukas zukam. Er umarmte ihn und kĂŒsste ihn zur BegrĂŒĂŸung auf den Mund. Lukas sah mich etwas erschrocken an.
Na also. Mein Verdacht hinsichtlich Lukas‘ HomosexualitĂ€t bestĂ€tigte sich damit.
„Ist schon okay, Lukas. Ich bin doch kein kleines Kind mehr“, entrĂŒstete ich mich betont vorwurfsvoll. „Du hĂ€ttest mir aber ruhig sagen können, dass du schwul bist!“ Jetzt war es heraus. Er hatte keine Chance mehr, seine Ausrichtung zu verbergen. „Gut, wir reden spĂ€ter darĂŒber“, sagte er ruhig und schien ĂŒber die unerwartete Entwicklung gar nicht so unglĂŒcklich zu sein.
Er stellte mich dem Freund vor, der ein ehemaliger Studienkollege war, und erzĂ€hlte ihm vom Grund unseres Kölnaufenthalts. Der junge Mann hieß Steven und war jetzt in Köln als Techniker bei einer Computerfirma angestellt. Sie verabredeten im Anschluss an unser Essen, eine Bar zu besuchen.
Ich zog gleich meine Jacke ĂŒber. Neugierig und voller Vorfreude trieb ich die beiden zur Eile an. Vielleicht wĂŒrden wir in eine Schwulenbar gehen? Aber da hatte ich die Rechnung ohne meinen Freund Lukas gemacht.
„Christian, ich bringe dich jetzt ins Hotel zurĂŒck und dort bleibst du, verstanden? Du kannst fernsehen und auch gerne noch ins Schwimmbad runtergehen, aber du verlĂ€sst das Hotel nicht eigenmĂ€chtig, ist das bei dir angekommen? Ich spreche mit dem Bediensteten an der Rezeption, damit er ein Auge auf dich hat. Du machst mir sonst zu viel Blödsinn.“
„Kann ich nicht mit euch kommen? Ich bin ganz artig. Und schwul bin ich ĂŒbrigens auch!“, rief ich laut aus. NatĂŒrlich war mir klar, welche Reaktion ich damit heraufbeschwor. Die ließ auch nicht lange auf sich warten. Meine frechen Worte waren anscheinend selbst Steven peinlich. Er zog mich rasch aus dem teuren Restaurant, wĂ€hrend Lukas den Ober herbeirief und die Rechnung bezahlte.
Lukas Augen waren sehr schmal geworden, als er auf der Uferpromenade wieder bei uns stand. So wĂŒtend hatte ich ihn noch nie erlebt und ich machte mich auf das Schlimmste gefasst.
„Ist ja schon gut. Reg dich ab und mach bloß keinen Fehler. Kinder schlagen ist nĂ€mlich verboten“, beeilte ich mich zu klugscheißen und zuckte gespielt Ă€ngstlich zusammen, als erwartete ich tatsĂ€chlich im nĂ€chsten Moment eine Kopfnuss.
Lukas atmete ein und bemĂŒhte sich um Haltung. Mit zusammengebissenen ZĂ€hnen zischte er: „In Holland nicht! Und jetzt weiß ich, was Schwester Gabi meinte, als sie sagte, du brauchst eine harte Erziehung. Deine Tante tut mir leid, sie hat es bestimmt nicht leicht mit einem RĂŒpel wie dir.“
Er legte mir seine Hand schwer in den Nacken. Autsch. Das drĂŒckte und tat verflucht weh! Weil ich natĂŒrlich als MĂ€dchen aufgezogen und sozialisiert worden war, kannte ich derartige schmerzhafte Erziehungsmaßnahmen selbstredend nicht.
Ich ĂŒberlegte. Sich jetzt zu outen, hĂ€tte die beiden sicher nur zum unglĂ€ubigen Lachen gebracht. Wahrscheinlich wĂ€re Lukas dann erst richtig wĂŒtend geworden, wenn ich ihm erklĂ€rt hĂ€tte, biologisch eigentlich eine erwachsene Frau zu sein.
Ich beschloss deshalb, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Es erschien mir auch gerecht. Ich hatte A gesagt und nun war B fĂ€llig. Also hieß es, die Rolle bis zum bitteren Ende weiter zu spielen.
Ich versuchte dem Druck auf meinem Hals zu entkommen, indem ich die Schultern hochzog. Das half aber nichts, sondern löste, wie ich entsetzt bemerkte, genau das Gegenteil aus. Der Griff lockerte sich nicht, sondern wurde dadurch nur noch fester.
„Entschuldige, ich wollte nicht frech sein. Es tut mir wirklich sehr leid!“, sagte ich leise und meinte es sogar ehrlich damit. Lukas hatte mir wunderschöne, unbeschwerte Tage der Entspannung und Erholung geschenkt, so dass ich mich im Moment tatsĂ€chlich schlecht fĂŒhlte und absolut nicht wollte, dass wir im Streit auseinander gingen.
„Deine Hand tut weh. Ich komme mit zum Hotel und verspreche, mich dort anstĂ€ndig zu benehmen. Mach dir einen schönen Abend mit Steven. Ihr habt euch sicher viel zu erzĂ€hlen“, versuchte ich die Situation zu retten.
Mit Erfolg. Lukas‘ Hand wurde weich. Er legte sogar, wĂ€hrend wir uns in Bewegung setzten, freundlich wie ein großer Bruder, seinen Arm um mich. Ich fĂŒhlte dabei etwas Eigenartiges in mir aufsteigen. Eine noch nie gekannte WĂ€rme durchflutete mein Herz und vor meinem inneren Auge sah ich plötzlich meine Eltern lĂ€cheln.
Gedanken und GefĂŒhle schwirrten durch meinen Kopf. Sollte Lukas der Mann sein, der fĂŒr mich vorgesehen war? Eine zaghafte ZĂ€rtlichkeit lag in seinem Blick, als ich zu ihm aufsah. Ich lĂ€chelte und schĂ€mte mich der winzig kleinen TrĂ€ne im Auge nicht.
Tief in mir drinnen ahnte ich, was in diesen Augenblicken von mir Besitz ergriffen hatte und dankte meinem Schöpfer dafĂŒr. Liebe konnte einen in den Himmel empor tragen und ĂŒber den Wolken schweben lassen. Doch sie konnte im Gegenzug auch unsagbaren Schmerz verursachen.
Aber welche Wahl blieb mir? Gab es ĂŒberhaupt eine? Wenn die Liebe erst da war, konnte man sich dann noch erfolgreich von ihr abwenden?
Schweigend ließ ich alle aufsteigenden GefĂŒhle zu. Ich dachte auch an meinen Freund Rolf, der auf dem Friedhof das Grab seiner Frau pflegte. Hatte er nicht gesagt, alles wĂ€re von Gott vorbestimmt?
Ich ließ mich von Lukas in mein Zimmer bringen, legte zum Abschied liebevoll die Hand auf seinen Arm und wĂŒnschte ihm alles Gute mit Steven.
Ein paar Minuten spÀter lag ich allein und heulend vor Eifersucht auf dem Bett. Die Welt drehte sich um mich. Ich flog erst hoch zu den Sternen hinauf und fuhr danach auf einer riesigen Achterbahn durchs All.
Irgendwann musste ich erschöpft eingeschlafen sein. Tief in der Nacht erwachte ich und dachte in der Finsternis an den vergangenen Abend, der mein Leben von einer Sekunde zur anderen so grundlegend verÀndert hatte.
Ich liebte. Es war das schönste GefĂŒhl, dass ich mir jemals vorstellen konnte.
Vorsichtig zog ich mich im Dunkeln aus. Das tiefe wundersame Empfinden der Liebe sollte nicht durch das grelle Licht einer Nachttischlampe vertrieben werden. Ich wollte den Höhenflug solange es nur möglich war, spĂŒren. Wenn es nach mir ging, dann wĂŒrde dieser Traum niemals enden.
Doch irgendwann musste ich dem geliebten Menschen die Wahrheit sagen. Wie wĂŒrde er darauf reagieren? Teilte er ĂŒberhaupt meine GefĂŒhle? Liebte auch er mich? Hatte ich womöglich durch meine LĂŒge bereits alles zunichte gemacht, bevor es erst richtig anfangen konnte?
Zweifel begannen an mir zu nagen. Ich spĂŒrte Schuld aufkommen, die schwerer auf meiner Seele lastete, als Lukas‘ Hand auf meiner Schulter am Abend zuvor. Ich betete und bat Gott verzweifelt, alles gut werden zu lassen. TrĂ€nen rannen auf einmal ĂŒber mein Gesicht. Schluchzend starrte ich in die tiefschwarze Nacht.
Vom Himmel fiel ich hinab in die Hölle. Ich litt die grausamsten Qualen in meinem Leben. Selbst der Tod meiner geliebten Eltern hatte nichts der so plötzlich auftretenden Angst entgegenzusetzen, dieses grĂ¶ĂŸte und vielleicht einzige GlĂŒck meines Lebens möglicherweise schon wieder fĂŒr immer verloren zu haben.
Ich schĂ€mte mich ĂŒber meine Schadenfreude und den Schabernack, den ich Lukas gespielt hatte und fĂŒr den ich so leichtfertig das Risiko eingegangen war, das zarte PflĂ€nzchen einer gemeinsamen Liebe wieder zu zerstören.

Am Morgen nahm ich natĂŒrlich den Wecker nicht rechtzeitig wahr. Ich hatte mein Zimmer abgeschlossen und erwachte erst, als ich Lukas Stimme draußen hörte. Er klopfte energisch gegen die TĂŒr.
„Bist du endlich wach, Christian? Es ist Zeit fĂŒrs FrĂŒhstĂŒcken!“
„Ja“, wollte ich rufen, doch meine Stimme versagte. Der Ton blieb mir im Hals stecken. Lukas klopfte lauter. Es klang fast panisch. Auch ich bekam wahnsinnige Angst. Meine Stimme war plötzlich vollstĂ€ndig weg!
Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und schrie nach ihm. Erst kam nur ein verzweifeltes KrÀchzen.
„Alles okay, ich komme gleich“, hörte ich plötzlich eine Person laut sagen und erschrak. War ich das gewesen? Der Ton kam mir fremdartig vor. So hatte ich mich noch nie gehört.
„Ich hab verschlafen, Lukas, es tut mir leid. Ich dusche schnell und packe“, rief ich.
„Alles in Butter, Kleiner. Lass dir Zeit und komm dann zum FrĂŒhstĂŒcken. Ich gehe schon runter. Aber pass auf, dass du nichts vergisst, wenn du das Zimmer verlĂ€sst“, antwortete er. „Mache ich.“
MerkwĂŒrdig. Ich war heiser, so viel stand fest. Aber ich hatte keine Halsschmerzen, wie sonst, wenn ich erkĂ€ltet war. WĂ€hrend ich mich rĂ€usperte, spĂŒrte ich keinerlei Kratzen oder Kribbeln. Nur die Stimme blieb tief. Mir war etwas komisch zumute.
Hoffentlich merkte Lukas nichts von dem, was ich in der Nacht durchgemacht hatte. Wir wĂŒrden einen Weg finden. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann. Da war ich mir sicher. Wenn wir zusammen kommen sollten, wĂŒrden wir es tun.
Ich beeilte mich und zog meine Brustbinde fester um den Oberkörper. Fast bekam ich keine Luft mehr. Ein letzter Blick in den Spiegel. Ich wollte mich gerade abwenden, da drehte ich meinen Kopf noch einmal zurĂŒck.
Das Sonnenlicht fiel durch das Zimmerfenster ins Bad hinein, brach sich im Spiegel und ließ meine Oberlippe merkwĂŒrdig dunkel schimmern. Ich dachte, ich hĂ€tte mich nicht vollstĂ€ndig gewaschen, nahm das Handtuch und machte es unter dem Wasserhahn etwas nass. Als ich ĂŒber den Mund wischte, sah ich kleine dunkelblonde HĂ€rchen unter meiner Nase wachsen.
Es war kein Schmutz. Es war beginnender Bartwuchs, der zunÀchst nur als sanfter weicher Flaum den Anflug eines Oberlippenbartes markierte.
UnglĂ€ubig starrte ich die Person im Spiegel an. Kleine unscheinbare VerĂ€nderungen fielen mir plötzlich auf. Mein Gesicht wirkte anders als sonst. MĂ€nnlicher, dachte ich. Gleichzeitig fĂŒhlte ich einen starken Geschlechtstrieb an einer Stelle zwischen meinen Beinen, wo mir nachweislich ein bestimmter Körperteil noch fehlte.
Ein merkwĂŒrdiges Verlangen kam auf. Ich fuhr mit der Hand in meine Hose. Es geschah so automatisch, dass ich gar nichts dagegen tun konnte. Ich fĂŒhlte, wie meine Klitoris dick anschwoll. Meine Hand begann mechanisch darauf zu reiben, um mir Erleichterung zu verschaffen. Ich hatte keine Zeit mehr, fiel mir im selben Moment ein. Lukas wartete unten auf mich. Die Erregung wurde immer stĂ€rker. Ich konnte an nichts anderes mehr denken und öffnete wie in Trance meine Hose. Dann knĂŒllte ich mir ein Handtuch zwischen die Beine, warf mich aufs Bett und wĂ€lzte mich solange auf der Bettdecke hin und her, bis mich ein erlösender Orgasmus durchschĂŒttelte.
Zitternd und stöhnend kam ich langsam wieder zur Ruhe. Ich atmete durch. Whow! Das war ja wahnsinnig gewesen. Lukas, fiel mir wieder ein. Ich muss runter, dachte ich panisch. Oh Gott, dass er bloß nichts merkt!
Fahrig begann ich, die Spuren meiner ersten mĂ€nnlichen Selbstbefriedigung zu beseitigen. Das zerwĂŒhlte Handtuch warf ich auf den Boden. Ich musste ScheidenflĂŒssigkeit verloren haben, denn es fĂŒhlte sich an einer Stelle feucht an. Du hast gerade als Junge onaniert, schoss es durch meinen Kopf. Und einen Oberlippenbart hast du auch schon.
„Leck mich am Arsch“, sagte eine mir bis dato unbekannte Stimme, mit der ich laut gesprochen hatte. Sie hörte sich merkwĂŒrdig an, so sprach kein Knabe. Das waren ziemlich tiefe Töne. Ich stutzte. VerrĂŒckt! Hatte ich etwa ĂŒber Nacht meinen Stimmbruch bekommen?
Ich bin ein Mann, dachte ich und lachte ĂŒberglĂŒcklich laut auf. Fast hĂ€tte ich in meinem Enthusiasmus vergessen, den Wecker einzustecken. ÜbermĂŒtig nahm ich meine Sachen, schlug die ZimmertĂŒr hinter mir zu und rannte zum Fahrstuhl.
„Hey, du vermaledeiter Bengel, geht’s vielleicht noch lauter? UnverschĂ€mtheit!“, rief eine Frau wĂŒtend hinter mir. Ich beachtete sie nicht, stĂŒrzte mich in den Fahrstuhl und drĂŒckte auf den Knopf fĂŒr das Erdgeschoss. Die Frau fluchte und zeterte, als ich ohne sie abfuhr.
Lukas saß bereits am Tisch im FrĂŒhstĂŒcksraum und las in der Zeitung. „Sorry“, krĂ€chzte ich und schmiss ihm frech meinen Rucksack vor die FĂŒĂŸe.
„Hast du dich erkĂ€ltet?“, fragte er besorgt. „Nö, mein Hals tut gar nicht weh, aber da ist was mit meiner Stimme nicht in Ordnung“, entgegnete ich. „Ach, und ich brauche bald einen Rasierapparat, guck mal hier“, setzte ich nach und schob meine Nase vor die seine.
„Na, herzlichen GlĂŒckwunsch. Deine arme Tante. Stimmbruch, Bartwuchs und das alles in vier Tagen Urlaub in Köln!“
Er nahm lachend meinen Kopf in beide HĂ€nde und zog mich an sich. „Komm her, du Held. Jeder wird irgendwann zum Mann, auch du.“ Leise raunte er mir ins Ohr: „Hast du auch schon onaniert?“ Ich wurde rot im Gesicht und wandte mich verschĂ€mt lĂ€chelnd von ihm ab.
Nach dem FrĂŒhstĂŒck brachten wir unser GepĂ€ck ins Auto. Ich blickte wehmĂŒtig auf die Kölner Skyline zurĂŒck, als wir auf die Autobahn zusteuerten. WĂ€hrend der Fahrt ertappte ich mich dabei, wie ich Lukas verliebt von der Seite ansah.
Wir kamen gut durch. Am Abend setzte er mich zu Hause ab. Ich hatte ihn vorsorglich zu Tante Henny gelotst und gehofft, er wollte sie heute Abend nicht mehr kennenlernen. Er war in der Tat genauso mĂŒde wie ich. Wir verabschiedeten uns im Wagen. Ich schlang spontan meine Arme um seinen Hals und kĂŒsste ihn auf die Wange. Er zog mich an sich und drĂŒckte mich fest. Dann erwiderte er meinen Kuss. Ich spĂŒrte ein starkes Zittern in ihm und freute mich. Abrupt ließ er mich los, als er seinen GefĂŒhlsausbruch bemerkte.
Zuhause im Wohnzimmer gönnte ich mir noch ein Glas Rotwein, bevor ich mich schlafen legte. Verliebt murmelte ich seinen Namen.
Als ich Henny am nÀchsten Morgen anrief, fragte sie gleich, ob ich mich erkÀltet hÀtte. Meine Stimme klÀnge so heiser. Ich beruhigte sie und erzÀhlte vom Stimmbruch, vom Bartwuchs und von Lukas. Meine aufkeimende mÀnnliche SexualitÀt verschwieg ich ihr.
Sie lachte und meinte, die Stimme wĂ€re gewöhnungsbedĂŒrftig. SpĂ€ter am Nachmittag traf ich Gabi im Krankenhaus. Lukas hatte noch drei Tage lĂ€nger Urlaub genommen, hörte ich. Er fehlte mir.
Auch Gabi und die anderen Schwestern und Ärzte waren erstaunt ĂŒber meine neue Stimmlage.
„Erst jetzt, wo ich sehe, wie du dich verĂ€nderst, wird mir die ganze Tragweite klar“, sagte Jan, einer der Pfleger.
Ich stutzte. Er hatte Recht. Irgendwie fĂŒhlte ich etwas Ähnliches. Da geschah etwas mit mir, dass ich mir zwar sehnlichst wĂŒnschte und von dem ich ein Leben lang getrĂ€umt hatte, das mir aber gleichzeitig auch eine merkwĂŒrdige Angst bereitete.
Eine solche Angst hatte ich schon einmal gespĂŒrt. Das war damals gewesen, als ich zur biologischen Frau wurde.
Gabi fragte nach Lukas. Sie erzĂ€hlte aber gleich, dass sie inzwischen einen neuen Favoriten hĂ€tte. So berichtete ich ihr wahrheitsgemĂ€ĂŸ von Lukas und Steven. Sie lachte und meinte, das wĂ€re doch typisch. Wenn einmal ein Mann gut aussĂ€he und ihr gefiele, dann wĂ€re er garantiert entweder schon vergeben oder schwul!
Am nÀchsten Tag hatte ich wieder einen Termin bei Frau Doktor Vollmer. Auf dem Zahnfleisch betrat ich die Praxis.
Sie sah mich neugierig und aufmerksam an, als ich in gewohnter Manier vor ihr saß.
„Was gibt’s Neues, Herr Rieger?“ Ihre Lippen zogen sich zu einem vielsagenden Schmunzeln zusammen. „Nun machen Sie es doch nicht so spannend fĂŒr mich.“
Ich lehnte mich im Stuhl zurĂŒck und begann. Die letzten Tage lagen nach einer Weile ausgebreitet wie auf dem PrĂ€sentierteller vor meiner Therapeutin. „Ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht“, schloss ich meinen Bericht.
Sie hatte mir geduldig zugehört. „Ja, das denke ich auch. Da mĂŒssen wir uns wohl um Schadensbegrenzung bemĂŒhen. Herr Rieger, ich könnte Sie schĂŒtteln! Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Alltagstest hin oder her, es hat doch alles seine Grenzen!“
Ich fĂŒhlte mich schuldig und konnte kaum die TrĂ€nen zurĂŒckhalten. „Ich wĂŒrde es gerne ungeschehen machen, aber das geht leider nicht“, schluchzte ich. „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“
Sie zeigte sich empört und sprachlos. „Meiner Meinung nach? Gehen Sie zu ihm und sagen Sie ihm schnellstens die Wahrheit! Sie sind kein Kind mehr. Das muss Ihnen doch auch schon in den Sinn gekommen sein. Eine LĂŒge hat in diesem Fall keinen Bestand. Und sie wird sie immer weiter voneinander trennen, je lĂ€nger sie zwischen Ihnen beiden existiert.“
„Und wenn er mich gar nicht so liebt, wie ich glaube?“
„Frau, Ă€h, ach, Herr Rieger, die Anrede ist jetzt auch egal, es gibt keine Garantien im Leben! Das gehört alles in die Rubrik Lebensrisiko und das werden Sie eingehen mĂŒssen, ob Sie es nun wollen oder nicht. Tut mir leid. Finden Sie sich damit ab.“
Sie schien verĂ€rgert zu sein. Was sie sagte, stimmte natĂŒrlich. Ich konnte mein Leben genau so wenig voraussehen, wie alle anderen Menschen auch. Zu dem Problem des Geschlechtswechsels hatte sich dank meiner GefĂŒhle fĂŒr Lukas nun also auch noch ein Beziehungsproblem gesellt.
„Der Stimmbruch ist da und ich sehe schon kleine VerĂ€nderungen an Ihnen. Wie geht es Ihnen damit?“, fragte Frau Doktor Vollmer. Die Last auf meiner Seele schob sich damit ein klein wenig in den Hintergrund.
„Sehr gut, ich bin völlig aus dem HĂ€uschen gewesen, als ich es bemerkt hatte. Die Libido wird stĂ€rker. Das liegt am Testosteron. Ich vertrage es sonst gut. Ein paar PubertĂ€tspickel sind hier und da aufgetreten. Aber ich schmiere gleich Salbe drauf, wenn ich welche entdecke.“
„Gut. Sie haben einen dreiwöchigen Spritzenturnus, nehme ich an? Sind hinsichtlich der Operation schon Entscheidungen gefallen?“, fragte sie und lenkte das GesprĂ€ch bewusst in eine andere Richtung.
„Ich habe mich noch nicht endgĂŒltig entschlossen, aber ich denke, dass fĂŒr mich die kĂŒrzeste Verweildauer im Krankenhaus ausschlaggebend werden wird. Ein Freund ist Rechtsanwalt und muss die KostenĂŒbernahme mit der PKV und der Beihilfestelle verhandeln.“
Sie schĂŒttelte den Kopf. „Zu verhandeln gibt es da eigentlich nichts. Wenn die PrĂ€gung diagnostiziert wurde und ein Attest vorliegt, können Sie sich operieren lassen. Der medizinische Weg und der rechtliche Weg sind zwei völlig getrennte Schritte.“
Ich horchte auf. Gehört hatte ich schon in den Selbsthilfegruppen davon. Aber meine Operation lag noch in ziemlich weiter Ferne, deshalb hatte ich mir noch nicht so viele Gedanken darĂŒber gemacht und glaubte, ich brĂ€uchte die beiden Gerichtsgutachten auch fĂŒr die Krankenversicherung. Jetzt erfuhr ich, dass diese Annahme völliger Quatsch war.
„Dann könnten vielleicht auch Sie mir ein Attest fĂŒr die Krankenversicherung ausstellen?“, fragte ich verwundert und angenehm ĂŒberrascht zugleich. Sie nickte. „Es wird aber diesen Monat nichts mehr, Herr Rieger. Ich fahre nĂ€chste Woche zu einer Fortbildung. Wir mĂŒssen deshalb auch unsere GesprĂ€chstermine noch einmal durchgehen.“
Nach der Sitzung trank ich Kakao in meiner LieblingsbĂ€ckerei und bestellte mir ein großes StĂŒck Erdbeerkuchen. Mit dem Ă€rztlichen Attest von Frau Doktor Vollmer konnte Frieder die KostenĂŒbernahme fĂŒr die große Operation beantragen. Vor den Sommerferien war der Eingriff ja nicht mehr möglich, aber ich könnte mich bei meinem Chirurgen noch einmal melden und mir schon den Operationstermin holen. Meine Wahl war in diesen Augenblicken endgĂŒltig auf die Berliner Methode gefallen.
Auf der RĂŒckfahrt von Frau Doktor Vollmer aus der Landeshauptstadt zur NordseekĂŒste kam ich in eine Verkehrskontrolle. Ich gab dem netten Polizisten beruhigt neben dem FĂŒhrerschein auch die Alltagstestbescheinigung aus dem Klinikum. Er staunte erst und lĂ€chelte dann. Ich konnte weiter fahren.

Die nĂ€chsten Tage verliefen zwar ohne Katastrophen an der OberflĂ€che, aber die innere Katastrophe, welche sich mein Gewissen nannte und mir nahezu rund um die Uhr einen bestimmten Namen zuflĂŒsterte, brachte mich schier an den Rand des Wahnsinns.
Die Angst vor Lukas und einer Wahrheit mit ungewissem Ausgang ins Auge sehen zu mĂŒssen, raubte mir den Verstand. TagsĂŒber konnte ich mich kaum noch konzentrieren, was auch kein Wunder war, denn nachts schlief ich, wenn ĂŒberhaupt, allenfalls mal zwei oder drei Stunden. Und das auch nur, weil mein Körper sich den Schlaf, den er fĂŒr die Aufrechterhaltung seiner lebensnotwendigen Funktionen benötigte, ganz einfach holte.
Ich lief wie ein Gespenst durch die Welt und sah nach kĂŒrzester Zeit auch so aus. Völlig elend stand ich am Elterngrab auf dem Friedhof und musste erleben, wie mich wildfremde Leute dort ansprachen und fragten, ob mir nicht gut wĂ€re.
Ja, mir war in der Tat nicht gut. Aber was sollte ich tun? Einfach zu ihm spazieren und sagen, du ich hab dir etwas vorgespielt, ich bin gar kein Junge von dreizehn Jahren, sondern ein Transsexueller und ein dreißigjĂ€hriger Mathelehrer, der sich rettungslos in dich verliebt hat?
Das erschien mir keine besonders gute Idee zu sein. Ich schleppte mich also durch den Rest der Ferien.
Wenigstens hatte ich keine neuen Arzttermine oder sonst irgendwelche Treffen bei der Selbsthilfegruppe. Henny war mit Frieder zu den Schwiegereltern nach SĂŒddeutschland verreist. So durfte ich ein paar Tage nahezu ungestört vor mich hinvegetieren.
In der Kleinstadt gehörte ich nicht mehr zum tĂ€glichen Klatsch. Als die Schule wieder anfing, fragten mich allerdings meine Kids und natĂŒrlich Henny erschrocken nach meinem Befinden. Auch die Kollegen meinten, ich sĂ€he krank aus und boten mir ihre Hilfe an.
Henny nahm mich dann auch kurzerhand zur Seite. Meiner besten Freundin konnte ich nichts mehr verheimlichen. In der ersten großen Pause gestand ich ihr alles. Ich flehte sie allerdings im selben Atemzug an, nicht wieder nach meinem Handy zu fragen.
Sie nahm mich spontan in die Arme. „Liebes, das hatte ich auch nicht vor. Aber ich werde ganz traurig, wenn ich dich in diesem Zustand sehe. Ich denke mir etwas aus, wobei, das wird nicht leicht. Du hast entsetzliche Angst, hm?“ Sie schaute mich mitfĂŒhlend an.
Ich konnte die TrĂ€nen nicht mehr zurĂŒckhalten. Sie schob mich abrupt in die Damentoilette, die ich eigentlich im Alltagstest gar nicht mehr aufsuchen durfte. Als ich mich ausgeheult hatte und mein Gesicht mit kaltem Wasser abspĂŒlte, fĂŒhlte ich mich etwas besser. Mit Henny hatte ich wenigstens jemand an meiner Seite, der mich verstand.
Sie drĂŒckte mich. „Kopf hoch, wir kriegen das hin. Versuch, an was anderes zu denken. Noch ist nichts verloren. Er hat ja keine Ahnung und irgendetwas wird uns schon einfallen.“
Uff, das tat gut. Ich wurde langsam wieder mehr Mensch und in den folgenden Tagen nahm mein Gesicht auch ein wenig Farbe an.
Mein Stimmbruch schritt voran. Im Sportstudio durfte ich mit dem Krafttraining beginnen. Begeistert darĂŒber begann ich, meine Muskeln aufzubauen und freute mich schon bald ĂŒber erste Erfolge. Die Brust störte und ich ĂŒberlegte, sie noch vor der großen Operation entfernen zu lassen. Entschlossen rief ich meine FrauenĂ€rztin an.
Eine Woche spĂ€ter saß ich bei ihr und erzĂ€hlte ihr von meinem Wunsch. Sie meinte, dass auch die Brust einer permanenten Tumorgefahr ausgesetzt war und sie angesichts des transsexuellen Behandlungswegs und der bereits erfolgreich durchgefĂŒhrten Hormontherapie nichts gegen die Entfernung der Brust einzuwenden hĂ€tte. Wir vereinbarten mit dem Krankenhaus als Diagnose nicht die TranssexualitĂ€t zu nehmen, da ich hierfĂŒr ja noch keinerlei AntrĂ€ge gestellt hatte und ich Frieder damit erst beauftragen konnte, wenn die Stellungnahme von Frau Doktor Vollmer vorlag.
Der Eingriff wurde wĂ€hrend der Weihnachtsferien in der Frauenklinik in einer anderen Stadt vorgenommen. Man ging dort auch auf meinen Alltagstest ein und gab mir ein Einzelzimmer. Das gute Operationsergebnis machte mich restlos glĂŒcklich. Da meine Brust ohnehin nicht viel Umfang besaß, hielt sich der Aufwand in Grenzen und das Resultat war bemerkenswert. Stolz und zufrieden fuhr ich mit einer flachen Knabenbrust nach Hause.
Lukas hatte ich wĂ€hrend der ganzen Zeit im Krankenhaus, wenn ich dort zum Unterricht fĂŒr die Kids war, kaum gesehen und konnte der direkten Konfrontation mit ihm stets geschickt ausweichen. Er musste allerdings fĂŒr eine Weile nach Heidelberg an seine UniversitĂ€t fahren und Gabi erzĂ€hlte mir, dass er zusĂ€tzlich privaten Urlaub genommen hatte. Diese Tage waren so etwas wie eine Galgenfrist fĂŒr uns gewesen.
Am dritten Januar war sie vorbei. Lukas meldete sich bei Henny.
Sie erwies sich wieder einmal als beste Freundin und spielte weiter die Tante, gab ihm jedoch auf seine Bitte hin meine Anschrift. Wir hatten uns wegen meiner Wohnung eine plausible ErklĂ€rung ausgedacht. Als Lehrerin und Ehefrau eines Rechtsanwaltes konnte sie es sich leisten, mir mein Erbe, das aus der Eigentumswohnung meiner Eltern bestand, zu erhalten. Ab und zu war ich daher in der elterlichen Wohnung. Henny rief mich im Anschluss an den ĂŒberraschenden Besuch an.
„So“, meinte sie energisch. „Das, mein lieber Neffe, war die letzte Schwindelei von Tante Henriette. Du wirst deinem Lukas jetzt umgehend die Wahrheit sagen. Er macht einen ziemlich desolaten Eindruck und die Tante streikt ab sofort.“ Ich dankte ihr, lachte kurz gezwungen auf und versprach zu gehorchen.
„Du hast ja Recht, Henny. Ihr habt alle Recht und ich fĂŒhle mich echt Scheiße“, jammerte ich und legte zitternd den Hörer auf.
Die Stunde der Wahrheit nahte. Wie wĂŒrde er auf mein LĂŒgengebilde reagieren? Weder Henny noch ich ahnten freilich, wie schlimm es wirklich um Lukas stand.
Als er an meiner TĂŒr klingelte, bat ich ihn mit klopfendem Herzen herein. Überrascht sah er sich um.
„Deine Tante hat mir alles erzĂ€hlt. Ich hatte ja keine Ahnung. Schön, dass das Jugendamt auch mal flexibel reagiert und Kindern, die schon den Verlust der Eltern verkraften mĂŒssen, wenigstens die gewohnte Umgebung erhĂ€lt, wenn das, wie bei dir, so gut möglich ist. Du hast aber eine sehr nette Tante!“
Ich bot ihm den Sessel an. „Setz dich, möchtest du eine Cola?“
Oh, Gott, dachte ich dabei und wankte zum Wohnzimmerschrank, um ihm ein Glas zu holen. Dann setzte auch ich mich und fasste mir ein Herz. „Du, Lukas, ich muss dir etwas sagen“, begann ich zögernd. Er blickte mir warmherzig in die Augen und sah dabei sehr traurig aus.
„Ich muss auch mit dir sprechen, Christian. Und ich glaube, es ist besser, wenn ich anfange. Weißt du, du bist ein außergewöhnlicher Junge und es wundert mich nicht, dass dich die Menschen mögen. Und ich mag dich auch, Chris. Aber ich mag dich in einer Weise, die nicht erlaubt ist. Das heißt, ich habe große Angst davor, etwas Furchtbares zu tun. Ein Mann und ein Junge dĂŒrfen nicht zusammen sein. Wenn du erst achtzehn bist, ist das etwas anderes. Chris, wir dĂŒrfen uns privat nicht mehr sehen. Im Krankenhaus ist das nicht schlimm, da sagen wir „Hallo“ und sorgen dafĂŒr, dass immer jemand bei uns ist. Aber so etwas wie eine Reise nach Köln oder Fahrten nach Hamburg gehen vorerst nicht mehr. Ist das okay fĂŒr dich?“
Ich starrte ihn an. TrĂ€nen schossen mir in die Augen. Ich hatte ihn sofort verstanden. Mir schnĂŒrte sich die Kehle ab. Eine große Schuldlast lag auf meiner Seele. Ich fĂŒhlte mich entsetzlich schlecht. Er musste Höllenqualen in den letzten Wochen durchlitten haben.
Meine Rolle, mein Äußeres, war so perfekt gewesen, dass Lukas anscheinend glaubte, pĂ€dophiles Verhalten zu entwickeln. Vielleicht hatte er sich sogar schon im Knast gesehen? , dachte ich und schlang meine Arme um ihn. Ich kĂŒsste seine Lippen, wĂ€hrend sich meine Hand sanft auf seinen Mund legte.
„Sch
, nicht reden, mein Geliebter. Es ist nicht so, wie du denkst.“
Ich saß auf seinem Schoss. Er sah mich erschrocken an, wĂ€hrend ich ĂŒber seine Wangen strich. „Du bist nicht pĂ€dophil, mach dir keine Sorgen. Es hat alles seine Richtigkeit.“
Ich holte meine Brieftasche aus dem Rucksack hervor, reichte ihm meinen Ausweis und legte den FĂŒhrerschein dazu. UnglĂ€ubig las er die Eintragung.
„Du bist eine Frau?“ „Nein, mein Schatz, ich bin nur weiblich biologisch geboren und weiblich sozialisiert worden. Ich bin Frau zu Mann transsexuell, Lukas. UngefĂ€hr zwei Monate, bevor wir uns im Krankenhaus kennenlernten, habe ich das von meiner Psychotherapeutin erfahren. Ich musste mich an meinem Arbeitsplatz und im Krankenhaus outen, sowie auch natĂŒrlich allen Freunden reinen Wein einschenken. Als deine Patientin stĂŒrzte, war ich schon mitten im Alltagstest und ich wollte mich vor dir nicht zu erkennen geben, deshalb bat ich Gabi und all die anderen, die Komödie mitzuspielen. Ich war wirklich ein ĂŒberzeugender Jugendlicher, das musst du zugeben. Aber ich wollte dich natĂŒrlich nie krĂ€nken oder Ă€rgern. In Köln war es dann so herrlich schön und so schrecklich zur gleichen Zeit. Ich wurde dermaßen eifersĂŒchtig auf den armen Steven. Na ja, den Rest kennst du ja. Und ich hatte mich in dich verliebt. Lukas, bitte, vergib mir. Ich hĂ€tte es dir in den nĂ€chsten Tagen auch selbst erzĂ€hlt. Frau Doktor Vollmer war sehr böse mit mir gewesen. Ich liebe dich so sehr, ich will dich nicht verlieren.“
Flehend blickte ich ihm in die Augen.
„Weißt du eigentlich, was ich in den letzten Wochen nach der Fahrt nach Köln alles durchgemacht habe? Ich habe in MĂŒnster mit meinem alten Beichtvater ĂŒber mich gesprochen. Christian, ich war der vollsten Überzeugung, pervers geworden zu sein! Kannst du dir vorstellen, was das fĂŒr einen Menschen bedeutet? Ich hatte bisher nur Beziehungen zu erwachsenen MĂ€nnern gehabt, erlaubte Beziehungen. Nichts mit Kindern! Und du bittest um Vergebung! Du bist eine erbĂ€rmliche LĂŒgnerin und BetrĂŒgerin!“
Er war zornig aufgesprungen.
Ich zitterte. „Ich kann deine Reaktion verstehen“, versuchte ich ganz ruhig zu antworten. „Aber findest du sie nicht etwas ĂŒbertrieben? Ich erzĂ€hlte dir gerade, dass ich transsexuell bin. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus und habe mir die Brust entfernen lassen. Siehst du hier.“
Ich schob meinen Pullover hoch. Die frischen Narben waren gut sichtbar. Er schaute darauf und senkte betreten den Kopf.
„Ich bekomme bald ein Gutachten von meiner Psychologin fĂŒr die Krankenversicherung und dann wird mein Anwalt bei den KostentrĂ€gern die große Operation beantragen. Sie wird im nĂ€chsten Sommer in Berlin stattfinden. Ich werde einen Penis besitzen, Lukas und spĂ€ter auch Hoden. Ich bin nie eine Frau gewesen. Als ich die Wahrheit ĂŒber mich erfuhr, gab es kein Halten mehr. Ich habe dreißig Jahre im falschen Geschlecht leben mĂŒssen.“
Ich erzÀhlte ihm von der Schule und den Reaktionen, die ich dort erlebt hatte. Er hörte mir aufmerksam zu. Langsam schien er sich zu beruhigen.
„Zieh mal deine Hose runter“, meinte er plötzlich. „Was?“ Ich verstand nicht.
„Komm her.“ Ich gehorchte. Er zog mir Jeans und Unterhosen runter und betrachtete nachdenklich meine vergrĂ¶ĂŸerte Klitoris.
„Kannst dich wieder anziehen und dann hol deine Jacke. Wir fahren einkaufen. Geld brauchst du nicht mitzunehmen. Ich muss erst einmal einen anstĂ€ndigen Jungen aus dir machen, bevor ich etwas mit dir anfangen kann.“
Er schob mich konsequent zur TĂŒr hinaus. In mir jubilierte und hĂŒpfte alles auf und ab. Lukas hatte mich nicht verlassen! Er hatte nicht auf dem Absatz kehrt gemacht. Spontan schlang ich meine Arme um ihn. „Ich tue alles, was du willst, mein Liebling. Oh, Lukas, ich bin ja so glĂŒcklich“, stammelte ich mit FreudentrĂ€nen in den Augen.
„Ich liebe dich auch und kann mein GlĂŒck noch gar nicht fassen. Aber ich habe da eine Idee, wie du deine Schwindeleien wieder gut machen kannst.“
Schmunzelnd legte er mir wie damals in Köln seine Hand auf meinen Nacken, drĂŒckte etwas fester zu und duldete kein Aufbegehren mehr. Wenn das alles war, dachte ich, will ich den Druck gerne fĂŒr dich aushalten.
Wir fuhren ins Gewerbegebiet im Norden der Stadt. Dort hielten wir vor einem großen ErotikgeschĂ€ft an, das ich immer schon mal aufsuchen wollte. Ich hatte mich bisher nur nicht getraut. Freudig folgte ich ihm deshalb in den Laden, wo uns die VerkĂ€uferin, trotz meines augenscheinlich jugendlichen Alters, gewĂ€hren ließ.
Ich stĂŒrzte mich gleich auf die Gaypornos. Schnell suchte ich gezielt nach SM-Filmen und hoffte, der Inhalt der drei DVDs, welche ich Augenblicke spĂ€ter in der Hand hielt, wĂŒrde halten, was die Cover versprachen.
Das GeschĂ€ft war recht gut ausgestattet. Ich stromerte durch die ErotikwĂ€scheabteilung und musste ĂŒber einige extravagante heiße Höschen herzhaft lachen. Diverse Slips, die hinten alle Freuden offenließen, wanderten in meine EinkaufstĂŒte. Eine Gleitcreme und mehrere PĂ€ckchen Kondome lagen alsbald ebenfalls darin. Ich bemerkte zufrieden, dass meine EC Karte noch im Anorak steckte.
Lukas hatte anscheinend auch gefunden, wonach er suchte. Er hielt einen tÀuschend echt aussehenden Dildo in der Hand. Ich zog ihn zu den Handschellen und Peitschen. Er lÀchelte, kniff mir in den Po, nahm sich einiges an Utensilien zur Erziehung ungezogener Knaben mit und bezahlte alles.
Was das bedeutete, musste mir niemand vorbuchstabieren. Im Auto fiel kein Wort, bis Lukas vor meiner HaustĂŒr anhielt.
„Geh nach oben, dusch dich und zieh dann den Dildo an“, befahl er.
Zitternd gehorchte ich. Mein kleiner Klitorisschwanz war bereits dick angeschwollen und bereitete mir Wonne und Pein zugleich. Ich tat, was Lukas wollte.
Als ich die Hose mit dem neuen kĂŒnstlichen Schwanz aus weichem Latex daran ĂŒberzog und mich vor den Spiegel stellte, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben mein wahres Ich. Es war kein Originalschwanz, aber fĂŒr mich der schönste Körperteil der Welt.
Meine Erregung wuchs ins Uferlose. Ich brauchte dringend Entlastung. Meine Hand fuhr an den Gummipenis, drĂŒckte ihn auf mein Lustzentrum darunter und fummelte darauf herum. Wie ein Mann schob ich die weiche Latexvorhaut zurĂŒck und rieb sie hin und her.
Lukas stand plötzlich hinter mir. Er zog mir einen glĂ€nzenden schwarzen String ĂŒber das Glied, legte seine Hand reibend darauf und kĂŒsste meinen Nacken. Ich bebte und ließ ihn hĂ€rter zupacken.
Leise raunte er mir ins Ohr: „Ich werde dich jetzt zu einem braven Jungen erziehen, mein Sohn. Nimm deine HĂ€nde auf den RĂŒcken.“
Ich tat, was er sagte. Er legte mir Handfesseln an und schubste mich betont derb ins Schlafzimmer aufs Bett. Nachdem er die VorhĂ€nge geschlossen hatte, zog er sich den Pullover und danach die Hosen aus. Nackt und herrlich anzuschauen stand er nun vor mir und schob meinen Kopf zu sich hin. Ich ließ mich willenlos fĂŒhren, nahm seinen Penis in den Mund und schwelgte dabei in GlĂŒckseligkeit.
Lukas begann schwerer zu atmen. Sein Schwanz war so schön anzusehen, dass ich ihn gerne auch in die HĂ€nde genommen und gestreichelt hĂ€tte. Leider ging das mit den Handschellen nicht. Ich fĂŒgte mich klaglos in mein Schicksal und genoss es, mit gefesselten HĂ€nden meinem VerfĂŒhrer ausgeliefert zu sein. Eigentlich trĂ€umte ich mich in die Rolle eines Jungen, der als Stricher seinem Freier zu Willen war, hinein.
„Leg dich auf den Bauch.“ Lukas nahm die Gleitcreme, zog mich etwas hoch und legte mir ein Kissen vor die Hose. Seine HĂ€nde verteilten zĂ€rtlich die Salbe. Ich stöhnte auf, als er sanft zwei Finger dafĂŒr zur Hilfe nahm.
„Komm, mein Kleiner, ich zeige dir jetzt, wie MĂ€nner lieben“, sagte er und drang in mich ein.
„Bitte, bitte, tu mir nichts“, wimmerte ich und wurde eins mit meiner Rolle als Junge. Ich fragte mich wĂ€hrend des gesamten Aktes, ob ich wirklich noch eine Rolle spielte, oder nicht schon lĂ€ngst mit dem kleinen Christian in mir zu einer Person verschmolzen war.
Meine gefĂŒhlte Jugend wĂŒrde nicht lange anhalten. Das wusste ich von Andreas und den anderen MĂ€nnern. Wer GlĂŒck hatte, konnte sich ein bis maximal zwei Jahre daran erfreuen. Danach wurde man unweigerlich Ă€lter. Die transsexuelle PubertĂ€t verlief wesentlich schneller als die reale. Aber man erlebte alle Entwicklungsstufen erneut durch. Diesmal nur im anderen Geschlecht.
Lukas ejakulierte in heftigen StĂ¶ĂŸen. Er hatte mich wĂ€hrend der ganzen Zeit auf das Kissen gedrĂŒckt, so dass ich meine vergrĂ¶ĂŸerte Klitoris, die nach der Operation auch an ihrer Stelle als Lustzentrum bleiben wĂŒrde, selbst ĂŒber den Stoff reiben konnte. Mir hĂ€tte ein Handtuch zusĂ€tzlich gefehlt, doch es reichte auch so zum Orgasmus.
Nass geschwitzt und schwer atmend lagen wir aufeinander. Ich konnte seinen Bart an meinem OhrlĂ€ppchen kratzen spĂŒren. Er zog meinen Kopf herum und steckte seine Zunge in meinem Mund. Ich ließ ihn gewĂ€hren und erwiderte seine WĂŒnsche nach ZĂ€rtlichkeit.
Plötzlich stand er auf. Ich lag glĂŒcklich mit meinen immer noch auf dem RĂŒcken mit Handschellen gefesselten HĂ€nden auf dem Bauch und genoss das Abklingen der Erregung. Es wĂŒrde nicht lang anhalten.
Ich hatte eine ĂŒberaus starke Zunahme meiner sexuellen Empfindlichkeit festgestellt. Doktor Jaruk erklĂ€rte mir, dies kĂ€me vom Testosteron und ich mĂŒsste fortan damit leben. Manchmal bekam ich sogar in der Schule Anwandlungen und wartete ungeduldig darauf, endlich nach Hause fahren zu können. Dort onanierte ich tĂ€glich ein bis dreimal.
„Jetzt kommt die Strafe fĂŒrs LĂŒgen, erschrick nicht. Du weißt, dass es sein muss. Ich kann dir das nicht durchgehen lassen!“ Der Satz drang irgendwie an mein Ohr, aber ich verstand ihn nicht. Noch nicht!
Ein unbekannter, aber ziemlich realer Schmerz holte mich urplötzlich aus meinen Gedanken. Lukas stand hinter mir und schlug mir mit der Peitsche auf den Hintern, sodass ich kurz aufschrie.
„Erste Lektion: Ich bin ab sofort dein Herr und du wirst mir nie wieder ungehorsam sein, hast du das verstanden?“, sagte er barsch. Zur BekrĂ€ftigung sauste die Peitsche noch einmal auf mein nacktes GesĂ€ĂŸ herab. Er machte eine Pause. Ich war sprachlos und frohlockte innerlich nach dem ersten ‚Schock’.
Das konnte doch nicht wahr sein! UnglÀubig genoss ich die Situation. Wie oft hatte ich mir schon vorgestellt, als Junge von einem Mann auf diese Weise erzogen zu werden! Der Gedanke an meine heimlichen Phantasierollenspiele löste wieder spontane Erregung in mir aus. Ich wand mich, wollte mich nach vorne drehen, was Lukas mit eiserner Hand verhinderte. Auch auf die Oberschenkel klatschte das Peitschenleder an der Spitze des schwarzen Stiels, den wir gerade gekauft hatten.
Es tat nicht weh, trotzdem stöhnte ich und rief: „Bitte, ich will auch immer brav sein.“
Auch hier galt, wie in Köln: Ich hatte A gesagt und B folgte nun auf dem Fuß. Allerdings war ich mehr als einverstanden mit meiner Bestrafung. Sicher, die SchlĂ€ge fĂŒhlten sich fĂŒr mich etwas ungewohnt an. Aber ich war ja auch noch ein unausgebildeter Sklavenjunge. Wie sehr gefielen mir meine Rolle und das GefĂŒhl, ihm total ausgeliefert zu sein! Nein, anmerken lassen wollte ich mir nichts.
Lukas drehte meinen Kopf zu sich und schmunzelte. Er konnte in meinen Augen lesen, dass es mir Spaß machte. Kurz dachte ich daran, ihn bereits jetzt an ein Codewort zu erinnern, verwarf die Idee aber gleich wieder. Ich wollte ein Junge sein und die wurden, so kannte ich es von frĂŒher aus den ErzĂ€hlungen meines Vaters, ohne Codeworte von ihren VĂ€tern, Onkeln und Ă€lteren BrĂŒdern erzogen, wenn sie etwas angestellt hatten.
„Wollen wir ein Wort verabreden, falls es dir noch zu viel wird?“, fragte stattdessen mein ‚Peiniger’. Ich schĂŒttelte den Kopf. „Ich vertraue dir und ich muss ja erst einmal Respekt vor meinem Master lernen“, kicherte ich glucksend. „So ist es recht“, erwiderte er streng.
Ich biss die ZĂ€hne zusammen und stöhnte wohlig unter den SchlĂ€gen, die mal etwas hĂ€rter und mal weicher kamen. Nach einer Weile ließ er von mir ab. Nackt ging er geradewegs in mein Wohnzimmer. Ich hörte Geschirr klappern. Mit einer Flasche Wein und zwei GlĂ€sern kehrte er zurĂŒck und schenkte uns ein. Ich wollte ihm meine HĂ€nde geben, damit er die Handschellen löste, aber er wehrte schmunzelnd ab.
„Noch nicht, mein Kleiner. Dein Martyrium fĂ€ngt gerade erst an. Hat dir der Arschvoll gefallen?“
Ich senkte den Kopf. Er hielt mir die Peitsche unters Kinn. „Ich hab dich etwas gefragt, Junge!“
„Ja, es hat Spaß gemacht und ich habe die PrĂŒgel redlich verdient“, sagte ich.
Er ließ mich trinken. „Hier, stĂ€rke dich. Das wird dir gut tun. Hast du schon einmal SM-Sex erlebt?“
Ich schĂŒttelte den Kopf. „Nein, aber es gefĂ€llt mir. Ich bin gerne gefesselt und meinem Freier ausgeliefert“, sagte ich ehrlich und meiner gefĂŒhlten Rolle angepasst.
„Dachte ich mir, du kleines Ferkel. Bist ‘n Stricher. Ich werde dich entlohnen, wie du es verdienst.“
Lukas nahm die SchlĂŒssel fĂŒr die Handfesseln und löste mir die Arme vom RĂŒcken. Lange konnte ich die neue Freiheit nicht genießen. Er verlangte von mir, dass ich ihm die HĂ€nde hinhielt. Schwupps, war ich wieder gefesselt.
Mit dem Arm drĂŒckte er mich auf die Knie vor sich. Ich musste seine MĂ€nnlichkeit liebkosen und mit dem Mund reinigen. Er lĂ€chelte zufrieden.
„Geht doch, Strichjunge!“, sagte er.
Dann musste ich mich wieder auf den Bauch legen und streckte ihm in freudiger Erwartung mein Hinterteil entgegen. Laut schrie ich auf. Er hatte lediglich die Peitsche in der Hand und zog mir den Hosenboden stramm.
Ich keuchte: „Die Nachbarn, Lukas, wir machen zu viel LĂ€rm!“
Er hielt inne. „Du hast Recht. Es gibt in Hamburg RĂ€umlichkeiten, wo man auf die Umgebung keine RĂŒcksicht zu nehmen braucht.“
Ich hörte, wie er im Bad duschte und lag wimmernd auf dem Bett. Mein Po schmerzte tatsĂ€chlich. Ich glaubte rote Striemen zu fĂŒhlen.
GenĂŒsslich trank Lukas den Wein, als er wieder zurĂŒckgekommen war und hielt auch mir das Glas an die Lippen. Ich konnte vor Jucken und Brennen kaum sitzen. Er lachte, als er mein schmerzverzerrtes Gesicht sah.
„Ich bin saturiert, kleiner Stricher. Das Spiel gefĂ€llt mir. Es ist ziemlich real und ich bringe dich nĂ€chstes Wochenende nach Hamburg. Da kannst du dich in einschlĂ€giger AtmosphĂ€re beweisen.“
Ich senkte meinen Kopf, als wenn ich mich schÀmte.
Das war das schönste Spiel meines Lebens gewesen und ich hatte beileibe nichts gegen eine Wiederholung. Er nahm mir die Handschellen ab. Ich schlang meine Arme um ihn und ließ mich von ihm kĂŒssen. Selig schloss ich meine Augen und trank seine ZĂ€rtlichkeit und Liebe in mich hinein.
Die Welt um mich herum existierte plötzlich nicht mehr.
„Ich muss gleich zum Dienst“, erklĂ€rte Lukas schließlich seufzend. Dann schmunzelte er und zog sein Portemonnaie hervor. Er nahm einige hundert Euroscheine heraus und steckte sie mir in den String.
„Das ist fĂŒr deine Dienste. Kauf dir noch ein paar schwarze, offene Chaps, damit ich deinen Arsch immer sehen kann. Knebel und eine schwarze Maske kannst du dir auch besorgen. Lern deine Rolle grĂŒndlich. Du fĂ€hrst mit mir als Stricher nach Hamburg. Dort zeig ich dir die Schwulenclubs und Bars. Wir werden herrlich spielen.“
Er kĂŒsste mich noch einmal und ließ mich dann einfach auf dem Bett liegen. Die TĂŒr fiel ins Schloss.
Er hatte mich benutzt, wie es Freier mit Prostituierten taten. Mein Herz schlug wild.
Das war einfach nur geil gewesen. Ich war froh, dass die Schule erst in drei Tagen wieder anfangen wĂŒrde.
Diese zwei Leben sollte ich zunÀchst einmal unter einen Hut bringen.
Ich nahm mein erstes als Strichjunge verdientes Geld und legte es in die Zuckerdose im KĂŒchenschrank.
Schade und schön zugleich, dachte ich. Ein herrliches Erlebnis und wir waren endlich auch ein Paar. Nur, darĂŒber reden konnten wir mit niemand. Unsere Spiele mussten unser Geheimnis bleiben.

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Zu PEEB, Danke fĂŒr die RĂŒckmeldung



Hallo PEEB, vielen Dank fĂŒr deine RĂŒckmeldung zu meinem Text. Es handelt sich dabei tatsĂ€chlich auch nur um die Lektoratsfassung. Das gesamte Werk mit Korrektorat habe ich noch nicht zurĂŒckbekommen, denn das Buch ist wegen der Buchmesse gleich in Druck gegangen. (NĂ€heres siehe unter Veröffentlichung unserer Autoren mit ISBN, Verlag etc.)Von daher ist deine Anmerkung zu möglichen TextschwĂ€chen völlig richtig. Einen Gesamteindruck zu formulieren ist auch schwierig, denn die Leseprobe umfasst natĂŒrlich nur das erste Kapitel von insgesamt Acht, zusĂ€tzlich zum eigentlich sehr wichtigen Anhang. Die sexuellen ‚Ausschweifungen‘ kommen erst noch und dann wird vieles klarer, oder auch nicht
 Das ist spĂ€ter natĂŒrlich Geschmackssache, da stimme ich dir ebenfalls zu. Einen Denkfehler hinsichtlich der Brustentfernung kann ich nicht nachvollziehen, denn fĂŒr einen Frau zu Mann Transsexuellen ist die Brust ein Unding, das man(n) so schnell wie möglich loswerden will. In Deutschland werden alle Schritte einer Geschlechtsangleichung einzeln operiert. Die Ausnahme bildet ein Schweizer Arzt, der in einer Privatklinik tĂ€tig ist. Dort arbeiten mehrere Ärzteteams am Körper, so dass nur zwei Einzeleingriffe nötig sind. Die Brust wird dann zusammen mit den Eierstöcken und der GebĂ€rmutter entfernt, zusĂ€tzlich in derselben Sitzung ein Penis aus einem Unterarmhautlappen aufgebaut und transplantiert. Dieser Vorgang dauert um die 10 Stunden, aber man ist danach durch. In der letzten Sitzung wird nach einem halben Jahr Erholung eine Erektionshilfe eingesetzt und Hodenersatz geformt. Ich habe die Haupt-OP selbst vor 20 Jahren in der Schweiz vornehmen lassen und weiß, wie es um Betroffene bestellt ist. Die kurze Darstellung der Brustentfernung vor der eigentlichen OP, ist also in diesem Fall tatsĂ€chlich keine ‚Bartrasur‘, sondern ein fĂŒr die psychische StabilitĂ€t lebenswichtiger Eingriff, welcher heute aber standartmĂ€ĂŸig in jeder deutschen Frauenklinik vorgenommen wird. (NatĂŒrlich auch fĂŒr biologische Frauen, bei entsprechender Indikation. In diesem Fall habe ich das die behandelnde Ärztin auch so entscheiden lassen.) Die Diagnose ist klar und die TS Hormonbehandlung hat bei Christian eingesetzt und da ist die Entfernung der Brust ohnehin medizinisch notwendig, um der Tumorgefahr vorzubeugen. Ich hoffe, mit dem neuen Genre Transromantik, das aus persönlicher Lebensgeschichte (auch fiktiv, wie in diesem Fall), zu der natĂŒrlich nicht nur der transsexuelle Behandlungsweg gehört, realem Hintergrund und Informationsgehalt, und einer Liebesgeschichte, eine Mischung zustande zu bringen, wie sie auch das Leben schreibt. Es gibt nicht nur schwarz-weiß, sondern sehr viel mehr an Farben und Facetten. Das Leben ist nun mal bunt und ich möchte möglichst viele Leute ansprechen. Auf jeden Fall freue ich mich auf Leipzig. Nochmals vielen Dank und liebe GrĂŒĂŸe, Manuel

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Schön, dass Du meine Kritik angenommen hast. BezĂŒglich der Brustentfernung hast Du aber leider falsch verstanden. Im Text selbst, wird die Belastung dieser herben Maßnahme ĂŒbergangen und das ehemalige MĂ€del sofort wie ein Sklave genutzt. Das finde ich schade, weil die Story selbst gefĂ€llt mir .
Gruß
PEEB
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Ruedipferd
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'MĂ€del' als Sklave

Hallo PEEB, da ist der Denkfehler. Chris ist kein normales 'MĂ€del'. Die Brustentfernung belastet ihn nicht im Geringsten. Das Gegenteil ist der Fall. FĂŒr ihn bedeutet das einen weiteren Schritt in die lang ersehnte Freiheit. Und Lukas weiß dies als Arzt natĂŒrlich. Er sieht auch keine Frau in Christian. Ich werte dein 'MitgefĂŒhl' so, dass es dir nach der OP, weil die Narben noch sichtbar sind, mit dem Sex der beiden zu schnell geht. Eine körperliche Erholung muss natĂŒrlich sein. In den nĂ€chsten Kapiteln wird Chris auch ĂŒber seine Rekonvaleszens nach der großen OP nachdenken. Er ist nicht dumm und kann gut auf sich aufpassen. Wenn es ihm körperlich wegen der OP zu viel geworden wĂ€re, hĂ€tte er sich gleich entsprechend geĂ€ußert. Dann wĂ€re dieser Teil auch erst ein bis zwei Wochen spĂ€ter passiert. Ich weiß, diese Materie ist fĂŒr 'normale' Menschen schwer zu verstehen. Ein Leben im falschen Geschlecht ist fĂŒr die meisten nicht vorstellbar.
Lieben Gruß, Manuel

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